Unterwegs auf Balkantour mit Fabian Schlomm (Teil 9/10)

Faszination Fankurve 02.01.2011 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Im Spätsommer 2009 begab Fabian Schlomm sich über drei Wochen auf eine Groundhoppingtour Richtung Balkan. Stadionwelt veröffentlicht seine Erlebnisse in zehn Teilen. Im neunten Teil stand auch das Länderspiel zwischen Bosnien und Spanien auf dem Programm.

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13.10.2009    15:00 Uhr
FK Olimpik Sarajevo – FK Sarajevo    1:1
Stadion Grbavica
Zuschauer: ca. 800
Ca. 200 Gäste

Am heutigen Tag hieß es noch einmal: Zeit vertreiben in der Innenstadt. Nach spätem Aufstehen und dem Frühstück dackelten wir also nochmals durch die City. Mittlerweile war meine Hose lang und die Jacke dick, denn die Temperaturen waren wirklich ziemlich niedrig und es lag Schnee, zumindest auf den Bergen ringsum. So erwählten wir uns die Möglichkeit, in einem Internetcafé etwas aufzutauen und gleichzeitig Spieltermine der kroatischen Liga für das kommende Wochenende zu sondieren.
So öffnete ich einfach mal ganz lapidar den berühmt-berüchtigten Kicker-Matchkalender. Und siehe da, was sahen meine entzündeten Augen? Heute, 15:00 Uhr, FK Olimpik Sarajevo gegen FK Sarajevo. Boah ey, momentmal, wie bitte?! Ein Erstligaspiel einen Tag vor einem wichtigen Länderspiel? Ein Blick auf die Uhr verriet uns, dass wir noch knapp 90 Minuten bis zum Anpfiff Zeit hatten. Doch stimmte dieser Spieltermin wirklich? Der Kicker Matchkalender ist ja meines Erachtens wahrlich nicht so schlecht wie ihm sein Ruf manchmal vorauseilt, aber in solchen Ligen wie der bosnischen sollte man sich auf solche Angaben nicht blind links verlassen.. Also kurz einen Blick auf die Verbandsseite und die beiden Vereinsseiten geworfen, während Jenny geistesgegenwärtig versuchte, auf google.maps den Ground von Olimpik ausfindig zu machen.
Tja, auf den genannten Websites war allerdings keine Information zu dem Spieltermin zu finden, zumindest nicht auf den ersten Blick und in der Eile. So stellte sich uns die Wahl: entweder weiter recherchieren und wertvolle Zeit verlieren. Oder wir machen uns einfach auf den Weg und gucken, was uns in Sarajevo erwartet. Falls das Spiel nicht stattfinden sollte, was solls, so uninteressant ist die bosnische Hauptstadt ja auch nicht und es waren nur 70 Kilometer, spritmäßig für einen Golf IV Diesel ein Witz. Also, was hatten wir zu verlieren, raus aus dem Internetcafé, der verdutzten Kassiererin ein paar Münzen hingeworfen und im Sauseschritt zum Auto, welches am Hotel geparkt war. Himmelsrichtung Südosten Richtung Hauptstadt, nun waren wir dankbar für die 4spurige Straße und wir zahlten die Maut noch lieber als vorher schon. Trotzdem hieß es „Obacht und nicht viel schneller fahren als erlaubt“, denn wenn uns nun die Exekutive aus dem Verkehr keschen würde könnten wir den evtl. stattfindenden Kick allemal knicken.

