Im Spätsommer 2009 begab Fabian Schlomm sich über drei Wochen auf eine Groundhoppingtour Richtung Balkan. Stadionwelt veröffentlicht seine Erlebnisse in zehn Teilen. Im dritten Teil besuchte Fabian Schlomm unter anderem die Partie VSC Debrecen gegen Olympique Lyon.
Unterwegs auf Balkantour mit Fabian Schlomm (Teil 3/10)
Foto: Stadionwelt
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28.09.2009
www.profutbol.sk, diese recht bekannte Seite was slowakischen Fußball angeht, machte uns im Vorfeld der Tour den Mund ziemlich wässrig. FC Dunajska Streda sollte am heutigen Tage eigentlich das im September aus Sicherheitsgründen abgesagte Heimspiel gegen die Hauptstädter von Slovan nachholen. Uiuiui, auch hier sollte für viel Spannung und Brisanz gesorgt sein, und das nur knappe 100 Kilometer von Budapest entfernt. Doch wie ihr schon lesen könnt, das Wort „eigentlich“ lässt nichts Gutes erahnen, schließlich mussten wir feststellen, dass das Spiel nicht für diesen Tag angesetzt war und der Verband noch nicht entschieden hatte, wann genau der hochbrisante Kick starten sollte. Woher auch immer die Macher der Website ihre Information hatten, ein Anruf auf der Geschäftsstelle von Sloven (bei Dunajska Streda hatten wir niemanden erreicht) brachte die Gewissheit, das sie falsch war. Trotzdem noch kurz zum Hintergrund: die Gegend um Dunajska Streda wird mehrheitlich von Ungarn bewohnt, da sie früher zu selbigem gehörte. Das alleine hat ja schon gemeinhin Konflikte als Konsequenz. Vor einiger Zeit wurde in der Gegend ein Denkmal für einen ungarischen Nationalhelden eingeweiht, der Bürgermeister hatte dazu auch den ungarischen Präsidenten eingeladen. Die Slowakei versagte dem Staatsmann allerdings die Einreise, was in der EU seit dem Schengener Abkommen ein Novum darstellt. Das sorgte für reichlich Ärger in der Europäischen Staatengemeinschaft, weil besagter Vertrag eigentlich freien Personenverkehr innerhalb der EU-Grenzen zusagt.
Nun gut, wir machten das Beste daraus und so wurde heute mal ein Sight Seeing Tag eingelegt. Und man muss sagen: da kann Budapest einiges! Viele super interessante Gebäude und Denkmäler, viele Brücken, der Budahügel mit einer tollen Aussicht über die ganze Stadt, die Donau, also langweilig wird einem hier auch ohne Fußball nicht. In der Abenddämmerung machten wir dann noch eine Donauschifffahrt und wir stellten fest, das Budapest bei Nacht noch viel schöner aussieht als tagsüber. Ich kann jetzt schon sagen: die schönste Stadt unserer Tour.
29.09.2009 15:00 Uhr
Varosi Stadion
FC Veszprem – FC Kaposvar 1:2
Zuschauer: ca. 300
5 Gäste
Bei Recherchen bezüglich der weiteren Reiseroute und entsprechender Unterkünfte im Internetcafé stießen wir durch Zufall auf o.g. Pokalspiel. Wir entschieden uns für den Besuch des Spiels, auch wenn abends ein Champions League Event (eigentlich ja ein furchtbares Wort, aber irgendwie trifft es das trotzdem ganz gut) auf dem Plan stand und ich eher als Sicherheitsfanatiker gelte was neue Grounds angeht. Egal, Veszprem liegt ca. 150 Kilometer südwestlich von Budapest Richtung Balaton und beheimatet einen Drittligisten. Zum Plattensee geht es sowieso über die Autobahn und auch nach Verlassen derselbigen befährt man eine sehr gut ausgebaute, größtenteils gar vierspurige Straße Und so merkten wir schon auf der Hinfahrt, dass eine pünktliche Ankunft beim Europapokalspiel im Nepstadion sehr gute Chancen hatte.
In Veszprem angekommen suchten wir zuerst einmal die Adresse auf, die im Groundhopping-Informer angegeben ist, in der Annahme, es würde sich eventuell um den Standort des Varosi-Stadions handeln. Mit Navi eine Leichtigkeit. Jedoch schickte uns das elektronische Hilfssystem mitten in ein recht gepflegtes Wohngebiet. Bei der „Rozmaring utca Nr. 31“ handelte es sich um ein kleines Einfamilienhaus mit Vorgarten. Wir nahmen Abstand davon, dort nun auch noch zu klingeln. Durchaus möglich, dass der Vereinspräsident hier vielleicht sein Domizil hat, jedoch würden wir das Stadion sicherlich auch ohne seine Hilfe finden und wir wollten kein Aufsehen erregen.
