Das muss Liebe sein! Mal Hand aufs Herz: wie würde Ihr Partner reagieren, wenn Sie mitten in der Hochzeitsreise mal schnell für 38 Stunden in die Heimat fliegen würden, nur um ein Spiel der Amateurmannschaft gegen Hoffenheim und ein DFB-Pokalspiel gegen Leverkusen zu sehen?
Die 400 Euro, die die Anreise per Flieger gekostet hat, hatte Jung-Familie Seitz bei der Planung der Hochzeitsreise sparen können. Für gar nicht einmal so teuere 650 Euro ging es ins türkische Belek. Eine wirkliche Entscheidungsfreiheit gab es bei der Auswahl des Reisezieles ohnehin nicht, schließlich absolvierte die Bayern-Damenmannschaft zu dieser Zeit ein Trainingslager an der türkischen Riviera.
Die 33-jährige Barbara Baudrexl blätterte wegen so viel Vereinsliebe und trotz unterbrochener Hochzeitsreise aber noch längst nicht in den Gelben Seiten nach dem nächstbesten Anwalt mit Spezialgebiet Scheidungsrecht. Schließlich geht es um den FCB.
Gatte Dominic schaut zurück auf die Vorgeschichte: „Ich bin immer aus der Nähe von Siegen zu den Spielen der Bayern gefahren, habe dort oft im Fan-Haus übernachtet, um Sonntags noch die Amateure zu sehen. Barbara hat dort gearbeitet. So haben wir uns dort zunächst immer getroffen.“ Nachdem sich die beiden nun fast fünf Jahre kennen, seit zweieinhalb Jahre liiert sind, hält die Ehe rund eineinhalb Jahre. Der gemeinsame Wohnort lautet inzwischen: München-Pasing.
So gab es bisher auch ohne vorherige Hochzeit schon mehrmals Grund, mit den FCB-Mädels in die Sonne zu fliegen, um so „hoch interessante“ Testspiele wie die gegen den FC Stern zu sehen. „Solch ein Erlebnis wie das Trainingslager möchte ich aber nicht missen. Der Kontakt zu den Spielerinnen ist ein völlig anderer als bei den Herren Profis. Die Mädels haben gegen die mitgereisten Fans auch mal ein Spielchen absolviert, mit uns gefeiert oder sich zum heimlichen Rauchen auf unser Zimmer verdrückt.“
So fing alles an
Wenn das Uli Hoeneß wüsste! Er hätte zumindest insofern keinen Grund zur Beschwerde, als das er es war, der Dominic mit dem Bayern-Virus infizierte. „Meine Mutter hat immer schon ihre Daumen für die Bayern gedrückt und mich dann irgendwann als Kind zu einem Freundschaftsspiel nach Herborn in der Nähe meines Heimatortes geschleppt. Uli Hoeneß strich mir mit der Hand über den Kopf und ein Autogramm von Olaf Thon habe ich auch noch bekommen. Von da an wurde nur noch in Bayern-Bettwäsche geschlafen.“
Die Geschichte nahm ihren Lauf. Waren die Bayern-Spiele aus dem Siegerland zu Kinderzeiten noch eine „Weltreise“ weit entfernt, so wurde in der Saison 1995/96 das erste Spiel live gesehen, damals „auf Schalke“. Seither waren es rund 800 Spiele der Bayern, welche er erleben konnte – kaum eine Abteilung ließ er aus, keine Randsportart ist ihm zu exotisch, so lange nur „FC Bayern München“ draufsteht. Und auch kein Spiel ist zu weit: seit 2000, seitdem er 18 war, hat Dominic kein Europapokalspiel mehr versäumt, in der Bundesliga kickten die Bayern zum letzten Mal 1999 im Heimspiel gegen Bielefeld ohne seine Anwesenheit. Dabei ist die Vereinsliebe nicht „blind“, sondern tatsächlich auch hinterfragt, dadurch aber nicht unbedingt logisch. Man kann deshalb durchaus mal 600 Kilometer für ein Spiel der Reserve zurücklegen und sich darüber ärgern, dass dort abgestellte Profispieler auflaufen, da diese „in der Regionalliga nichts zu suchen haben.“
Hinfahren will man trotzdem. Und damit dieses auch problemloser gelingt, hat man sich als Familienauto längst einen Neunsitzer angeschafft – wohlgemerkt nicht als Zweitwagen, denn mit diesem geht es für den Verwaltungsfachangestellten der Gemeinde Schwabhausen auch täglich zur Arbeit. Und eben im Schnitt 3.000 Kilometer im Monat zu den Fußballplätzen, auf denen Spielplakate den FCB ankündigen. Der Freundeskreis dankt für die günstige und Spaß versprechende Mitfahrgelegenheit.
Infolgedessen schmückt nun eine Unmenge an Eintrittskarten die Wände im Haushalt der Familie Seitz – zumindest dort, wo noch Platz ist, denn inzwischen wurde der Hausstand um rund 150 Trikots erweitert.
„Mir geht es aber nicht nur darum“, relativiert Dominic seine Sammelleidenschaft und stellt klar, dass ihm auch besonders die aktive Unterstützung sehr am Herzen liegt. Zu seiner Aktivität im „Club Nummer 12“: „Auch im Stadion bin ich oft sehr eingespannt, wirke bei der Umsetzung der Choreos mit.“
Allesfahrer-Management
Im Mittelpunkt steht aber immer die „Allesfahrerei“ und die Organisation derselben. Man möchte meinen, es erfordere einiges an Management-Qualitäten, um stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, dabei mit Flugzeiten und Straßenkarten, mit Bahnangeboten und Liga-Spielplänen zu jonglieren und sie gegeneinander abzuwägen – ein Reisebüro in eigener Sache. Das alles unter der Prämisse die Kosten möglichst gering- und sein Arbeitszeitkonto dabei ständig im Auge zu behalten.
