Tatort Stadion 2 – Fußball und Diskriminierung

Faszination Fankurve 15.04.2010 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Heute öffnet in der unteren Rathaushalle in Bremen die Ausstellung „Tatort Stadion 2“ die Tore. Stadionwelt sprach mit Annika Hoffmann von BAFF und Thomas Janssen von der „AG Werderfans gegen Diskriminierung“ über die Neuauflage der begehrten Ausstellung.

Werbung
Bild 1

Stadionwelt: „Tatort Stadion“ wurde bereits im Jahr 2001 entwickelt und realisiert. Seither ist die Ausstellung an über 200 Orten zusehen gewesen. Wie zufrieden seid Ihr rückblickend auf den ersten Teil?
Hoffmann: Wir sind sehr zufrieden, dass die Ausstellung über so lange Zeit an so vielen Orten gezeigt wurde und auf so großes Interesse gestoßen ist. Außerdem freuen wir uns natürlich, dass das Thema Diskriminierung im Fußball inzwischen keines mehr ist, das sich einen Platz erst hart erkämpfen müsste. In sofern war die erste Auflage von Tatort Stadion ein großer Erfolg.

Stadionwelt: Was bewog Euch letztendlich zu einer zweiten Auflage der Ausstellung?
Hoffmann: Zum einen hat die alte Ausstellung auf ihrer langen Reise ganz schön gelitten und ist einfach kaputt. Vor allem hat sich aber seit 2001 ungeheuer viel getan. Man könnte meinen, dass Diskriminierung auf dem Rückmarsch ist. Richtiger ist aber wahrscheinlich, dass sie sich verändert hat. Ebenso gibt es heute ganz neue Aktionsformen, die Fans und Vereine wählen, wenn sie gegen Diskriminierung aktiv werden. Unterschiedlichste Fangruppen und auch der DFB engagieren sich inzwischen sehr stark. All das dokumentieren wir mit der Neuauflage.

Stadionwelt: Die erste Ausstellung hatte unter anderem so namhafte Partner, wie die EU-Kommission. Wie sieht es bei der jetzigen Ausstellung aus, habt Ihr wieder so große Unterstützung?
Hoffmann: Wir haben die Neuauflage von Tatort Stadion unabhängig finanziert. Das war nur über unentgeltliche Arbeit aller Beteiligten – von der Texterin bis zum Layouter – möglich. Eine Grundfinanzierung der anfallenden Produktionskosten etc. hat uns die Robert Bosch Stiftung ermöglicht, mit der die AG Werderfans gegen Diskriminierung zusammenarbeitet, die uns den Anstoß zu der neuen Ausstellung gegeben hat. Ganz wichtig ist aber die Unterstützung durch Fangruppen, Organisationen und andere, die uns mit kleineren Beträgen und auch Material geholfen haben. Unser Spendenaufruf gilt weiter: Auch in Zukunft werden wir Geld brauchen – für den Transport zwischen den Ausstellungsorten, für neue Tafeln, für Werbung.

Stadionwelt: Was erwartet die Besucher bei der Premiere der neuen Ausstellung in Bremen? Was thematisiert Tatort Stadion?
Janßen: Der Untertitel der Ausstellung lautet „Fußball und Diskriminierung“, und genau darum geht es auch. Wir zeigen, wer wie von wem im Kontext des Fußballs benachteiligt und ausgegrenzt wird. Wir klären beispielsweise über Sexismus und Antiziganismus auf, dokumentieren Äußerungen von SpielerInnen und TrainerInnen. Außerdem kann man sehen, wie etwa Neonazis sich im Umfeld des Fußballs organisieren und wie sie sich ausdrücken – durch Musik, Fanzines, Kleidung oder im Internet.
In Bremen gibt es außerdem zwei Tafeln, die sich speziell mit der Situation vor Ort befassen.

Stadionwelt: Wie seid Ihr auf die Exponate oder vielmehr den Inhalt gekommen, gab es Zusammenarbeit mit anderen Faninstitutionen?
Hoffmann: BAFF ist ja ein breit gefächertes Bündnis. So kommen Exponate aus den unterschiedlichsten Ecken. Wir haben mit der EGLSF, den Queer Football Fanclubs und F_in zusammengearbeitet und außerdem mit vielen lokalen Fangruppen, die uns Informationen und Material zur Verfügung gestellt haben. Nach wie vor sind wir auf der Suche nach geeigneten Ausstellungsstücken, die Diskriminierung im Kontext Fußball verdeutlichen oder auch Gegenaktivitäten zeigen – wer etwas hat, soll sich gerne bei uns melden.

