„Es war eine unglaubliche Situation“

Faszination Fankurve 24.03.2009 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Wie berichtet kam es am vorletzten Samstag im Karlsruher Hardtwald zu einer sehr ungewöhnlichen Aktion gegen die Fans des KSC. Stadionwelt sprach mit Volker Körenzig vom Fanprojekt Karlsruhe über den Polizeieinsatz beim Marsch zum Stadion.

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Stadionwelt: Vor dem Bundesligaspiel gegen Arminia Bielefeld wurde vom Fanprojekt Karlsruhe und den Supporters Karlsruhe wieder herzlich zum „Zam nausdappe“ eingeladen. Was hat es damit auf sich?
Körenzig: Das „zam nausdappe“ wird von uns jetzt bereits sechs Jahre angeboten. Es ist eine Zusammenkunft von KSC-Fans bei uns am Fanprojekt. In der Regel treffen sich dort ungefähr 300 Leute. Wobei man schon sagen kann, dass man rund 90 Prozent der Teilnehmer der aktiven Fanszene unseres Karlsruher SC zuordnen kann. Die restlichen zehn Prozent sind Interessierte, Freunde oder Bekannte, normale KSC-Fans eben. Von den 300 Fans läuft ungefähr die Hälfte zusammen den 45-minütigen Fußweg zum Wildparkstadion. Die andere Hälfte benutzt Fahrrad oder Auto. Wie gesagt, hatten wir die Idee für einen gemeinsamen Marsch bei den Heimspielen vor sechs Jahren und haben diesen mit der Polizei und der Stadt Karlsruhe zusammen erarbeitet. Das „zam nausdappe“ ist eine präventive pädagogische Maßnahme, um Gewalt oder ähnliches beim Fußball aus dem Weg zu gehen und zu verhindern.

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Lautstark und kreativ präsentieren sich die Fans des Karlsruher SC
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Stadionwelt: Am letzten Samstag funktionierte das aber nicht wie geplant. Was war da los?
Körenzig: Das stimmt. Nach 30 Minuten Fußmarsch erreicht man auf dem Weg zum Stadion die Tennisanlage des DJK Ost. Da der Weg dort durch den Wald führt, ist er etwas enger und man lief dadurch auch etwas langsamer, da Rücksicht aufeinander genommen werden muss. Von weitem sah man schon einige Miet-Kleintransporter am Wegrand und an den Tennisplätzen stehen. Es verwunderte mich schon ein wenig, es war schließlich Samstagnachmittag. Doch ganz in der Nähe ist auch ein Waldschulheim und es hätte sein können, dass dort eine Veranstaltung stattfindet. Als ich den Tennisplätzen näherkam, entdeckte ich auch einige Waldarbeiter, die ziemlich ungeschickt mit ihren Motorsägen an den Bäumen hantierten. Gespannt wollte ich mir das Geschehen eigentlich mal anschauen, doch daraus wurde nichts, da von hinten auf einmal ein LKW auf dem schmalen Weg heranbrauste. Und ich meine wirklich brauste, er fuhr alles andere als vorsichtig. Auf der Höhe der Fans kam er zum Stehen. Auf einmal ging die Laderampe runter und es stürmten geschätzte 25 bis 30 voll vermummte BFE-Beamte (Anm. d. Red.: Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) von der Ladefläche. Die Einheit umzingelte sofort und sehr aggressiv die Fangruppe und drängte sie in Richtung des Zaunes vom Tennisplatz. Völlig perplex bemerkte ich dann, dass hinter dem Tennisplatz nochmals ungefähr 25 BFE-Beamte standen und noch einige normale Polizisten, die jetzt mit ihren Hunden zum Vorschein kamen. Während wir zehn Minuten eingekesselt waren, kamen sechs weitere Neuner-Busse der Karlsruher Polizei angefahren.

Stadionwelt: Das klingt fast wie einem schlechten Film…
Körenzig: …es war eine unglaubliche Situation. Ein Betroffener hat in seinem Bericht über die Situation geschrieben, dass die Waldarbeiter auch Polizisten waren, das kann ich nicht genau sagen, da ich von dem Ganzen sehr verwundert war und mich mehr auf den LKW und die BFE-Beamten konzentrierte. Ich selbst kann nur sagen, dass die Motorsägen komischerweise sofort aus waren als die Aktion losging. Aber andere Betroffene können bestätigen, dass die vermeintlichen Waldarbeiter ihre Arbeitswesten ausgezogen haben und deutlich als Polizisten zu erkennen waren. Diese These unterstreicht auch die Aussage des Einsatzleiters Plate gegenüber den Badischen Neuen Nachrichten am 17. März, dass verdeckte Ermittler beim Einsatz dabei waren.

