„Das Stammpublikum des ESV und MTV ist nie weggefallen“

Faszination Fankurve 04.07.2008 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Für viele ist der FC Ingolstadt 04 ein unbeschriebenes Blatt. Dabei reichen die Wurzeln des Fusionsvereins weit zurück. Stadionwelt sprach mit Gerd Wittmann, dem Fanbeauftragten des FCI, über Vergangenheit und Zukunft des Clubs und seiner Fans.

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Stadionwelt: Erzähle uns bitte zunächst etwas zur Geschichte des FC Ingolstadt 04.
Wittmann: In der Saison 1979/1980 spielte sowohl der ESV Ingolstadt als auch der MTV Ingolstadt in der Zweiten Bundesliga Süd, was sicherlich für den Ingolstädter Fußball ein einmaliges Erlebnis war. Während der MTV in die Bayernliga abstieg, durfte der ESV Ingolstadt noch ein weiteres Jahr in der zweiten Bundesliga Süd spielen, war dann allerdings Opfer der Umstrukturierung zur eingleisigen zweiten Bundesliga, die bis heute noch existiert. Des Weiteren gewann der ESV Ingolstadt als einziger bayerischer Vertreter 1979 die Deutsche Amateurmeisterschaft gegen Hertha Zehlendorf. Besonders stolz ist man in Ingolstadt auch auf die Saison 1963/1964 in der Regionalliga Süd als die Eisenbahner mit dem FC Bayern München in einer Liga spielten. Spätestens nach den Zweitligaabstiegen der beiden Ingolstädter Vereine Anfang der achtziger Jahre war eine Fusion zwischen MTV und ESV Ingolstadt immer wieder ein Thema. Allerdings gab es zu viele kontroverse Stimmen in der Stadt und im Umfeld der Vereine, sodass eine konkrete Planung der Fürsprecher immer wieder verhindert wurde. Die Zahl der Traditionalisten auf beiden Seiten war einfach zu groß. Als die Finanzlage des ESV Ingolstadt ziemlich schlecht und der Spielbetrieb ebenso stark gefährdet war, engagierte sich der Unternehmer Peter Jackwerth als Fußballpräsident mit einem enormen finanziellen Aufwand beim ESV Ingolstadt. Dennoch stand der Verein kurz vor der Winterpause mit nur einem Punkt vor einem Abstiegsplatz in der Bezirksoberliga Oberbayern, während der MTV Ingolstadt gleichzeitig die Herbstmeisterschaft in der Landesliga Süd errungen hatte. In der Winterpause ergriffen die Vertreter vom MTV Ingolstadt die Initiative und trafen sich mit Herrn Jackwerth zu einem Gespräch. Den Herren vom MTV Ingolstadt war klar, dass höherklassiger Fußball in einer solchen Konkurrenzsituation nicht mehr zu finanzieren ist. Somit wurde der FC Ingolstadt 2004 ins Leben gerufen, dem sämtliche Spielrechte im Senioren – und Juniorenbereich des ESV und MTV – hier mit Ausnahme der E-und F Junioren – übertragen wurden.

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Der Ingolstädter Fanblock beim letzten Heimspiel gegen Unterhaching.
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Stadionwelt: Wie sah das Verhältnis zwischen dem ESV und dem MTV vor der Fusion aus?
Wittmann: Zwischen beiden Vereinen war die Rivalität lange Zeit sehr groß. Ein Zusammenschluss wäre in den achtziger und neunziger Jahren unmöglich gewesen. Erst als beide Vereine wirtschaftliche und sportliche Probleme hatten und gleichzeitig viele Ältere aus ihren Ämtern ausschieden, gab es die ersten gegenseitigen Besuche und Gespräche. Doch die erarbeiteten Pläne scheiterten an den schwachen Konzepten, am Finanziellen oder an einzelnen Persönlichkeiten. Der Knackpunkt war der Einstieg von Peter Jackwerth, wie eben schon erwähnt.

Stadionwelt: Gab es schon damals bei beiden Vereinen Fangruppen? Falls ja, haben diese sich wie üblich städteintern rivalisiert?
Wittmann: In der Bayernliga Anfang der Neunziger gab es beim MTV Ingolstadt erkennbare Fanclubs. Zuletzt war es aber in der Landesliga ein kleines, überschaubares Grüppchen. Der ESV Ingolstadt hatte währenddessen eine treue Anhängerschaft, doch eine richtige Fanszene existierte nicht.

