Unterwegs auf Balkantour mit Fabian Schlomm (Teil 6/10)

Faszination Fankurve 30.12.2010 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Im Spätsommer 2009 begab Fabian Schlomm sich über drei Wochen auf eine Groundhoppingtour Richtung Balkan. Stadionwelt veröffentlicht seine Erlebnisse in zehn Teilen. Im sechsten Teil sah der Groundhopper das kleine Saloniki Derby zwischen PAOK und Iraklis.

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05.10.2009 18:00 Uhr
PAOK Saloniki – Iraklis Saloniki 1:0
Stadio Toumbas
Zuschauer: ca. 22.000
0 Gäste

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne in unser Zimmer. Das offene Fenster gewährte uns den Blick auf einen wolkenlosen Himmel und mediterrane, baumlose Berge. Höchst motiviert futterten wir das leckere Frühstück, verabschiedeten uns vom wirklich einmalig freundlichen Personal und machten uns mit dem Golfi auf in Richtung Griechenland, dem nächsten fälligen Länderpunkt.

Nach wenigen Minuten erreichten wir die Grenze, die mühelos passiert werden konnte. Nun führte uns der Weg über die wunderschöne E86 von Florina über Edessa nach Thessaloniki. Es handelt sich hier zwar wie gesagt um eine Europastraße, die sich aber sehr einsam durch wilde Berggegenden schlängelt und dabei kleine Dörfer und blaue Seen passiert. In Thessaloniki angekommen war es freilich vorbei mit der Beschaulichkeit. Das vorab gebuchte Hotel war per Navi schnell gefunden, was man von einem Parkplatz allerdings nicht im Entferntesten sagen konnte. Es wurde teilweise schon in der dritten Reihe mit Warnblinker geparkt, zahllose Baustellen blockierten die letzten freien Plätze. Also blieb uns nichts anders übrig, als der ansässigen Parkplatzmafia Euros in den Rachen zu werfen. Na ja, „Mafia“ ist vielleicht doch der etwas falsche Ausdruck für einen gesetzten Mann um die 70, der aber durch sein Verhalten schon ein bisschen seine Macht widerspiegeln wollte, dass wir auf sein kleines Privatparkhaus im Boden unter dem Hotel angewiesen waren und er und niemand anders die Preise für die Parkgebühren festlegen würde.

40 Euro waren für 3 Tage fällig. Alternative? Nicht vorhanden. Also rein in den Keller und per Vorkasse dem grinsenden Opi das Geld in die Hand gedrückt. Na ja, was soll es, wenigstens steht der Volkswagen so sicher und kühl.

Beim Blick in die Gazetten, die an den unzähligen Kiosken in der Stadt hingen, wurde uns bewusst, warum am heutigen Montag griechischer Erstligafußball stattfinden würde: am vorangegangen Sonntag hatte die Wahl stattgefunden und anders als hierzulande finden in Griechenland an so einem Tag keine Fußballspiele statt. Das passte uns natürlich perfekt in den Kram, ansonsten wäre der Montag vermutlich ein fussiloser Sinnlostag geworden.

Doch so schlenderten wir zu Fuß mit dem Stadtplan unter dem Arm durch die Stadt Richtung Stadion. Dabei wurde mir ein absoluter Missstand in griechischen Kiosken vor Augen geführt, und ich kann nur hoffen, dass der zukünftige griechische Kanzler das ganz oben auf seinem Politikplan stehen hat: es wurde fast ausschließlich ausländisches Bier verkauft. Um noch konkreter und damit schlimmer zu werden: es gibt fast nur Amstel oder Heineken. Was ist in der griechischen Geschichte falsch gelaufen, dass ich nur einen einzigen Kiosk gefunden habe, der den einheimischen Mythos, so der Name der griechischen Brauerei, verkauft? Warum lässt sich diese große Seefahrernation, diese ehemalige Weltmacht, holländisches Bier aufs Auge drücken? Man fasst es nicht…

Selbstverständlich wurden hier, nur ca. 60 Kilometer südlich der mazedonischen Grenze, auch ganz andere Preise verlangt als etwas weiter nördlich. Aber nun gut, darauf konnte man ja schon gefasst sein.

