Dynamo Dresden empfing am 23. Oktober Hansa Rostock und ganz Deutschland schaute gespannt in die sächsische Metropole an der Elbe. Sportlich gesehen war es nicht das Topspiel der 3. Liga, auch wenn die Gäste von der Ostsee vor der Partie auf dem zweiten Platz rangierten, doch Dynamo zählt in dieser Saison wohl wieder nicht zu den engeren Kandidaten, die sich am Ende um die Aufstiegsplätze streiten werden.
Das Spiel der beiden ostdeutschen Vereine elektrisiert aber trotzdem die Massen, und so vermeldete Dynamo Dresden bereits Anfang Oktober, dass das Aufeinandertreffen der beiden Traditionsmannschaften aus dem Osten der Republik restlos ausverkauft sei. 29.907 Zuschauer kamen auch in das umgebaute Rudolf-Harbig-Stadion und es hätten bestimmt auch über 30.000 abgesetzt werden können, wären die Pufferblöcke rund um den Anhang von Hansa Rostock nicht vorhanden gewesen.
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Die Hansa-Fans fuhren mit einem Sonderzug nach Dresden
Bild: K-Block.net
Die Brisanz des Spiels lag vor allem in beiden Fanlagern. Zwar war gilt die Partie nicht als Derby, trotzdem war es ein Treffen zweier Giganten, da es die beiden ostdeutschen Vereine mit den größten Fanaufkommen sind und auch die Ultràszenen der zwei Clubs den Anspruch auf ein Platz unter den Top 5 in Deutschland haben. Die Vorzeichen auf ein interessantes Spiel waren also durchweg positiv.
Die Rostocker Fanszene reiste geschlossen mit dem Entlastungszug an. Unter den Reisenden war unbestätigten Gerüchten zufolge auch Teile der Vorstandschaft von Hansa. Falls dem so war, konnten sich die Herren ein sehr positves Bild der eigenen Fans machen. Denn der Zug fuhr wieder in kompletter Eigenregie der Fans. Das hieß bisher immer soviel, dass keinerlei Polizei, mit Ausnahme der szenekundigen Beamten, an Bord war, der Getränke- und Essensverkauf geregelt wurde, es keine Gewalt oder Sachbeschädigungen gab und der Zug auch wieder gereinigt an die Bahn übergeben wird.
Insgesamt machten sich rund 3.000 Hanseaten auf den Weg nach Sachsen, wo sie um 12 Uhr direkt am Hauptbahnhof von einem Großaufgebot der Polizei, inklusive Wasserwerfern empfangen wurden. Vorgesehen war von offizieller Seite, dass die ankommenden Fans direkt in die bereitgestellten Busse verfrachtet werden und in Eskorte zum Stadion gefahren werden. Jeder Fußballfan weiß, dass so etwas alles andere als angenehm sein kann und das Gefühl von Reisefreiheit und -komfort nicht wirklich aufkommen will, wenn man mit solchen Maßnahmen empfangen wird. So kam es auch, dass der Großteil der Hansa-Fans nicht umgehend in die Busse stieg und die Polizei mehrfach darauf hinweisen musste, dass so der Anpfiff eventuell nicht von jedem gesehen werden kann. Da das Prozedere sich etwa eine Stunde hinzog, wurde die Schar der Schaulustigen rund um den Hauptbahnhof immer größer und die bereitgestellten Beamten hatten teilweise Mühe diese Personen weiterzuschicken. Nichtsdestotrotz war der Polizeiapparat heute sehr gut aufgestellt, was zum einen auch an der Luftüberwachung liegen kann und zum andern, dass die Ultras Dynamo auf den gemeinsamen Marsch zu Stadion verzichteten und die Beamten so keine zwei potentielle Gefahrenherde sichern musste.
Die Durchsagen der Polizei, dass der Anpfiff eventuell ohne etliche Fans stattfinden soll, haben sich zum Glück nicht bewahrheitet, aber es ist bestimmt auch in Dresden nicht alltäglich, dass sich 30 Minuten vor dem Anpfiff solch große Massen am Eingang zum K-Block drängen.