Also ging es wieder Richtung Innenstadt. Nach einiger Fragerei konnte uns ein hilfsbereiter Tankwart den entscheidenden Hinweis liefern und so fanden wir letztendlich den kleinen Leichtatlethikground im Herzen der Stadt. Apropos Leichtaltethik, im weiten Rund, von Fußball war hier einige Stunden vor Anpfiff freilich noch keine Spur, drehten einige Jogger ihre Runden. Auf Nachfrage erkundigte sich ein Joggerpärchen freundlicherweise beim Wirt der Kneipe um die Ecke nach dem Anpfiff, die Information aus dem Internet konnte bestätigt werden. Vielen Dank!
Im Übrigen versteht sich somit von selbst, dass sich im kleinen Varosi-Stadion eine Laufbahn befindet. Auf der Gegengeraden sind einige unüberdachte Stufen auf einem Graswall zu finden, als Haupttribüne dienen einige Holzbänke mit darüber befindlicher Sprecherkabine. Sehr schön anzusehen die überdimensionierte Anzeigetafel.
Nun vertrieben wir uns die restliche Zeit bis zum Kick Off in der City und in einem allerdings eher langweiligen Einkaufzentrum. Irgendwie sind die Dinger ja alle gleich, nur in unterschiedlicher Größe. Und so waren wir froh, als wir endlich zurück zum Stadion fahren konnten, in dem sich nun auch schon die ersten Zuschauer im Innenraum tummelten.
Als gar nicht so einfach gestaltete sich der Eintritt ins Stadion. Am ersten Eingang schickte man uns einige Meter weiter zu einem kleinen Kassenhäuschen, in dem eine ältere Dame saß, die von zwei bulligen Ordnern bewacht wurde.
Diese wussten aber nicht so recht etwas mit uns anzufangen und schickten uns wieder zu dem ersten Eingang, dessen Ordner uns natürlich wieder zurückschickte. Wir hätten Kilometergeld verlangen sollen!
Dann schafften wir es aber doch der Omi verständlich zu machen, dass wir gerne 2 Eintrittskarten für das Spiel kaufen würden. Ach so, okay, macht dann 400 Forint, und meine bessere Hälfte erhielt wie alle Frauen freien Eintritt. So ganz erschließt sich mir allerdings nicht warum wir beim ersten Versuch abgewiesen wurden. Wenn 2 Leute auf ein Kassenhäuschen einige Zeit vor Anpfiff eines Fußballspiels zukommen kann man doch eigentlich davon ausgehen, dass diese gerne dem Spiel beiwohnen würden, oder? Na ja, wir wollen der lieben Omi nicht böse sein, sie musste selbst etwas schmunzeln.
Einer der Zuschauer schien jedenfalls höchst motiviert zu sein und sorgte für einiges an Unterhaltung bei den Anwesenden. Er feuerte den Heimverein fast über die kompletten 90 Minuten durchgehend an und drehte dabei unentwegt seine Rassel. Heißt das eigentlich wirklich Rassel? Ich bin mir gar nicht so sicher, na ja, ihr wisst wohl was ich meine, diese Teile aus Holz, die immer so ein ratterndes Geräusch erzeugen wenn man sie in der Luft dreht, mir fällt der genaue Terminus gerade nicht ein. Jedenfalls sorgte er für einigen Rabatz. Das merkwürdige war, dass er, eher fanuntypisch, Anzug und Krawatte trug. Vielleicht war es ja ein Vereinsoffizieller, der dadurch seinem Klub in die nächste Pokalrunde verhelfen wollte, was aber, wie am Ergebnis zu sehen, nicht funktionierte.
Nach Abpfiff hieß es dann aber schleunigst: zurück Richtung Hauptstadt!
29.09.2009 20:45 Uhr
Puskas Ferenc Stadion
VSC Debrecen – Olympique Lyon 0:4
Zuschauer: 42.000 (av.)
