„Das Erlebnis Fußball muss bestehen bleiben“

Faszination Fankurve 05.12.2012 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Werbung
Roland Meier
Roland Meier

Das Sicherheitspapier der Deutschen Fussball Liga (DFL) wird in Fußball-Deutschland momentan kontrovers diskutiert. Bei Stadionwelt äußert sich in Person von Roland G. Meier, Geschäftsführer der VDS GmbH – Veranstaltung | Dienstleistung | Sicherheit, ein Sicherheitsfachplaner zur Thematik.
 
Stadionwelt: Die Meinungen über das DFL-Sicherheitspapier gehen weit auseinander. Wie schätzen Sie die derzeitige Debatte ein?
Meier: Als Sicherheitsplaner möchte ich zwischen einer rein technischen, also sicherheitsplanerischen Sichtweise und der sehr politischen sowie teilweise emotionalen Seite unterscheiden. Ausschließlich unter Sicherheitsaspekten betrachtet, ist ein Hochsicherheitstrakt einem Jahrmarkt immer vorzuziehen, einfach weil dort weniger passieren kann. Andererseits werden weder Sicherheit noch Erlebnis ohne diejenigen funktionieren, die maßgeblich dieses Erlebnis gestalten – in diesem Fall die Besucher, die Fans.
 
Stadionwelt: Gegner der Anträge sprechen von Populismus und Kriegserklärungen an die Fans, statt durchdachtem Konzept. Wie bewerten Sie den Inhalt?
Meier: Sicherlich sind in diesem Konzept viele Erfahrungen und mögliche Herangehensweisen eingeflossen und einige Ansätze zeigen in richtige Richtungen, was ja auch von kritischen Stimmen zugestanden wird. Die Frage ist vielmehr, ob die Mehrzahl der Maßnahmen angemessen, geeignet und dem Adressaten, also dem Besucher der Stadien, auch vermittelbar sind. Selbstverständlich ließen sich zum Beispiel Zugangsbedingungen im Stadion – genauso wie bei einem Festival oder Rockkonzert sehr rigide gestalten – ob dann noch jemand der durchschnittlich etwa 40.000 Besucher pro Bundesligaspiel bereit ist, jedes Wochenende zwischen 26 und 40 Euro alleine für das Ticket zu bezahlen, halte ich aber für fragwürdig.
 
Stadionwelt: Beim Thema Sicherheitskonzept werden alle Vereine gleichbehandelt. Fehlt damit nicht eine notwendige Individualisierung?
Meier: Bei jeder Sicherheitskonzeption muss immer mit Augenmaß und sehr individuell vorgegangen werden. Pauschale Strafkataloge eines Verbandes führen dabei nicht weiter. Wenn ein Verein beispielsweise eine von gegenseitigem Respekt getragene, enge und gut organisierte Bindung zu seinen Fans hat, ergeben sich auch viel bessere Möglichkeiten der Einflussnahme. Und wenn Vereine aktiv und glaubhaft gegen Rassismus und Rechtsradikale in den Blöcken vorgehen, sind sie sicher anders zu beurteilen, als solche die das bestenfalls auf dem Papier tun. Dabei sind auch individuelle Unterschiede wie etwa in puncto Zuschauerzahl, Struktur der Fangruppen und Gewaltpotenzial zu beachten. Scheinbar einfache Formeln wie „je aktiver die Fans, desto höher die Sicherheitsanforderungen“ gehen dagegen immer an der Realität vorbei. Selbstverständlich müssen tatsächliche Gewalttaten und kriminelle Handlungen entsprechend geahndet werden – aber niemandem kann gedient sein, wenn die Stadien bis zur Lautlosigkeit reguliert werden. Vor allem kann diese Ahndung nur eine Aufgabe von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten sein – nicht von Privatinstitutionen wie Fußballverbänden.
 
