Die Aussagen von Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), werden in der Fanszene ständig kontrovers diskutiert. Grund genug für Stadionwelt mal genauer nachzufragen. Im ersten Teil geht es unter anderem um die Themen Kennzeichnung von Polizisten und um Stadionverbote.
"Die Polizisten werden mit diesem Thema umzugehen wissen"
Foto: Deutsche Polizeigewerkschaft (DpolG)
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Stadionwelt: Immer häufiger wird Ihrerseits die Forderung nach Beteiligung der Bundesligavereine an den Kosten der Polizeieinsätze rund um Fußballspiele laut. Was sind die Gründe?
Rainer Wendt: Die meisten Vereine wären sicher überfordert und deren unterschiedliche Finanzausstattung dürfte es noch schwieriger machen, hier eine gerechte Lösung herbeizuführen. Deshalb haben wir die Erwartung geäußert, dass sich die Verbände, also DFB und DFL im Rahmen einer Gebührenlösung an den immensen Kosten für die Sicherheit beteiligen. Dort werden Milliarden erwirtschaftet, während unsere Kolleginnen und Kollegen mit Minimalbeträgen für ihren Einsatz abgespeist werden. Deshalb gilt diese Erwartung auch nicht nur für den Fußball, sondern auch für vergleichbare kommerzielle Großveranstaltungen, nicht aber für Demos, bei denen ein Grundrecht wahrgenommen wird. Das Rechtsinstrument ist nicht neu, ob Inhaber von Alarmanlagen, Frachtunternehmen oder sogar Privatpersonen, werden in Ländern mit Gebühren belastet, wenn sie die Polizei in Anspruch nehmen.
Stadionwelt: In anderen Ländern, wie zum Beispiel der Schweiz, gibt es diese Beteiligung der Vereine. Glauben Sie, dass es in Deutschland eine rechtliche Grundlage für eine solche Kostenbeteiligung geben könnte?
Wendt: Selbstverständlich ist das möglich, wenn es politisch gewollt ist. Ich mache mir da keine Illusionen, das wird noch ein weiter Weg, denn viele Entscheidungsträger fühlen sich auf den Ehrentribünen pudelwohl, da will man es sich nicht mit den Spitzen des Fußballs verderben. Aber die leeren Kassen der Länder erhöhen permanent die Bereitschaft, sich diesem Thema zu nähern.
Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG)
Bild: Deutsche Polizeigewerkschaft (DpolG)
Stadionwelt: Gerade im Zeitraum von großen Demonstrationen, wie zuletzt beim Castortransport oder am ersten Mai, sind Polizisten einer höheren Belastung ausgesetzt. Sollten die Termine der Bundesligen bei solchen Anlässen kurzfristig geändert werden können oder reicht Ihnen die vorherige Anhörung bei der Festlegung der Rahmentermine der Bundesligen?
Wendt: Ich bin sehr dafür, dass man dies langfristig abspricht, damit auf allen Seiten auch Planungssicherheit herrscht. Aber was da im nächsten Jahr ablaufen soll, ist wieder einmal absurd, denn unmittelbar vor dem ersten Mai sollen Spiele stattfinden, offenbar hat niemand der Verantwortlichen ein Gespür dafür, welche Belastungen da für unsere Kolleginnen und Kollegen anstehen, von denen man sich auch erst einmal erholen muss. Außerdem wollen unsere Leute gelegentlich auch ihre Familien sehen!
Stadionwelt: Ab dem ersten Januar 2011 wird es eine Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte in Berlin geben. Damit ist Berlin das erste Bundesland, das die Kennzeichnungspflicht einführt. Wie stehen Sie zur Kennzeichnungspflicht und werden Ihrer Meinung nach weitere Bundesländer dem Beispiel der Hauptstadt folgen?
Wendt: Wie es aussieht, werden alle anderen Länder und auch die Bundespolizei diesen Unfug nicht mitmachen.
Stadionwelt: Was spricht konkret gegen eine Kennzeichnungspflicht von Polizeibeamten, wenn diese anonymisiert zum Beispiel in Form von Zahlencodes eingeführt wird? Gibt es überhaupt Einwände?
Wendt: Es gibt überhaupt keine Veranlassung, alle Polizistinnen und Polizisten unter Generalverdacht zu stellen, sie könnten Straftäter sein, die man identifizieren muss. Es ist schon grotesk: Während vermummte Gestalten durch die Hauptstadt laufen, Autos und Wohnhäuser anzünden und Polizisten attackieren, müssen die Polizisten ihre Identität jedem Chaoten preisgeben. Senator Körting hat sich da von seinem Bürgermeister und den Linken in eine Ecke drängen lassen, aus der er am Ende nicht mehr herausgekommen ist. Das ist pure linke Klientelpolitik, sonst nichts. Die Polizisten werden mit diesem Thema umzugehen wissen, an erster Stelle steht der Schutz unserer Familien, was auch immer Wowereit und seine Genossen erzählen.
Stadionwelt: Könnte es denn nicht eine Lösung sein, wenn es eine anonymisierten Form der Kennzeichnung gibt, bei der zum Beispiel nur der Hundertschaftsführer oder der Polizeipräsident die Namen hat, die sich hinter den Nummern verbergen. Somit könnten Polizisten nicht von jedem identifiziert werden und auch für die Familien der Polizeibeamten besteht keine Gefahr. Wie sehen sie das?
