2003/04 wurde in der Bundesliga protestiert, demonstriert, interveniert – fast überall, fast zu jedem Zeitpunkt der Saison. Und dies in einem Ausmaß, das inflationär erscheint.
Fußball ist ein Spiel von Gesetzmäßigkeiten. So wie manche Spieler sich ein Familienfoto unter den Stutzen schieben oder Fans nur dann die Spieltags-Kleidung wechseln, wenn in den alten Klamotten verloren wurde, so sehr hat es sich in der vergangenen Saison etabliert, die Unzufriedenheit über die Trefferquote der eigenen Stürmer oder die Zweikampfbilanz der Lieblingself möglichst plakativ zum Ausdruck zu bringen. Überspitzt formuliert: Zwei mal verloren … und schon wird die Abfahrt des Mannschaftsbusses verhindert – einerseits!
Ob bei Protesten gegen die Funktionäre …
Andererseits gab und gibt es auch eine Reihe von „fanpolitischen“ Themen, welche den (berechtigten) Widerspruch, in manchen Punkten sogar den Widerstand der Fans provozierten. Die beiden Fälle mit der größten Tragweite spielten sich schon vor der Saison ab:
In Hannover gingen die Fans auf die Barrikaden, um gegen die drastische Erhöhung der Kartenpreise zu demonstrieren und in München konnten die Anhänger, denen der FC Bayern aufgrund von „Meinungsverschiedenheiten“ keine Dauerkarten verkaufen wollte, auf eine bundesweite Solidarität anderer Fans und die Unterstützung fast aller überregionalen Medien zählen. Bei 96 wie auch beim FCB erzielte man eine Einigung, denn alsbald wurden die Preise gesenkt und kollektive Aussperrung aufgehoben.
Hinzu kommen eine Reihe schwelender Konflikte, die in regelmäßigen Abständen immer wieder thematisiert und aufgrund einer inzwischen eingetretenen Alltäglichkeit eben so schnell wieder aus dem Blickpunkt verschwinden: „Montagsspiele“ heißt hier das Schlagwort. Auch gegen einzelne Stadionverbote oder das Finanzgebaren anderer Vereine (bevorzugter Adressat: Schalkes Manager Rudi Assauer) wird protestiert.
Doch für die Themen abseits des Platzes scheint man sich erst in den letzten Jahren zu interessieren. Es mag ein Zeichen einer gewachsenen Mündigkeit der Fans sein, wenn es eine größere Bandbreite an Punkten gibt, in die man sich einmischen möchte. Ihr Motto lautet: „Wir sind nicht nur das folkloristische Beiwerk des Events. Wir mischen uns in das Schicksal unseres Vereins ein!“
Die vor derartigen Hintergründen organisierten Demonstrationen finden deshalb oftmals in größerem und organisierterem Rahmen als jene statt, deren Auslöser eine schlecht spielende Mannschaft ist. Die viel versprechende gemeinsame bundesweite Aktion „In dubio pro Fans“ in der abgelaufenen Saison zeigte dies. Die Unterstützung durch viele größere Fan-Projekte oder Dachverbände bleibt allerdings eher die Ausnahme, da diese in der Regel eng mit dem Verein kooperieren und eine entsprechend diplomatische Position einnehmen.
Je nach Thematik und Zeitpunkt der Saison ziehen die Aktionen eine höchst unterschiedliche Resonanz nach sich. Bestimmte die Dauerkartenproblematik in München mehr als nur ein paar Tage die Schlagzeilen, so ist manches Spruchband auf dem Heimweg wieder vergessen. Was in den Fan-Foren, Vereinskneipen und Medien durchaus häufiger diskutiert wird, was weitaus häufiger einen Protest nach sich zieht, ist und bleibt die sportliche Leistung.
… oder bei Protesten gegen die eigenen Spieler …
Ein Blick zurück: Schon Mitte der 80er haben die Fans in Nürnberg oder Mönchengladbach Blöcke geräumt. „Keine Leistung – keine Fans“ waren damals die Schlagworte auf den Transparenten. Am 29. Spieltag der Saison 1987/88 entstand bei einer 1:3-Niederlage des Tabellenletzten Schalke 04 beim Tabellenvorletzten FC Homburg der immer wieder gebrauchte Schlachtruf „Wir sind Schalker und ihr nicht!“ – seit damals von allen anderen mit dem Namen ihres Vereins übernommen.
Mit der immer stärker zunehmenden Bereitschaft, Fan-Unmut kundzutun, wuchs parallel dazu auch das Repertoire und die Schärfe der Aussagen: Von „Wir ham’ die Schnauze voll!“ über „Scheiß Millionäre“ bis hin zu „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot!“ Die Gesänge, wie auch die Bereitschaft zum Protest an sich verbreiteten und verbreiten sich lawinenartig über das Land.