Stadionwelt: Auch ein Verbot der Pyrotechnik ist Teil des Konzeptes, dessen Missachtung sieht unter anderem harte Strafen vor. Wie kann das Thema bewältigt werden?
Meier: Natürlich ist es Wahnsinn, wenn Feuerwerksraketen in Gegentribünen fliegen oder Feuertöpfe am Boden mitten unter dichtgedrängten Besuchern gezündet werden – dafür gibt es keine Entschuldigung. Theoretisch gibt es aber für fast jedes Szenario auch Lösungsmöglichkeiten und Wege, gegebenenfalls über kompensierende Maßnahmen – wenn es denn gewollt ist. Grundsätzlich ist es im Veranstaltungsbereich so, dass sogenannte „feuergefährliche Handlungen“ immer sicher gestaltet werden müssen. Das heißt die Umgebung, die Pyrotechnik selbst und beispielsweise die Qualifikation desjenigen, der sie einsetzen darf sind zu prüfen. Ebenso wenig, wie jemand fordern würde, pauschal alle Kerzen eines Weihnachtsmarktes oder sämtliche Fackeln auf einem Mittelalterfest zu verbieten, können hier drastische Verbandsstrafen gefragt sein. Ich denke, die Lösung muss in einem ehrlichen und offenen Dialog mit den Fangruppierungen liegen und in individuellen Sicherheitsplanungen der einzelnen Stadien.
 
Stadionwelt: Was umfasst ein gutes Sicherheitskonzept, das ausschlaggebend für ein sicheres Stadionerlebnis ist?
Meier: Zunächst muss es auf der Basis von möglichst viel Informationen und Erfahrungen beruhen und ganzheitlich sein – also nicht nur Teilbereiche beleuchten, sondern alle Aspekte miteinander verknüpfen und auch deren Wechselwirkungen beachten. Ganz wichtig ist, dass genug Zeit für die Erstellung gegeben sein muss und das Konzept stets individuell erarbeitet wird. Der Rest ist dann – hochkomplexes, aber dennoch – weitgehend Handwerkszeug des Fachplaners. Mit das Wichtigste ist, dass die Konzepte immer frühzeitig und gemeinsam abgestimmt werden, damit alle Beteiligten dahinter stehen können – und es muss dann natürlich auch vollständig und richtig umgesetzt werden. Abschließend ist es ständig zu überprüfen und laufend weiterzuentwickeln.
 
Stadionwelt: Welche Fehler begehen Vereine und Betreiber oder ist die derzeitige Diskussion Klagen auf hohem Niveau?
Meier: Den pauschalen Fehler aller Vereine oder Betreiber gibt es sicher nicht und zu einer eskalierenden Konfrontation gehören immer mindestens zwei Seiten. Aber auch die Öffentlichkeit spielt eine wichtige Rolle: So ist schnell von vermeintlichen „Gewaltexzessen“ die Rede, wenn – wie beim Relegationsspiel in Düsseldorf im Mai 2012 – einmal hunderte Fans wohl aufgrund eines Missverständnisses auf den Rasen rennen und der einzige öffentlich bekanntgewordene Verletzte der von einem Spieler geschlagene Schiedsrichter war. Solche Berichte haben weder mit der Realität zu tun, noch sind sie ansatzweise sachlich. Und auch wenn jeder einzelne Verletzte einer zuviel ist – muss man bei der Wahrheit bleiben: Wenn man die Verletztenzahlen der Bundesligaspiele der letzten Jahre mit denen einiger großer Volksfeste vergleicht, wie es etwa Anfang 2012 im Sportstudio getan wurde, muss man erkennen, dass alle Verletzten aller Bundesligaspiele eines Jahres der 1. und 2. Bundesliga zusammen in etwa auf Höhe der Verletztenzahlen eines einzigen großen Volksfesttages liegen. Dennoch würde wohl niemand deswegen ernsthaft fordern, beispielsweise auf dem Oktoberfest nur noch alkoholarmes Bier auszuschenken. Richtig hingegen ist, dass immer ganz genau betrachtet werden muss, welche Sicherheitsrisiken bestehen und diese konsequent und konkret angegangen werden müssen. Dies muss jedoch lokal in den einzelnen Stadien und Vereinen geschehen und kann nicht per Dekret von der Verbandsebene nach unten durchgestellt werden.

