In zahlreichen Fankurven Deutschlands wird derzeit für 12 Minuten und 12 Sekunden geschwiegen. Damit protestieren die Fans gegen ein Sicherheitspapier, das am 12. Dezember verabschiedet werden soll. Stadionwelt sprach mit einem Vertreter von 12Doppelpunkt12.
"Über 50 Fanszenen haben eine Beteiligung zugesagt"
Foto: Faszination Fankurve
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Stadionwelt: Wer ist auf die Idee der Initiative 12Doppelpunkt12 gekommen, welche Idee verbirgt sich dahinter und wie wird diese nun umgesetzt?
Marvin: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn die Idee „12Doppelpunkt12“ gab es am Anfang gar nicht. Vielen aktiven Fußballfans war bewusst, dass man auf das „Sicherheitspapier“ des Ligaverbandes beziehungsweise der „Kommission Sicherheit“ reagieren muss. Es gab viele unterschiedliche Ansätze, auch von großen Fanbündnissen. Eine Idee entstand in den Reihen der Fanszene vom 1.FC Union Berlin. Aus diesen Reihen wurde dann auch eine Einladung an alle relevanten Fanszenen Deutschlands ausgesprochen, sich am 1. November in Berlin zu treffen. Dabei sollten alle Animositäten außen vor bleiben, was glücklicherweise auch zur vollsten Zufriedenheit klappte. Die Idee ist quasi der Konsens, der am 1. November zwischen einzelnen Fangruppen geschlossen wurde. Dabei steht das gemeinsame Auftreten, der Wiedererkennungswert
für jeden Stadiongänger und die mediale Aufarbeitung im Mittelpunkt der Aktion „12Doppelpunkt12“. Umgesetzt wird das Ganze durch ein gemeinsames Auftreten nach außen, ähnlich aufgebauter Aufklärungsarbeit bei den teilnehmenden Vereinen und optischen und inhaltlichen Aktionen, welche immer wieder Bezug nehmen auf das zentrale Thema: Das inakzeptable „Sicherheitspapier“.
Stadionwelt: Welche Aktionen sind unter dem Namen 12Doppelpunkt12 geplant?
Marvin: Ziel ist es keinesfalls alle Aktionen der nächsten Wochen haargenau zu koordinieren und zu kontrollieren. Die Fanszenen sollen spontan und frei ihren Protest zum Ausdruck bringen. Dabei muss jede Fanszene entscheiden, inwieweit sie aktiv wird und was auch in der eigenen Fanszene tragbar ist. Es wird also vielerlei Aktionen geben, wie zum Beispiel Demonstrationen, Spruchbänder, Choreos, Blocksperren, Flyer und vieles mehr. Ein zentraler Punkt, auf welchen man sich einigen konnte, ist ein zeitweiser Stimmungsboykott der teilnehmenden Fanszenen. Ab dem 27. November werden die ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden der Spiele bestreikt. Damit nehmen wir direkt Bezug auf die Mitgliederversammlung des Ligaverbandes am 12.12., von welcher vieles abhängt.
Stadionwelt: Welche Fanszenen haben bereits zugesagt, sich an dem stillen Protest über 12 Minuten und 12 Sekunden zu beteiligen?
Marvin: Eine Aulistung aller teilnehmenden Vereine wäre sehr mühsam zu lesen, denn es sind glücklicherweise sehr viele. Es werden sich auch nicht nur Fanszenen der oberen beiden Ligen beteiligen. Alle sind direkt oder indirekt betroffen. Die teilweise unfassbaren Ideen des Pamphlets haben zu einer großen Solidarisierung untereinander geführt. Inzwischen haben über fünfzig Fanszenen eine Beteiligung zugesagt, dabei auch die Branchenführer.
Stadionwelt: Welche Punkte des überarbeiteten DFL-Sicherheitspapiers „sicheres Stadionerlebnis“ seht ihr weiterhin kritisch?
