„Für mehr Verantwortung bei der Polizei“

Faszination Fankurve 06.10.2010 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Stadionwelt sprach mit Alexander Bosch, dem Sprecher der Themenkoordinationsgruppe Polizei und Menschenrechte bei Amnesty International über das Verhältnis zwischen Fußballfans und der Polizei.

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Stadionwelt: Gib uns doch kurz einleitend ein paar Informationen zu deiner Person, zu Amnesty International und der Arbeitsgruppe, in der zu aktiv bist.
Alexander Bosch: Mein Name ist Alexander Bosch, bin 27 Jahre alt und studiere zur Zeit an der Humboldt-Universität zu Berlin den Master Sozialwissenschaften. Ich bin der Sprecher der Themenkoordinationsgruppe Polizei und Menschenrechte bei Amnesty International(AI). Unsere Gruppe beschäftigt sich für AI mit dem Thema Polizeigewalt, nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder. Aber zur Zeit primär für Deutschland, weil AI im Sommer diesen Jahres einen Bericht mit dem Titel „Täter unbekannt“ zur Situation der Polizei in Deutschland veröffentlicht hat. Mit der Veröffentlichung startet auch unsere Kampagne „Für mehr Verantwortung bei der Polizei“.

Stadionwelt: Im Juli dieses Jahres veröffentlichte Amnesty International einen Bericht unter dem Namen „Täter unbekannt“, indem mutmaßliches Fehlverhalten der Polizei kritisiert wird. Welches Fehlverhalten wird in dem Bericht konkret thematisiert?
Bosch: Zur erst möchte ich sagen, dass wir grundsätzlich keine systematischen Menschenrechtsverletzungen bei der Polizei erkannt haben. Aber es gibt strukturelle Probleme. So haben wir festgestellt, dass auf Grund einer fehlenden individuellen Kennzeichnung mögliche Täter in Uniform nicht identifiziert werden konnten und daher die Ermittlung eingestellt werden mussten. Des Weiteren haben wir festgestellt, dass sobald ein Opfer mutmaßlicher Polizeigewalt eine Anzeige gegen einen Beamten eingereicht hat, dass dann die Beamten sofort eine Anzeige wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gegen diese Person einreichen. Leider ist es dann sehr oft so, dass die Verfahren gegen die Beamten gar nicht eröffnet werden oder schnell eingestellt werden, wobei die Verfahren gegen die Privatperson doch sehr oft eröffnet werden und es auch zu Verurteilungen kommt.

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Postkartenaktion von Amnesty International im Rahmen der Kampagne
Bild: Amnesty International

Stadionwelt: Welche Änderungen wünscht ihr euch konkret bzw. welche Forderungen stellt ihr in Richtung Polizei?
Bosch: Also wir haben auf Grund unserer Recherchen vier Forderungen an die Polizei bzw. an die Politik gestellt. Wir fordern die individuelle Kennzeichnung für jeden Polizeibeamten. Wir möchten einen unabhängigen Untersuchungsmechanismus, der Fälle mutmaßlicher Polizeigewalt unabhängig untersucht. Auch fordern wir eine Videoüberwachung auf Polizeistationen und mehr Menschenrechtsbildung innerhalb der Polizei.

Stadionwelt: Besonders eure Forderungen nach Kennzeichnungspflicht von Polizeibeamten unterstützen einige Fußballfans, die dies zum Beispiel schon per Spruchbänder in den Stadien forderten. Welche Aussicht auf Umsetzung hat diese Forderung eurer Meinung nach?
Bosch: Wir sehen gerade in Berlin gute Chancen für einen Erfolg. Denn der Berliner Polizeipräsident Herr Glietsch möchte schon seit einiger Zeit eine individuelle Kennzeichnung bei der Polizei einführen. Leider stößt er dabei auf starken Widerstand in Form der Polizei Gewerkschaften. Aber wir gehen davon aus, dass sich Herr Glietsch durchsetzen wird und in Berlin in absehbarer Zeit die individuelle Kennzeichnung eingeführt wird. Und wenn wir erst einmal ein Bundesland geschafft haben, werden sicher die anderen leichter zu überzeugen sein.

Stadionwelt: In eurem Bericht erwähnt ihr auch einen Fall mit Fußballbezug, indem ihr über den Polizeieinsatz in einer Berliner Discothek einen Tag vor dem Derby zwischen dem BFC Dynamo und Union Berlin berichtet. Habt ihr euch mit weiteren Fällen beschäftigt, die im sich Umfeld von Fußballspielen ereignet haben?
Bosch: Ja, haben wir. So haben wir z. B. die Vorfälle beim DFB-Pokalspiel zwischen dem FC Bayern München und der SpVgg Fürth aus der letzten Saison im Auge. Dort sollen Beamte des bayrische Unterstützungskommando (USK) ungerechtfertigt Gewalt gegen Fans angewandt haben. Des Weiteren haben wir einen Fall recherchiert, wo ein Hundertschaftsführer beim Spiel Tennis Borussia Berlin gegen den BFC Dynamo einem Fan einen Faustschlag ins Gesicht gibt, ohne erkennbaren Grund.