Stadionwelt: Was geschah danach mit den KSC-Fans?
Körenzig: Nachdem wir alle eine Zeitlang am Zaun des Tennisplatzes festgehalten worden sind, wurden alle einzeln nach und nach von jeweils zwei Beamten abgeholt, die Personalien aufgenommen und abgefilmt. Es geschah aber nicht auf die normale Weise, sondern man musste sich wirklich ans Auto lehnen und abtasten lassen und sämtliche Taschen leeren. Es erinnerte doch schon sehr an alte Filme. Dieser Vorgang dauerte bei der Masse der Fans ungefähr 45 Minuten, danach durften wir weiter zum Stadion laufen.

Stadionwelt: Hast Du eine Idee, was sich die Polizei von der Aktion erhoffte, zumal das Vorgehen gegen sämtliche Teilnehmer des Marsches ging.
Körenzig: Herr Plate ließ über ein Megaphon mitteilen, dass diese Aktion mit dem Derby gegen Stuttgart zu tun hätte, da es nach dem Spiel zu Auseinandersetzungen zwischen KSC-Anhängern und der Polizei gekommen ist. Hier warf die Polizei Karlsruhe auch eine Zahl von 1.000 daran beteiligten KSC-Fans in die Öffentlichkeit. Woher diese angeblich 1.000 problematischen Fans kommen sollen, weiß ich nicht. Vor Ort im Hardtwald waren am Samstag laut Polizei lediglich 96 Fans. Die Aktion steht also in keinerlei Verhältnis. Und unsere Ultras, die dabei waren, waren der Polizei durch ihre szenekundigen Beamten größteneteils sowieso bekannt.

Stadionwelt: Wie verhielten sich die KSC-Fans während der Aktion?
Körenzig: Hier muss ich unsere Ultras und alle Beteiligten absolut loben. Sie waren zu keinem Zeitpunkt aggressiv und haben sich der Polizei gegenüber sehr kooperativ verhalten. Die Fans haben alles über sich ergehen lassen. Ähnliche Aktionen sind ja in Deutschland schon trauriger Alltag geworden. Wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Aber die Stigmatisierung von Fans hat mitlerweile auch einen traurigen Höhepunkt erreicht und sie „ertragen solche Maßnahmen“ mitlerweile.

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Die Karlsruher Gegengerade – Heimat der treuesten KSC-Anhänger
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Stadionwelt: Wie würdest Du den Polizeieinsatz beurteilen?
Körenzig: Ich kann so ein Vorgehen nur verurteilen und man kann es auch nicht rechtfertigen. In dieser Art und diesem Umfang habe ich so was noch nie erlebt und will es auch nicht noch einmal erleben müssen. Es waren bei den betroffenen Personen, wie bereits oben erwähnt, auch normale Fans und Jugendliche dabei. Wir bieten zu unserem Auswärtsspiel in Düsseldorf, Leverkusen gegen den KSC, einen U-18 Bus an und einige Teilnehmer haben sich vor dem Abmarsch noch angemeldet. Diese sind teilweise erst 13 oder 14 Jahre alt und kommen dann in so eine Sache. Das hinterlässt bei den Jungs einen bleibenden Eindruck gegenüber der Polizei und dass der nicht positiv ausfallen wird, ist wohl klar. In diesem Alter so etwas mitmachen zu müssen, ist alles andere als angenehm. Vor allem wenn man das erste Mal im Stadion ist. Es gab aber auch unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Polizei. Die Karlsruher Polizisten sind auf das kooperative Verhalten der Fans teilweise sogar eingegangen, während die BFE-Einheit zu jeder Zeit voll vermummt, ziemlich rabiat und aggressiv mit den Fans umging. Auch bei der Personalienaufnahme. Warum die BFE-Einheit sich vermummen musste, weiß niemand. Wie willkürlich und hart gegen jeden vor Ort vorgegangen wurde, musste ein Vorstandsmitglied der Supporters Karlsruhe am eigenen Leib erfahren. Und er ist wirklich alles andere als ein Gewalttäter oder was auch immer die Polizei im Hardtwald gesucht hat.

Stadionwelt: Warum liest man beispielsweise bei den Pressemeldungen der Polizei kein einziges Wort über die Aktion im Hardtwald?
Körenzig: Das ist eine durchaus berechtigte Frage. Es ist wohl nicht gewollt, dass die breite Masse erfährt, wie mit Fußballfans umgegangen wird. In den Reihen der Betroffenen war zum Glück auch ein freier Journalist, der den Vorfall danach publik machte. Des Weiteren ist ein Anwalt in unserer Fanszene, der auch mit dieser Gruppe Fans zum Stadion lief aktiv, der den Vorfall jetzt genau unter die Lupe nehmen wird. Denn so etwas darf sich nicht wiederholen, egal wo. (Stadionwelt, 24.03.2009)

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