Am polnischen Nationalfeiertag fand das sehr ereignisreiche Pokalfinale zwischen den Erzrivalen Lech Poznan und Legia Warszawa statt. Stadionwelt dokumentiert die Hintergründe und die zahlreichen Ereignisse am Spieltag. Ein Bericht von Tobias Plieninger.
KKS Lech Poznan – CWKS Legia Warszawa 1-1 n.V n.E 4-5
Di 3.5.2011, 18:30 Uhr, Polnischer Pokal Finale,
Kompleks Sportowy Zawisza im. Zdzis?awa Krzyszkowiaka 16500 Zuschauer
Am 3. Mai 1791 wurde im Warschauer Königsschloss die erste Verfassung Europas verabschiedet. Dies feiern die Polen alljährlich an diesem Tag.
Ein weiteren Anlass zum Feiern wünschten sich die 6131 Lech Posen Fans und 6550 Legia Fans. Mehr durften nicht anreisen zum Finale nach Bydgoszcz. Die genannten Zahlen sind die offiziell über die Vereine verkaufte Karten. Der Verband und der gastgebende Verein Zawisa sowie ein Internetportal verkauften Karten für den neutralen Bereich auf der Gegentribüne. Zwei Pufferblöcken mussten leer bleiben. So konnten insgesamt 16500 Leute dieses Spiel anschauen.
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Viele Legia-Anhänger reisten mit den Zug an
Bild: www.legialive.pl
Zum ersten Mal nach dem Mai 2004 gab es zum Pokalfinale das Aufeinandertreffen der Erzrivalen. Die beiden Traditionsvereine haben mit die besten Fanszenen in ganz Polen, manche zählen sich auch zu den Top Ten in ganz Europa. Die Duelle sind nicht nur auf dem Rasen, sondern auch auf den Rängen sehr spannungsgeladen. Oftmals entlud sich in der Vergangenheit die Spannung der Fans in handfesten Auseinandersetzungen. Als Beispiel sei z.B. das Pokalfinale 1980 in Czestochowa genannt, als bei schweren Ausschreitungen ein Fan und ein Polizist starben. Legia gewann damals übrigens 5-0.
Auf die Frage warum die Rivalität trotz der örtlichen Entfernung von 300 km so groß ist antwortete ein Lech Fan folgend: Dies sei begründet durch die historischen Zusammenhänge: Zu Zeiten des Kommunismus holte der von der Regierung gestützte Armeeklub Legia die besten Spieler des Eisenbahner Klubs. Außer der sportlichen Perspektive dürfte für die abgewanderten Spieler sicherlich auch eine Rolle gespielt haben, dass sie als Legia-Spieler vom Wehrdienst befreit waren. Aufgrund des Aufschwungs bei Lech gewann das Duell in den letzten Jahren auch an sportlicher Brisanz.
Das letzte Aufeinandertreffen zwischen Lech und Legia am 16.4.2011 hatte die Heimmannschaft im fertiggestellten EM-Stadion in Poznan mit 1-0 für sich entscheiden können. Aufgrund einiger Vorkommnisse im "sector goscie" wurden die Legia Fans für den Rest der Saison mit einem Auswärtsverbot belegt. Als Begründung für diese harte Strafe gab der polnische Verband untere Anderem an, dass eine Lech-Fahne verbrannt wurde und weil Rauchbomben und Böller gezündet wurden. Somit war die Fahrt ins 300 km entfernte Bydgoszcz die letzte offiziell erlaubte Reise der Legionisci in dieser Saison.
Mit vier Sonderzügen sind sie aus der Hauptstadt angereist, Die Freunde von Zaglebie Sosnowiec, Pogon Szczecin und Olimpia Elblag durften mit Bussen anreisen. Ein paar wenige Legia Fans reisten individuell an. Aufgrund der Rivalität untereinander standen Zaglebie und Pogon jeweils am Ende des Legia Bereichs. Die Lech Fans hatten nur 150 km Entfernung zu bewältigen, was fast ausschließlich mit Bussen und Autos geschah. An beinahe jeder Tankstelle und in allen Dörfern und Kleinstädten zwischen Poznan und Bydgoszcz stand ein blauer Wagen, an dem die mit P beginnenden Aufschrift stand.
