Erstmals seit der Saison 1992/93 durften die Fans des Hannoverschen Sportvereins wieder Europapokal-Atmosphäre genießen. Stadionwelt sprach mit den Ultras Hannover über die erfolgreiche Saison, die Erfahrungen in der Europa League und über den Einsatz von Pyrotechnik.
„Jede Tour hatte etwas Besonderes…“
Foto: Faszination Fankurve
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Stadionwelt: In der abgelaufenen Saison durftet ihr erstmals seit der Spielzeit 1992/93 wieder Luft im Europapokal schnuppern und konntet dabei sogar in das Viertelfinale der Europa League einziehen. Die Reiseziele hießen Belgien, Dänemark, Spanien und Ukraine. Welche Touren hinterließen Eindruck und was war euer persönliches Highlight der Europapokalsaison?
Ultras Hannover: Jede Tour hatte etwas Besonderes, ihren eigenen Charme, ihre Erlebnisse und Anekdoten, die viele Jahre in unseren Köpfen überdauern werden. Poltawa war speziell, in Kopenhagen waren Zehntausende und mit Lüttich verbindet kaum einer Gutes. Herausheben kann man hier mit Sicherheit die Spiele gegen Sevilla. Für fast alle war es das erste internationale Spiel überhaupt. An ein Überstehen der ersten Runde angesichts des schier übermächtigen Gegners glaubte auch kaum einer. Somit waren alle bereit, jede Sekunde dieses Wettbewerbs, dieser Reise, der 2 x 90 Minuten so gut und so intensiv es ging, auszukosten, zu genießen, als seien es die einzigen Europapokalspiele unseres Lebens. Die Vorfreude, verbunden mit der greifbaren Stimmung in Hannover und Sevilla, der Atmosphäre im Stadion, der Choreographie und nicht zuletzt dem für schwer möglich gehaltenen Einzug in die Gruppenphase wird wohl niemand vergessen.
Stadionwelt: Was könnt ihr im Hinblick auf die Fanszenen eurer Europapokalgegner berichten. Gab es Überraschungen und wie wart ihr in den jeweiligen Städten vertreten?
Ultras Hannover: Eine Begegnung mit einer der großen europäischen Szenen bleib uns leider bei unserer ersten Rundreise durch Europa verwehrt. Positive Eindrücke von heimischen Szenen gewann man jedoch in Spanien, wo sowohl in Sevilla als auch in Madrid ein lautstarker und farbenfroher Heimpöbel zu sehen war. In Hannover hinterließ kein Gegner bei uns bleibenden Eindruck, da entweder fast niemand kam (Poltawa, Sevilla, Madrid) oder nur bedingt das für möglich gehaltene Potential ausschöpfte (Lüttich, Kopenhagen). Das komplette Potential abgerufen hingegen hatte die Polizei bei den Heimspielen gegen Lüttich, Kopenhagen und Brügge, was zur Folge hatte, das man vor und nach dem Spiel keine Gelegenheit bekam, den gewonnenen Eindruck der jeweiligen Szenen aus dem Stadion zu überprüfen. Dass gegen Brügge dennoch nicht alles nach Plan der Polizei verlief, war sicherlich von den Behörden nicht vorgesehen und wurde daher im Nachhinein auch gekonnt verschwiegen.
Stadionwelt: Zur neuen Saison sind bereits über 20.000 Dauerkarten verkauft worden. Wie hat sich der Erfolg auf die Stimmung bei Heim- und Auswärtsspielen ausgewirkt und sind die Erwartungen gestiegen?
Ultras Hannover: Zunächst einmal ist die steigende Zahl der verkauften Dauerkarten sicher mit dem damit erworbenen Vorverkaufsrecht auf Tickets der Spiele in der Euro-League verbunden. Dies zieht in erster Linie natürlich keine Leute an, die sich Sonntagnachmittag bei einem Heimspiel gegen Hoffenheim die Kehle aus dem Leib schreien. Was stimmungstechnisch im Niedersachsenstadion möglich ist, zeigte sich bei den Europapokal-Heimspielen gegen Sevilla und Madrid. Da hier der Maßstab neu gesetzt wurde, stiegen natürlich auch die Erwartungen an ein „normales“ Bundesligaheimspiel und so konnten wir unseren eigenen Ansprüchen fortan nicht immer gerecht werden. Die Heimstimmung war nicht immer europapokaltauglich und auch wir mussten feststellen, dass die Doppelbelastung an der Kurve nicht spurlos vorüber ging. Zum Glück bekommen wir nächste Saison nochmal die Gelegenheit, es besser zu machen. Die Zahl der Auswärtsfahrer hat sich in der Bundesliga eigentlich nicht groß verändert, ebenso wenig die Stimmung auswärts.
Stadionwelt: Altin Lala spielte von 1998 bis 2012 in Hannover und wurde im letzten Spiel mit einer großen Choreographie verabschiedet. War euer Verhältnis zu Altin etwas Besonderes und wie ist das Verhältnis zur Mannschaft generell?