Der Ground von Olimpik ist glücklicherweise schnell gefunden, er liegt fast direkt an der Hauptstraße, die in den Stadtkern Sarajevos führt, neben einer großen, nahezu unverfehlbaren großen Moschee. Doch der Anblick des Grounds machte uns traurig: weit und breit Spieler und kein Fan. Fakt war nun: hier, in diesem kleinen Ground, der aus einer kleinen schäbigen Betontribüne besteht, fand das Spiel definitiv nicht statt. Schon etwas resignierend dachten wir, nun gut, egal, fahren wir halt noch ein bisschen durch die Stadt und suchen die beiden anderen Grounds von Zeljeznicar und FK, vielleicht findet der Kick ja dort statt. 10 Minuten waren es nun noch bis zum Anpfiff. Nach wenigen Minuten erblickte ich zwischen einigen der zahlreichen Hochhäuser einen Flutlichtmasten. Sofort bogen wir rechts ab und kamen zum Stadion Grbavica von Zeljeznicar. Von weitem sah man schon parkende Autos und Polizei. Das machte Mut. Und als wir näher kamen sahen wir: jawohl, das Spiel findet hier statt! Das stimmte uns natürlich glücklich. Flott stellten wir den Golfi in der Nähe des Stadions ab, kauften zwei nebenbei gesagt wunderschöne Eintrittskarten und setzen uns auf die Tribüne. Exakt 7 Minuten waren seit dem Anpfiff vergangen, so stand es auf der Anzeigetafel. Was für ein erhebendes Gefühl! Ein zusätzlicher, nicht eingeplanter Ground und dann noch unter diesen Umständen und fast pünktlich erreicht. Genial! Natürlich, ein Heimspiel Zeljeznicars oder gar das Derby gegen FK wäre natürlich fanmäßig einige Klassen besser. Aber das war uns jetzt egal. Einem geschenktem Ground schaut man nicht ins Maul. Das Stadion war auf alle Fälle auch so einen Besuch wert. Im Prinzip besteht der er aus 4 verschiedenen Tribünen. Wir befanden uns auf einer schnuckeligen alten Tribüne mit Blechdach und Holzzaun, die im Gegensatz zum Rest des Grounds irgendwie zurückgeblieben, aber dafür urig aussieht. Rechts neben uns hinter dem Tor befindet sich eine doppelstöckige, unüberdachte Stehplatztribüne, auf der bei Zeljeznicar-Spielen die Heimfans stehen. Direkt darüber wurde eine wunderschön alte Anzeigetafel platziert. Auf der uns gegenüber liegenden Seite sieht man einige Reihen Stehplätze, nicht sonderlich spektakulär. Doch wirklich sehenswert ist die alte Dampflokomotive, die dort steht. Ein Stadion, in dem eine Lok beheimatet ist, so etwas habe ich vorher auch noch nie gesehen, verrückt! Die linke Hintertortribüne erinnert ein bisschen an die Bielefelder Alm: eine große Tribüne mit blauen Sitzen und blauem Dach.

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Stadion Grbavica
Bild: Stadionwelt

Was mich schon den Weg vom Auto zum Stadion beschäftigte: was würde uns fanmäßig erwarten, zumal wenige Tage zuvor beim Spiel Siroki Brijeg gegen FK ein FK-Fan von der Polizei erschossen wurde? Ein kompletter Boykott? Oder jetzt erst recht? Also letzteres wohl nicht, dafür waren zu wenig, nämlich an die 250 Zuschauer, für die Gäste. Aber war es ein Boykott? So ganz glaube ich es nicht. Diese Leute saßen zwar nur auf den Schalensitzen der Hintertortribüne und supporteten lediglich bei Chancen oder Standards der Gäste, doch bei so einem Spiel ist vermutlich auch ohne Tod eines Fans einige Tage zuvor nicht der Bär los. Im Übrigen habe ich bei Nachforschungen im Internet einen wirklich spitzenmäßigen Bericht über die Vorkommnisse auf der Seite der Ultras Düsseldorf gefunden, absolut lesenswert. Entweder kennen die Verfasser jemanden, der über die Hintergründe sehr gut Bescheid weiß oder der Bericht ist einfach sehr gut recherchiert.
http://www.block42.de/2009/10/rip-vedran-puljic-1985-2009/

Die paar Olimpik-Leute saßen auf unserer Tribüne, auffallend war nur ein offensichtlich alkoholisierter Fan, der andauernd gegen einige Funktionäre von FK pöbelte, die auch in relativer Nähe auf dieser Tribüne saßen. Höhepunkt: er stand auf, spuckte einem der Männer mit Anzug und Krawatte ins Gesicht und pfefferte ihm eine ordentliche Watschen ins Gesicht, worauf die Ordnungshüter einschritten und den Knilch des Stadions verwiesen.