Großer Andrang herrschte an den Eingängen zum K-Block
Bild: Stadionwelt
Warum es zu diesem Spiel kein gemeinsamen Marsch der Fanszene gab konnte man bereits im Vorfeld auf der Internetseite der Ultras Dynamo nachlesen. Es gäbe genug rund um das Stadion und im K-Block zu tun. Was das genau war sah der Stadionbesucher kurz vor dem Anpfiff. In einer großen Choreo verwandelte sich der Dynamo-Block in Mischpult, Plattenspieler und diverse Fanutensilien. Ganz unter dem Motto „The rhythm of Dynamo“ fing der Plattenteller sich an zudrehen und die Dynamo-Hymne vor den Anpfiff wurde Acapella von den Fans gesungen. Ein wirklich gelungenes Bild und eine sehr ausgefallene Idee. Die Lautstärke des Gesangs hat die Spieler im Spielertunnel bestimmt beeindruckt, denn fast alle schauten nochmals beim Betreten des Rasens auf den K-Block, ehe das Einlaufen von einem lauten Böllerschlag unterbrochen wurde und die Gäste aus Rostock das Zepter der Aufmerksamkeit an sich rissen. Leuchtspurmunition in Richtung der Gegentribüne und auf die einlaufenden Spieler, Stroboskope, Breslauer und Bengalische Feuer erleuchteten den Gästeblock und ließen Schlimmes befürchten, da der Schiedsrichter alle Spieler nochmal zurück in den Tunnel schickte. Nach fünf Minuten war der Spuk aber auch wieder vorbei und das Spiel wurde ganz normal angepfiffen. Beide Fanlager gaben von Anfang an richtig Gas und machten ihren guten Ruf wirklich alle Ehre, wobei die Hanseaten mit dem Laufe der Zeit auch durch das Ergebnis gestützt etwas die Oberhand gewannen. Nach dem 1-0 für die Kogge gab es erneut eine kleine Leuchtspur und Pyroeinlage, die sogar von der Heimseite mit einem „Pyrotechnik ist kein Vebrechen!“-Gesang gewürdigt wurde. Ob Leuchtspur und Böller aber im Sinne der Initiative ist, sei mal dahin gestellt. Die Mitmachquote im Gästeanhang war unterdessen zwischen 95 und 100 Prozent angesiedelt und der ganze Block hüpfte, klatschte oder zeigte voller Stolz die Vereinsfarben bei der Schalparade. Auch der Ausgleich konnte die Stimmung unter den Gästen nur kurz trüben, auch wenn Dynamo dadurch wieder bis zur Pause zulegen konnte.
Die bewegte „The rhythm of Dynamo“-Choreo der Dynamo-Fans
Bild: Stadionwelt
In der zweiten Hälfte verflachte zwar mit dem Spiel auch etwas der Support auf beiden Seiten, doch war er immer über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Etwas mehr Salz kam erst durch das gegenseitige Präsentieren von geklauten Fanutensilien. Auch hier konnten aber die Gäste den Punkt für sich verbuchen. Erst mit dem 2-1 durch Gerrit Müller gelang es auch dem K-Block wieder das Ruder in die Hand zu nehmen und das Stadion bebte förmlich mehr als „Dynamo“ nach vorne geschrien wurde. In der 85. Minute war dann aber wieder ein jähes Ende der sächsischen Fröhlichkeit. Hansa schaffte kurz vor Ende noch den Ausgleich, an dem sich auch bis zum Abpfiff nichts mehr änderte.
Alles in allem war es das Spiel, das man sich erhoffen durfte. Zwei Fanszenen, die wirklich zu den besten in Deutschland gehören. Man kann zwar Heim- und Gästeauftritte nicht vergleichen. Doch war die Lautstärke und Mitmachquote bei Hansa einfach ein Tick besser als bei Dynamo, die aber gleichzeitig durch kreativere und melodischere Gesänge auf sich aufmerksam machten. Weshalb auch auf den Rängen ein Unentschieden herrschte. (Stadionwelt, 28.10.2010)
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Weitere Informationen:
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Bild: K-Block.net
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