Ultras Hannover: Im Allgemeinen pflegen wir ein neutrales Verhältnis zur Mannschaft, ein Austausch findet hier eigentlich nicht statt und ist auch von unserer Seite nicht dringend gewollt. Ebenfalls unnötig und daher nicht existent sind bei uns nach dem Schlusspfiff mit Megafon auf dem Zaun rumhampelnde Spieler, die sich eine Humba ins Ohr flüstern lassen. Sicher gibt es an der sportlichen Leistung der letzten 2 Jahre nichts auszusetzen, aber das es sich nicht lohnt, Treuebekenntnisse von Spielern zum Verein mit Personenkult zu belohnen, sieht man spätestens am Beispiel Manuel Neuer. Wir sind nicht so blauäugig um nicht zu wissen, dass 96% der Profis für das doppelte Geld auch ein anderes Vereinslogo küssen würden. Altin Lalas Rolle ist dennoch ein Ausnahmefall. Wer so lange Zeit für unseren Verein wortwörtlich die Knochen hinhält und mit seiner unkonventionellen Art, Fussball zu spielen, besser gesagt zu kämpfen, vieles verkörperte, was man von einem Profi erwartet, hat unsere Anerkennung und daher auch einen gebührenden Abschied verdient. Eine Choreographie der Größe war demnach sicher angemessen, auch wenn sie nicht aus unseren Federn stammte.
Stadionwelt: Beim letzten Saisonspiel gegen Kaiserslautern wurden in eurer Kurve zahlreiche Fackeln in den Händen abgebrannt, doch das ist nicht überall so. Wie beurteilt ihr den aktuellen Gebrauch von Pyrotechnik als einer der Initiatoren der Pyrotechnik-Kampagne und sind euch Aktionen wie der Hertha-Fans in Düsseldorf nicht ein Dorn im Auge?
Ultras Hannover: Eines unserer Ziele war und ist es, durch regelmäßiges kontrolliertes Abbrennen, Pyrotechnik für den gemeinen Stadionbesucher als normales, stimmungsbelebendes Beiwerk in den Köpfen zu etablieren. Hiermit waren wir in der vergangenen Saison vor allem in Hannover, aber auch bundesweit auf einem guten Weg. Pyrotechnik, ob in der Heim- oder Gästekurve, wurde vom weiten Rund im Niedersachsenstadion nicht mehr mit Pfiffen unterlegt, sondern im Gästeblock zur Kenntnis genommen und im Heimbereich sogar mit Applaus gewürdigt. Um diese Wahrnehmung zu verstärken, wäre es natürlich ideal, an 34 Spieltagen zu zünden. Dies ist momentan natürlich völlig unrealistisch, aber die Anzahl der Spieltage, an denen wir Pyrotechnik einsetzten, war diese Saison beachtlich hoch. Und dennoch ist es uns gelungen, ein gesundes Mittelmaß zwischen Übertreibung und Schwanz einziehen zu finden.
Ebenso waren die Gespräche zwischen der Pyrotechnik-Kampagne und dem DFB vielversprechend. Der Ausgang ist hinlänglich bekannt. Was bleibt ist Pyrotechnik als Stimmungselement. Um positive Emotionen hervorzuheben, aber auch um negative zu untermalen, wie sich in Köln und Düsseldorf gezeigt hat. Die Vorfälle beim Spiel Düsseldorf-Hertha sind sicher kein Paradebeispiel im Sinne der Kampagne, jedoch brannte hier mit Sicherheit auch eine Menge Frust mit. Frust gegenüber der eigenen Mannschaft, aber auch dem DFB. Müßig zu spekulieren, ob es im Falle anderer Signale der Verantwortlichen zu ähnlichen Vorkommnissen gekommen wäre.
Stadionwelt: Der Hannoversche SV hat bereits mehrere Geldstrafen des DFB-Sportgerichts auf Fans übertragen. Nun soll eine zusätzliche Kameraüberwachung installiert werden. Wie steht ihr dazu und was sagt ihr zu der Idee einen möglichen „Pyrozuschlag“ auf Eintrittskarten in bestimmten Bereichen zu erheben?
Ultras Hannover: Ein Mitglied einer anderen Gruppe hat ohne Rechtsberatung dem Angebot mit der Kostenumlage zugestimmt, was leider gar nicht zielführend war. In zahlreichen anderen Szenen konnten derartige Versuche durch Ablehnung der Betroffenen bereits im Keim erstickt werden, da diese Praxis wohl selbst aus Sicht der Vereine nur bedingt haltbar ist. Allerdings sind wir auch nicht unbedingt heiß darauf gewesen, den Beweis in der vergangenen Saison noch zwischen den 50 Pflichtspielen mit jemandem aus unseren Reihen antreten zu müssen.
Der Kameraüberwachung sehen wir eher gelassen entgegen, ob es der technische Fortschritt schon zulässt, durch Stoff hindurch zu filmen, wagen wir zu bezweifeln, Kameras gibt es zudem jetzt auch schon in jedem Stadion, das Risiko vergrößert sich also nicht. Es gilt also weiterhin: Wer sich nicht zu erkennen gibt, wird auch nicht erkannt.
Auch das medial ausgeübte Druckmittel des Vereins, Strafen auf Ticketpreise in der Nordkurve umzulegen, nehmen wir aktuell gelassen zur Kenntnis, da wir im Matheunterricht alle gut aufgepasst haben. Die Gesamtstrafe der vorvergangenen Saison lag in etwa bei 60.000€. Verteilt man diesen Betrag gleichmäßig auf die 10.000 Plätze in der Nordkurve, erhöhen sich die Dauerkartenpreise fiktiv um 6€. Und somit kein Betrag, der uns schlaflose Nächte bereitet. Eher amüsiert uns die Hilflosigkeit und der blinde Aktionismus von Vereins-, Verbands- und sogar mittlerweile Landespolitikverantwortlichen. Wenn es in Deutschland Ultras mehrfach auf Seite 1 der Printmedien schaffen, kann es um das Land nicht so schlecht bestellt sein. (Stadionwelt, 22.06.2012)




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