Stadionwelt: In den Fokus der Diskussion gerät immer wieder die Frage, wie verbotene Gegenstände ins Stadion geschmuggelt werden können. Inwiefern müssen die verantwortlichen Ordner besser geschult werden, um Einlasskontrollen zu verbessern?
Meier: Das Thema „Ausbildung und Qualifikation von Sicherheits- und Ordnungsdiensten“ ist ein extrem wichtiges und insgesamt bisher viel zu wenig beachtetes Thema, mit dem leicht ein eigenes Heft gefüllt werden könnte. Das beschränkt sich auch überhaupt nicht auf die Eingangskontrollen, davon sind alle Einsatzbereiche betroffen. Hauptproblem ist – und daran wird sich an sich auch nichts ändern lassen – dass bei Großveranstaltungen wie einem Bundesligaspiel leicht an einem Tag mehrere hundert Sicherheitsmitarbeiter benötigt werden. Damit ist es mehrheitlich ein klassischer Neben- beziehungsweise Minijobbereich, der zudem denkbar schlecht entlohnt wird. Aufwändige Qualifikationen sind aufgrund des Preiskampfes in der Sicherheitsbranche und der nicht zuletzt auch daraus resultierenden hohen Mitarbeiterfluktuation in diesem Bereich in der Regel weder finanziell darstellbar noch praktisch durchführbar. Dies wird noch verschärft durch die hochproblematische Subunternehmerspirale, bei der regelmäßig über mehrere Ebenen Mitarbeiter zugebucht werden. Hier wäre es an den Verantwortlichen auf Seiten der Vereine und Betreiber, durch angemessene Bezahlung für bessere Arbeits-, Zahlungs- und Ausbildungsvoraussetzungen zu sorgen. Dann kann auch eine höhere Qualität erwartet und unterm Strich eine bessere Sicherheit gewährleistet werden. Man muss aber auch eines ganz klar wiederholen: Eine absolute Sicherheit kann und wird es in keinem Lebensbereich geben – erst Recht nicht im Zusammenhang mit Großveranstaltungen wie einem Fußballspiel.
 
Stadionwelt: Viele Fans befürchten sogenannten Vollkontrollen, denen sich Problemfans unterziehen sollen. An welchen Parametern sind diese Gruppierungen erkennbar?
Meier: Den typischen Problemfan oder den erkennbaren Hooligan an sich gibt es so nicht. Auch hier spielen aber Ausbildung und Motivation des Sicherheitspersonals eine besondere Rolle. Insgesamt müssen alle Sicherheitsmaßnahmen so aufeinander abgestimmt sein, dass das Erlebnis Fußball in all seiner Vielseitigkeit noch erlebt werden kann – und das gleichzeitig möglichst sicher. Dies bedingt einen dauernden Prozess, von dem wir in deutschen Stadien insgesamt leider noch relativ weit entfernt sind – und entsprechend fern davon verlaufen die Diskussionen derzeit.
 
Stadionwelt: Welche zusätzlichen Maßnahmen sind bei Spielen mit erhöhtem Sicherheitsrisiko erforderlich?
Meier: Hier sollte neben einer frühzeitigen individuellen Konzeption vor allem bereits weit im Vorfeld der qualifizierte Kontakt zu den Fanvertretern beider Seiten gesucht und diese möglichst mit in die Planungen einbezogen werden. Außerdem sind mitunter die Einsatzplanungen im öffentlichen Raum und die Maßnahmen im Verantwortungsbereich der Stadien nicht optimal aufeinander abgestimmt und miteinander verzahnt, zum Beispiel was die Abströmsituation der Besucher am Spielende oder die Rückfahrt der Gästefans betrifft. Dadurch entstehen häufig Sicherheitslücken, die dann gelegentlich zu eventuell vermeidbaren Gewaltausbrüchen führen können.
 
Stadionwelt: Die DFL überlegt ein Zertifikat „Sicheres Stadionerlebnis“ zu integrieren. Was könnte Inhalt des geplanten Zertifikats sein?
Meier: Als Sicherheitsberater kann ich nur empfehlen, ein solches Zertifikat unabhängig von inhaltlichen Details keinesfalls nur an oberflächlichen Faktoren festzumachen. Darüber hinaus wird ein Zertifikat immer nur dann eine Bedeutung erlangen, wenn es zum einen von einer anerkannten und neutralen Institution vergeben und zum anderen von allen Beteiligten verstanden und akzeptiert wird. Zudem darf es nicht einfach einmalig vergeben werden, sondern muss laufend kontrolliert und somit regelmäßig neu verdient werden. Dabei sollte auch die so wichtige Besucherzufriedenheit eine Rolle spielen – so zeigen wissenschaftliche Umfragen sogar, dass Stadien sehr gute Erlebniswerte von ihren Besuchern unabhängig vom jeweiligen sportlichen Erfolg des Vereins erhalten können. (Stadionwelt, 05.12.2012)

Werbung
Werbung

0 Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.

weitere Beiträge