Wettbewerbsverzerrung und Attraktivitätsverlust – solauten die beiden Punkte, die man den Amateurvertretungen von DFL-Clubs vorwirft. Viele Fans würden sie am liebsten aus der Liga verbannen.
Mittwochabends im Ulrich-Haberland-Stadion: In der Oberliga Nordrhein besiegt Bayer Leverkusen (A) Yurdumspor Köln mit 3:2. Die Torschützen vor 150 Zuschauern: Hanno Balitsch und Jermaine Jones. Zwei Spieler, die schon das Trikot der Trikot der A- und der U21-Nationalelf trugen.
Dieses jüngste Beispiel ist nur eines von vielen, in denen Vereine der Regional- und Oberliga zum Opfer der Personalplanung der Bundesligaclubs wurden. In vielen Fällen „missbrauchen“ diese ihre Zweitvertretungen, um den in den Profispielen nicht eingesetzten Kickern Spielpraxis zu geben. So sehen sich manche Vereine übermächtigen Gegnern ausgesetzt, während die Konkurrenten in der Folgewoche gegen eine gänzlich andere Truppe antreten.
Doch das ist nur ein Kritikpunkt, denn wenn immer eine Amateur-Mannschaft zu Gast ist, sind nur in wenigen Ausnahmefällen Gästefans in dreistelliger Anzahl dabei. Zudem wirken die, die das „(A)“ im Namen führen, auch auf Heimfans wenig anziehend. Minuskulissen und Einnahmelöcher drohen. Dass den „echten“ Vereinen hierdurch Gelder fehlen, die es noch schwerer machen, der Liga zu entfliehen, offenbart die ganze Problematik manches Traditionsvereins, der Jahr für Jahr scheitert. Beispiel: Die Oberliga Bayern. Vier der ersten fünf Ränge der Abschlusstabelle 03/04 wurden durch die Amateure von 1860, Nürnberg, Fürth und Unterhaching belegt. Überhaupt ist in den letzten Jahren festzustellen, dass die Amateure zunehmend in die Regionalliga vordringen. Erste Fans haben bereits Überlegungen angestellt, wer eigentlich in die 2. Liga aufsteigen soll, wenn einmal alle 36 Regionalliga-Lizenzen an Zweitvertretungen vergeben sind.
Beginn einer neuen Kampagne?
Viele Fans nervt dieser Zustand seit langem und Proteste entstanden an vielen Orten, in denen dritt- oder viertklassig gekickt wird. So in Osnabrück, wo der Spielplan zunächst zwei Spiele gegen Amateurvertretungen vorsah. Dort gibt es inzwischen eine Zaunfahne, die klar deren Verbannung aus der dritten Liga fordert. Mehr noch: An der Bremer Brücke hegt man die Hoffnung, dass sich bald andere Fan-Gruppen anschließen. Benjamin Wischmeyer (23) von der „Violet Crew“: „Wir machen das jetzt erstmal hier in Osnabrück und haben die anderen informiert. Wir warten ab, ob sich weitere anschließen.“
„Wir würden da sofort wieder einsteigen“, sagt Peter Wingen (20), von „Schwarz-Weiße Religion“, dem größten Fanclub des Oberligisten Schwarz-Weiß Essen. Er und einige Mitstreiter hatten sich vor rund einem Jahr im Forum von vierte-liga.de zusammengefunden und die Initiative „Amateure ohne Profis“ gegründet. Diese ist inzwischen wieder eingeschlafen, denn damals glaubte man, seine Ziele erreicht zu haben. Peter Wingen: „Wir hatten einen großen Medienrummel und haben Gespräche beim DFB geführt und dort auch positive Signale erhalten.“ Geändert hat sich indes wenig.
Jugendförderung oder Altenpflege?
Aus der Sicht der Proficlubs macht die bisherige Regelung Sinn. Ihr Hauptargument: Für die Nachwuchsförderung sei es am besten, wenn der Jugend entwachsene Spieler sich gegen gestandene Regionalliga-Spieler behaupten können und nicht gegen jene Altersgenossen antreten, die sie schon seit der C-Jugend-Zeit kennen.
Um eben die Heranführung an die Spielstärke der Profis zu betonen, „tarnen“ einige Clubs ihre Zweitvertretungen, melden diese mit einer Ergänzung „U23“ oder „U21“ anstelle des mittlerweile negativ behafteten „Amateure“ – doch anders ist allein das Etikett. Dieses mag zwar eher für Nachwuchsförderung stehen, doch in den ersten Spielen der laufenden Saison spielte beim „1. FC Köln U23“ der schon 34-jährige Alexander Bade.
Helmut Schulte (47), der sportliche Leiter der Nachwuchsabteilung von Schalke 04, zu den Beschwerden der anderen Clubs: „Ich kann sie zu 100 Prozent verstehen, aber mir sitzt das Hemd näher als der Rock. Für uns ist die augenblickliche Regelung gut. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man schafft die Amateur-Mannschaften ab und stellt die Talente, die nicht sofort den Sprung in den Profi-Bereich schaffen, dem freien Markt zur Verfügung – oder man macht es so, wie es jetzt praktiziert wird.“ Eine klare Absage an das Modell einer DFL-internen Nachwuchsrunde.
Dabei ist gerade diese wieder in der Diskussion, um die Regionalliga aufzuwerten. Würde man, wie in England die U19 Premier League, immer um 11 Uhr auf den Nebenplätzen parallel zum Bundesliga-Spielplan antreten lassen, entstünden attraktive Doppelpaarungen, und für die Anstrengungen einer Anreise hätte der Fan gleich zwei Gelegenheiten, seinen Verein zu sehen. Eine Mitte der 90er Jahre eingerichtete Reserverunde (im Spielerjargon seinerzeit „Champions League“ genannt) mit Spieltermin Dienstags, 14 Uhr, wurde allerdings schnell wieder eingestampft.
Spätestens bis zur Einführung der Liga geht der Protest weiter und die Fans freuen sich über ungeahnte Unterstützung von offizieller Vereinsseite. Benjamin Wischmeyer: „Die Verantwortlichen beim VfL stehen voll hinter unseren Forderungen.“ (Stadionwelt, 01.09.2004)




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