„Wir halten es für realistisch, dass Pyro legalisiert wird"

Faszination Fankurve 08.12.2010 0 Kommentare

Foto: Faszination Nordkurve

Am letzten Wochenende würde in der gesamten Republik in den Fankurven eine Kampagne beworben, die sich für die Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion einsetzt. Stadionwelt führte ein ausführliches Interview mit einem Vertreter der Kampagne.

Werbung

Stadionwelt: Stell uns doch mal bitte kurz die Kampagne vor. Warum wurde sie ins Leben gerufen und was ist Euer Ziel?
Jannis Busse: Die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ verfolgt zwei Ziele. Zum einen wollen wir erreichen, dass ein Wandel in den Köpfen der anderen Stadionbesucher und auch der Journalisten eintritt, die Pyro bisher immer mit Randale gleichgesetzt haben. Zum anderen geht es uns, wie der Name der Kampagne sagt, um die Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion.

Stadionwelt: Von wem kam die Idee zur Gründung der Kampagne und wie ist die Arbeit innerhalb der Kampagne aufgeteilt?
Busse: Es gab verschiedene Einflüsse, die zur Gründung der Kampagne führten. In Würzburg wurde zum Beispiel ein Konzept zur Legalisierung entwickelt, in Österreich haben wir gesehen, dass eine Kampagne funktioniert und in Deutschland wurde auch wieder mehr Pyrotechnik gezündet. So kam es, dass bei verschiedenen Gruppen gefragt wurde, ob Interesse besteht. Die Arbeit wird bei uns unter den verschiedenen Vetretern der Gruppen aufgeteilt.

Stadionwelt: Wie glaubt ihr kann das Ziel der Legalisierung von Pyrotechnik konkret erreicht werden und für wie realistisch haltet ihr einen Erfolg der Kampagne?
Busse: Wir halten es für realistisch, dass Pyro legalisiert wird. Auch bei anderen Veranstaltungen mit Publikum wird Pyrotechnik legal eingesetzt, wie zum Beispiel im Theater oder bei Konzerten. In Chemnitz ist die Initiative der Fans auch von allen Institutionen abgesegnet worden, lediglich der Verband stellt sich noch quer. Für eine Legalisierung ist es aber wichtig, dass die Pyroartikel sicher sind und auch geprüft wurden und es sich zum Beispiel nicht um ungeprüfte Sylvesterartikel aus Osteuropa handelt. Es gibt zum Beispiel Fackeln, die als Seenotfackeln eingesetzt werden, deren Rauchentwicklung ziemlich stark ist. Solche Produkte können sicherlich für den Gebrauch im Stadion noch optimiert werden.

Stadionwelt: Was haltet ihr konkret von einem Pyropass oder dem Abbrennen von Pyrotechnik am Spielfeldrand außerhalb des Fanblocks?
Busse: Unser Kampagnennamen besagt ja „Emotionen respektieren“. In unseren Augen gehören Emotionen beim Fußball und auch bei Pyrotechnik dazu. Deshalb kann es wohl nicht gesteuert am Spielfeldrand laufen.Ein Pyropass muss ebenfalls nicht sein, aber es sollte sichergestellt werden, dass nur verantwortungsvolle Leute Pyrotechnik zünden.

Stadionwelt: Ihr schreibt, dass ihr euch Pyrotechnik nicht nehmen lasst. Wie geht es bei dem Thema weiter, wenn die Kampagne scheitert?
Busse: Wir haben ja erstmal nichts zu verlieren. Pyrotechnik wird schon seit sehr langer Zeit eingesetzt und wird auch in Zukunft gezündet, trotz aller Strafen. Nun gibt es die einmalige Chance, dass es in Zukunft sicherer abläuft als bisher.