Doch oftmals ist der Ärger, der sich über die Leistung während des Spiels aufgestaut hat, in den Stunden nach dem Spiel wieder verflogen. Es mag Teil einer generellen Fan-Mentalität sein, schnell zu verzeihen und den Schalter auf „Unterstützung“ umschalten zu können. Nicht selten beginnen so die Gespräche Fan/Spieler mit ein paar schnell formulierten Vorwürfen, setzen sich mit dem Lippenbekenntnis, es demnächst besser zu machen, fort und enden binnen Minuten in Schulterklopferei und mit einer improvisierten Autogrammstunde.
… die Medien greifen es gerne auf …
In jedem Falle gilt aber eines: Proteste liefern den Medien gute, ausdrucksstarke Bilder, erleichtern ihnen zudem immens ihre redaktionelle Arbeit. Bei einer Berichterstattung, in der Randgeschichten ebenso wichtig wie die Ergebnisse sind, bietet es sich immer an, wenn man zeigen kann, wie im Vordergrund Fans auf dem Boden hocken, im Hintergrund ein Mannschaftsbus in die Höhe ragt und dazwischen ein paar gelangweilte, frustrierte oder diskutierende Spieler in eleganten Clubanzügen stehen. Der allgemeine Eindruck einer zehntausendfach rebellierenden Fan-Gemeinde ist somit auch dann etabliert, wenn sich nur 20 Leute um den Bus versammelt hatten. Die Wahrheit der Medien ist nicht immer die der Fans.
Der Vorwurf an die Protestierenden, das alles nur aus einer gewissen „Mediengeilheit“ heraus zu organisieren, ist da schnell formuliert, denn sie haben die Möglichkeit, Randerscheinungen zum Skandal zu machen. Und wenn die Medien wiederum Szenen einfangen können wie die, in denen ein Frankfurter Fan in Wolfsburg das von Guie-Mien in die Menge geworfenen Trikot zurückschmeißt, dann werden diese im Fernsehen gleich dutzendweise wiederholt. Spielen Fans und Medien sich also gegenseitig in die Hände? Transportieren die Medien nur eine Geltungssucht? Oder anders gefragt: Instrumentalisieren sich Fans mit ihren Protesten für die Medien?
„Wir wollten die Medien nicht. Wir haben das nicht für die gemacht und so geht es sicher allen, die irgendwo protestieren!“ Jens Volke (32) vom Fanclub „The Unity“ erinnert sich an die Sitzblockade der Fans von Borussia Dortmund beim Spiel in Stuttgart: „Wir haben dort mit 150 Fans protestiert und versucht, die Kameras abzudrängen, was aber nicht so richtig geklappt hat.“ Als einer der ersten Proteste der Saison, zudem als einer der in der Presse breite Beachtung fand, hatte er eine durchaus „ermutigende“ Wirkung für die Fans vieler anderer Vereine, diese Form der Meinungsäußerung zu wählen.
… mit manchmal ungewollte Nebenwirkungen.
Durch anwesende Journalisten erhält so manche Missfallenskundgebung auch eine gewisse Eigendynamik. So wie im Falle der Fans des Hamburger SV, die mit Nico-Jan Hoogma nach dem Heimspiel gegen Borussia Dortmund diskutieren wollten. Jojo Liebnau (22) von HSV-Fanclub „Chosen Few“ erklärt: „Keiner von den Fans hat ihn berührt, er wurde aber plötzlich von fünf Ordnern weg gezogen. Die Zeitungen standen daneben und dann war am nächsten Tag zu lesen: ‚Hoogma von HSV-Hooligans attackiert’ und er selber sprach von ‚Todesangst’, wodurch er noch Öl ins Feuer geschüttet hat.“ Was folgte war ein Schulterschluss zwischen den Fans und dem HSV-Vorstand. „Der Vorstand schaltete sich ein, weil die Geschichte auf kleiner Flamme gekocht werden sollte. Wir haben da natürlich zugestimmt, weil es ja letztendlich um den Verein geht“, so Liebnau.
Zugleich mag es für jede Gruppe, die einen Protest organisiert, eine starke innere Wirkung geben: Man demonstriert und stärkt den Zusammenhalt, etabliert die Fan-Gemeinschaft, indem man sein gemeinsames Interesse kundgibt. Immerhin: Heute haben sich, im Vergleich zu früheren Jahren, viele Gruppen den Einfluss auf die Szene erarbeitet, um Proteste überhaupt erst organisieren und durchsetzen zu können und um andere Fans zum Mitmachen zu bewegen. Dabei ist es sicher nicht leicht, diejenigen, die nur zwei Mal im Jahr zum Spiel kommen können, zu überzeugen, dies auch noch draußen vor dem Block zu verbringen.
Unabhängig davon, ob es um die Arbeit der Spieler oder um die Vorhaben der Funktionäre geht, bleiben Fragen: Gibt es so viele Missstände, gegen die es sich anzugehen lohnt? Oder ist das Thema zweitrangig und nur der Protest um des Selbstzwecks Willens wichtig?
Es gab viele Busblockaden, geräumte Blöcke und Spruchbänder. Aber vielleicht ist es immer noch die einfachste Form des Protests, wenn das ganze Stadion pfeift. (Stadionwelt, 01.08.2004)




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