In welchen Zeitraum unser Urlaub fallen sollte legten in diesem Jahr mehr oder weniger andere Leute für uns fest, nämlich die Kolleginnen meiner Frau Jenny: Schulferien und Krankheit schoben unsere freien Tage in den Herbst. In der letzten Septemberwoche sollte es dann endlich für 3 Wochen heißen: Arbeit ade, es lebe der Fußball! Nur das Reiseziel musste nun noch selbstständig gewählt werden. Wäre ja auch noch schöner, wenn dies auch noch die netten Damen aus der Apotheke für uns übernehmen würden. Und da wir per Auto bereits in den äußersten Westen, den Norden und den Süden Europas gebraust waren und die eigentlich traurige Zersplitterung Jugoslawiens einige weitere Länderpunkte für uns bereit hielt entschieden wir uns für eine Erkundung des Balkans und Umgebung, grob gesagt Mittel- und Südosteuropas. Außerdem musste auch endlich mal der Länderpunkt Griechenland gemacht werden, dessen bisheriges Fehlen einem schon fast ein bisschen die Schamesröte ins Gesicht treiben könnte.
Unterwegs auf Balkantour mit Fabian Schlomm (Teil 1/10)
Foto: Faszination Fankurve
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So startete am 25. September 2009 eine 23tägige Fahrt, die mit einigen Abenteuern, traumhaften Landschaften und reichlich Fußball aufwarten sollte und die Jenny, unser treuer Golfi und ich noch lange und gerne in Erinnerung behalten werden.
Vor Abfahrt mussten wir aber noch einige Dokumente für unser Automobil beschaffen und aktualisieren. Die Grüne Versicherungskarte verlangte nach einer Verlängerung der Gültigkeitsfrist. Hier ist übrigens zu beachten, dass seit der Trennung Montenegros von Serbien als Länderkürzel nicht mehr „SCG“ auf der Karte stehen darf, sondern „SRB“. Ansonsten wird einem sehr wahrscheinlich bei der Einreise eine 50er-Banknote harter Euro-Währung für eine in Serbien gültige Autoversicherung abgeknöpft.
Aufgepasst heißt es auch, wenn man selbst zwar Eigentümer des Fahrzeugs ist, aber selbiges auf jemand anders zugelassen ist: sicherheitshalber sollte man eine beglaubigte Bescheinigung dabei haben, die belegt, dass der Fahrzeughalter Reisen in verschiedene Länder gestattet. Das Auswärtige Amt bemerkt gar, dass diese Bescheinigung in Ungarn und Serbien gefordert wird. Sehen wollte den Wisch letztendlich niemand, aber es kann nicht schaden sie trotzdem mitzuführen, da dies sicherlich auch von der Tagesform des Grenzers abhängt. Ich selbst durfte diese leidige Erfahrung schon vor ein paar Jahren beim Versuch machen, in die Republik Moldau einzureisen.
Als ADAC-Mitglied bekommt man die Bescheinigung gratis, ein Besuch des Fahrzeughalters mit Personalausweis, ADAC-Mitgliedskarte und Fahrzeugschein in der örtlichen Vertretung des Automobilklubs vorausgesetzt.
25.09.2009 19:00 Uhr
Ferencvaros Budapest – FC Fehérvár 2:2
Albert-Florian-Stadion
Zuschauer: 6.000
Ca. 400 Gäste
Letztendlich waren aber alle Dokumente beisammen, die Koffer waren gepackt und verstaut und die Motivation war groß.
Das erste Wochenende sollte uns dann auch schon mal etwas Richtung Südosten treiben, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit bieten, unter der darauf folgenden Woche Europapokal sehen zu können. Radebrechen musste aufgrund mangelnder Kapazität des eigenen Grounds seine Heimspiele in der Champions League im Nepstadion zu Budapest austragen und Levski Sofia sollte daheim im Stadion Georgi Asparoukhov gegen Lazio Rom um den Einzug in die nächste Phase der Europa League kämpfen. Zu guter Letzt entschieden wir uns, einigen Erstligisten in Budapest einen Besuch abzustatten und Sonntags den Auftritt von Ujpest in Pacs zu erleben.
So musste der Start der Reise am Freitag schon recht früh beginnen, um die 1.200 Kilometer in die ungarische Hauptstadt zu absolvieren und Abends pünktlich zum Heimspiel von Fradi, so der Spitzname des grün-weißen Klubs aus Budapest, am Start zu sein.