Am Stadion angekommen bemerkten wir reichlich Betrieb im Bereich der Spielstätte. Unzählige Fressbuden hatten schon ihren Platz eingenommen und boten Würstchen, Hackfleisch und andere meist gegrillte Spezialitäten zum Verkauf an. Davon machte ich selbstverständlich Gebrauch, denn Nahrungsmittel in und um das Stadion herum waren auf der bisherigen Tour absolute Mangelware..

Relativ früh hielten wir unsere ausgedruckten Tickets unter den Scanner des Drehkreuzes im Eingangsbereich und betraten das Stadion Toumbas direkt neben dem Gästeblock. Das ebendieser absolut leer war und nicht einmal eine Zaunfahne hing lies uns schon gewahr werden, dass heute keine Fans von Iraklis zum Spiel zugelassen wurden. Na ja, auch davon konnte man im Vorfeld ausgehen. Trotzdem stimmte mich diese Tatsache doch etwas traurig. Profifußball ohne Gästefans ist einfach nicht das Gleiche wie ein prall gefüllter und gut abgehender Bereich voller Auswärtsfans.

Der Blick ins weite Rund zeigte uns nun eine überdachte Haupttribüne, der Rest des Allseaters ist offen. Das ganze Stadion ist mit schwarz-weißen Sitzschalen bestuhlt. Ein Stadion, das in den Vereinsfarben erstrahlt, ist immer eine tolle Sache wie ich finde. Ich glaube, das wäre für mich ein Hauptmerkmal für ein Stadion, in dem ich mich als Fan wohlfühle.

Die Heimkurve hinter dem gegenüber liegenden Tor war schon ziemlich gut gefüllt und auch die restlichen Bereiche bis auf den der Gäste waren zu Anpfiff sehr voll.

Die PAOK-Fans hatten am Zaun ihrer Kurve einige Transparente mit Namen, Geburts- und Todesdaten aufgehängt. Kurz vor dem Anpfiff legten die PAOK-Spieler sogar einen Kranz vor der Kurve nieder. Offensichtlich jährte sich heute der Todestag einiger Fans, derer dadurch gedacht werden sollte. Am kommenden Tag war das sogar auf den Titelseiten der Tageszeitungen Thema. Ob diese Personen allerdings sogar im Stadion ihren Tod fanden ist mir leider nicht bekannt.

Danach erfolgte der Anpfiff. Wirklich beeindruckend, dass auch die gesamte Gegengerade das komplette Spiel über auf das Sitzen verzichtete und statt dessen stehend die schwarz-weißen Spieler auf dem Rasen anfeuerte. Ebenso bewundernswert war auch die Stimmung. Teilweise war der Support wirklich extrem laut. Es gab zwar auch einige Phasen, in denen es etwas ruhiger zuging, jedoch lag das auch am ehrlich gesagt mehr als schlechten Spiel. Aber alles in allem einfach ein Erlebnis! Genauso wie der Einsatz der Pyrotechnik, der südeuropäisch typisch reichlich stattfand. Böller, Bengalos, Leuchtraketen, Rauchpulver, nichts fehlte im Repertoire. Und gezündet wurde nicht nur in der Fankurve, sondern im ganzen Stadion mit Ausnahme der Haupttribüne. Direkt vor uns beispielsweise holte plötzlich ein Fan einfach ein bengalisches Feuer aus der Tasche. In der einen Hand die Fackel, in der anderen eine Zigarette, an der dann zwischendurch noch genüsslich gezogen wurde, so brannte der gut gelaunte Zeitgenosse lustig seinen pyrotechnischen Gegenstand ab. Irgendwie einfach nur schön wenn man sehen kann, wie den Fans freier Lauf gelassen wird, das Stimmungselement „Pyrotechnik“ in Ruhe einsetzen zu dürfen. Hierzulande einfach undenkbar, vermutlich bis in alle Zeiten. Der Spruch ist ja etwas abgedroschen, büßt dadurch aber absolut nichts an seiner Richtigkeit ein: Pyrotechnik ist kein Verbrechen. Aber das sehen die meisten Leute an den verantwortlichen Stellen leider anders.