In der beschaulichen 350.000 Einwohnerstadt selbst herrschte in der Nähe des Stadions eine Art Ausnahmezustand. Der nördliche Sektor und die Haupttribüne an der Seite des Bahnhofs war der Legia-Bereich Die südliche Tribüne und ein Teil der Gegentribüne stand den Lech-Fans zur Verfügung. Es waren vier Pferde, ca. fünfzig Hunde, drei Wasserwerfer und verhältnismäßig wenige „Jedi-RitterInnen“ im Einsatz. Davon waren ca. fünfzig mit Gewehren bewaffnet. Für was man allerdings einen mit von Soldaten besetzten Militärjeep mit Sturmgewehr vor den Gästeparkplatz gestellt hat wird für immer ein Rätsel bleiben. Nach einer halben Stunde war er dann auch wieder weg.
Proteste gab es in beiden Fanblöcken…
Bild: www.legialive.pl
Einen Tag nach Bekanntgabe der Ansetzung des Spiels ist die sogenannte Policija auf den Bürgermeister der Stadt Bydgoszcz zugegangen und hat ihm geraten, dass das Spiel aus Sicherheitsgründen abgesagt werden soll. Beim Pokalspiel zwischen Zawisa und Widzew war es im Oktober bereits zu heftigen Ausschreitungen mit mehreren verletzten Staatsdienern gekommen. Die sogenannte Policija meinte, dass die Sicherheit nicht gewährleistet werden könnte. Dieser Empfehlung ist er aber nicht nachgekommen. Der polnische Verband machte Druck, denn man wollte zeigen, dass alles im Griff ist. Ein Delegierter der Uefa wollte sich ein Bild machen über die Lage im Gastgeberland der kommenden EM. Nach den Ausschreitungen beim Länderspiel in Kaunas gegen die Heimmannschaft Litauen war die Sorge um die Sicherheit der EM 2012 gewachsen. Das Finale im Vorjahr zwischen Jagiellonia Bialystok und Pogon Szczecin ging problemlos über die Bühne. Warum sollte das diesmal nicht wieder klappen?
Vor dem Spiel wirkte alles sehr entspannt. Die Legia Fans waren teilweise schon vier Stunden vor Anpfiff im Stadion drin. Neben dem Stadion fand auf einem Nebenplatz ein Hundefest statt. Die dortigen Verpflegungsstände und Sitzbänke wurde genutzt von den Legia Fans. Weshalb der Lech-Bus direkt an dem Gästemob vorbei ins Stadion gefahren ist wird ein weiteres offenes Rätsel bleiben. Einige Medien berichten, dass der Mannschaftsbus beworfen wurde. Man kann aus einer Maus auch einen Elefant machen! Das einzige was geflogen ist, waren ein paar ranzige Würste und Pappdeckel. Super Orga? Das hätte auch schlimmer ausgehen können. Denn kurz darauf kamen direkt nacheinander die vier vollbesetzten Sonderzüge aus der Hauptstadt an. Immer wieder knallten sehr laute "La Bomba" Böller.
Etwa eine Stunde vor Spielbeginn waren beide Kurven bereits voll besetzt. Zaunfahnen wurden dennoch keine angebracht. Beide Seiten ließen bereits erahnen welche Stimmkraft sie heute zeigen wollten. Auffällig war die farbliche Disziplin. Fast Jede(r) trug ein weißes T-Shirt im Legia-Sektor oder ein blaues Trikot im Lech-Sektor. Als weiteres einheitliches optisches Material hatten die Legia Fans einen Balkenschal mit Spieldatum an alle Auswärtsfahrer bereits in den Zügen verkauft. Vor, während und nach dem Spiel konnte man zahlreiche wunderbar geschlossene Schalparaden im Legia-Sektor bestaunen.
Zum Einlaufen der Mannschaften zeigte Legia eine schöne Zettelchoreo mit den Buchstaben ULTRAS. Da Blockfahnen verboten wurden hat man sich zu helfen gewusst und eine Fahne in Bahnen geschnitten. Der optische Aspekt blieb gleich gut. Lech zeigte leider keine Choreo. Aber die sehr dichten Schalparaden waren ebenso sehenswert.