Die Autobahnen von Ostwestfalen in die Metropole der Magyaren sind nahezu durchgängig zügig und gut zu befahren. Einzig zwischen Dresden und Prag müssen noch ein paar Kilometer über tschechische Landstraßen ab gespult werden, allerdings verläuft der Grenzübergang hier auch schon auf dem Highway und nicht wie in der Vergangenheit komplett über Landstraßen. Früher oder später wird sicherlich auch diese Autobahnlücke geschlossen sein. In Ungarn gibt es übrigens keine Mautplakette mehr. Doch nicht zu früh gefreut, Autobahngebühren müssen selbstverständlich weiterhin entrichtet werden. Allerdings bekommt man keinen Aufkleber für die Windschutzscheibe mehr, sondern einen Kassenbon, auf dem das Kennzeichen und das Kaufdatum vermerkt sind. Bis zu 1 Jahr soll man diesen Fetzen Papier aufheben, theoretisch kann man bis zu 365 Tage nach Kauf aufgefordert werden, nachzuweisen, ob man auch wirklich reichlich Forint für die Nutzung der Autobahnen abgedrückt hat. Passt irgendwie gut zu der sowieso schon zur Korruption neigenden Polizei in diesem Land.
Google.maps hatte uns schon vorher verraten, dass unsere Unterkunft zufälligerweise nur 10 Gehminuten vom Albert-Florian-Stadion entfernt lag. Sehr schön!
Also liefen wir nach einer kurzen Verschnaufpause direkt auf die wunderschön urigen Flutlichtmasten des Allseaters zu. Speziell in diesen Gegenden Europas bemerkt man immer wieder, dass die Träger der Scheinwerfer einfach einen Teil des Scharms eines Stadions ausmachen. Wer freut sich nicht, wenn man vom weiten das hell erleuchtete Stadion bereits sehen kann! Vor dem Busbahnhof herrschte schon ein großes Aufgebot der Exekutive, die Fans des ca. 70 Kilometer entfernten Tabellenführers liefen gerade im Mob laut singend, bewacht von wiederum reichlich Polizei und Kameras, Richtung Eingang des Gästebereiches. Als „Willkommensgruß“ hagelte es von den zurückgedrängten Heimfans zahlreiche Schmährufe und einige Böller.
Nachdem sich die Situation beruhigt hatte und die Herrschaften aus Székesfehérvár ins Stadion verfrachtet waren marschierten auch wir zur Kasse, um für 4.000 Forint 2 Karten für die Haupttribüne zu erwerben. „Comeback“ strahlte stolz über die eine Hälfte der Eintrittskarte. Nach 4 Jahren, in denen man sich von der 2. Liga, in die man aufgrund von Ungereimtheiten in Sachen Finanzen zurückversetzt worden war, wieder in die erste Liga zurückgekämpft hatte, war man verständlicherweise wieder froh da zu sein, wo Fradi ja auch eigentlich hingehört.
Ca. 6.000 Zuschauer fanden sich heute in diesem wunderschönen Stadion zum freitäglichen Ballsport ein. Das Albert-Florian-Stadion ist wirklich ein klasse Anblick. Ein reines Fußballstadion, beschalt mit grün-weißen Sitzen, wie schon erwähnt fantastischen Flutlichtern, einer doppelstöckigen Haupttribüne und einem interessanten Bereich hinter einem Tor, auf dem von außen die Buchstaben „FTC“ prangen und der von außen vermuten lässt, als würde man vor der eigentlichen Haupttribüne stehen.
Albert-Florian-Stadion
Bild: Stadionwelt
Zu Beginn des Spiels präsentierte die Heimseite zahlreiche Doppelhalter und einige Bengalos vorne am Zaun. Entweder waren diese jedoch von schlechter Qualität oder es war gewollt, dass diese eher aussahen wie große Wunderkerzen und nur reichlich Funken versprühten. Im weiteren Verlauf des Spiel wurde dann allerdings aber wieder auf allen drei Heimtribünen ordentlich gezündet wie es sich gehört.
Und auch die rot-blauen Gäste hatten Pyrotechnik im Rucksack, die Verwendung fand. Überhaupt gaben die Gästefans ein ganz gutes Bild mit einigen Doppelhaltern und Fahnen ab. Auch für den Support kann man beiden Fanlagern ein Lob aussprechen.
