Der Fußball steht am 12. Dezember vor einer Zerreißprobe. Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, im Gespräch mit Stadionwelt über die Sicherheitsdebatte und wie die KOS die Sicherheitsthematik lösen würde.
Stadionwelt: Die Diskussion um Sicherheit in den Stadien ist das vorwehrende Thema im deutschen Fußball. Wird die Aufregung um die Anträge dem tatsächlichen Format gerecht?
Gabriel: Viel bedeutender als die Anträge, ist der kommunikative Prozess, den viele Vereine – auch auf gehobener Ebene – eingeschlagen haben. Deswegen sollte auch der 12. Dezember nicht überhöht werden. Entscheiden wird sich sowieso alles am realen Umgang mit den Fans im Stadion. Kein Verein wird ja gezwungen Container aufzustellen.
Stadionwelt: Was stört Sie an der Sicherheitsdebatte?
Gabriel: Der Fußball steht nicht nur von Seiten der Fans unter Druck, sondern besonders seitens der Politik. Die Innenminister fordern, das Engagement im Bereich Sicherheit zu erhöhen was dieser ja auch vermehrt tut. Deswegen wäre es wichtig, wenn die Politik einen Gang zurückschalten und die Annäherung zwischen Clubs und Fans nicht weiter behindern würde. Es ist kontraproduktiv, ständig mit neuen und nicht sachgerechten Forderungen wie die nach der Einführung eines Sicherheits-Euros, auf den Beifall des Boulevard zu schielen.
Stadionwelt: Auf das erste Sicherheitspapier der DFL folgte ein Echo der Empörung. Inzwischen hat die Liga für die Mitgliederversammlung 16 Anträge vorbereitet. Hat sich inhaltlich etwas verbessert?
Gabriel: Durch den sehr intensiven Dialog zwischen Clubs und Fans sowie Kommissionen und Fanorganisationen wurden bessere und fachgerechtere Anträge entworfen. Insgesamt hat sich der Tenor gewandelt. Wenn man die erste Version liest, strotzt die vor Restriktionen und Ausschlüssen. Der Geist der aktuellen Anträge orientiert sich mehr an einem gemeinsamen Agieren. Das ist der richtige Weg um das besondere Erlebnis Fußball mit seiner Fankultur zu erhalten. Der Fußball ist gut beraten die große Expertise der Fans zukünftig kontinuierlich und zuverlässig einzubinden.
Stadionwelt: Wie werden die Reaktionen ausfallen, wenn alle Anträge verabschiedet werden?
Gabriel: Ich rechne nicht damit, dass dann der Dialog eingestellt wird und die Situation eskaliert. Die Fans würden sich selbst widersprechen, denn was auch diese Kampagne wieder auszeichnet, ist das Bestreben sich als zuverlässiger und konstruktiver Partner anzubieten. Ich glaube schon auch, dass die Fans sehen, dass der Fußball sich auf sie zubewegt.
Stadionwelt: Seit Wochen schweigen die Fußballfans in den ersten Minuten der Spiele. Ist die Kampagne 12:12 ein Erfolg, der bei der DFL-Mitgliederversammlung seine Früchte tragen wird?
Gabriel: Was der Kampagne großartig gelungen ist, ist im wahrsten Sinne des Wortes spürbar zu machen, wie viel die Fans dem Fußball geben. Zusätzlich beeindruckend, dass diese Aktion zwar von den Ultras initiiert, aber von allen im Stadion unterstützt wurde. Selbst vor den TV-Geräten zu Hause war das spürbar. Schön wäre es, wenn die Vereine verstanden hätten, Fans in Zukunft mehr einzubinden, sie zu unterstützen und willkommen zu heißen und nicht als notwendiges Übel.
Stadionwelt: Warum fühlen sich Fans derzeit als Sicherheitsrisiko?
Gabriel: Ein Grundproblem ist, dass die meisten Maßnahmen der Vereine und die Polizei sich am Verhalten einer Minderheit orientieren, die Maßnahmen aber alle betreffen. Es gibt aktuell wieder vermehrt Beispiele, dass zum Beispiel Teilnehmer von Auswärtsfahrten, an den Bahnhöfen und ohne etwas getan zu haben, ganz penibel kontrolliert werden. Es erzeugt bei jedem einzelnen ein Gefühl der Erniedrigung, wenn man sich mit dem Personalausweis neben dem Gesicht von der Polizei videografieren lassen muss. Es müsste grundsätzlich umgedacht werden: Die Mehrheit muss sich gut behandelt fühlen. Dann werden sich diejenigen in den Gruppen, die auf Ärger aus sind, bald nicht mehr wie ein Fisch im Wasser fühlen können, denn für die anderen gibt es die Rechtfertigung für den Ärger nicht mehr.
Stadionwelt: Größter Kritikpunkt unter den Anträgen sind mögliche Vollkontrollen. Warum?
Gabriel: Der Begriff hat eine große Signalwirkung, weil er die realen Erfahrungen der Fans trifft. Fakt ist, dass diese unangemessenen und entwürdigenden Kontrollen an einigen Orten schon stattfinden. Fans, die nach Bremen reisen oder die Mainzer zuletzt in Frankfurt kennen diese Situation.
Stadionwelt: Befürworter der Vollkontrollen werden durch die sichergestellten Waffen vor dem Frankfurter Gastspiel in München neue Nahrung bekommen haben.
Gabriel: Ich bin davon überzeugt, dass in München bei denjenigen, die auf diese Weise kontrolliert wurden, nichts gefunden wurde. Man kann ja nur mit seinem Einverständnis untersucht werden, und wer stimmt einer Kontrolle zu, wenn er ein Messer in der Tasche hat? Es war vom FC Bayern dann regelgerecht perfide, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen und zu suggerieren, dass die angeblich gefundenen 22 Messer bei diesen Kontrollen gefunden wurden. Dabei wurden die gefährlichen Gegenstände bei den Durchsuchungen aller 71.000 Zuschauer gefunden und bei Polizeikontrollen außerhalb.
Stadionwelt: Was würden Sie den Vereinen raten?
Gabriel: Den Vorschlag in der Abschlusserklärung des Berliner Fangipfels für ein Bündnis Fußball zwischen Vereinen und Fans halten wir für genau den richtigen Weg. Es gibt aber zurzeit noch ein großes Misstrauen auf beiden Seiten. Wir raten dem Fußball hier einen Schritt auf die Fans zuzumachen und alle Fanutensilien wie Fahnen, Trommeln, Megafonen und Doppelhalter zu genehmigen und den ganzen Bürokratismus, der damit verbunden ist, beiseite zu lassen. Ziel ist es, mit diesem Vertrauensvorschuss, den Fans gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen, ihre Fankultur kreativ auszuleben, sie aber auch in die Verantwortung zu holen, mit diesen guten Rahmenbedingungen pfleglich umzugehen. Wir sind überzeugt, dass die Fans diesen Vertrauensvorschuss zurückzahlen würden. (Stadionwelt, 11.12.2012)
„Die Politik sollte einen Gang zurückschalten“
Foto: Faszination Fankurve




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