Homepage der Kampagne: www.pyrotechnik-legalisieren.de
Homepage der Kampagne: www.pyrotechnik-legalisieren.de

“ loading=“lazy“>

Homepage der Kampagne: www.pyrotechnik-legalisieren.de

Stadionwelt: Von welchen Personen und Institutionen ist eine Legalisierung in euren Augen abhängig und wie ist eure Gesprächsbereitschaft diesen Personen und Gruppen gegenüber?
Busse: Abhängig ist es von den zuständigen Ordnugsbehörden, dem jeweiligen Verein und dem Verband. Wir würden gerne noch die Feuerwehr und Pyrotechniker bzw. Hersteller miteinbeziehen, da diese Experten auf diesem Gebiet sind und somit sicherlich weiterhelfen können. Die Hersteller könnten dann ggf. auch ihre Produkte fürs Stadion optimieren, wie ich ja bereits erwähnt habe.

Stadionwelt: Wie viele Gruppen sind bisher an der Kampagne beteiligt?
Busse: Bisher sind 54 Gruppen von Vereinen aus der ersten bis zur sechsten Liga an der Kampagne beteiligt.

Stadionwelt: Haben weitere Gruppen interesse bekundet?
Busse: Ja, es haben sich bereits weitere Gruppen gemeldet. Auf unserer Website werden wir die Liste aktualisieren.

Stadionwelt: Eure erste Stellungnahme habt ihr als Ultras verfasst. Können sich auch andere Fanclubs an der Kampagne beteiligen?
Busse: Prinzipiell freuen wir uns über jeden, der sich mit unseren Zielen identifizieren kann. Auf unserer Homepage wird es bald eine Rubrik geben, in der Kriterien aufgelistet werden, die man erfüllen muss, wenn man bei der Kampagne mitmachen möchte. Umso mehr Leute sich anschließen, umso besser ist das natürlich und das erhöht den Druck auf die Institutionen.

Stadionwelt: Die österreichische Kampagne „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ hat in den Fankurven Deutschlands bereits einen hohen Bekanntheitsgrad. Galt Euch die österreichische Kampagne „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ als Vorbild und wurde ein Auftreten unter gleichem Namen diskutiert. Was unterscheidet die deutsche von der österreichischen Kampagne?
Busse: Die Kampagne „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ war sicherlich ein Vorbild für uns, aber vorwiegend als Inspiration. In Österreich herrschen ganz andere Voraussetzungen, als in Deutschland, sowohl was die Gesetze, aber auch was die Wahrnehmung der anderen Stadionbesucher angeht. In Österreich gibt es nicht diese negativen Assoziationen mit Pyrotechnik wie bei uns. Eines unserer beiden Ziele ist deshalb einen Wandel in den Köpfen der anderen Stadionbesucher zu erreichen, hin zu der Einstellung, dass Pyrotechnik nichts mit Ausschreitungen zu tun hat.

Stadionwelt: Stichwort Selbstregulierung: Ihr habt richtig erkannt, dass ihr nicht für jeden Fan die Verantwortung übernehmen könnt, der Pyro zündet. Wie wollt ihr trotzdem versuchen auf euer Umfeld und die gesamte Fanszene einen größtmöglichen Einfluss zu gewinnen, damit Pyrotechnik in Zukunft nur noch als optisches Mittel eingesetzt wird?
Busse: Dies soll durch die Publikationen der Gruppen, Handzettel, die im Stadion verteilt werden und durch ähnliche Dinge erreicht werden. Aber natürlich auch durch Gespräche mit anderen Fans, zum Beispiel auf Auswährtsfahrten, sind ein nicht zu unterschätzendes Mittel. Die Gruppen, die sich an der Kampagne beteiligen, haben größtenteils eine führende Rolle innerhalb ihrer Fanszene und somit sicherlich auch einen gewissen Einfluss auf die Leute. Weiterhin muss man berücksichtigen, dass sich nun Gruppen gegen Böllerwürfe etc. einsetzen, die sich sonst immer gegen Verbote einsetzen. Dadurch haben sie sicherlich eine ganz andere Glaubwürdigkeit, als zum Beispiel die Polizei oder Vereine, die sich häufig für Verbote stark machen. Die Ultragruppen können die Leute sicherlich besser erreichen.