Wendt: Die jeweiligen Einheitsführer kennen schon jetzt die Namen ihrer Beamten und nennen diese auch, wenn es einen berechtigten Anlass dazu gibt. Unsere Einsatzkräfte sind willkürlichen Anschuldigungen hilflos ausgeliefert, müssen erhebliche berufliche und persönliche Nachteile hinnehmen, wenn es nur der Nennung einer Nummer bedarf, um entsprechende strafrechtliche Ermittlungen gegen sie einzuleiten. Jahrelanges Beförderungsverbot, Umsetzungen und Ansehensschädigung, bis hin zu erheblichen psychischen Belastungen durch jahrelange Ermittlungen – und das alles nur, damit linke Gruppen als Wählerklientel bedient werden. Was in dieser Stadt geschieht, ist eigentlich unfassbar, der Senat verrät seine Polizei.
Stadionwelt: Als im März diesen Jahres Fans von Hertha BSC nach dem Spiel gegen den 1.FC Nürnberg das Spielfeld des Olympiastadions stürmten, forderten Sie die Abschaffung von Stehplätzen in den Stadien. Glauben Sie, dass reine Sitzplatzstadien die Sicherheit beim Fußball erhöhen würden?
Wendt: Das muss nicht überall so sein, aber in der Tat halte ich es für überlegenswert, ob dies im Einzelfall der richtige Weg ist. In diesen Zusammenhang gehört immer auch die Feststellung, dass die Vereine in die Sicherheit viel investiert haben, das ist sehr zu begrüßen.
Stadionwelt: Welche Vorteile hat ein reines Sitzplatzstadion aus Sicherheitsaspekten genau, wenn die Leute sich zum Beispiel in der Fankurve nicht auf den eigenen Sitz setzen, denn auch das Olympiastadion besteht ausschließlich aus Sitzplätzen, was den Vorfall auch nicht verhindern konnte?
Wendt: Niemand glaubt, dass ein reines Sitzplatzstadion ein Allheilmittel wäre, aber grundsätzlich wirken Sitzplätze weniger aggressionsfördernd als Stehplätze, wo man von vornherein geringe persönliche Distanz hat. Eine Stimmung lässt sich viel leichter dort aufheizen, wo Menschen im direkten Körperkontakt stehen.
Nach dem Platzsturm der Hertha-Fans forderte Wendt die Abschaffung der Stehplätze
Bild: Tobias Müller
Stadionwelt: Stadionverbote stehen bei vielen Fans permanent in der Kritik. Viele Fußballanhänger sind der Meinung, dass diese willkürlich ausgesprochen werden, weil das Prozedere zum Teil ohne Verhandlung respektive ohne Anhörung vonstatten geht. Was halten Sie von dem Mittel des Stadionverbots?
Wendt: Diese Kritik kommt immer dann, wenn Stadionverbote ausgesprochen wurden, aber das sind wir gewohnt. Ich habe auch ganz selten Straftäter getroffen, die nicht „unschuldig“ waren. Selbstverständlich ist dies ein probates Mittel, um Krawallmacher vom Stadion fernzuhalten, aber es ist eben auch nur ein Mittel, wirksame Vorkontrollen, niedrige Einschreitschwellen bei Gewalt, die Liste der Optionen ist lang und muss lageangepasst angewendet werden.
Stadionwelt: Bei Stadionverboten kritisieren viele Betroffene, dass die Bestrafung bereits vor der Gerichtsverhandlung greift, auf der erst über Schuld und Unschuld entschieden wird. Wäre ein Stadionverbot erst nach der Verurteilung eine Möglichkeit?
Wendt: Das Stadionverbot hat mit Strafverfolgung nichts zu tun. Es ist im Prinzip nichts anderes als die Ausübung des Hausrechts durch die Vereine und muss von keinem Gericht durch Strafspruch bestätigt werden. Wenn Sie jemanden nicht in ihre Wohnung einladen oder hereinlassen wollen, müssen Sie das auch nicht begründen.
Stadionwelt: Wie stehen Sie zu dem Mittel der Geisterspiele bzw. der Sperrung des Gästeblocks, wenn die Anhänger eines Vereins häufiger negativ auffallen?
Wendt: Das setzt sowohl Vereine als auch Zuschauer unter Druck, ihre Anstrengungen zu vergrößern, die Spiele und das Geschehen insgesamt friedlich zu halten. Es ist dies natürlich nur eine Maßnahme, wenn alles andere versagt hat, denn es entsteht natürlich auch ein enormer wirtschaftlicher Schaden, deshalb muss man mit diesem Instrument behutsam umgehen.
Morgen wird der zweite Teil des Interviews veröffentlicht. Darin geht es unter anderem um die Themen Legalisierung von Pyrotechnik, um sogenannte Stadtverbote und um Spannungen zwischen Ultras und Polizei.
(Stadionwelt, 14.12.2010)
Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews
Bild: Deutsche Polizeigewerkschaft (DpolG)
Bild: Tobias Müller




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