Ca. 70 Gäste
Eigentlich sollte es ja wie gesagt keine Schwierigkeit darstellen, pünktlich zum Anpfiff zwei der 42.000 Sitzplätze im ehemaligen Nepstadion einzunehmen. Die gut ausgebauten Straßen brachten uns wie schon während der Hinfahrt erhofft wieder zügig zurück in die Hauptstadt. Nun mussten wir nur noch zu unserem Hotel, dort unser Fahrzeug abstellen, und dann per S-Bahn zum gar nicht so weit entfernten Nationalstadion Ungarns. Das soll wohl klappen. Doch schon wieder findet dieses unschöne Wort „eigentlich“ am Beginn dieses Absatzes Verwendung, was somit, wie ihr schon vermuten könnt, eine kleine, aber fiese Einschränkung darstellt. Denn am südwestlichen Stadtrand von Budapest, wir hatten uns bis hierhin sehr erfolgreich durch den Feierabendverkehr geschlängelt, verpassten wir an einer entscheidenden Stelle eine kleine Knickabfahrt nach rechts. Eigentlich nicht so schlimm, doch nun standen wir mitten in der Budapester Rush Hour, die uns über den Budaberg auf eine der vielen Brücken Richtung Zentrum führen wollte. Shit! Das war gar nicht gut. Seid ihr schon einmal zu einem Spiel der Eintracht aus Trier gefahren und seid oben von diesem Berg aus über die Mosel Richtung gleichnamigen Stadion gefahren? Es soll Leute geben, die haben beim Anpfiff von dort oben aus die Flutlichtmasten des Moselstadions gesehen, obwohl sie von zu Hause eigentlich rechtzeitig aufgebrochen sind, so übel ist der Stau zur dichtesten Verkehrsphase an dieser Stelle oftmals. Schon wieder dieses Wort „eigentlich“… So ähnlich ging es uns nun jedenfalls auch.
Puskás Ferenc-stadion (Ex-Népstadion)
Bild: Stadionwelt
Die Minuten verronnen, die Nerven wurden arg strapaziert, und die Blechlawine schob sich zäh wie Kaugummi den Berg hinunter. Kurz vor der Donau konnten wir dann endlich wie schon lange vorher gewollt rechts abbiegen. In der S-Bahn zum Stadion war schon der Bär los und vor dem Stadion herrschte regelrechte Volksfeststimmung. Ziemlich verständlich, so hatte sich doch das erste Mal seit 15 Jahren eine ungarische Mannschaft für die Champions League qualifiziert. Ein Bus nach dem nächsten mit Fans aus der Stadt an der rumänischen Grenze rollte zum Austragungsort, die Fenster waren oftmals geöffnet und die Leute schwenkten ihre Schals und Fahnen aus dem fahrenden Bus, während die schon angekommenen Fans ihre Mitstreiter lautstark begrüßten.
Für uns hieß es allerdings statt dessen: Tickets organisieren. Da Zeitdruck und Hektik aus mir einen der schlechtesten Schwarzmarktkunden der Welt machen, zumindest aus Käufersicht, hatte einer der vielen Schwarzmarkthändler, den ich mir wahllos herausgegriffen hatte, heute leichtes Spiel und er bekam von mir 15,00€ pro Sitzplatzticket in die Hände gedrückt. Für ein Champions League Spiel ja für wahr ein Schnäppchen, aber nicht, wenn man den Normalpreis von 5,00€ pro Ticket zu Grunde legt. Nun war es egal, hin zum Eingang und da stauten sich die Massen schon zu einem riesigen Pulk, der sich dicht gedrängt Richtung Ordnermauer schob, die einem den Einlass gewähren würde. Nun könnte man ja meinen, dieser Andrang wäre so groß weil die Sicherheitsvorkehrungen so extrem waren und jeder bis auf die U-Buchse auf pyrotechnische Gegenstände und Ähnliches untersuchte wurde. Aber mitnichten. Die Maßnahmen am Eingang waren mehr als lasch, es wurde lediglich die Karte abgerissen und man wurde ins Stadion geschoben.
