Das Schauspiel ist bekannt, der Schauplatz neu. Statt am altbewährten Marathontor, ist nach dem Kölner Stadionneubau nun eine Tiefgaragenausfahrt der Ort, an dem Fans und Spieler noch mal die vergangenen 90 Minuten „besprechen“. Seien es eben jene Tumulte am Mannschaftsbus oder der enorme Zuspruch beim ersten Training der Übungsleiter-Ikone Christoph Daum, mit Besucherzahlen, die mancher Ligakonkurrent nicht bei seinen Heimspielen begrüßen darf, die Gefühlsschwankungen Kölner Fans waren zuletzt enorm. David Barr, Mitglied der Wilden Horde und ProFans-Vertreter der FC-Fans, spricht im Stadionwelt-Interview darüber, dass sich die Fanszene durch den Ergebnisfrust nicht unterkriegen lassen will.
Das Winterpausen-Interview – Teil 4Trotz Ergebnisfrust „weiter 100 Prozent!“
Stadionwelt: Was kennzeichnet die Fanszene des 1. FC Köln nach dem vierten Abstieg in acht Jahren?
Barr: Dasselbe wie schon in den letzten Spielzeiten: Trotz der sportlicher Misere und der schlechtesten Hinrunden-Platzierung aller Zeiten ist das Stadion so voll wie noch nie. Und auch die Auswärtszahlen sind unverändert hoch, denn der harte Kern gibt weiter 100 Prozent für den Verein.
Stadionwelt: Und wie lange lässt sich diese Diskrepanz noch aufrechterhalten?
Barr: Schwer zu sagen. Wahrscheinlich werden die Zuschauerzahlen erst dann einbrechen, wenn wir ein zweites oder drittes Jahr zweite Liga spielen. In Teilbereichen spürt man allerdings Unmut, und die Fahne der Boyz Köln hängt schon verkehrt rum. Als Wilde Horde haben wir uns vorgenommen, uns dadurch unsere Zehn-Jahre-Feierlichkeiten nicht versauen zu lassen, denn für uns war das der bisherigen Höhepunkt unserer „Gruppen-Biografie“. Als Generation, die von Spruchbändern über Trainingsbesuche bis zum Stimmungsboykott schon alles gemacht hat, nimmt man das fast schon gelassen hin. Aber die Unzufriedenheit ist weiterhin groß und nach dem Spiel gegen Kaiserslautern kam nach längerer Zeit mal wieder zu einem „Gespräch“ am Mannschaftsbus.
Stadionwelt: In wenigen Tagen organisiert Ihr zudem zum ersten Mal ein Konzert, um von Stadionverboten betroffene Fans unter die Arme zu greifen. Eine Veranstaltung für das jüngst ins Leben gerufene bundesweite Konto, mit dem Prozesse geführt werden sollen?
Barr: Nein, das ist zunächst für die eigenen Leute gedacht. Den Fanrechte-Fond wollen wir jedoch auch unterstützen. Zumindest legen wir Wert darauf, dass sich beim Konzert auch Leute aus anderen Szenen sehen lassen. Immerhin geht es ja auch praktisch alle an. Aus St. Pauli erwarten wir sogar einen Bus.
Stadionwelt: Welchen konkreten Fällen soll das Geld zugute kommen?
Barr: Wir wollen diejenigen unterstützen, bei denen Kosten angefallen sind, auch wenn sie vielleicht mal Mist gebaut haben. Man weiß ja, wie schnell man heute ein Stadionverbot erhält und sich mit der Justiz auseinandersetzen muss. Das ist für Leute aus unsere Reihen, und denen sind wir es schuldig, da sie oft schon lange aktiv- und auch jetzt noch ein wichtiger Baustein unserer Gruppe sind. Diese Haltung kennzeichnet aber die Entwicklung des gesamten Fanszene: Fanclubs aus allen Bereichen sind ein Stück weiter zusammengerückt. Zuletzt haben sich beispielsweise die sieben Busse, die zum Pokal nach Frankfurt gefahren sind, wieder gut abgestimmt.
Stadionwelt: Stichwort Frankfurt. Eines von mehreren Beispielen, wo FC-Fans in den letzten Monaten durch Krawall auffielen. Sei es im Stadion, oder beim Besuch zweier Busse in einem Schnellrestaurant auf dem Heimweg.
Barr: Wir haben eine große und unübersichtliche Szene. In Köln oder überall anders in Deutschland gibt es halt keine Gruppen mit 3.000 Mitgliedern, die alles kontrollieren und die viel beschriebene Selbstregulierung einer Szene perfekt umsetzen können. Insbesondere, wenn der Frust über die sportliche Situation so groß ist, wie im Moment, gibt es immer welche, die austicken. Der Standpunkt ist zwar angreifbar, aber bis zu einem gewissen Maße kann man das sogar nachvollziehen.
Stadionwelt: Seit einigen Monaten werden Auswärtskarten aber nur an die Fans ausgegeben, die sich registrieren lassen. Hat sich die Maßnahme als untauglich erwiesen?
Barr: In Frankfurt waren 7.000 Kölner, obwohl nur 5.500 über den Club verkauft wurden. Auch bei vielen anderen Spielen geht ein großer Teil über die Tageskasse weg. Und wenn jemand randalieren will, dann stört es ihn auch nicht, wenn er seine Daten hinterlegt hat. Daher ist die Maßnahme sicher nur bedingt tauglich. Die Registrierung bringt dem Club aber vor allem deshalb was, weil er gegenüber der DFL argumentieren und sich absichern kann: „Das war jemand den wir nicht kennen, der hat keine Daten hinterlegt“, oder eben: „Den können wir identifizieren.“
Stadionwelt: Diese Regelungen waren seinerzeit die Initialzündung für die Gründung eines Fanclub-Dachverbandes. Man hört davon allerdings recht wenig.
Barr: Das kommt aber jetzt in die Gänge. Es hat sich wegen der Klärung einiger rechtlicher Dinge, insbesondere beim Status der Gemeinnützigkeit, in die Länge gezogen. Der Besuch beim Notar ist aber über die Bühne gegangen, die Ziele sind formuliert, und nach dem Eintrag ins Vereinsregister steht die Gründungsversammlung an. (Stadionwelt, 4.1.2007)
Foto: Faszination Fankurve
Foto: Faszination Fankurve




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