Im Übrigen fand das Spiel unter absolut widrigen, eigentlich sogar irregulären Platzverhältnissen statt. Aber was ist im bosnischen Fußball schon irregulär? Überall lag Schnee und die weiße Pracht wurde nur aus den Strafräumen und von den Linien entfernt, der Rest des Spielfeldes war damit bedeckt. In der Bundesliga wäre ein Spiel unter solchen Bedingungen sicherlich nicht angepfiffen worden. Uns war es natürlich mehr als recht, dass die Spieler unter noch schwereren Bedingungen als 2 Tage zuvor in Kotor ihren Job verrichten mussten.
1:1 war der Endstand, die Spieler gaben ihr Bestes, wenigstens einigermaßen attraktiven Fußball zu bieten, was für diese Verhältnisse sogar ganz gut gelang.
Sehr zufrieden machten wir uns nach dem Kick wieder auf den Weg nach Zenica und bezahlten mit einem breiten Grinsen unsere Maut für die 4spurige Schnellstraße zum dritten Mal.
Abends verweilten wir noch ein bisschen bei unserem neuen Freund in unserer Stammkneipe.

14.10.2009    20:00 Uhr
Bosnien-Herzegowina – Spanien        2:5
Stadion Bilino Polje
Zuschauer: 14.000
Ca. 20 Gäste

Leider hatte die WM-Qualifikation an den Spieltagen zuvor gezeigt, dass Bosnien zwar eine sehr gute Quali absolviert und zu Recht auf Platz 2 steht, der zur Teilnahme an den Play Off Spielen berechtigt, aber ebenso, dass der amtierende Europameister Spanien momentan in einer bestechenden Form spielt, was zur Folge hat, dass Bosnien keine Chance mehr hat, den WM-Favoriten vom Thron, sprich von Platz 1 der Gruppe 5, zu stoßen.
Dennoch erwarteten wir das Spiel mit großer Vorfreude, denn wenn sich Bosnien das erste Mal überhaupt für ein großes Turnier qualifizieren kann, das wäre schon eine wahnsinnig tolle Sache für ein Land mit dieser bewegten Geschichte. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Erfolg besonders für die Bevölkerung einen ganz anderen Stellenwert hat, als wenn, sagen wir mal als Beispiel, Luxemburg so ein Coup gelingen würde. Und so konnte man davon ausgehen, dass das Spiel sehr stimmungsvoll, trotz der entspannten Situation in der Tabelle, über die Bühne gehen würde. Die Türken hatten zu diesem Zeitpunkt nur noch theoretische Chancen auf den Play Off Platz.
Kommen wir bei dieser Gelegenheit noch zu der Frage, die sich vermutlich sehr viele Leute gestellt haben mögen, die den internationalen Fußball ein bisschen genauer verfolgen: warum spielt die bosnische Nationalmannschaft mittlerweile fast ausschließlich in Zenica? Das Olympiastadion in Sarajevo ist nahezu doppelt so groß und es hätten wesentlich mehr Zuschauer die Möglichkeit, ein Spiel ihrer Lieblinge live im Stadion zu verfolgen, was ja auch einiges an Mehreinnahmen für den Verband mit sich bringen würde. Wir hatten im Stadion die Gelegenheit, eine offizielle Vertreterin des Verbandes zu befragen, und sie berichtete, was in einschlägigen Internetforen schon als unbestätigtes Gerücht die Runde machte: der Verband möchte, dass die Fans näher am Spielfeld sind und den Austragungsort zu einem wahren Hexenkessel umgestalten. Der Heimvorteil sollte also richtig zum Tragen kommen. Und das ist im engen Stadion „Weißes Feld“, was „Bilino Polje“ übersetzt bedeutet, sicherlich viel eher möglich als im weiten und unüberdachten Stadion „Asim Ferhatovic Hase“ in der Hauptstadt. Sollte diese Aussage tatsächlich der Wahrheit entsprechen wäre es eine gar löbliche Intention. Allerdings darf so etwas beim bosnischen Verband durchaus in Frage gestellt werden, denke ich. Die Korruption treibt nicht nur in der Politik, sondern mit Sicherheit auch im Sport und erst recht im Fußball, seine unschönen Blüten. Durchaus denkbar, dass vielleicht der Bürgermeister Zenicas jemand ranghohes beim Verband kennt. Nur so als Beispiel. Wie auch immer, nehmen wir einfach mal blauäugig das Beste an und gehen wir von der Richtigkeit dieser Aussage aus.

Die Zeit vor dem Spiel konnte man jedenfalls merken, dass die Bosnier wirklich unglaublich begeisterungsfähig sind und schon zu diesem frühen Zeitpunkt bekam man mehrere Male hintereinander eine Gänsehaut ob der lauten und inbrünstigen Gesänge.
Selbst im Hochhaus neben dem Stadion wurde eine Zaunfahne aus dem Fenster gehängt und vor sowie während des Spiels sogar einige Bengalos auf dem Balkon gezündet. Irre!