Stadionwelt: Die Vereine der Gruppen, die bei euch beteiligt sind spielen in unterschiedlichsten Spielklassen. Ist es da nicht notwendig, völlig verschiedene Konzepte zu entwickeln?
Busse: Ja, das ist richtig. Jedoch geht es uns erstmal um das Umdenken in den Köpfen, wie ich bereits erklärt habe. Zudem wird das Konzept bei dem einen Verein sicherlich eher eingeführt, als bei einem anderen, aber da eine Saison zur Hälfte aus Auswärtsspielen besteht, kommt man auch schon in den Genuss der Legalisierung, selbst wenn der eigene Verein das Konzept vielleicht noch nicht umgesetzt hat.

Stadionwelt: Am vergangenen Wochenende wurde ein Aktionsspieltag von euch ins Leben gerufen. Welche Aktionen sind hier gelaufen?
Busse: Hier ging es zunächst um die Bekanntmachung der Kampagne. Dies geschah zum Beispiel durch Spruchbänder, aber auch in den Publikationen der Gruppen wurde das Thema natürlich behandelt.

Bekanntmachung der Kampagne in NürnbergBild: Faszination Nordkurve
Bekanntmachung der Kampagne in Nürnberg
Bild: Faszination Nordkurve

Bild: Faszination Nordkurve“ loading=“lazy“>

Bekanntmachung der Kampagne in Nürnberg
Bild: Faszination Nordkurve

Stadionwelt: Kann man den Start der Kampagne nach der Fandemo in Berlin so interpretieren, dass die Ultras sich in letzter Zeit wieder stärker vernetzen, um gemeinsame Ziele zu erreichen und Rivalitäten somit in den Hintergrund treten?
Busse: Ja, man kann es so sehen, dass Ultras sich wieder stärker vernetzen. Auf die Rivalität hat das aber keinen direkten Einfluss. Man hat einfach erkannt, dass bestimmte Dinge nur gemeinsam erreicht werden können. Das Treffen und die Kampagne sind sicherlich auch durch den Elan der Demo entstanden. Man muss allerdings auch mal ganz klar sagen, dass wir Ultras auf der Demo nicht nur gegen etwas protestiert haben, wie es uns häufig vorgeworfen worden ist, sondern auch für etwas. Zum Beispiel für Selbstregulierung. Diese ist auch ein großes Thema der Kampagne, schließlich fordern wir nicht nur die Legalisierung von Pyro sondern machen den ersten Schritt selbst, in dem wir uns zum Verzicht von Böllern und Leuchtspurgeschossen bekennen. Dieses kommunizieren wir auch in unseren Szenen.
(Stadionwelt, 08.12.2010)

Hier geht es zu weiteren Kurzinterviews zum Thema:
Kurzinterview Saalefront
Kurzinterview Insane Ultra Trier

Kurzinterview Frenetic Youth
Kurzinterview Szene E

Kurzinterview Natural Born Ultras

Kurzinterview Erfordia Ultras
Kurzinterview Boys Offenbach

Kurzinterview Coloniacs

Kurzinterview Legio Augusta

Kurzinterview Borussia Dortmund

Kurzinterview Chosen Few Hamburg

Kurzinterview Fialova Sbor

Kurzinterview Aachen Ultras

Kurzinterview Ultras Chemnitz

Kurzinterview Ultras Krefeld
Kurzinterview Ultras Gelsenkirchen

Kurzinterview Weekend Brothers

Kurzinterview Wuhlesnydikat

Kurzinterview Cattiva Brunsviga
Kurzinterview B-Block Würzburg
Kurzinterview Pfalz Inferno Kaiserslautern
Kurzinterview Commando Cannstatt – VfB Stuttgart
Kurzinterview Ultras Essen

„>
Homepage der Kampagne: www.pyrotechnik-legalisieren.de
Bild: Faszination Nordkurve“>
Bekanntmachung der Kampagne in Nürnberg
Bild: Faszination Nordkurve
Werbung
Werbung

0 Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.

weitere Beiträge