Ferencvaros-Fans
Bild: Frank Jasperneite
Die Protagonisten auf dem satten Grün taten ihr Bestes, um dem zahlenden Publikum einen spannenden, guten Kick zu bieten, was auch gelang. Nachdem der Gast bis zur 60. Minute eine 2:0-Führung herausgespielt hatte drehte die Heimelf den Spieß in den letzten 30 Minuten wieder um und am Ende stand ein gerechtes 2:2, mit dem Fradi durchaus zufrieden sein konnte. Als Aufsteiger dem Tabellenfrüher nach 0:2-Rückstand noch einen Punkt ab zuknöpfen, das gelingt auch nicht alle Tage. Gegen Ende wäre selbst ein Sieg im Bereich des Möglichen gewesen. Auf Heimseite wurde noch mit mehreren Spruchbändern, darunter einige englischsprachige, vermutlich gegen irgendeinen Investor aus dem Ausland protestiert. „No more dirty zionist busine$$“ war beispielsweise auf einem zu lesen, wobei bei „zionist“ statt dem Buchstaben „o“ der Davidstern verwendet wurde.
Auffallend war, dass diese Spruchbänder nicht im Fanblock aufgehängt wurden, sondern eher in unterschiedlichen Bereichen im Stadion angebracht waren, in denen Leute standen, die man rein äußerlich und vom Verhalten als Freunde der dritten Halbzeit bezeichnen kann. Wie auch immer, dieses Problem müssen die Leute unter sich lösen. Jedenfalls wurde uns auch gleich vor Augen geführt, dass wir in den nächsten Wochen im Allgemeinen auf politisch eher rechts gerichtete Fankurven treffen würden.
Wir gingen fröhlich nach Abpfiff zu Fuß zurück zur Unterkunft. Irgendwie ein schönes Gefühl, wenn man nach einem Spiel im Ausland per pedes „nach Hause“ geht und nicht ins Auto springen muss. So fühlt man sich ein bisschen wie ein Einheimischer.
Von einem ebenfalls anwesenden Bekannten erfuhren wir hinterher, dass die Gästefans noch über 1 Stunde im Block verharren mussten, da draußen die soeben genannten Personen warteten, um „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Man merkt, dass man nicht in Spanien beim Fußball ist und die ganze Sache hier etwas extremer gesehen wird.
26.09.2009 15:00 Uhr
SC Vasas Budapest – MTK Budapest 2:0
Illovszky Rudolf Stadion
Zuschauer: ca. 1.500
Ca. 60 Gäste
Am folgenden Tag war es uns vergönnt, gleich zwei Kicks der höchsten ungarischen Spielklasse besuchen zu können. Mit dem Illovszky Rudolf Stadion im Norden Budapests konnte so auch gleich das drittgrößte Stadion Ungarns gekreuzt werden, welches eine Kapazität von 17.000 Zuschauern aufweisen kann.
Mit dem Auto fuhren wir nach ausgiebigem Frühstück in die Nähe des Stadions. Hinter der Haupttribüne befindet sich eine Gegend, die eher nicht dazu einlädt, ein Auto deutschen Fabrikats für einen halben Tag sich selbst und damit vielleicht letztendlich anderen zu überlassen. Doch nur eine Straße weiter gibt es einige Bürogebäude, videoüberwachte Autohändler und ein Fitnessstudio, vor dem Autos parkten, die unseren GGolfischon wieder etwas verblassen ließen.
Auch das Illovszky Rudolf Stadion kann wieder mit schnuckligen Flutlichtern aufwarten. Der Außenbereich sieht reichlich verwildert aus, seltene Unkrautarten haben hier mangels natürlicher Feinde leichtes Spiel. Eine lustige Vorstellung, was unsere Vermieter sagen würden, wenn wir den angemieteten Garten auf dieselbe Art und Weise wachsen lassen würden. Aber da in spießigen Siedlungen wie der unsrigen nun mal leider das Motto gilt „Wo Unkraut wächst wird jäten zur Pflicht“ bleibt dieses Bild eine Vorstellung unserer Phantasie. Um Fotos vom natürlich noch menschenleeren Innenraum des Stadions machen zu können reichte es völlig aus, eine nicht abgeschlossene Tür des Stadion umrandenen Zaunes zu öffnen.
