Nach der Saison ist vor der Saison

Faszination Fankurve 01.08.2004 0 Kommentare

Im Sommer 2004 befindet sich die deutsche Fanszene im Wandel. Im Bestreben mehr Mitspracherecht zu erhalten, werden Dachorganisationen gebildet. Die Supporter-Vereinigungen treten mit den Klubs in einen konstruktiven Dialog.

Die 1. Bundesliga stellte einen neuen Zuschauerrekord auf – sie „boomt“ Die Zweite Liga wird ebenfalls ein Rekordjahr erleben. Zu verdanken hat Deutschland dieses Vergnügen dem Zuschlag für die WM 2006; ohne den FIFA-Auftrag für das Weltevent stünde mancherorts noch die triste Schüssel, wo jetzt der Stadion-Stimulus für Euphorie sorgt. Die neue deutsche Stadionlandschaft entfaltet offenbar eine magische Anziehungskraft.

Der Boom an sich ist nur insofern ein Fan-Thema, als sich die alte Stammkundschaft der Vereine in einem veränderten Umfeld wieder findet. Gälte es ein „Fan-Wort der Saison“ zu küren, stünden „Kommerzialisierung“ sowie auch die „Polizei- und Ordner-Willkür“ ganz oben auf der Liste. Der vermeintliche „Kommerz“ wird sicher etwas pauschalierend angeprangert – ohne Vermarktung ist schließlich kein Profi-Sport möglich. Wie das in einzelnen Fällen geschieht, könnte aber sehr wohl ein Punkt sein, bei dem die Fans konstruktiv in die Diskussion einsteigen. Auf der anderen Seite wären die Marketing-Experten gut beraten, sich eingehender mit Fan-Themen und -Sichtweisen zu befassen.

Die Willkür-Debatte könnte vielleicht weniger hitzig geführt werden, wenn seitens der Ordnungskräfte ein besseres Verständnis fantypischer Verhaltensweisen vorläge. Ein mitunter provokantes Auftreten der Fans, und sei es nur von einzelnen, ist jedoch auch in der Lage, die Bereitschaft zum Dialog deutlich zu reduzieren.

Aber es gibt differenzierte Auseinandersetzungen und durchaus ernsthaft geführte Argumentationen in diesen Dingen, darüber darf der Stammtisch nicht hinwegtäuschen.

Der drohende Werteverlust durch den Übergang des Fußballs in einen von marktwirtschaftlichem Denken und Handeln geprägten Wirtschaftszweig mit seinen Begleiterscheinungen ist und bleibt schließlich zentraler Faktor aller Konflikte, die dem aktiven, engagierten Fan in der heutigen Zeit auf der Seele liegen.

Konflikte mit Ordnungskräften mögen dem Außenstehenden profan erscheinen, leiten jedoch zu tiefer greifenden Missständen oder politischen Versäumnissen über. Wo Jugendliche in Scharen den Glauben an den Rechtsstaat verlieren, besteht in jedem Falle Handlungsbedarf.

Fan-Fußball-Deutschland mag aber nicht jammern, sondern erschließt mit großem Engagement Wege, Frust-Potenzial in positive Energie umzuleiten.

Ein sich in der Saison 2003/2004 weiter manifestierender Trend ist der zum Zusammenschluss. Die Fans streben danach, die verschiedenen Strömungen in ihren Gruppen zu kanalisieren und erreichen nicht selten den Konsens mit ihrem Verein bis hin zur geregelten Zusammenarbeit. Hier wird der Anspruch erfüllt, nicht als Beiwerk der Fußballveranstaltung zu posieren, sondern als mündiger Anhänger des Vereins aktiver eingebunden zu werden.

Ultras etabliert
Vor mehr oder weniger zehn Jahren gab es kaum noch lebendige, innovative Fankultur in Deutschland. Die großen traditionellen Fan-Clubs, die über lange Jahre das Bild der Kurven geprägt hatten, waren schlicht überaltert und lebten in Erinnerungen an legendäre Fahrten.

Mitte der 90er Jahre kamen durch die Ultras nach italienischem Vorbild Farbe und neue Gesänge in die Kurven, die sich in einigen Fällen spalteten. Der Großteil der Fans empfand den neuen Stil als übertrieben, das Auftreten der Ultras als arrogant. Die Vereine wussten ebenfalls nicht recht mit der neuen Subkultur in ihrem Stadion umzugehen, bei den Sicherheitskräften waren die „Rebellen“ ebenso schnell wie missverständlich als Gewalttäter abgestempelt.

