Viele ältere Fußballfans schwärmen in Verbindung mit dem Begriff Regionalliga gerne von großen Spielen und packenden Derbys, die sie früher einmal dort erlebt haben. Das, was sich heute Regionalliga nennt, hat mit dem Ruhm vergangener Tage nicht mehr viel gemeinsam.
Seit Jahren fehlt in Deutschland ein schlüssiges Konzept für die dritthöchste Spielklasse. Waren es bis Mitte der 90er Jahre noch 11 Oberligen, aus denen sich die Meister über eine Aufstiegsrunde für die Zweite Liga qualifizieren mussten, folgten in den nächsten Jahren verschiedene Regionalliga-Modelle.
In einem ersten Schritt entstanden 1994 unter geographischen Gesichtspunkten vier neue Ligen. Sechs Jahre später folgte die bis heutige gültige Einteilung in lediglich zwei Regionalligen „Nord“ und „Süd“.
Die Zusammenführung hatte hauptsächlich zwei Ursachen. Zum einen erhofften sich die Verantwortlichen eine bessere Wirtschaftlichkeit durch eine Art „Dritte Bundesliga“, die mit attraktiven Vereinen und gesteigertem Fan-Aufkommen sowohl für eine Fernsehverwertung als auch in Folge dessen für Sponsoren interessant ist. Das zweite Ziel war eine sportliche Qualitätsverbesserung durch eine höhere Leistungsdichte bei nur noch zwei Ligen. Die gewünschte Nachwuchsförderung spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle.
Aufgrund sich verändernder geographischer Einteilungen und eines ständigen Wechsels von Mannschaften durch Auf- und Abstiege war es für Fans in der gesamten Zeit schwer, einen Bezug zur Regionalliga aufzubauen. Zwar gibt es hier und da einige Derbys, diese sind jedoch meistens ohne Glanz, da der Name lediglich aufgrund der räumlichen Nähe beider Vereine angebracht ist, sich wirkliche Beziehungen zwischen den Clubs, die oft nur die Nummer 2 in ihrer Stadt oder Region sind, aber nie entwickelt haben. Der Stellenwert der Liga ist aus Fansicht eng mit den teilnehmenden Mannschaften verbunden. Zwischen Attraktivität und Langeweile liegt oftmals nur eine Sommerpause.
In der Saison 03/04 war die Zahl der Clubs mit hohem Zuschauerinteresse insgesamt recht überschaubar. Auf mehr als 5.000 Besucher im Schnitt brachten es nur sieben Vereine: der FC St. Pauli, Eintracht Braunschweig, RW Essen, Dynamo Dresden, Sachsen Leipzig und der Wuppertaler SV in der Nord-, sowie der 1. FC Saarbrücken in der Süd-Liga.
In der Regionalliga Nord, die mit 1.474.455 Fans eine neue Bestmarke aufstellte, besuchten durchschnittlich 4.818 Fans die Spiele. Hier schönte die Statistik jedoch der FC St. Pauli. Die Hamburger konnten 17.375 Fans pro Spiel bei den Heimpartien begrüßen – das war besser als bei allen Zweitligisten.
Das Sorgenkind war jedoch die Süd-Liga. Insgesamt 674.441 Zuschauer bedeuteten einen Schnitt von 2.192 und gleichzeitig einen Einbruch um 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nicht einmal halb so viele Zuschauer wie im Norden kamen in die Stadien des Südens.
200 Zuschauer auf den Rängen
Die oftmals schwachen Besucher-Zahlen sind eindeutig zu begründen: Die Zahl der Zweitvertretungen von Profiteams hat in den vergangen Jahren deutlich zugenommen. Das Interesse an deren Spielen ist aber nachweislich äußerst gering. Im Norden belegten die fünf Amateurmannschaften in der Zuschauerstatistik die letzten fünf Plätze, und auch den vier Zweiten Mannschaften aus der Regionalliga Süd gelang es nicht, einen anderen Verein in der Publikumsgunst hinter sich zu lassen.