Stadionwelt: Bei der vergangenen Ausstellung gab es einen Eklat um eine Äußerung von Gerhard Mayer-Vorfelder und die dadurch zurückgezogene Unterstützung des DFB. Gibt es eventuell auch diesmal wieder das ein oder andere Fundstück, mit denen nicht jeder rechnet?
Janßen: Wir hoffen doch sehr, dass die Ausstellung für alle etwas Neues bietet – ob es nun neue Fakten sind oder ein neuer Denkansatz. Es ist davon auszugehen, dass bestimmte Aussagen für Diskussionen sorgen werden. Dass es einen Skandal gibt, ist aber eher unwahrscheinlich. Erstens haben wir keine Sponsoren, die so verstrickt sind wie der DFB damals. Zudem ist es heute so, dass Äußerungen wie die von Mayer-Vorfelder eine direkte Reaktion hervorrufen und nicht erst durch eine Ausstellung wie diese aufgedeckt werden. Ein gutes Beispiel sind da die homophoben Aussagen von Christoph Daum oder Rudi Assauer. Beide wurden deswegen viel kritisiert, Daum traf sich sogar mit einem schwul-lesbischen Fanclub, um sich zu entschuldigen.

Stadionwelt: Die Premiere feiert „Tatort Stadion 2“ am 15. April in Bremen. Gab es für die Auswahl der Stadt einen speziellen Grund?
Janßen: Wie erwähnt kam ja die Idee zu einer Neuauflage von Tatort Stadion aus Bremen, da war das für uns sehr naheliegend. Auch sonst ist Bremen in Bezug auf das Thema recht interessant: Da gibt es eine Fanszene, die einst eine Hooligangruppe wie die Standarte hervorbrachte, bei der es deutliche Überschneidungen mit der örtlichen Neonaziszene gibt. In den letzten Jahren hat sich das aber sehr zum Guten geändert. Mit Infamous Youth und Racaille Verte gibt es zwei dezidiert antifaschistische Ultragruppierungen, die sich gegen Diskriminierung engagieren. Und dieses Engagement steht auf einer breiten Basis. Das hat man beispielsweise 2008 in Bochum gesehen, als die Bremer in einer Gemeinschaftsleistung rechte Junghools aus dem Stadion schmissen. Aber auch die kontinuierliche Arbeit der AntidiskriminierungsAG spricht eine deutliche Sprache. Und dass uns die Stadt mit der Unteren Rathaushalle einen so schönen und zentralen Ort zur Verfügung stellt, freut uns sehr.

Stadionwelt: Gibt es schon einen Plan wie es nach Bremen weiter geht, welche andere Ausstellungsorte sind noch geplant?
Hoffmann: Es sind schon einige Stationen in Planung, beispielsweise haben Leipzig und Düsseldorf konkretes Interesse angemeldet. Außerdem gibt es Anfragen aus der Schweiz und aus Österreich. Die genauen Termine werden auf der Ausstellungshomepage http://tatortstadion.blogsport.de/ veröffentlicht, sobald sie feststehen. Wir freuen uns sehr über das große Interesse. Weitere Anfragen nehmen wir gerne auf: ausstellung@aktive-fans.de.

Stadionwelt: Was wünscht Ihr Euch für die Ausstellung?
Janßen: Wir hoffen, das Tatort Stadion 2 ihrer Vorgängerin nachfolgt als eine Ausstellung, die an vielen Orten gezeigt wird und bei Fans, aber auch anderen Interessierten zum Nachdenken – und vielleicht auch zum Engagement – anregt. (Stadionwelt, 15.04.2010)

Alle Grafiken: Tatort Stadion

Alle Grafiken: Tatort Stadion

Alle Grafiken: Tatort Stadion
Alle Grafiken: Tatort Stadion
Werbung
Werbung

0 Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.

weitere Beiträge