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Die PAOK-Fans zünden Pyrotechnik beim kleinen Derby
Bild: Schlomm

Innerlich bettelte ich fast schon darum, dass in dieser miesen Partie vielleicht doch noch ein Treffer auf der Heimseite fallen würde. Nicht das ich Iraklis eine Niederlage gönnen würde, aber ein Tor auf der Heimseite hätte sicherlich Ekstase zur Folge. Und tatsächlich, PAOK erfüllte mir den Wunsch und schoss in der 87. Minuten das 1:0, was gleichzeitig auch den Siegtreffer im heutigen Match bedeutete. Jawohl, nun kochte das Stadion wahrlich über! Wir mussten und schon fast in Sicherheit bringen, so wahnsinnig flogen die Leute kreuz und quer durch den Block, selbst in unserem von der Lage her eher gemäßigten Tribünenbereich. Doch so etwas wie „gemäßigt“ gibt es vermutlich bei PAOK nicht. Es war schon ziemlich irre was nun hier abging.

Nachdem sich das alles wieder etwas beruhigt hatte war der Kick auch schon vorbei. Nach dem Abpfiff besorgte ich mir noch eine schicke Eintrittskarte. So ein ausgedrucktes Ticket ist zwar eine bequeme Sache, aber schön anzusehen und damit für die Eintrittskartensammlung tauglich ist so ein DIN A4-Zettel natürlich nicht.

Nun ließen wir den Abend auf dem Mini-Balkon unseres Hotelzimmers mit Dosenbier und Eiscreme gemütlich ausklingen und beobachteten dabei den immer noch regen Verkehr auf der unter uns liegenden Hauptstraße

06.10.2009
Heute war ein fußballfreier Tag, der es uns ermöglichte, Thessaloniki etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Sehr gut gefallen hat uns die Ufer- und Strandpromenade am Weißen Turm, dem Wahrzeichen der Stadt. Dort kann man in aller Ruhe spazieren gehen und den Flair des Mittelmeeres genießen

Wer die Stadt ein bisschen vom Meer aus betrachten möchte dem können wir eine Fahrt auf einem mehr als interessanten Boot ans Herz legen, dass direkt vor uns am Weißen Leuchtturm anlegte und mit einer kostenlosen Fahrt durch den Hafen lockte. Kostenlos? Was sagt das einem routinierten Reisenden? Stimmt, da muss ein Haken an der Sache sein. Das Aussehen des Schiffes machte uns aber neugierig und so informierten wir uns. Die Fahrt ist tatsächlich kostenlos, allerdings muss man mindestens ein Getränk kaufen. Ein Bier beispielsweise kostet 5,00€. So kann man mit 2 Personen für 10,00€ eine ca. 45minütige Fahrt durch den Hafenbereich Thessalonikis unternehmen und sich die Stadt aus einiger Entfernung ansehen. Das lohnt sich und die Leute, denen das Boot gehört, sind wirklich lustige Zeitgenossen, die aus ihrem „normalen“ Leben ausgestiegen sind und sich nun im Sommer Geld damit verdienen, Touris durch den Hafen zu schippern und dabei mit Reggae-Musik zu verwöhnen. Die hübsche Bedienung beispielsweise hat ihre Wurzeln in Somalia. Sehr sympathische Menschen!

Ansonsten fanden wir, dass Thessaloniki nicht sonderlich viel zu bieten hat, wie man es vielleicht eigentlich von einer griechischen Großstadt erwarten würde. Aber gut, 3 Erstligisten sind ja ehrlich gesagt auch schon genug an Attraktion, oder?

07.10.2009 15:00 Uhr
Veria FC – Visaltiakos 0:0
Stadio Verias
Zuschauer: ca. 1.000
Ca. 2 Gäste

Das Internet machte uns auf eine englische Woche im griechischen Drittligafußball aufmerksam. Und so machten wir uns heute auf den ziemlich kurzen Weg nach Veria, ca. 70 Kilometer südwestlich von Thessaloniki und am Vermiogebirge gelegen.