Auch hier kann das Auge des geneigten Betrachters einige sehr interessante Details begutachten: Eine bestuhlte Haupttribüne mit Dach und viele Stehplatzstufen im weiten Rund sowie die in östlichen Gegenden Europas nahezu obligatorische Riesenausgabe einer Anzeigetafel machen das Stadion ebenfalls zu einem Augenschmaus. Eben genanntes Unkraut hat mittlerweile auch schon den Weg in den Innenraum gefunden.
Ein Platz auf der Haupttribüne war allerdings doch schon besetzt. Vermutlich für ein verstorbenes Ehrenmitglied war hier ein Kranz mit Bild niedergelegt.
Vasas Sport Club Schild am Stadioneingang
Bild: Schlomm
Da noch reichlich Zeit bis zum Kick Off vorhanden war und das Wetter einfach nur einladend war wollten wir nun noch ein bisschen die Gegend erkunden. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist wird man, was den öffentlichen Personennahverkehr angeht, etwas faul. Und irgendwie hatten wir auch heute keine sonderliche Motivation, uns mit dem Budapester S-Bahn-Ticket-System zu befassen.
Also ging es bei strahlendem Sonnenschein zum Städtischen Park, auf ungarisch „Városliget“ genannt. Dort kann man die Burg Vajdahunyad besichtigen, welche 1896 extra für die Milleniumsfeierlichkeiten errichtet wurde. Allerdings beließen wir es bei einer Außenansicht, denn der Touristenauflauf war uns einfach zu heftig.
Auch ein Freizeitpark hat Platz im Grün gefunden, die hölzerne Achterbahn verläuft direkt neben der mehrspurigen Hauptstraße.
Weiter ging es dann noch zum sehenswerten Heldenplatz, auf dem man zahlreiche ungarische Nationalhelden als Statuen ansehen kann und auf dem sich bei wirklich schönstem Wetter sehr viel Volk herumtrieb. Von dort aus marschierten wir weiter Richtung Donau, an der wir entlang flanierten und uns die Kreuzfahrtschiffe und sonstigen Verkehr auf dem längsten Fluss Europas ansahen. Auch der Donauinsel statteten wir einen Besuch ab. Sehr beeindruckt waren wir von einem extra angelegten Weg für Jogger, der über die ganze Insel führt und dessen Belag aus wohltuend weichem Kunststoff besteht. Das wäre mal eine tolle Sache für unseren Wohnort. Ich kriege schon beim Gedanken an meine übliche Laufstrecke Knieschmerzen.
Auch ein Ground liegt im Zentrum des Binneneilandes. Allerdings wird dieser vermutlich eher für leichtathletische Zwecke genutzt, trotzdem ist die Haupttribüne ganz nett anzusehen.
Nach so viel Sight Seeing und etlichen Fußkilometern war es dann aber auch echt mal wieder Zeit für etwas Spielkultur, die wir hoffentlich beim heutigen kleinen Derby zu sehen bekommen würden. Ein Derby ist dieses Spiel freilich nur auf dem Papier, wenn zwei Vereine gegeneinander spielen, die in ein und derselben Stadt beheimatet sind, ist dieser Begriff mit Sicherheit zutreffend. Aber fanmäßig durfte man heute eher wenig erwarten.
Der Gästebereich war mit knapp 60 Leuten bestückt, man konnte aber an der Kleidung von weitem nicht erkennen, ob es wirklich MTK-Fans waren. Erst als bei Chancen der Gastmannschaft Emotionen gezeigt wurden und nach knapp 20 Minuten zumindest mal zwei entsprechende, wenn auch kleine, Zaunfahnen gehisst wurden war klar, dass es sich um Fans des blau-weißen Klubs handelte. Die Heimfans präsentierten einige recht nett anzusehende Zaunfahnen. Das war es aber auch schon, Gesänge waren kaum bis gar nicht zu vernehmen.
Das Spiel war eher durchschnittlich und die Heimelf spielte einen ungefährdeten Dreier heraus. Egal, es war einfach nur schön, die Sonnenstrahlen zu genießen, sich am urigen Stadion sattzusehen und ein bisschen mit den Hoppergenossen zu plaudern, die sich genau wie schon gestern auch heute wieder im Ground eingefunden hatten.
(Stadionwelt, 24.12.2010)
Bild: Stadionwelt
Bild: Frank Jasperneite
Bild: Schlomm
Bild: Schlomm




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