So wie Anfang April: Mittwochs gegen 16 Uhr gab es einen Anruf des Bayern-Fanbeauftragten Andy Brück und die Mitteilung, dass man in nur sieben Tagen in der Wüste von Doha in Katar spiele – gegen eine Auswahl der Q-League – ein Wiedersehen mit Effe und Basler in dem Land, in dem es keinen Alkohol gibt (Dominic: „Für mich Gott sei dank kein Problem“). Das Nationale Olympische Komitee des Scheichtums habe geladen.
Was tun? Reflexartig setzt man sich da an den Rechner und checkt bis 23 Uhr Flüge und Hotels, telefoniert mit anderen potenziellen Mitfahrern. Am nächsten Morgen um neun Uhr wurde schließlich gebucht: 590 Euro, am Montag, 22 Uhr ging es los – immerhin nicht direkt nach Feierabend sondern mit wenigen Stunden Pause. 18 andere Fans haben mit ihm die Reise angetreten, je nach zeitlichem Limit auf verschiedene Flüge verteilt. „Ich bleibe drei Tage“ sagte Dominic noch vor dem Abflug „das ist die günstigste Variante“. Ein Hotel war in der Kürze der Zeit nicht mehr zu bekommen und es sei wegen der stattfindenden Sportmesse zu befürchten, dass dieses auch vor Ort schwer zu organisieren sein wird. „Dann müssen wir halt am Strand oder am Flughafen schlafen. Es sind ja nur zwei Nächte.“ Aber bei 38 Grad war das ja kein Problem. Das ist dann aber auch nur die zweitgrößte Sorge: Wichtig ist, dass der Rückflug keine allzu große Verspätung hat. Für 17:20 Uhr ist die Landung in München vorgesehen, um 19 Uhr soll der Anpfiff des Amateur-Spiels gegen die Offenbacher Kickers in Anwesenheit Dominics erfolgen. In etwas mehr als einer Stunde vom nördlichen Umland Münchens bis in den Süden der Stadt – das könnte klappen. Gattin Barbara wird auf jeden Fall da sein – für den Trip nach Katar bekam sie keinen Urlaub.
Vom Golf zum Ammersee
… so war es zumindest geplant. Aus einer Übernachtung am Strand wurde allerdings nichts. „In Katar stellte sich heraus, dass man für nur 50 Euro Flüge umbuchen konnte.“ Somit stand es außer Frage, den Aufenthalt dort zu verkürzen. Mit einem Rückflug über Nacht war es nämlich möglich, am Mittwochabend das Pokalspiel der Bayern-Damen beim SV Münsing/Ammersee zu sehen. Das Katar-Abenteuer hat somit keine 36 Stunden gedauert, bevor der Persische Golf gegen das Ambiente des Ammersees eingetauscht wurde. Ein 6:1-Sieg der Bayern-Ladys war es sicher wert. „Immerhin haben wir in Katar nachmittags noch einige Kamelrennen gesehen. Die besten Tiere der ganzen Golf-Region waren dort!“ fasst Dominic den eher touristischen Aspekt zusammen. Fußball wurde dann auch noch gespielt: Vor 7.000 Zuschauern siegten die Bayern nach Elfmeterschießen. „Die Atmosphäre dort war gar nicht einmal so schlecht.“
Am 18. Mai steht bereits das nächste Freundschaftsspiel im Ausland an. Viele Fans würden keinen Gedanken daran verschwenden, so etwas überhaupt anzusteuern, andere würden es als eines der größeren Abenteuer ihrer Fan-Karriere ansehen. Da aber der FCB mit seiner Vielzahl an geschäftlichen und sozialen Verpflichtungen mehr als jeder andere Verein „on Tour“ ist, stellt sich für Dominic eine gewisse Routine ein. Für die Reise ins ungarische Györ braucht man nur einen Tag Urlaub. Den hat Dominic auch sofort eingereicht. „Von meinen Urlaubstagen gehen 100 Prozent für die Bayern drauf.“ Wann hast Du den letzten „richtigen“ Urlaub gemacht? „Das war…“ und hier muss Dominic erst einmal kurz nachdenken „ …wohl der 1995. Das ist ja schon neun Jahre her.“
Ein Leben für den FCB, die absolute Hingabe an „seinen“ Verein – das ist ein Maßstab, den viele Fans, die an die „wichtigste Nebensache“-Legende schon längst nicht mehr glauben, für sich beanspruchen. Bei Seitz‘ wird das noch mal getoppt. Anerkennung hierfür gibt es zuhauf: Demnächst werden beide ausführlich im Bayern-Magazin vorgestellt.
Mag Rudi Völler in diplomatischer Art seine beiden Torhüter noch in die „1A“ und „1B“ einteilen, so muss sich Dominic angesichts seiner Frau und des FCB keine derartigen Kategorisierungs-Gedanken machen. Und so lange die katastrophalste Frage, die eine Frau überhaupt nur stellen kann: „Fußball oder ich?“ sich gar nicht erst stellt, weil sie eben nicht gestellt wird, so lange wird die noch abgedroschenere Pointe: „Du wirst mir fehlen!“ sicher niemals ausgesprochen werden. (Stadionwelt, 01.05.2004)




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