Stadionwelt: Warum sind Fußballfans neben weiteren Personengruppen, wie zum Beispiel Demonstranten eurer Ansicht nach vielleicht besonders häufig vom Fehlverhalten einzelner Polizeibeamten betroffen?
Bosch: Also Fußballfans gehören genauso wie Demonstranten zu einer Gruppe, die häufiger in Kontakt mit Polizeibeamten kommen, als der „normale“ Bürger. Des Weiteren kommt es bei Demonstrationen sowie bei Fußballspielen immer wieder zu schwierigen Situationen zwischen der Polizei und dem Fan/Demonstranten. Wo bei sicherlich auf beiden Seiten auch Vorurteile gegen die andere Seite vorherrschen und diese die Situationen nicht gerade beruhigen. Aber aus Sicht von AI können wir nicht genau sagen, ob Fans/Demonstranten häufiger Opfer von polizeilichem Fehlverhalten werden. Dafür fehlen uns einfach die genauen Zahlen und Daten!

Stadionwelt: Am Rande der Fandemonstration in Berlin wird Amnesty International einen Informationsstand haben. Wie funktioniert der Austausch zwischen euch und verschiedenen Fans bzw. Fangruppen und gab es bei euch zunächst Bedenken, als erste Kontakte zu organisierten Fußballfans aufkamen?
Bosch: Also der Austausch funktionierte so, dass zu erst Fangruppen an uns heran getreten sind und uns von ihren Erfahrungen berichtet haben und eine Zusammenarbeit angeregt haben. Und Bedenken gab es nicht wirklich welche. Wir haben uns eigentlich eher gefreut, dass wir jetzt im Kontakt mit Fußballfans stehen und so einer breiteren Öffentlichkeit unsere Anliegen vermitteln können. Wir erhoffen uns so auch eine breitere Unterstützung unserer Forderungen. Und wir haben uns sehr darüber gefreut, dass in vielen Fankurven auf Plakaten und Bannern auf unsere Kampagnenpage www.amnestypolizei.de hingewiesen wurde!

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Nicht nur die Fans des FC Schalke 04 machten die Kampagne im Stadion bekannt
Bild: Faszination-Nordkurve.de

Stadionwelt: Vorträge zum Thema Spannungsfeld zwischen Fußballfans und Polizei habt ihr zum Beispiel schon in Köln und Fürth gehalten. Sind weitere in Planung?
Bosch: Also wir sind vom Fanprojekt Dresden eingeladen worden und werden dort sehr wahrscheinlich am 02. 12. 2010 einen Vortrag halten. Des Weiteren werden wir am 06.11.2010 vor Fans des HSV in Hamburg sprechen. Auch mit Fans von Werder Bremen stehen wir in Kontakt.

Stadionwelt: In eurem Bericht kritisiert ihr das Verhalten einiger Beamter. Zu einer Verbesserung der Situation würde sicherlich auch ein Umdenken bei manchen Fußballfans beitragen. Wovon sollten sich Fußballfans eurer Meinung nach deutlicher distanzieren?
Bosch: Was meiner Meinung nach aufgegeben werden sollte, sind die Feindbilder. Dieses gilt für beide Seiten, also der Fans und der Polizei. Denn nicht jeder Polizeibeamte ist ein Schläger in Uniform und nicht jeder Fußballfan ein Hooligan! Und man sollte auch auf Provokationen verzichten. Und natürlich sollte man sich von jeder Form der Gewalt distanzieren. Ich würde mir sehr wünschen, wenn es einen konstruktiven Dialog zwischen Polizei und Fans gäbe, der nicht gleich bei jedem Vorfall abgebrochen wird. Dauerhafte Verbesserungen lassen sich nur durch einen dauerhaften Dialog erreichen.

Stadionwelt: Was würdet ihr einem Fußballfan empfehlen, der Opfer eines unverhätnismäßigen Polizeieinsatzes wurde?
Bosch: Wenn ein Fan Opfer von unverhältnismäßiger Polizeigewalt geworden sein sollte, dann sollte er erst einmal für sich selbst überlegen, ob er eine Strafanzeige gegen den Beamten einreichen möchte. Wenn er sich dazu entschlossen haben sollte, dann haben wir auf unserer Gruppen-Homepage (www.amnesty-polizei.de) ein Opfermerkblatt eingestellt. Dort ist alles aufgeführt, was man als Opfer von Polizeigewalt unternehmen sollte.
(Stadionwelt, 06.10.2010)

Webseiten der Kampagne:
www.amnesty-polizei.de
www.amnestypolizei.de

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Postkartenaktion von Amnesty International im Rahmen der Kampagne
Bild: Amnesty International
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Nicht nur die Fans des FC Schalke 04 machten die Kampagne im Stadion bekannt
Bild: Faszination-Nordkurve.de
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