Die Zeit vor dem Spiel vertrieben wir uns in der Stadt, um frisches Obst zu kaufen, von einem Aussichtspunkt aus den Blick in die vor uns liegende Ebene zu genießen, einen Eiscafé zu trinken und einfach etwas vom griechischen Großstadtdschungel zu entspannen.

Nach einiger Zeit hieß es wieder für uns: hinein ins fußballerische Vergnügen! Den Golfi parkten wir bei heißen Temperaturen direkt vor dem Stadion, so groß war der Zuschauerzuspruch beim Absteiger nicht als das das nicht möglich wäre. In einem kleinen Guckloch neben dem Haupteingang konnte man Karten für satte 10,00€ pro Stück erwerben. Auch nicht gerade billig wie ich finde. Wenigstens wollte ich zu diesem Preis die Karte am Stück behalten, was bedeutete, dieses wiederum dem Eintrittskartenkontrolleur am Eingang verständlich zu machen, denn wir hatten beobachtet, dass auch hier wieder die Unsitte vorherrschte, diese Kleinoden der Sammlerkultur einfach rücksichtslos in der Mitte zu entzweien. Pfui!! Ich wollte gerade tief Luft holen und entsprechende Gesten sprechen lassen um das zu vermeiden, da lachte der nette Mensch am Eingang schon freundlich und riss nur das oberste Eck der Karte ab. Scheinbar wird diese Bitte öfter an ihn herangetragen.

Wir machten es uns auf der von der Sonne geküssten Hintertortribüne bequem und verfolgten das Treiben auf dem Rasen. Wenn der Kick vom Montag schon als schlecht einzustufen war, dann kann man dieses Gegurke wahrhaft als schlechtesten Kick der ganzen Tour brandmarken. Na ja, so wichtig war es ja nun auch nicht und ich unterhielt mich statt ein tolles Spiel auf dem Rasen zu sehen lieber mit Jenny und sah mich am wirklich schönen Stadion des Veria FC satt. Auch hier ist das komplette Stadion wie üblich mit Sitzplätzen versehen und auch nur die Haupttribüne überdacht. Gut so, so kann man wenigstens mediterrane Sonne tanken. Die restlichen Tribünen wirken irgendwie etwas krumm und schief, so als hätte man es vermieden, das Erdreich zu begradigen, bevor man den Beton für die Tribüne darauf gesetzt hat. Direkt am Eingang befindet sich ein netter Kiosk, an dem man auch Leckereien für den Gaumen erwerben kann, womit man bei Groundhoppern ja immer Pluspunkte sammeln kann.

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Stadio Verias
Bild: Schlomm

Etwas nervig waren allerdings einige pubertierende Jugendliche, die ein paar Meter entfernt von uns ihr Unwesen trieben. Ganze 2 Gästefans konnten wir ausmachen. Bei torlosen Spielen ist es ja manchmal etwas schwierig eine ungefähre Anzahl an Gästefans auszumachen und außer diesen beiden sind uns keine aufgefallen. Allerdings machten es uns diese beiden Typen nicht sonderlich schwierig zu ermitteln, zu welcher Mannschaft sie halten. Der eine rastete bei jeder Aktion das Gastmannschaft regelrecht aus, der andere versuchte stets ihn irgendwie zu beruhigen. Half aber alles nichts, als kurz vor Schluss noch eine strittige Situation gegen die Gastelf entschieden wurde demolierte der Typ mit zahlreichen Fußtritten einen roten Kasten, der am Zaun hing und in dem sich wohl mal ein Feuerlöscher befunden haben muss.

Amüsiert verließen wir das hübsche Stadion und machten uns auf den Weg zurück zu unserem Hotel nach Thessaloniki, welches wir am morgigen Tag verließen.
(Stadionwelt, 30.12.2010)

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Die PAOK-Fans zünden Pyrotechnik beim kleinen Derby
Bild: Schlomm
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Stadio Verias
Bild: Schlomm
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