Kurz vor Saisonstart der ersten und zweiten Bundesliga befragt Stadionwelt alle Fanbeauftragten dieser beiden Ligen zu aktuellen, fanspezifischen Themen. Rainer Mendel, Fanbeauftragter beim 1.FC Köln beschreibt die Bemühungen des Vereins und kritisiert, dass diese vom DFB nicht ausreichend wertgeschätzt würden.
„Die Clubs haften ohne eigenes Verschulden“
Foto: Faszination Fankurve
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Stadionwelt stellt allen Fanbeauftragten die gleichen fünf Fragen zu Fanutensilien, Sicherheit, Eintrittskarten, Stadionordnung und aktuellen Diskussionen zwischen Fans und Verein.
Fünf Fragen an Rainer Mendel, Fanbeauftragter beim 1.FC Köln:
Stadionwelt: Am 17. Juli findet in Berlin der sogenannte Sicherheitsgipfel mit den Präsidenten der Bundesligavereine, sowie Innenminister Friedrich statt. Dort soll über die Sicherheit bei Fußballspielen diskutiert werden. Wie schätzt ihr Verein die Sicherheitslage bei Spielen der eigenen Mannschaft ein und welche Standpunkte wird ihr Verein vor Ort vertreten?
Rainer Mendel: Dass Clubs von den Verbänden auch dann mit Strafen belegt werden, wenn ihnen ein funktionierendes Sicherheitskonzept attestiert wird, halten wir für problematisch. Denn in diesem Fall haften die Clubs ohne eigenes Verschulden für die Vergehen anderer. Durch die gravierenden Strafen entsteht den Clubs zudem ein durch Einzelne verursachter, erheblicher materieller Schaden. Im Strafmaß werden aus Sicht des 1. FC Köln die Anstrengungen der Clubs zur Vermeidung derartiger Vorkommnisse nicht ausreichend berücksichtigt, hier plädieren wir beim DFB für eine bessere Nachvollziehbarkeit seiner Maßnahmen, auch vor dem Hintergrund etwaiger zukünftiger Vorfälle.
Die Bundesliga-Clubs unternehmen bereits erhebliche Anstrengungen zur Vermeidung von Gewalt, da sie selbst ein ureigenes Interesse daran haben, dass die Zuschauer sich in den Stadien stets sicher fühlen. Der 1. FC Köln wird in diesem Zusammenhang auch weiterhin eine Vorreiterrolle einnehmen und gleichzeitig durch die Optimierung technischer Einrichtungen wie der Videoüberwachung und der Schulungsqualität des Sicherheitsdiensts sein Sicherheitskonzept bei Heimspielen weiter verbessern.“
Stadionwelt: Wie ist der aktuelle Stand beim Verkauf von Dauer- und Tageskarten im Vergleich zu den letzten Jahren?
Mendel: Wir haben erfreulicherweise auch für die Zweitligasaison bislang die gleiche Anzahl an Dauerkarten verkauft wie zum selben Zeitpunkt des vergangenen Jahres. Zudem haben wir für die Saison 2012/2013 die Verkaufsobergrenze für Dauerkarten angehoben.
Stadionwelt: Welche Fanutensilien, wie Fahnen, Doppelhalter, Megaphon und Trommeln werden in der nächsten Saison für Gästefans beim Besuch im Stadion ihres Vereins erlaubt sein? Gibt es hier Änderungen zur vergangenen Saison?
Mendel: Es gibt keine Änderungen zur vergangenen Saison. Bei uns greift das sogenannte St. Pauli-Modell. Anfragen zu Fanutensilien müssen allerdings im Vorfeld zentral über den jeweiligen Fanbeauftragten des Gastvereins erfolgen.
Stadionwelt: Wurde die Stadionordnung in letzter Zeit aktualisiert und welche Änderungen gibt es hier?
Mendel: Momentan sind wir gemeinsam mit dem Stadionbetreiber in Gesprächen bzgl. einer eventuellen Anpassung der Stadionordnung in einigen Punkten.
Stadionwelt: Was sind weitere Themen, die ihr Verein gerade mit den eigenen Fans diskutiert?
Mendel: Wir haben in den letzten Wochen und Monaten viele intensive Gespräche unter Mitwirkung unseres Vorstandes mit allen Fangruppierungen geführt. Inhaltlicher Schwerpunkt war hier sicherlich die Gründung der „Arbeitsgruppe Fankultur“ ( siehe separate Meldung ).
(Stadionwelt, 16.07.2012)
Meldung des 1. FC Köln zur Arbeitsgruppe Fankultur:
Einrichtung der "Arbeitsgruppe Fankultur"
Fortsetzung des Dialogs
Vor allem in der Rückrunde der vergangenen Saison ist das Thema Sicherheit in deutschen Stadien sowie auf den Reisewegen aufgrund einer Reihe von Vorkommnissen verstärkt in den Fokus gerückt. Vor allem die Fan- und insbesondere die Ultra-Szene des 1. FC Köln stehen seitdem unter besonderer öffentlicher Aufmerksamkeit; das Verhältnis zwischen Fans und Ultras auf der einen Seite, zwischen Verein und Ultras auf der anderen Seite sowie zwischen Polizei und Fans und Ultras ist belastet.