Zuschauerminusrekorde gab es unter anderem bei den Heimspielen der Amateure vom Hamburger SV, Borussia Dortmund und Werder Bremen zu vermelden. Gerade mal um die 200 Interessierte erinnerten doch mehr an Jugendspiele als an die dritthöchste deutsche Spielklasse.
Nationalspieler auf Torejagd
Es gab in der zurückliegenden Saison im Grunde kein zentrales Thema bei den Fans der Regionalliga-Mannschaften. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Szenen, zu unterschiedlich die lokalen Begebenheiten. Die ablehnende Haltung gegenüber den Amateuren ist jedoch verbindendes Element. In einer Umfrage auf der offiziellen Seite www.regional-liga.de sprachen sich von 18.500 Teilnehmern mehr als 75 Prozent für eine Liga ohne Amateurteams aus.
In der fehlenden Zuschauerresonanz liegt jedoch nicht der einzige Grund für die Verärgerung. Besonders der Einsatz von Spielern aus den Profi-Mannschaften sorgt immer wieder für Unruhe. Da Spieler, die dort gerade nicht benötigt werden oder nach einer Verletzung Spielpraxis sammeln sollen, nur hin und wieder eingesetzt werden, kann nur noch bedingt von einem sportlich fairen Wettbewerb gesprochen werden. So kommt es vor, dass die Amateur-Mannschaften von Spieltag zu Spieltag mit unterschiedlichen Mannschaften und daher auch unterschiedlicher Leistungsstärke auflaufen. Die Liste der Bundesliga-Spieler, die mal für ein oder zwei Begegnungen in der Regional- oder Oberliga zum Einsatz kamen, ist lang. Ob Sforza, Ricken, Herrlich, Scholl oder Nowotny – Pech hatten in der Regel die Vereine, gegen die diese Spieler aufgestellt wurden. „Für mich ist der Einsatz von Profis Wettbewerbsverzerrung. Dass Lincoln hier aufläuft, ist ein Skandal“, beschwerte sich Offenbachs Vizepräsident Thomas Kalt nach dem 2:2 seiner Kickers bei den Amateuren des 1. FC Kaiserslautern, die zu diesem Zeitpunkt auf dem letzten Platz der Tabelle standen. Ähnlich sieht es der Geschäftsführer des Süd-Ligisten TSG Hoffenheim Dag Heydecker: „Diese Liga ist doch mit dem Einsatz der Profis inzwischen zu einer Operetten-Liga verkommen.“
„Amateure ohne Profis“
Auf Seiten des DFB wird das noch anders gesehen. Von einer „spielerischen Bereicherung“ durch die Zweitvertretungen spricht DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle; DFB-Sprecher Harald Stenger nannte den Einsatz von jungen Profis eine sinnvolle Maßnahme, um die Spieler für die WM 2006 aufzubauen.
Wenig Zustimmung gibt es für diese Ansicht von Fans und Vereinsvertretern der anderen Mannschaften. Doch trotz großer Unzufriedenheit über die Amateurteams fanden bisher nur einmal koordinierte Aktionen statt. In der Saison 2002/03 starten Nutzer verschiedener Internetforen die Initiative „Amateure ohne Profis“. Der Schwerpunkt lag dabei in Nordrhein-Westfalen. Auf einer Internetseite der Kampagne unterzeichneten mehr als 8.000 Fans eine Resolution gegen den Einsatz von Profispielern in den Amateurligen.
Zudem fanden Aktionen in den Stadien statt, unter anderem in Essen, Düsseldorf, Wuppertal und Osnabrück. An der Bremer Brücke entrollten die Fans vor dem Spiel gegen Borussia Dortmunds Amateure ein Transparent mit der Aufschrift „Tradition statt Amateure“. Dazu wurden Doppelhalter mit den Vereinslogos von Dynamo Dresden, RW Essen und dem VfL Osnabrück in die Höhe gehalten.