Puuhh, das wär geschafft, nichts für Leute mit Klaustrophobie, nun aber rein ins wirklich wunderschöne weite Rund, der Anpfiff erfolgte just in dieser Minute. Doch nun kam das nächste Problem: die Zugänge zu den eigentlichen Blöcken waren bereits wegen Überfüllung geschlossen. Das konnte doch nicht wahr sein! So standen wir nun im Mittelring, eingesperrt von hohen Zäunen, von dem aus man überhaupt nichts vom Spielgeschehen mitbekommen konnte. Und vor den Eingängen zum jeweiligen Block standen noch reichlich Menschen, die alle verzweifelt mit ihren Eintrittskarten vor den Gesichtern der überforderten Ordner herumwedelten. Was sollten wir tun? Jetzt war es mir wurscht, und wenn ich mich mit dem armen Ordner, der ja nun auch nur seinen bescheuerten Job für einen Abend erledigen musste, anlege! Ich schnappte Jenny und drängte mich durch den Menschenauflauf zum Gatter, quasselte den Ordner auf deutsch zu, zeigte ihm meine Digitalkamera und erzählte ihm einfach auf deutsch in harschem Ton, dass wir Fotos vom Spiel machen müssen. Ich war selbst überrascht, aber der Knilch öffnete tatsächlich das Tor und gewährte uns Einlass. Also nichts wie rein. Puuh, die Vorstellung, 90 Minuten in diesem dämlichen Mittelring verbringen zu müssen, so nah und doch so fern vom Spiel, war richtig ekelhaft. Doch nun waren wir zumindest im Block. Einige Minuten standen wir an einem Zaun, der diesen Block vom nächsten trennte, und konnten mehr schlecht als recht sehen. Aber wir waren unserem Ziel jedenfalls schon ein dickes Stück näher gekommen. In der Mitte war sogar noch ein Sitzplatzpaar frei, und ich fragte einen Typen, der neben mir stand, auf englisch, warum diese denn noch nicht besetzt wären. Er fragte woher wir denn kämen, aha, aus Deutschland, och, wir sollten uns da mal hinsetzen. Aber wenn jemand käme, der die Tickets für genau diese Plätze hat? Er meinte nur „Don’t care, only hungarian Tickets, just sit down”. Nun gut, das ließen wir uns nicht zweimal sagen und wir nahmen „unsere“ Plätze ein. Genau 12 Minuten waren nun seit dem Anpfiff erfolgt und meine Augen mussten sich nun erstmal im riesigen Nepstadion zurechtfinden.
Ein wahrlich wunderschönes Stadion! Eine klotzige Haupttribüne zur Linken, auf der relativ wenig Leute Platz finden, bei der man sich aber sehr gut vorstellen kann, wie sich zu Zeiten des Eisernen Vorhangs reichlich Politfunktionäre in der Ehrenloge breit machten. Die Gegengerade ist nahezu dreimal so groß und war voll besetzt mit rot-weiß-schwarz gekleideten Fans, wobei der Oberrang mittlerweile gesperrt ist und somit nicht mehr knapp 50.000, sondern „nur“ noch 42.000 Personen bei ausverkauftem Haus dort Platz finden. Wirklich ein toller Anblick!
Der Heimblock befand sich direkt gegenüber auf der anderen Hintertortribüne im Unterrang. Leider konnten wir keine Gesänge vernehmen, die Jungs waren einfach zu weit weg und es herrschte ein ständiger Lärmpegel im Rest des Stadions. Allerdings wurden in besagtem Block jede Menge Fahnen in den Vereinsfarben geschwenkt und zu Beginn der zweiten Halbzeit gab es gar eine extrem breite, ungarische Blockfahne zu bestaunen.
VSC Debrecen Fans
Bild: Schlomm
Okay, die Heimkurve war ausgemacht, doch wo befanden sich die Franzosen?
Ich musste einige Zeit suchen, bis ich das kleine Häufchen neben der dicken, fetten Haupttribüne gefunden hatte. Wie, das war alles? Okay, das unsere westlichen Nachbarn nicht gerade die reisefreudigsten Fanatiker beheimaten war schon klar. Aber diese knapp 70 Männchen waren alles, was so eine geile Heimszene wie die Lyoner zu einem Auswärtskick in so einem tollen Stadion und so einer schicken Stadt wie Budapest auf die Beine stellen kann? Keine Ultra-Zaunfahne, keine Gesänge, nichts. Also da muss ich mir ganz ehrlich die Frage stellen: kann man so eine Szene ernst nehmen, die zu Hause aus zwei Fanblöcken richtig gut abfeiert (zumindest als ich ein Heimspiel von Olympique besuchte) und dann auswärts im Europapokal so ein erbärmliches Bild liefert? Mir fällt es schwer…
Olympique Lyon Fans im Gästeblock
Bild: Schlomm
Nach wenigen weiteren Minuten fiel das erste Tor für die schnell und gut kombinierenden Gäste. Dachten wir zumindest, doch es war bereits das 0:2. 0:4 flimmerte dann nach 90 Minuten über die riesige Leinwand, die vermutlich Augenkrebs verursacht, wenn man länger als 30 Sekunden beide Sehnerven darauf gerichtet hält. Nach einer knappen 0:1-Niederlage der Ungarn im ersten Spiel an der Anfield Road eine herbe Enttäuschung.
Und so trotteten die meisten Zuschauer nach dem Schlusspfiff mit hängenden Köpfen nach Hause, während wir mit dem Bewusstsein zum Hotel zurückfuhren, noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen zu sein und eines der sehenswertesten Stadien Europas, so finden wir zumindest, besucht zu haben.
(Stadionwelt, 26.12.2010)
Bild: Stadionwelt
Bild: Schlomm
Bild: Schlomm




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