Eines der zentralen Anliegen des Vorstands des 1. FC Köln ist es, eine Verbesserung im Zusammenwirken zwischen dem 1. FC Köln, seinen Fans, der Ultra-Szene, der Polizei und den Medien zu erzielen.
Daher hat der 1. FC Köln als erster Bundesligaverein und auf besondere Initiative des Vorstands um Präsident Werner Spinner beschlossen, eine "Arbeitsgruppe Fankultur" zu gründen. Die "Arbeitsgruppe Fankultur" hat sich das Ziel gesetzt, unter dem Motto "Mehr miteinander reden und nicht gegeneinander" ein Prozess der stabilen Kommunikation und Deeskalation unter allen beteiligten Parteien (Verein, Fanszene, Ultragruppierungen, Polizei) in Gang zu setzen und Strategien zur Konfliktlösung zu erarbeiten.
Den Vorsitz der "Arbeitsgruppe Fankultur" wird der unabhängige hauptberufliche Strafrichter und frühere Ermittlungsrichter Herr Thomas Schönig übernehmen. Der 1. FC Köln wird vom hauptamtlichen Fanbeauftragten Rainer Mendel vertreten. Dazu gehört der AG Fankultur mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten und FC-Mitglied Wolfgang Bosbach ein ausgewiesener Experte in Sicherheitsthemen an: Bosbach ist Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestags. Die "Arbeitsgruppe Fankultur" wird durch die "Kompetenzgruppe Fankulturen und sportbezogene Soziale Arbeit ("KoFaS")" der Leibniz Universität Hannover von dem renommierten Fanforscher Jonas Gabler wissenschaftlich begleitet. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen weitere Personen in die "Arbeitsgruppe Fankultur" aufgenommen werden.
Derzeit finden bereits erste Gespräche mit Vertretern der Ultra-Gruppierungen, Vertretern der mitgliederstärksten FanClubs des 1. FC Köln und der Polizei statt, mit dem Ziel, eine sogenannte "Zukunftswerkstatt Ultras/Fans/Verein" zu initiieren, an deren Ende im Rahmen einer gemeinsamen Erklärung und öffentlichen Präsentation eine allgemein verbindliche Vereinbarung aller stehen soll. Die Einrichtung der "Arbeitsgruppe Fankultur" ist darauf angelegt, mittel- und langfristig gemeinsame Verhaltensnormen zwischen allen Beteiligten zu der Problematik zu erzielen und so Vorkommnisse wie Fanausschreitungen, Vandalismus, Gewalt und Einsatz von Pyrotechnik, die einhergeht mit teils undifferenzierter medialer Empörung, präventiv zu vermeiden.
Hierzu FC-Präsident Werner Spinner: "Durch die Vorkommnisse in der letzten Saison wie der Angriff auf einen Fanbus von Borussia Mönchengladbach, dem Einsatz von Pyrotechnik und Jagdszenen auf Spieler nach Auswärtsspielen hat nicht nur das Ansehen des 1. FC Köln gelitten, sondern es ist auch ein Bruch in der Fanszene entstanden, zwischen Ultras auf der einen und der übrigen Fanszene auf der anderen Seite. Uns ist es aber wichtig, alle Fans des 1. FC Köln mit ihren jeweiligen Ausprägungen zu verstehen und zu erreichen. Wir wollen, dass alle Fangruppierungen unseren Verein unterstützen, und die weitere Ab- und Ausgrenzung einzelner Fangruppierungen in die Isolation verhindern. Dies geht über den Dialog, der miteinander geführt werden muss. Es ist unerlässlich, hierfür zu kommunizieren, nicht nur mit den unterschiedlichen Fangruppierungen, sondern mit allen Beteiligten. In diesem Thema sitzen die Ultras, die Fanszene, der Verein, aber auch die Polizei und die Verbände DFB und DFL in einem Boot. Eine Lösung kann nur gemeinsam erarbeitet werden. Die 'Arbeitsgruppe Fankultur' ist somit ein innovativer und wichtiger Hebel, von dem wir uns eine Verbesserung der Fankultur insgesamt erhoffen."
"Eins ist bei allen unseren Bestrebungen aber klar: Gewalt können und werden wir nicht tolerieren, ebenso wenig eine Solidarisierung mit Straftätern. Auch beim Thema Pyrotechnik ist die Rechtslage eindeutig. Pyrotechnik gefährdet Menschen und schadet dem Verein, der hierfür hohe Strafgelder entrichten muss. Daher werden wir gleichzeitig in die Stadionsicherheit investieren. Sowohl die Videoüberwachung als auch die Arbeit des Ordnungsdienstes ist optimierungsbedürftig. Auch Schnellverfahren noch im Stadion, in anderen Ländern schon längst gängige Praxis, sind ebenso denkbar wie die Verlagerung der ersten Sicherheitskontrollen vor das Stadion, ähnlich wie bei den Spielen der WM 2006. Hierzu werden kurzfristig mit allen Parteien Gespräche geführt, mit dem Ziel, die Sicherheit in unserem RheinEnergieStadion signifikant zu erhöhen, ohne die gelebte Fankultur, die sich beispielsweise in farbenfrohen Choreographien und anderen Gruppenaktivitäten ausdrückt, zu beschneiden", so Spinner weiter.




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