Stadionwelt: Wie ist das Selbstverständnis der Fans des FCI? Sieht man sich als Fan des FCI oder doch mehr als Anhänger des ESV beziehungsweise des MTV?
Wittmann: Die jungen Fans und die vielen Nachkömmlinge sehen sich natürlich nur als Anhänger des FC Ingolstadt 04, da sie einfach die alten Zeiten nicht miterlebt haben. Währendessen legen die älteren Fans großen Wert darauf, dass sie als ESV´ler oder MTV´ler bezeichnet werden. Interessant und auffallend auch, dass es doch etliche Fusionsgegner immer noch in der Stadt gibt, das Stammpublikum vom ESV oder MTV allerdings nie weggefallen ist. Vielen Älteren gingen die vielen Aufstiege doch viel zu schnell. So sind zum Beispiel von den älteren Fans viele samstags in die Bundesligastadien nach München oder Nürnberg gefahren und haben sich sonntags ihren Heimatverein wie zum Beispiel den ESV Ingolstadt, sechs Klassen tiefer in der siebten Liga, angeschaut. Nun findet man vor der Haustüre einen eigenen Bundesligisten, was sicherlich nicht alltäglich ist. Solche Erfahrungen hört man auch immer wieder von gegnerischen Fans, deren Vereine eine ähnliche schnelle Entwicklung gemacht haben.

Stadionwelt: Welche relevanten Fangruppen existieren beim FC Ingolstadt 04? Wie sind diese ausgerichtet?
Wittmann: Da es bis vor kurzem nur unterklassigen Amateurfussball in Ingolstadt gab, zog es logischerweise die supporthungrigen Leute ins Eishockey. Deshalb muss ich immer schmunzeln, wenn es heißt, dass der FC Ingolstadt 04 keine Fanmassen besitzt. Woher sollen die Leute kommen? Man kann sie nicht züchten! Es ist nicht möglich innerhalb von zwei Jahren eine Fanszene aufzubauen, so etwas dauert oftmals eine „Ewigkeit“ wie man im letzten Jahrzehnt in Mainz, Burghausen, Regensburg, Augsburg, Paderborn, Ahlen und vielen anderen Städten beobachten konnte. Größere Fangruppen gab es bis jetzt in Ingolstadt noch keine, allerdings existieren natürlich auch hier Fanclubs, vereinzelte Zusammenschlüsse und viele unorganisierte Leute, die bei den Spielen präsent sind und die Mannschaft anfeuern. Gegen Ende der letzten Saison haben sich immer mehr motivierte Jugendliche gefunden, die seit der Sommerpause nun mit dem Namen „Supporters IN 08“ als Gruppe auftreten und das Team in Zukunft akustisch und optisch unterstützen wollen. Ob sie Supporters bleiben oder sich aber in die Ultrarichtung orientieren, wird die Zukunft zeigen.

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Mannschaft und Fans freuen sich über die geglückten Aufstieg in die zweite Liga.
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Stadionwelt: Wie hat sich die Stimmung in den letzten Jahren entwickelt und wie war die Stimmung in der Aufstiegssaison?
Wittmann: In den ersten dreieinhalb Jahren supportete nur die Fanclubs vom Schanzerstorm sowie deren Umfeld und der Behindertenfanclub St. Vinzenz. Nach der Winterpause gab es eigentlich den lang erwarteten Durchbruch, als immer mehr Leute sich in den inoffiziellen Fanblock R stellten und die Stimmung von Spiel zu Spiel besser wurde. In den letzten beiden Spielen schaffte es der harte Kern sogar die Masse der Normalos zu Gesängen mitzubewegen, was bis jetzt in Ingolstadt einmalig war.

Stadionwelt: Kam der Aufstieg überraschend für die Fans in Ingolstadt?
Wittmann: Nein, da es sich mit dem immer wachsenden Etat und den Spielereinkäufen abzeichnete, dass man um den Aufstieg in die zweite Bundesliga mitspielen würde. Die Mannschaft besaß schon immer Qualität, nur der alte Trainer schaffte es nicht, dass die Spieler das Potenzial abriefen. Dies änderte sich bekanntlich mit dem neuen Trainer Thorsten Fink, der vom ersten Tag an seine positive Ausstrahlung an die Spieler und das ganze Umfeld weitergab. Er und der Verein passen einfach zusammen, beide sind noch jung und erfolgshungrig. Außerdem hat der Verein mit Harald Gärtner einen sehr guten Sportdirektor, der immer wieder ein glückliches Händchen bei Transfers besitzt.