„Würden wir heute noch einmal so eine Kampagne organisieren, könnte deutlich mehr erreicht werden. Die Fans sind mittlerweile viel besser organisiert, allein schon wegen der neu gegründeten Dachverbände“, erklärt Andreas Wirtz, einer der Mitbegründer der Aktion. Während in den Stadien Protestspruchbänder entrollt wurden, stieg auch das Interesse der Presse.
Es gab Berichte in verschiedenen Tageszeitungen und auch der WDR nahm das Thema auf. Für das ganz große Aufsehen sorgte die Kampagne zwar nicht, aber der DFB nahm trotzdem Notiz von den Aktionen. „In einem Gespräch wurde mir durch einen DFB-Vertreter zugesichert, dass nach einer Lösung gesucht werde, die Situation ab der Saison 2005/2006 zu verbessern. Insbesondere die Zeit zwischen einem Einsatz in beiden Mannschaften solle besser überwacht werden“, erinnert sich Wirtz.
Noch mehr Amateure
Knapp zwei Jahre nach den Protesten ist die Situation so schlecht wie nie zuvor. Die Zahl der Zweitvertretungen in der Regionalliga Nord ist seit 2001 von zwei auf sieben gestiegen. Und trotz aller Unzufriedenheit sind die Proteste abgeflaut. Viele Fans sind nur eine Zeit lang aktiv gewesen. Hinzu kommt, dass sich die großen Fanszenen, die weitestgehend in der Ersten und Zweiten Bundesliga zuhause sind, dieses Themas nicht angenommen haben. Und auch bei Vereinen, denen der Aufstieg aus der Regionalliga gelingt, verschwindet das Thema schnell von der Tagesordnung. „Ein weiteres Problem lag darin, dass von den Vereinen so wenig kam. Viele haben Angst vor dem DFB und scheuen eine klare Aussage. Unterstützung von Vereinsseite bekamen wir in erster Linie aus Wuppertal, Essen und Dresden“, bemängelt Wirtz das fehlende Engagement.
In der Regionalliga Nord spielen in der kommenden Saison so viele Amateur-Teams wie nie zuvor. Mit Essen und Dresden gingen zwei Zuschauermagneten verloren, die durch den VfB Lübeck, Union Berlin, den VfL Osnabrück und Fortuna Düsseldorf ersetzt werden dürften. Die Südliga bleibt mit vier Amateurteams unverändert, die zwei Teams mit dem höchsten Zuschauerschnitt haben die Liga verlassen, aus der Oberliga rückt lediglich Darmstadt nach. Die Zukunft der Regionalliga, in der ein Großteil der Vereine ums wirtschaftliche Überleben kämpft, wird auch davon abhängen, ob eine Regelung hinsichtlich der Amateurmannschaften gefunden wird. Noch immer hat die Liga hat ein bescheidenens Image, obwohl sich dort interessante Stadien und Fanszenen finden. Weitere warten in den Oberligen auf ihr Comeback, doch auch dort sitzen zahlreiche Amateur-Mannschaften in den Startlöchern.
Für Fußballfans bietet die Regionalliga ein paar mehr Freiräume, die in den Stadien der Ersten und Zweiten Bundesliga nicht zu finden sind. Das ist eine durchaus attraktive Option bei der Gestaltung eigener Aktionen. Dies liegt auch daran, dass die Vereine in dieser Liga deutlich mehr auf die Zuschauereinnahmen angewiesen sind, als es in höheren Klassen der Fall ist.
Viele Traditionklubs haben in den letzten Jahren nur aufgrund der Unterstützung ihrer Anhänger überleben können. St. Pauli, Essen und Union sind dabei nur einige von vielen. Ewig ist dieser Bonus jedoch nicht auzureizen. Mittlerweile belegen die Amateurclubs elf von 36 Plätzen in der Regionalliga. Die Gefahr besteht, dass den anderen irgendwann die Luft zum Atmen genommen wird. (Stadionwelt, 01.08.2004)




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