Die erste deutsche Ultra-Generation ist mittlerweile selbst im gesetzteren Fan-Alter. Jugendlicher Aktivismus hat sich zu konstruktivem, verantwortungsbewusstem Handeln gewandelt. Die Pioniere können nun schon auf eigene Tradition zurückblicken, die Fanaktionen werden substanzieller. Den Anhängern wird seitens der Vereine mehr und mehr Anerkennung und Respekt gezollt. Gerade in der letzten Saison haben zahlreiche Fankurven mit den Ultras oder Supporter-Gruppen als treibende Kräfte imponierende Huldigungen in Form riesiger Choreografien realisiert. Ein vor laufenden Kameras vor Ergriffenheit heulender „Kult-Physio“ Herrmann Rieger in Hamburg, eine 100-Jahre-Choreo der Schalker, Derby-Choreos der Kölner oder Aktionen der Stuttgarter, die wegen der gelungenen Werbung für die Stadt und den Verein Eingang in die offiziellen Jahrbücher und Marketing-Prospekte fanden, die Mönchengladbacher, die mit Aktionen auf vier Tribünen der Abschiedszeremonie „Bye, Bye, Bökelberg“ die Kulisse bereiteten – all dies Beispiele für eine Entwicklung, die sich immer nachhaltiger manifestiert. Die Fans erarbeiten sich das Vertrauen der Vereine, werden zur Durchführung der Spektakel nach Bedarf ausgestattet mit Arbeitsausweisen für den Innenraum, wie zum Beispiel Köln, Frankfurt, Stuttgart oder Karlsruhe der Fall und erhalten auch anderweitige Privilegien.

Freiwillige Selbstkontrolle
Die Gegenseitigkeit, das partnerschaftliche Geben und Nehmen, ist ein klarer Trend und sollte nicht als scheinheiliger Kompromiss verstanden werden. Der mittlerweile fast überall seitens der Gruppen – bei Heimspielen auf jeden Fall – konsequent in den eigenen Reihen durchgesetzte Verzicht auf Pyrotechnik basiert zumeist tatsächlich auf einem Verständnis der Position des Vereins. In dem Wissen, dass dieser Strafen zu entrichten hat, wenn Ordnungswidrigkeiten jeglicher Art zu verzeichnen sind. Ohnehin ist das Abbrennen von „Sinnlos-Pyro“ etwa in der Ausprägung schwarzer Rauchsäulen vor dem Hintergrund eines Nachthimmels mittlerweile verpönt. Es fallen fast nur noch „Einzeltäter“ durch solche Aktionen auf – es sind sogar „Fans“ bekannt, die fremde Stadien aufsuchen, nur um dort zu zündeln, aber keine Kontakte zur dortigen Szene haben. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Anti-Pyro-Kampagne von DFB und DFL eigentlich hinfällig, sofern sie sich an die aktive Fanszene der Ersten Liga und Zweiten Liga richtet.
Dass es üblich ist, mit demonstrativ zur Schau getragenen Emotionen auf den Zaun zu steigen, daran haben sich die Verantwortlichen längst gewöhnt. Wer hierin noch eine Bedrohung sieht, unterliegt einer Fehleinschätzung.

Dass die Vereine als Ausrichter von Großveranstaltungen aber selbst auf schmalstem Grad wandeln, ist wiederum nicht jedem Fan bewusst. Für jeden Schatten, der droht, einen frei zu haltenden Fluchtweg zu versperren, haben die Aufsichtsbehörden ein Bußgeld im Katalog. Auch Fans hinter Gittern und Netzen sind in den seltensten Fällen eine Idee der Vereine. Denen liegt manchmal viel mehr am originären Fußball-Erlebnis, als sie zugeben oder zulassen dürfen.

Mit der Sektorentrennung – man darf sich nicht mehr frei im Stadion bewegen, sondern hat in dem Sektor zu bleiben, für den man die Karte besitzt – machten viele Fans in der vergangenen Saison das erste Mal Bekanntschaft. Hieran wird man sich, so man denn ein WM-Stadion besucht, gewöhnen müssen, wie auch an veränderte Eingangssituationen mit Drehkreuzen und Chip-Karten, wie sich etwa in Gelsenkirchen und Kaiserslautern bereits im Einsatz befinden. Die Maßnahmen mögen überzogen und praxisfremd erscheinen, zumal die Bauweise der Stadien ohnehin gegenüber früher deutlich verändert ist, an einer Eindämmung von potenzieller Gewalt im Stadion gehen sie im Grunde auch vorbei. Die Spielstätten sind, was mittlerweile allgemein bekannt ist, mit Überwachungskameras übersät. Wer ins Stadion kommt, um Böses zu tun, hat schlechte Karten, denn die Überwachung beginnt oft schon an der Bahnhaltestelle und zieht sich bis in den Block. Die Taktik der Polizei in Kooperation mit den Vereinen greift meist auch schon weit vor dem Stadion, rivalisierende Gruppen treffen im Umfeld von Fußballspielen selten überhaupt noch aufeinander.