Stadionwelt: Wie waren die Zuschauerzahlen in den letzten Jahren? Bist Du mit der Entwicklung zufrieden? Wo lag der Schnitt bei den Auswärtsfahrern?
Wittmann: In der Saison 2004/2005, dem ersten Jahr nach der Vereinsgründung hatte der Verein in der viertklassigen Bayernliga einen Zuschauerschnitt von 653 Leuten. Im zweiten Jahr, dem Aufstiegsjahr, stieg der Schnitt auf 814 Zuschauer. In der Regionalligasaison 2006/2007 besuchten durchschnittlich circa 2.000 Zuschauer die Heimspiele des FC Ingolstadt 04 im MTV-Stadion. Im vergangenen Aufstiegsjahr waren es dann 3.132 Zuschauer pro Spiel. Wobei sich der Trainerwechsel in der Winterpause absolut positiv auf die Zuschauerzahl auswirkte. In der Zuschauertabelle der Regionalliga Süd lag man damit auf dem siebten Platz vor Vereinen wie Jahn Regensburg, Wacker Burghausen oder dem FSV Frankfurt. Der Gästeanhang bei Spielen des FC Ingolstadt 04 war bis jetzt immer überschaubar. Bis auf zwei Auswärtsspiele fuhr immer ein Fanbus. Man wurde zwar immer belächelt, doch komischerweise fand man bei Heimspielen der Schanzer im Gästeblock bis auf die bayerischen Derbys auch meistens nur zwei Dutzend Gästefans. In der nächsten Saison wird sicherlich eine Anfgangseuphorie vorherrschen. Wie es danach weitergeht bleibt fraglich. Auf jeden Fall fiebert schon die ganze Fußballstadt auf die Auswärtsspiele in Nürnberg und bei den „blauen Münchnern“, während die weiteren Strecken in der zweiten Liga nur von den wenigsten zurückgelegt werden.

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Die den letzten Jahren verzeichnete der FC Ingolstadt einen stetigen Anstieg der Zuschauerzahlen.
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Stadionwelt: Denkst Du, dass der FCI dem Eishockeyclub ERC Ingolstadt zuschauermäßig den Rang ablaufen könnte? Wie ist diesbezüglich die Stimmung in der Stadt?
Wittmann: Eine sehr sensible Frage, die ich mit „Jein“ beantworten werde. Der ERC Ingolstadt besitzt seit Jahrzehnten eine gute Fanszene, die den Eishockeyclub durch gute und schlechte Zeiten begleitet. Allerdings beobachte ich, dass in letzter Zeit etliche Fans sowohl den ERC Ingolstadt als auch den FC Ingolstadt 04 supporten. Vor allem jüngere Fans, die mit dem FC Ingolstadt 04 aufgewachsen sind und sich mit der Fusion weniger beschäftigt haben. Von den Normalos, die keiner Fangruppierung zuzuordnen sind, werden sicherlich aufgrund des Erfolges des FC Ingolstadt 04 und der Popularität „Fußball“ etliche wechseln, so dass im Hinblick auf die Gesamtzuschauerzahl der Fußball das Eishockey mittelfristig überholen wird. Bis auf wenige Ausnahmen wird der ERC Ingolstadt und dessen Fans von den Fußballleuten akzeptiert. Wie bereits schon erwähnt, gehen etliche Leute zu beiden Sportarten und auch ein Teil der älteren Fußballfans war früher im alten Eishockeystadion an der Jahnstraße anzutreffen. Bei den Eishockeyfans wird unterschiedlich über den FC Ingolstadt 04 gedacht. Während die Älteren sich mit dem aufstrebenden Fußball angefreundet haben, positionierten sich die aktiven Fans deutlich gegen den Fusionsverein und deren Verantwortlichen. Wobei man hier hinzufügen muss, dass der von den ERC-Fans akzeptierte ESV Ingolstadt bereits in seiner Vergangenheit ebenfalls mehrfach fusionierte. Sicherlich liegt es schon sehr viele Jahre zurück, allerdings kann ich keinen Unterschied zwischen der damaligen und heutigen Fusion erkennen.

