Das vergebliche Experiment der Verbrüderung von Fußball und Hochkultur
Im bestuhlten Gloria, einem stylischen Club in der Kölner Innenstadt, herrscht gespannte Stille. Stefan Wessels, der Torhüter des 1. FC Köln lauscht andächtig und mit ihm einige hundert Hornbrillenträger. Die meisten tragen Trikots: AC Milan, KSC, ATSV Kleinsteinbach – die ganze Palette eben. Auf der Bühne ein verwaistes Schlagzeug, eine Gitarre, eine Bassanlage und ein Lesepult. Eigentlich sollte dies ein Konzert der Sportfreunde Stiller sein, eine recht virtuose und eloquente Band, die wie Pearl Jam und Wolfgang Petry zugleich klingen kann. Aber heute, so kurz vor der WM, verspüren die Sportis, wie sie ihre jüngeren Fans nennen, keine Lust, einfach nur ihr Repertoire abzuspulen. Sie haben kürzlich eine CD mit Fußballliedern aufgenommen. Die stellen sie heute vor – vorneweg ein Solo für ihren Drummer. Der Musiker hat nämlich ein Buch geschrieben, aus dem er jetzt vorlesen darf. Thema: Fußball, was sonst?
Die listigen Sportfreunde Stiller sind nur ein Beispiel dafür, dass der Fußball seinen Weg ins Feuilleton längst gemacht hat. Irgendwann einmal war er einfach Fußball. Er stand für sich selbst. Dann eroberte er in Form des FC St. Pauli die Subkultur. Es war in gewissen Kreisen plötzlich chic, im schwarzen Kapuzenshirt mit Totenkopf zum Punkkonzert zu erscheinen. Und nicht nur dort. St. Pauli, die linke Bastion im ansonsten konservativen Fußball, zeigte sich schon bald auch auf der bürgerlichen Promenade. Seine Kapuzenshirts wurden hoffähig und eroberten den Mainstream. Wer sie heute trägt, weiß oft nicht, in welcher Liga das Vereinchen überhaupt herumdümpelt.
Und dieser Tage, mit der WM im Visier, bedient sich nach dem Mainstream nun auch das Feuilleton des Fußballs. So gesehen eine nachvollziehbare Entwicklung, doch die Verbrüderung von Lyrik, Schauspiel und klassischer Musik mit dem Fußball driftet allzu häufig ins Lächerliche. Warum verfassen Elfriede Jelinek und Günter Grass plötzlich Fußballgedichte? Warum imitiert ein Hamburger Tanztheater die Bewegungen von Fußballern? Warum vertonen Blasorches-ter Fußballklassiker?
Eigentlich kann es darauf nur eine Antwort geben: Weil das Kulturprogramm des Bundes zur WM über ein Budget von drei Millionen Euro verfügt. Davon wollen natürlich viele etwas abhaben. Doch auch unabhängig und frei finanzierte Bühnen springen auf den WM-Zug auf.
Fußball ist offensichtlich fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Erstaunlich nur, dass keiner, der unmittelbar mit dem Fußball zu tun hat, daran teilhat. Kein Trainer, kein Manager und kein Spieler. Das wäre die letzte Stufe der Verquickung von Fußball und Hochkultur. So könnte sie als Tragödie aussehen:
König Klinsmann auf der Suche nach dem heiligen Cup
Die Szene: Eine große Tafel. In der Mitte König Klinsmann, dazu die Ritter Ballack, Podolski, Frings, Lehmann, Kahn, Nowotny, Klose, der Heißsporn Kuranyi, der grobschlächtige Huth, Schweinsteiger und der Mohr Asamoah.
Erster Akt
König Klinsmann: Ihr wischt alle worum esch geht. Wir müschen den heiligen Cup holen. Seid Ihr bereit?
Podolski: Sicher edler König, wir müssen den anderen da die Köpfe hochkrempeln.
Klinsmann: Wahr gesprochen Podolski, das sind Gefühle, wo man nisch beschreiben kann. Ballack, Ihr seid unser gewiefter Stratege. Wie gehen wir gegen unsern Gegner Reichenküste vor?
Ballack: Nun edler König. Podolski wird die in der Schlacht linke Flanke übernehmen unser Mohr Asamoah die rechte. Dahinter werde ich sie befehligen. Dafür hält mir Ritter Frings den Rücken frei. Hinten steht Ritter Huth wie ein Fels und dahinter Ritter Lehmann oder Ritter Kahn.
König Klinsmann: Die Ritter Lehmann und Kahn mögen eine Lanze verschuchen. Wer überlebt, zschieht in die Schlacht.
Kuranyi erzürnt: Was ist mit mir, Ritter Ballack? Gewiss ist Eurer geschätzten Aufmerksamkeit meine Gefährlichkeit entgangen.
König Klinsmann: Isch dulde keine Widerworte. Ritter Kuranyi, Eure Gefährlischkeit ischt Euch zuletzt selbst entgangen. Geht nach Hause zu Frau und Kind.
Vasalle Bierhoff tritt ein. Er schaut, sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht, und verschwindet wieder.
Zweiter Akt
Szene: München, das Schlachtfeld. Im Hintergrund Matthäus.
Der Mohr Asamoah: Helft mir, Podolski! Gemeinsam können wir die Reichenküster verwunden.
Podolski: Zu spät, edler Mohr, Sie setzten bereits zum Gegenangriff an.
Schweinsteiger, Ballack, Frings, Huth überrascht: Mon Dieu! Die Reichenküster, Sie überrennen uns.
Lehmann: Hätt ich Ritter Kahn doch nicht aus dem Sattel gehoben!
König Klinsmann steht am Rande des Schlachtfelds. Wie gelähmt verfolgt er das Geschehen. Vasalle Bierhoff kommt, entschuldigt sich gestenreich für die bittere Niederlage und verschwindet wieder.
Dritter Akt
Wieder die Tafel, aber diesmal ohne Lehmann und Nowotny.
König Klinsmann: Nun edle Ritter, meine Regierugszscheit war kurzsch. Papscht Theo I. hat misch gebeten abschudanken. Isch möschte Eusch, edle Ritter, jetscht den neuen König vorstellen.
Die Tafelrunde blickt sich verdutzt an. König Matthäus betritt mit Gepränge die Szene. In seinem Gefolge: Bierhoff.
König Matthäus: I hope we have a little bit more lucky in four years. Was Klinsmann? Das sind Gefühle, wo man nicht beschreiben kann. Har har har!
Vorhang
Ob Jürgen Klinsmann für diese tragische Charakterrolle der Gus-tav-Gründgens-Preis verleihen wird? Ob Lothar Matthäus seinen Text fehlerfrei spricht? Ob Robert Huth seine Rolle lieber tanzt? Von Yves Eigenrauch einmal abgesehen, wagten sich Fußballer bisher nur an Schlager. Schade eigentlich. (Andreas Schulte, 01.06.2006)
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