In der nächsten Saison darf man auchwieder auf die Leistung der Ordnungskräfte gespannt sein. Welcher Arbeitgeber sucht nicht händeringend nach qualifiziertem Personal. Und wer als Security-Unternehmer Jobs ausschreibt, hat es selbstverständlich nicht leicht. Es mag zu viel verlangt sein, denen, die am Ende der Befehlskette stehen, Intensivkurse in sozialer Kompetenz angedeihen zu lassen, aber es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft mehr Wert auf Schulungen des Personals gelegt wird, das letztendlich ja auch der Verein repräsentiert. Fußballfans sind und werden nie pflegeleicht sein, aber bei einer Deeskalations-Strategie verflüchtigt sich jede Aggression: Ohne Gegner kein Stress. Diese Strategie wurde bei der EURO 2004 erfolgreich umgesetzt.

Die Stimmung, die beim Fußball als Hauptattraktion gelten kann, breitete sich von jeher aus der Stehkurve im Stadion aus. Deutschland kann sich glücklich schätzen, nicht flächendeckend „versitzplatzt“ worden zu sein. Die Vereine planen auch heute noch mit enormen Stehplatzkontingenten, vielerorts nur gehemmt durch die Bauaufsicht. Mit den neuen Stadien – die Vermarktung der Namensrechte erzeugt allerdings nirgends ein positives Echo – erhalten Fans, die bislang in weitläufigen Kurven verschwanden, neue Bühnen im Geschehen, das sie mehr und mehr selbst prägen.

Auch hier hat sich 2003/2004 ein Trend aus der Ultra-Szene durchgesetzt: Zur Inszenierung gehört das Megafon. Mittlerweile verfügt fast jede große Kurve sogar über eine fest installierte Lautsprecheranlage, um der Tribüne die Gesänge vorzugeben. Abgeschaut hat man sich das in Italien, wo in den Kurven tatsächlich Tausende singende Tifosi zu koordinieren sind. Hierzulande wird heftig über Sinn und Zweck der Beschallung diskutiert. Traditionalisten, die mit den meisten Ausprägungen der Ultra-Kultur nichts anfangen können und den englischen Stil bevorzugen, vertrauen auf die Kraft ihrer Kehlen, andere fühlen sich von den Ultras bevormundet, genügend andere sind irgendwie immer dagegen. Fakt ist: Fällt einmal das Mikro aus, herrscht ohne die Vorgaben des Animateurs vielerorts betretenes Schweigen.

Stärkster Trend der vergangenen und auch der nächsten Saison ist das Bestreben der aktiven Fans, gewonnenen Einfluss zu untermauern und auf eine feste Basis zu stellen. In diesem Sinne werden in vielen Städten Dachorganisationen gegründet. Karlsruhe hat dies mit dem Supporters Club schon eine Weile vorgelebt, vergangene Saison entstand in Hannover die „Rote Kurve“, auch Wolfsburg gründete einen Supporters Club. Ähnliche Modelle sind unter anderem auch in Dortmund, Leverkusen und Stuttgart im Gespräch.

Der Kern der aktiven Szene konsolidiert sich durch quantitative Reduzierung – dies soll die Qualität gewährleisten. In der Vergangenheit machten viele Gruppen „auf Masse“, gewannen Mitglieder, die jedoch auswärts keine Präsenz und auch bei Heimspielen kein Engagement zeigten. Viele Kurven sind in Gruppen zersplittert, die ihren eigenen „Style“ verwirklichen wollen, aber dennoch am Erreichen gemeinsamer Ziele stark interessiert sind. Die Dachmarke schafft Identifikation auch für die vielen Individualisten, Sympathisanten und passiv fördernde Mitglieder.

Es wird sogar eine bewusste Kommerzialisierung der Kurve angestrebt. Durch den Verkauf von Schals, Shirts, Postern und einer ansehnlichen Palette an Fan-Merchandising-Artikeln lässt sich Geld für Aktionen anhäufen. Auch in Eigenregie organisierte Auswärtsfahrten sind in anderen Dimensionen als bisher möglich. In der nächsten Saison wird es bei mehr Vereinen als bisher Auswärts-Dauerkarten geben. Hiermit reagiert man auf konkrete Ansprüche der treuesten Anhänger.

Ein großes Wir-Gefühl?
Das Bestreben hinter all diesem Engagement gilt der Erfüllung einer Sehnsucht, das Schicksal des Vereins mit zu tragen und das Wir-Gefühl zurück zu gewinnen. Ein Blick auf die Identität der Clubs, die Suche nach dem, was sie im Innersten zusammenhält, führt zurück zu den Anhängern als Konstante, wenn nicht sogar Essenz. Und möglicher Weise hat eine Entwicklung eingesetzt, in der die Vereine durch ihre Fans tatsächlich Identität zurück gewinnen, spüren, dass eine Wiederbelebung von den Wurzeln her sogar die Marke stärkt.
Seitens der Fans gilt es, Vertrauen zu rechtfertigen und Verantwortungsbewusstein an den Tag zu legen. Vielleicht bringt es Erfolg, mehr Kompetenz in ihre Hände zu legen. In vielen Städten ist man schon auf einem sehr viel versprechenden Weg. (Stadionwelt, 01.08.2004)

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