Stadionwelt: Was erwartest Du von der Zweitligasaison?
Wittmann: Bei einem Etat von 12 oder 13 Millionen Euro erwartet das Umfeld natürlich den vorzeitigen Klassenerhalt. Das Ingolstädter Publikum wurde in den letzten vier Jahren sportlich sehr verwöhnt, deshalb wird es interessant, wie es bei Misserfolgen reagieren wird. Bis auf die etablierten Neuzugänge Dreßler und Lokvenc und ein paar Jugendspielern, vertraut der Trainer auf das Aufstiegsteam. Ob dieses zweitligatauglich ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Fantechnisch wird sich sicherlich das kontinuierliche Wachsen des Zuschauerschnitts und der Fanszene fortsetzen, da der sportliche Erfolg viele Neugierige und junge Fans anzieht.

Stadionwelt: Mit welchen speziellen Erwartungen geht ihr in die Aufeinandertreffen mit so großen Vereinen wie speziell 1. FC Nürnberg und 1860 München?
Wittmann: Während man vor ein paar Jahren noch nach Aindling und Großbardorf fuhr, darf man nun nach München oder Nürnberg. Deshalb ist die Freude bei den Leuten auf die Auswärtsspiele natürlich groß. Gleichzeitig ist es für die Fans, den Verein und die Stadt eine Ehre wenn große Namen wie Nürnberg, Aachen oder Kaiserslautern in die „Fußballprovinz“ nach Ingolstadt kommen.

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Der FCI kehrt in dieser Saison ins ESV-Stadion zurück.
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Stadionwelt: Wie steht Ihr zum Umzug in das ESV-Stadion? Wo wird sich der Fanblock befinden und denkst Du, dass sich dort ein guter Stimmungskern entwickeln wird? Ist das ESV-Stadion für die Stimmungsentwicklung ein Fortschritt im Gegensatz zur Bezirkssportanlage Mitte?
Wittmann: Auf den Umzug ins ESV Stadion freuen sich nicht nur die Fans, sondern der Verein und die ganzen Sympathisanten des Vereins. Schließlich war das ESV-Stadion, der ehemalige Dr.-Grüb-Platz, 1972 Schauplatz der Olympischen Spiele und besitzt ein besonders Charisma. Vier internationale Begegnungen wurden im damals 15.000 Besucher fassenden ESV-Stadion ausgetragen. Für die älteren Fans bestehen nun auch mehr Sitzmöglichkeiten, da es im MTV-Stadion in letzter Zeit fast unmöglich war, eine Karte für die kleine Sitzplatztribüne zu erhalten. Da sich in der vergangenen Saison ein paar Gruppen gebildet haben, deren Standorte sich über das ganze alte Stadion verteilt hatten, besteht nun endlich im ESV-Stadion die Möglichkeit, im neuen Fanblock C1 gemeinsam die Mannschaft anzufeuern.

Stadionwelt: Wie sehen Deine Erwartungen bezüglich des neuen Stadions, dem Audi-Sportpark aus? Werden die Fans in die Pläne mit einbezogen?
Wittmann:Obwohl vor circa einem Monat der Stadtrat das neue Stadion nun definitiv genehmigt hat, lag die Fokussierung in den vergangenen Wochen beim ESV-Stadion, so dass die Pläne für das neue Stadion zumindest offiziell auf Eis lagen. Der Verein steht hier absolut in der Pflicht, die Fanbetreuung bei der Planung anzuhören beziehungsweise einzubinden. Da es beim jetzigen Stadionwechsel Zusagen von Seiten des Vereins in einigen Punkten wie Vorsängerpodest, Fahnenpässe oder auch Zaunbeflaggung gab, sehe ich das ganze positiv und hoffe, dass die realistischen Wünsche der Fans beim Stadionneubau berücksichtigt werden. (Stadionwelt, 04.07.08)

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Der Ingolstädter Fanblock beim letzten Heimspiel gegen Unterhaching.
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Mannschaft und Fans freuen sich über die geglückten Aufstieg in die zweite Liga.
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Die den letzten Jahren verzeichnete der FC Ingolstadt einen stetigen Anstieg der Zuschauerzahlen.
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Der FCI kehrt in dieser Saison ins ESV-Stadion zurück.
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