Spanische Fans, so hatten wir uns das auch schon im Vorfeld ausgemalt, konnten wir zuerst nicht sehen, dafür war der Kick für die Iberer zu unwichtig, die Reise zu weit und Bosnien ja auch nicht unbedingt das Reiseland, in dem man als stolzer Spanier und gelb-rotes Neckermannpendant einfach mal ein paar Tage Urlaub um ein Länderspiel herum baut. Beim Einlaufen der Mannschaften entdeckten wir allerdings doch noch ein paar Schals der Gastmannschaft, die im linken oberen Eck der Haupttribüne geschwenkt wurden. Doch vorher wurden wir noch Zeuge, wie ein völlig anders geartetes Publikum den eigentlichen Gästeblock, der aufgrund der viel zu geringen Anzahl an anwesenden Spaniern zunächst komplett leer geblieben war, füllte. Knapp 30 Minuten vor Beginn des Spiels strömten urplötzlich knapp 150 spanische SFOR-Soldaten in Uniform in den sich hinter dem linken Tor befindlichen Block und schwenkten zahlreiche gelb-rote Fahnen. Selbst das Publikum im engen Rund schien etwas übertölpelt worden zu sein und wusste scheinbar nicht so recht, wie es sich verhalten sollte: pfeifen, schließlich waren es Anhänger des Gegners, applaudieren wegen dieser netten Geste oder komplett ignorieren. Letztendlich schien es irgendwie eine Mischung aus allen 3 Varianten zu sein.

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Bosnien-Herzegowina Fans zünden im angrenzenden Wohnhaus
Bild: Schlomm

Das Spiel begann nun endlich und die Bosnier legten los wie die Feuerwehr, das war zu erwarten. Jedoch agierten sie viel zu ungestüm und verballerten in den ersten 10 Minuten gleich einige Hochkaräter. Die Spanier hingegen ließen die blau-gelbe Heimelf erst einmal kommen, um dann den ersten Konter eiskalt erfolgreich abzuschließen Nur wenige Minuten später viel gleich das zweite Tor für die Gäste. Das zog den Bosniern den Zahn. Sie waren absolut geschockt, wirkten noch unkontrollierter und reagierten Ihren Zorn durch übermotivierte Fouls ab, was die Spanier natürlich zu theatralischen Schauspielereien verleitete.

Leider wirkte sich dieser Spielverlauf natürlich auch negativ auf die Stimmung aus, die Zuschauer waren ebenso schockiert wie die Spieler auf dem Feld und die heißblütige Unterstützung der Mannschaft ebbte zusehends ab. Das stimmte mich natürlich traurig, denn die Atmosphäre vor dem Spiel hatte ahnen lassen, was hier im Falle eines Sieges gegen den Favoriten los gewesen wäre. Doch daraus wurde nun nichts, denn auch die bosnischen Stars um Dzeko, Ibisevic, Misimovic und Co. vermochten dem Spiel keine Wendung mehr zu geben.
Man muss allerdings ganz klar sagen: was die Spanier hier an Fußball boten, das war allererste Sahne und seit langem das Beste, was ich an Fußball live im Stadion gesehen habe! Es wurde aus einem Guss gespielt, der viel zitierte „One Touch Fußball“, hier wurde er praktiziert, ja regelrecht zelebriert. Absolut begeisternd! In dieser Form ist Spanien wahrlich einer der Topfavoriten auf den WM-Titel 2010!

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Gästeblock in der Hand vom spanischen Militär
Bild: Schlomm

Nach dem Spiel wurde die Elf um Trainer Miroslav Blazevic trotzdem mit stehenden Ovationen verabschiedet, schließlich war dies das letzte Spiel vor dem entscheidenden Play Off Kick, der, so wurde einige Tage später bekannt, gegen Portugal steigen sollte, und man wollte den nichts desto trotz tapfer kämpfenden Mannen nochmal Mut machen.

Wir verließen das Stadion um noch wo vorbeizuschauen? Natürlich, in der Kneipe gegenüber des Hotels.
(Stadionwelt, 02.01.2011)

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Stadion Grbavica
Bild: Stadionwelt
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Bosnien-Herzegowina Fans zünden im angrenzenden Wohnhaus
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Gästeblock in der Hand vom spanischen Militär
Bild: Schlomm
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