„Gewalt ist also kein Fußballproblem“

Faszination Fankurve 15.12.2010 0 Kommentare

Foto: Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG)

Die Aussagen von Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), werden in der Fanszene ständig kontrovers diskutiert. Grund genug für Stadionwelt mal genauer nachzufragen. Im zweiten Teil geht es unter anderem um die Themen Legalisierung von Pyro und Spannungen zwischen Ultras und Polizei.

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Stadionwelt: Haben Sie Erfahrungen gemacht, dass eigentliche Bestrafungen von Fans, wie zum Beispiel Stadionverbote oder Sperrungen des Gästeblocks zu noch mehr Arbeit für die Polizeibeamten geführt haben, da die Fans zum Beispiel trotz Stadionverbot zu Auswärtsspielen reisen und sich im Stadionumfeld bewegen, ohne ins Stadion zu gehen oder sich bei Sperrung des Gästeblocks Eintrittskarten für andere Bereiche besorgen, was zu Problemen mit den Fans des Heimvereins führen kann?
Wendt: Das hat es in Einzelfällen natürlich gegeben und wird man das auch nicht ganz verhindern können. Trotzdem sind die angesprochenen Maßnahmen wirksame Elemente der Handlungskonzepte der Vereine.

Stadionwelt: Immer häufiger hört man von sogenannten Stadtverboten, die bedeuten, dass sich Fans, gegen die ein solches Stadtverbot ausgesprochen wurde, zu einem gewissen Zeitraum rund um ein Fußballspiel im näheren Stadtgebiet rund um das Stadion und auf den An- und Abreisewegen nicht aufhalten dürfen. Hat sich dieses Mittel im Polizeialltag als hilfreich herausgestellt?
Wendt: Solche Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sind schwerwiegende Rechtseingriffe und stehen immer erst am Ende einer Reihe anderer Sanktionsmaßnahmen.

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Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG)
Bild: Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG)

Stadionwelt: Viele Fans und auch betroffene Personen von Stadtverboten kritisieren, dass diese teilweise auch ohne Stadionverbot ausgesprochen werden und dass diese ihre Bewegungsfreiheit stark einschränken, wenn zum Beispiel auch der Hauptbahnhof des Wohnortes nicht betreten werden darf. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Wendt: Das ist wie mit vielen anderen Maßnahmen auch. Erst gibt es Krawalle und Gewalt und wenn die Sanktionen folgen, trifft man nur auf Unbeteiligte. Sie können mir glauben, dass die Polizei derart schwerwiegende Rechtseingriffe sorgfältig prüft und erst dann entscheidet.

Stadionwelt: Im weiteren Verlauf der Diskussion bezeichneten Sie die finanzielle Unterstützung seitens des DFB und der DFL für die Fanprojekte als „Aktionismus ohne Sinn, wenn Geld für die Bastelstuben der Ultras ausgegeben wird". Sehen Sie das Konzept der Gewaltprävention der Fanprojekte als gescheitert an?
Wendt: Nein, ganz und gar nicht. Aber Wirkungskontrollen fehlen ebenso wie zeitgerechte Evaluierungen. Wenn Geld für Projekte ausgegeben wird, muss man doch gelegentlich nachhaken, ob das auch etwas gebracht hat. Das begegnet uns in der Politik auch immer wieder: Wenn Projekte zu einem Thema finanziell unterstützt werden, glaubt man sozusagen automatisch, damit das Problem erledigt zu haben, notfalls wird einfach mehr Geld gefordert.

Stadionwelt: Von Seiten vieler Fans, aber auch von Reinhard Rauball, Ligapräsident der DFL, wird Ihnen vorgeworfen mit Ihren Aussagen nicht zur Problemlösung beizutragen, sondern Populismus zu betreiben. Was meinen Sie dazu?
Wendt: Was Herr Rauball will, versteht mittlerweile nur noch er selbst. Noch zur Jahresmitte hat er sich öffentlich damit gebrüstet, nicht mit mir, sondern nur mit seiner Lieblingsgewerkschaft sprechen zu wollen. Ich habe mich nicht darüber beklagt, denn man kann den Dialog auch über die Medien führen. Jetzt beschwert sich derselbe Herr Rauball, dass ich keinen Kontakt mit ihm aufgenommen hätte – was will er denn jetzt, reden oder nicht? Im Sommer gab es mit seiner Lieblingsgewerkschaft dann einen dieser „Fußballgipfel“, wo alle Teilnehmer ohnehin einer Meinung waren. Am Ende haben alle gut gegessen und sich prima unterhalten, aber kein einziges Problem gelöst.  

Stadionwelt: Immer mehr Fußballfans aus der aktiven Fanszene sehen in der Polizei ein Feindbild. Wie konnte es Ihrer Meinung nach dazu kommen?
Wendt: Ich habe da eine andere Wahrnehmung, es gibt sehr viele verantwortungsbewusste Fans, die sich große Mühe geben, mit den Einsatzkräften gemeinsam Gewalt zu verhindern, sehr gute Beispiele für den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit zu geben und Feindbilder gar nicht erst entstehen zu lassen. Dort wo es Ressentiments gibt, sollten Gespräche dazu beitragen, Spannungen abzubauen, auch dafür gibt es etliche gute Beispiele.