Marvin: Kritisch muss man alles sehen und man muss sich auch bei jedem einzelnen Punkt vor Augen führen, was die DFL, als schlussendlicher Initiator, damit bezwecken will. Der generelle Grundton ist falsch und alle Maßnahmen zielen in eine falsche Richtung. Noch weiter an der Repressionsschraube zu drehen, wird die vorhandenen Zustände nicht verbessern. Die Erarbeitung stellt eine Farce dar. Angeblich hat man aus dem deutlichen Widerstand etwas gelernt, was aber aufgrund des Inhalts des neuen Pamphlets aber auch aufgrund der Art und Weise nicht der Fall ist. Generell gibt es im neuen Konzept zwei betroffene Gruppen: die Vereine und die Fans. Die Fans werden sich gegen Zustände wie Ganzkörperkontrollen, Reduzierung der Kartenkontingente oder aufgezwungene Verhaltensvereinbarungen wehren. Gefordert sind aber auch die Vereine, welche durch eine noch unsinnigere Strafenpolitik drangsaliert werden sollen. Die Kompetenzen, welche sich die DFL sichern will – zum Teil auch auf Kosten des DFB – sind äußerst kritisch zu hinterfragen. Die DFL vergisst allmählich ihre Aufgaben und interpretiert die eigene Verantwortung falsch. Sicherheit sollte nicht im Aufgabenbereich der DFL liegen! Um unsere sicheren Stadien noch sicherer zu machen, sollte es ein gemeinsames Vorgehen von Fans, Vereinen und dem DFB geben.
Stadionwelt: Welche Entscheidung wünscht ihr euch für den 12. Dezember 2012 von den DFL-Mitgliedern und welche haltet ihr für realistisch?
Marvin: Die DFL-Mitglieder sollen das Meinungsbild ihrer Vereine adäquat wiedergeben. Vereinsverantwortliche sind in der Pflicht, alle Mitglieder des Vereins nach bestem Wissen und Gewissen zu vertreten. Der DFL steht es nicht zu, die Entscheidungsfindung ihrer Mitglieder zu kommentieren beziehungsweise auf diese direkten Einfluss zu nehmen. Die DFL scheint auch hier ihre eigene Kompetenz als Interessenvertreter der Profivereine gegenüber dem DFB falsch zu interpretieren und behandelt nicht nur die Fans, sondern inzwischen auch die Vereine von oben herab. Wir wünschen uns eine Ablehnung des Pamphlets und nachfolgend eine ruhige, sachliche und zielführende Diskussion über einzelne Punkte. In diese Diskussion müssen alle Parteien mit einbezogen werden. Oberstes Ziel einiger Funktionäre scheint es zu sein, wenigstens ein paar Punkte durchzudrücken. Ob es dabei aber wirklich um Sicherheit geht oder nur um machtpolitische Spiele gegenüber der Politik, mag doch stark bezweifelt werden. Die Gefahr ist also groß, dass einzelne Punkte verabschiedet werden. Die Logik, nach welcher irgendeine vermeintliche Lösung besser ist als eine gute Lösung, gilt es in den nächsten Wochen zu bekämpfen.
Stadionwelt: Wie geht es nach dem 12. Dezember weiter?
Marvin: Hoffentlich mit einem offenen Dialog. Ein vollkommen leeres Blatt Papier wäre ein guter Anfang. Frühere Ideen sollten retrospektiv betrachtet werden, Probleme nicht verallgemeinert werden und vor allem sollte man die Leute an den Tisch holen, über welche man redet. Unter Umständen ist es auch dann wieder möglich, gemeinsam als Verbund aus Verband, Vereinen und Fans aufzutreten und sich gegen offensichtliche Unwahrheiten von Seiten der Medien, der Politik und der Polizei zur Wehr zu setzen. Inwiefern die Aktion „12Doppelpunkt12“ nach dem 12. Dezember noch gebraucht wird, liegt an der Mitgliederversammlung des Ligaverbandes. (Stadionwelt, 26.11.2012)




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