…zu betrachten. Für Außenstehende eine ungewohnte Kulisse
Bild: www.legialive.pl
Nachdem die Nationalhymne gespielt war gab es ein beeindruckendes Geschehen in den Kurven: Plötzlich strömten auf beiden Seite alle Fans aus den Blöcken. Als die gesamte Kurven leer waren demonstrierten die Fans was Grund für diese Aktion war. Sie zeigten Transparente und sangen zusammen Lieder gegen die sogenannte Polizei, Regierung und den allseits gehassten polnischen Fußballverband. Dass viele Fans von den Staatsdienern wie Verbrecher behandelt werden und die sinnlosen Verbote des Verbandes stört alle. Dies zeigten sie sehr eindrucksvoll indem alle für 15 Minuten boykottierten. Danach strömten alle zurück auf die Ränge. Die Zaunfahnen wurden angebracht und das Spektakel auf den Rängen konnte auch akustisch voll losgehen. Wäre dies möglich beim DFB-Pokalfinale?
Beide Seiten machten eine einzigartig gute Stimmung. Legia hatte natürlich den Vorteil, dass sie Teile der Tribüne in ihrem Bereich hatten. Legia eher Oldschool mit den bekannten Melodien und einfach Texten. Lech dagegen weitaus moderner mit melodischen Liedern und vielen neueren Texten und Melodien. Der Spielverlauf spielte dafür kaum eine Rolle. Nach dem 1-0 für Lech in der 32. und dem 1-1 für Legia in der 66. Minute gab es nicht mal eine kurze Pause! In der Verlängerung wurde die Stimmung auf beiden Seiten noch besser. Beeindruckend war, dass sich wirklich alle Fans beteiligten. Werden die 76000 Zuschauer beim Finale in Berlin so laut und ausdauernd singen wie 16500 in Bydgoszcz?
Undenkbar wäre auf jeden Fall die von Legia gezeigte Aktion. Ab der 70. Minute wurde die Blockfahne nochmal hochgezogen. Obwohl das Spiel in die entscheidende Phase ging wurden die Stoffbahnen zehn Minuten lang über den Block gespannt. Unten am Zaun zündeten sie schwarzen Rauch, Breslauer Feuer und Bengalen, die in der Hand gehalten wurden.
Noch undenkbarer wäre, was sich gegen Ende des Elferschießens ereignete. Als der letzte Schütze von Legia zum entscheidenden Elfmeter antrat war die Tartanbahn bereits besetzt von den Legia Fans. Drei ganz ungeduldige waren bereits über die Bande gesprungen und standen 2m rechts vom Tor direkt auf der Linie. Da wurden die Fans aus Warszawa wohl vom letzten Pokalfinale in Griechenland inspiriert worden? Sofort nachdem der Elfer versenkt war stürmten von alle Seiten jubelnde Legia „Kibice“ aufs Spielfeld. Die Spieler kamen direkt ins Getümmel und feierten mit den Fans. Dem Bürgermeister dürfte das Herz in die Hose gerutscht sein. Als die Ordner kamen gab es ein paar wenige Scharmützel mit denen, doch die Legia Fans gingen alle wieder hinter den Zaun zurück.