Stadionwelt: Die Statistiken zum Thema Gewalt gegen Polizisten sprechen von einer steigenden Anzahl an Übergriffen gegenüber Polizeibeamten. Kann man von einer gesteigerten Gewaltbereitschaft gegenüber der Polizei bei Fußballveranstaltungen sprechen oder sind die höheren Zahlen größtenteils auf Vorfälle zurückzuführen, die nichts mit Fußball zu tun haben, wie zum Beispiel der Anstieg von Gewalt gegen Polizisten und Polizistinnen, die bei häuslicher Gewalt einschreiten?
Wendt: Es gibt leider eine allgemeine Tendenz zu mehr Gewalt, auch und gerade gegenüber Polizeikräften, die sich auch in Zahlen spiegelt. Da spielen Auseinandersetzungen anlässlich von Sportereignissen, insbesondere Fußball, eine Rolle, aber nicht nur. Mehr als 70 % aller Gewaltdelikte gegen Polizisten spielen sich im täglichen Dienst ab, bei häuslicher Gewalt, Kneipenschlägereien oder einzelnen Festnahmen. Gewalt ist also kein „Fußballproblem“, sondern in der Tat ein gesamtgesellschaftliches, multifaktorielles Phänomen. Die sozialwissenschaftlichen Forschungen haben viele Ursachen ausgemacht, kurz gesagt müssen wir viel mehr Geld in Jugend und Familien investieren, um junge Menschen zu einem Leben ohne Gewalt zu erziehen. Die verbindende Funktion gemeinsamer Sporterlebnisse und die Vorbildfunktion ihrer Akteure spielen da eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Stadionwelt: Was fordern Sie von den Fans und was von den Verbänden (DFB und DFL), um die Sicherheit in deutschen Stadien zu verbessern?
Wendt: Die Fans müssen begreifen, dass die Polizei nicht ihr Gegner oder gar ihr Feind ist, sondern im Rahmen ihrer Aufgabenwahrnehmung außerhalb der Stadien für Ordnung sorgen muss, zum Beispiel Betrunkene frühzeitig aus dem Verkehr ziehen, streitende Fanblöcke trennen usw.. DFB und DFL müssen endlich lernen, dass die Polizei nicht ihre private Geschäftstruppe ist, die kostenlos in unbegrenzter Zahl und zu allen Zeiten zur Verfügung steht, um ihr kommerzielles Treiben abzusichern.

Stadionwelt: Wie könnte wieder ein Dialog zwischen Polizei und aktiven Fans entstehen, um in Zukunft Probleme ggf. gemeinsam zu lösen und gegenseitige Vorurteile abzubauen? Sind hier möglicherweise die zuvor angesprochenen Fanprojekte von entscheidender Rolle?
Wendt: Ganz bestimmt sogar, deshalb war ich im Sommer recht enttäuscht, als wir zunächst öffentlich eingeladen wurden, ein Fanprojekt zu besichtigen, bei der konkreten Terminabsprache das Interesse aber schnell erlosch. Also erst lautstarke Mediendarstellung, aber hinterher Nullnummer.   

Stadionwelt: Viele Ultragruppen haben die Kommunikation mit der Polizei vollständig eingestellt. Muss nicht auch ein Schritt auf die Fans zugegangen werden, damit man wieder miteinander und nicht übereinander redet?
Wendt: Das versuchen Vereine und auch die Polizei doch immer wieder, manchmal muss auch ein wenig Zeit vergehen, bevor die Gesprächsbereitschaft wieder steigt. Die Polizei verweigert sich keinem Dialog, aber die Rollen müssen klar verteilt bleiben. Der Verein ist Inhaber des Hausrechts, die Polizei übt das Gewaltmonopol des Staates aus und achtet auf die Einhaltung von Rechtsnormen. In diesem System gibt es keine Sonderrollen oder besondere Zugeständnisse für einzelne Gruppen.  

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In der Fanszene polarisiert Wendt mit seinen Aussagen
Bild: Wilde Horde

Stadionwelt: Wie sicher sind deutsche Stadien und deren Umfeld Ihrer Meinung nach im internationalen Vergleich, zum Beispiel verglichen mit England, Polen und Italien? Was funktioniert dabei in Deutschland Ihrer Meinung nach besser, als in anderen Ländern und was schlechter?
Wendt: Meine Überzeugung ist, dass wir ganz vorne dabei sind, zumal in Deutschland wirksame Vorkontrollen, Gefährderansprachen und niedriges Einschreitschwellen der Polizei, erfolgreiche und engagierte Fanprojekte und hohe Investitionen in bauliche Vorkehrungen in den Stadien, auch deren Möglichkeiten der Videoüberwachung, besser sind als in anderen Ländern.  

Stadionwelt: Was halten Sie von personengebundenen Tickets, Fankarten bzw. ähnlichen Konzepten, die im Ausland teilweise eingesetzt werden?
Wendt: Warum nicht? Wer sich identifiziert hat, neigt erfahrungsgemäß weniger dazu, sich daneben zu benehmen. Ich halte das für einen vernünftigen Weg und im Zeitalter moderner Kommunikationstechnik auch nicht für schwierig.

Stadionwelt: Mehrere Fangruppen fordern die Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion und versuchen, Konzepte für einen verantwortungsvollen Umgang mit Pyrotechnik im Stadion zu entwickeln und arbeiten deshalb auch an einer Selbstregulierung innerhalb der Fankurven. Stünden Sie prinzipiell einer solchen Diskussion zu Verfügung?
Wendt: Darüber kann man sich natürlich in der Tat Gedanken machen. Wenn die Stadien das wollen und gemeinsam mit den Feuerwehren Konzepte machen, Gefährdungen ausgeschlossen sind und auf dieser Weise verhindert werden kann, dass durch unsachgemäßen Gebrauch der Pyrotechnik Menschen verletzt werden, sollte man das prüfen.
(Stadionwelt, 15.12.2010)

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews

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Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG)
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In der Fanszene polarisiert Wendt mit seinen Aussagen
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