Zwischen Baukran und Fanblock

Faszination Fankurve 01.08.2004 0 Kommentare

Viele Jahre hatte sich in der Bundesliga nicht viel getan. Ob Niedersachsen-, Park- oder Olympiastadion, die Gesichter der Spielstätten waren bekannt und änderten sich kaum. Hier einmal eine neue Anzeigetafel, dort ein paar neue Sitzplatzschalen, grundlegende Um- und Neubauten waren jedoch lange eine Seltenheit.

Ab Ende der Neunziger Jahre änderte sich das jedoch schlagartig. Im Juni 1998 begann Hamburg mit dem schrittweisen Abriss des maroden Volksparkstadions und der zeitgleichen Errichtung der AOL Arena. Aus der vielerorts langwierigen Diskussion über mögliche Modelle und Konzepte verabschiedet sich nur wenig später der FC Schalke 04 mit Baubeginn der Arena. Die Errichtung des multifunktional nutzbaren Fußballstadions, das erste in Deutschland mit verschließbarem Dach, manifestierte den Wandel der Ansprüche an eine zeitgemäße Spielstätte endgültig. Komplett überdachte Ränge, Logen und Business-Räume gehören seitdem ebenso zum gewünschten Standard wie ein umfangreiches Catering-Angebot in den Zuschauerbereichen. Bis auf wenige Ausnahmen haben zudem die Leichtathletik-Bahnen ausgedient, stattdessen befinden sich die Tribünen nun in unmittelbarer Nähe zum Spielfeld.

Umbau während des Spielbetriebs
In der vergangenen Saison beherrschte der Bau-Boom weite Teile der Bundesliga. Während die Fans in Mönchengladbach und München die Fortschritte ihrer künftigen Arenen, die an komplett neuer Stelle errichtet werden, lediglich am Rande verfolgen konnten, erlebten die Fans in Köln, Frankfurt, Dortmund, Hannover, Berlin, Bremen, Kaiserslautern und Stuttgart von Woche für Woche die Veränderungen in und an ihrem Stadion hautnah mit. Für alle Beteiligten war das nicht immer leicht. Bauleitung, Polizei und Vereine mussten sich im Zwei-Wochen-Takt darauf einstellen, dass mehrere zehntausend Menschen über die Baustelle laufen. Der Spielplan bestimmte die Bauphasen und mit Hilfe von Zäunen mussten gefährliche Stellen abgesichert und Zuwege geschaffen werden. Durch die Orientierung an Spieltermine stieg zudem der zeitliche und finanzielle Aufwand für den Umbau.

Glück mit dem Wetter
Aber auch für die Zuschauer war diese Zeit mit Abstrichen verbunden. Fans mussten ihre angestammten Plätze und Kurven verlassen, während die neuen Tribünen Stück für Stück errichtet wurden. Die Kapazität in Frankfurt und Hannover lag zeitweise nur knapp über 20.000, unüberdacht wohlgemerkt. „In der ganzen Saison hat es während der der Spiele nicht einmal geregnet. Wir haben Glück gehabt“, erinnert sich Ralf Schnitzmeier, Sprecher der Geschäftsführung von Hannover 96.

Trotz vorrübergehender Einschränkungen überwiegt die Vorfreude auf die künftigen Arenen. Die Internetseiten, die den Umbau dokumentieren, verzeichnen hohe Zugriffszahlen und Stadionführungen haben Hochkonjunktur.

Steigende Zuschauerzahlen
Obwohl noch längst nicht alle Bauprojekte fertiggestellt sind, feierte die Bundesliga in der vergangenen Saison einen Zuschauerboom, mehr als 10 Millionen Besucher kamen in die Stadien. Großen Anteil hatte daran der Hamburger Sportverein, der im Schnitt 48.181 Besucher in der AOL-Arena begrüßen konnte. In der letzten Saison, vor dem Umbau verzeichnete der HSV lediglich rund 32.000 Besucher pro Spiel, rund 16.000 weniger im Schnitt bei nahezu gleicher Platzierung.

Ähnlich positive Zahlen vermeldet der 1. FC Köln, den trotz schwacher Saison und eines sich frühzeitig abzeichnenden Abstiegs über 40.000 Zuschauer pro Spiel im RheinEnergieStadion unterstützen, und das, obwohl in der Hinrunde noch nicht mal die volle Kapazität zur Verfügung stand. In der letzten Saison vor dem Umbau waren es 34.251 gewesen.

Stadien mittlerer Größe gefragt
Neben den vielen großen Arenen, von denen die meisten in zwei Jahren Austragungsort der WM 2006 sein werden, gibt es auch viele kleinere Bauprojekte, die in der Regel zwischen 20.000 und 30.000 Plätzen liegen. Während in Duisburg gebaut wird, sind solche Stadien unter anderem in Magdeburg, Dresden, Darmstadt und Essen in der Planung.

Der Um- oder Neubau eines Stadions wird nicht selten von der Hoffnung begleitet, mit einer erstklassigen Arena auch sportlich erfolgreiche Wege einzuschlagen. Eine bessere Vermarktung und ein Ausbau der VIP-Bereiche soll für Bewegung auf der Einnahmen-Seite sorgen. Doch auch mit erstklassigen Stadien ist sportlicher Erfolgt längst nicht garantiert. In diesem Jahr mussten mit Frankfurt und Köln gleich zwei WM-Spielorte den Gang in die 2. Liga antreten. Noch schlimmer traf es Leipzig, wo der FC Sachsen in die Oberliga absteigt.

Unabhängig von der Erreichbarkeit der Business-Pläne von Stadionbetreibern und Vereinen hat sich aber zumindest bereits jetzt gezeigt, dass die modernen Arenen in der Regel einen Anstieg der Zuschauerzahlen mit sich bringen. Ist auch die Leistung der Mannschaft nicht immer ausreichend, bleibt zumindest der Stadionbesuch als solcher für die Fans ein Erlebnis. (Stadionwelt, 01.08.2004)

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