Auch Pyro fand den Weg auf die Ränge
Bild: www.FotoFanatics.eu
Der Uefa Delegierte hatte bereits einen vollen Schreibblock: Die Strichliste bei Böllern aus dem Legia-Sektor dürfte so bei fünfzig angelangt sein, dann die Pyroshow und der Platzsturm. Lech war bis dahin ein unbescholtenes Blatt. Doch vor Beginn der Siegerehrung konnte er noch einige Minuspunkte vermerken. Zahlreiche Lech Fans überwanden die niedrigen Zäune. Die Ordner konnten eine direkte Konfrontation vermeiden. Vor allem auf Seiten der Haupttribüne wurde es brenzlig, weil hier einige Legia Fans versuchten eine Ordnerkette zu durchbrechen. Erst dann marschierte die Staatsmacht auf. Mit ihren Flinten gaben sie Warnschüsse in die Luft ab. Der Wasserwerfer wurde in Position gebracht. Allerdings hat die Staatsmacht ihn nicht eingesetzt wie fälschlicherweise in allen deutschen Zeitungen stand. Einen dicken Minuspunkt dürfte es dafür gegeben haben, dass der Zaun zerlegt und auf Ordner geworfen wurde. Ein dick unterstrichenes Minus gab es wahrscheinlich dafür, dass ein Kameramann voll um geboxt wurde. Ebenso wurde negativ vermerkt, dass zwei Bengalos geworfen wurden. Weiter gingen die Notizen damit, dass die Ordner nun mit Sitzschalen beworfen wurden. Danach fuhren die Lech Fans enttäuscht nach Hause.
Der Bürgermeister konnte also aufatmen, denn mit 30 minütiger Verzögerung konnte nun endlich die Siegerehrung beginnen. Auf das übliche nervige Prozedere mit dem sonst überall eingespielten "we are the champions" wurde verzichtet. Stattdessen zeigten die Legia-Fans noch ein mal eine geniale Schalparade und die Spieler und die Fans sangen gemeinsam. Danach kamen die Spieler mit dem Pokal in die Kurve. Höhepunkt war als der Capo Staruch auf dem Zaun stand und den Pokal hochhob. Das war die gelungene Versöhnung, denn nach der Niederlage am 2.4.2011 gegen Ruch hatte Staruch aufgrund des miserablen Spiels einen Legia-Spieler attackiert und dafür Stadionverbot bekommen. Dies wurde übrigens auf Initiative der sogenannten Polizei für das Finale ausgesetzt! Ob man in Berlin eine ähnlich geniale Zeremonie sehen wird?
Aufgrund der Ereignisse vor der Siegerehrung wurde eine riesige Medienlawine losgelöst. Der polnische Verband steht nun am Pranger. Die Herren aus Nyon werden sicherlich nachfragen ob das EM-Finale ähnlich ereignisreich verlaufen wird. Die Sicherheitskommission "Think Tank" der EU, in der auch die bei Fans unbeliebte österreichische Innenministerin "Mimi" Maria Fekter vertreten ist, wird die selbe Frage stellen. Als erste Reaktion gab es blinden Aktionismus. PZPN-Präsident Grzegorz Lato kam auf die Idee, dass die Tickets alle personalisiert waren und jeder Fan einem kaputten Sitz zugeordnet werden könnte, wofür er dann Stadionverbot bekommen soll! In einer weiteren Stellungnahme stand, dass alle die am Dienstagabend im Stadion waren ihr Leben lang kein solches mehr betreten dürften.
Schon beim Elfmeterschießen brachen hielten die Zäune nicht mehr stand
Bild: www.FotoFanatics.eu
Was wird der polnische Verband an Maßnahmen verhängen? Wird es ein Gästeverbot in allen polnischen Stadien geben? Wird es in Polen genau so weitgreifende Maßnahmen geben wie in Italien oder Frankreich? Welchen Einfluss werden Politik und Medien ausüben? Was werden die Veranstalter zu den Vorwürfen sagen, dass im Innenraum viel zu wenig Ordner waren und die Zäune kaum gesichert wurden? Sind die Fans mit mit den Randalen in eine Falle getappt, die gelegt wurde, um weitere Repressionen einleiten zu können? Werden der PZPN und die Uefa nach Italien und Frankreich auch in Polen eine geniale Fankultur zerstören? Wird es einen Machtkampf geben zwischen Verband und Fans? Auf einem Transparent stand: "Wollt ihr ein Stadion ohne uns"?
Nach dem aufregenden Abend bleiben viele Fragen offen. Eines ist aber sicher: Die Fans haben jedenfalls eindrucksvoll gezeigt, dass Ihre Solidarität durch die strenge Repressionen noch stärker wird und wie lebendig, einfallsreich und stimmgewaltig sie sind. (Stadionwelt, 05.05.2011)
Bild: www.legialive.pl
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Bild: www.FotoFanatics.eu
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