Die wilden 80er – Von Graupelschauern und Westernromantik

Faszination Fankurve 01.03.2005 0 Kommentare

Manchmal haben große Rätsel ganz kleine Erklärungen. Wie etwa die gewaltige Frage, warum früher eigentlich alles besser war. Die Lösung – oder zumindest ein Teil davon – ist von schlichter Erhabenheit: Man konnte eigentlich nie etwas sehen. Vielleicht waren deshalb die 80er Jahre so fußballschön. Weil man davon nicht allzu viel mitbekam.
Natürlich war früher alles anders: Die Kleidung, die Preise, die Reporter, die selbst gestrickten Schals, die Frisuren, der Fußball. Aber das war immer, in allen Zeiten so. Doch der wesentliche, alles verändernde Unterschied: Fußball war nicht so beliebig. Balljunkie zu sein hieß noch etwas. Ich weiß nicht genau was, aber irgendeine Bedeutung hatte es. Das galt in erster Linie für Auswärtsspiele. In den 80ern stahl sich der weit gereiste Fan zu einer diskret abseits – und gerade deshalb besonders auffällig – gelegenen Stadionkasse, mal missmutig, mal gierig beäugt von zu allem entschlossenen Polizisten, Rentnern und Kuttenträgern – wobei überraschend häufig unklar blieb, wer einem mehr an die Wäsche wollte. Dort erwarb er für handliche 5 DM einen „Stehplatz Jugend ermäßigt“ und trollte sich zu seinem Gästeblock, der immer weit weg in der Kurve lag, umgeben von Trutzburgen aus Stacheldraht und Betonblöcken, und wo es erstaunlicherweise immer nebelig war. Natürlich wurde das Auswärtsgrüppchen konsequent und nachhaltig von gegnerischen Massen verhöhnt, aber es war stets irgendwie anerkennender Hohn, der, bei genauem Nachdenken, eine bestimmte Form von solidarischem Respekt darstellte. Man mochte sich nicht, ganz im Gegenteil, aber man kannte sich, zwar nicht persönlich, hatte aber das gegenseitige Standing und das moralische Recht, sich gegenseitig zu beschimpfen.

Graupelschauer in der Grotenburg

Oftmals fühlte man das Spiel mehr, als dass man es sah. In den unendlichen Weiten des Berliner Olympiastadions oder der Gästekurve im Hamburger Volkspark (immer dunkel, immer kalt, immer nass) war Fußball nicht mehr als ein Theoretikum. Irgendwann kam die eigene Mannschaft an den Zaun, zuweilen, um sich für einen Sieg feiern zu lassen, öfters aber, um sich zu entschuldigen. Niemand begehrte gegen all diese Rituale auf, weil sie dazugehörten. Man musste froh sein, überhaupt dabei sein zu dürfen. Hackordnungen und Hierarchien waren noch klar und ersichtlich. Wir fuhren irgendwo hin, konnten nichts sehen, verloren hoch, quetschten uns missmutig aus dem Stadion und machten und auf den Rückweg, der immer mindestens vier Stunden lang war, egal wo das Spiel zuvor gewesen war. Kurzum: Man diente sich langsam hoch, verbuchte jeden Graupelschauer in der Grotenburg als wichtige Persönlichkeitsbildung und war nach einigen Jahren zwar ein nervös-neurotischer Sportgreis von Anfang 20, aber man war ein Teil der Welt, der wahren, der Fußballwelt.

Fußballfans – damals war das Wort noch nicht negativ-belanglos besetzt – bauten sich aus Toren, Tränen und Triumphen eine Aura auf, die für viele die eines Zeit und Geld verschwendenden Spinners war, aber für manche eben auch einen Hauch Wes-ternromantik besaß. Wenn so ein Weitgereister abends verstaubt und verspätet auf der Party erschien, raunten sich die anderen anerkennend zu „Wo kommt er jetzt wieder her?“ „München, 1.200 Kilometer, die Jungs hatten keine Chance, 1:4.“ Und dann machte die Menge respektvoll Platz (ich will für mich selbst hoffen, dass dies wenigstens manchmal so war).

Bipolare Eckenstatistiken

Das alles – einem Leser dieses Magazins brauche ich das nicht zu erklären – gibt es heute kaum noch. Fußball ist beliebiger Jedermannspaß geworden. Alle, Nachbarn, Büdchenmänner und – ja, ich weiß, was ich jetzt schreibe – Frauen können mitreden und tun das auch ungefragt. Jeder weiß Bescheid über Beckham, Scholli und LaOla. Und auswärts muss man sich seinen Weg nicht mehr durch Horden fremd-feindlicher Gleichgesinnter, sondern durch Gruppen japanischer Touristen bahnen. Wo ist da noch der Gegner, der es wert ist, besiegt zu werden? Mein achtjähriger Sohn hat für seine Mittelklasse-Karte beim Länderspiel gegen Argentinien pompöse 46 Euro bezahlt und bekam dafür Rumtatta, perfekte Sicht, ein Plastikfähnchen und ein Unentschieden. Im Stadion war es angenehm warm und ruhig, wie es sich für einen teuren Opernabend gehört, und alle hatten sich lieb. Ist das nun besser oder schlechter? Ich weiß es einfach nicht mehr.

In der Gegenwart trällert „I will survive“ in jedem Stadion. Früher, in den Weiten der Außen-Parkplätze des Gelsenkirchener Parkstadions hatte ein trotziges „Ich werde überleben!“ noch seine eigene, buchstäbliche Bedeutung und war nicht austauschbares Trallala in der Lustig-Arena. Und wenn dabei was rhythmisch war, dann höchstens das Stiefeltrappeln der Schalker Halbmenschen, die einen glücklich durch das Di-ckicht jagten. Jeder hatte seine Rolle und alle waren zufrieden.

Heute ist man Kunde und stellt Forderungen. Früher forderte man nichts, jedenfalls keine Einlaufshow, keine bipolare
Eckenstatistik, kein Ereignis. Man erwartete keine Show, man war selbst eine. Man hatte keine Ansprüche und bekam deshalb viel mehr. Auch wenn man es nicht sehen konnte.(Frieder Feldmann, 01.03.2005)

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