„Erzählungen und Kurzgeschichten von Reiseerlebnissen“

Faszination Fankurve 17.03.2009 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Mit „Anstoss in Baku“ ist das erste Buch der Autoren Martin Czikowski, Markus Stapke, Ronny Schulz und Mirko Otto erschienen. Erfahrungen sammelten die Autoren schon bei der Erstellung verschiedener Fanzines. Stadionwelt führte ein Interview mit Mirko Otto.

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Stadionwelt: Vor kurzem ist Euer Erstlingswerk „Anstoss in Baku“ im Burkhardt und Partner Verlag erschienen. Erzähl uns doch kurz, wie Ihr auf die Idee gekommen seid, ein Groundhopping-Buch zu veröffentlichen?
Otto: Zuerst sollte ich erwähnen, dass Berichte von unseren Touren abseits der Stammvereine durch die große, weite Fußballwelt kein komplettes Neuland für uns sind. Wir alle haben schon jahrelang Erfahrungen in dem Bereich gesammelt, bei diversen Fanzines mitgeschrieben, unsere eigenen Hefte veröffentlicht oder aber die Texte in verschiedenen Foren zur Verfügung gestellt. Von Zeit zu Zeit erhielten wir daraufhin immer wieder Reaktionen in Form von „Bannt die Texte doch mal in ein Buch“ etcetera. Durch einen Bekannten mit eigenem Verlag folgte dann auch unabhängig davon der Vorschlag mit selbiger Idee, so dass innerhalb kürzester Zeit Nägel mit Köpfen gemacht und die Idee in die Tat umgesetzt wurde.

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Die große weite Fußballwelt – nicht jedes Spiel ist ein Zuschauermagnet
Alle Bilder: Anstoß in Baku

Stadionwelt: Warum habt Ihr euch für ein Buch und nicht für ein Groundhopping-Fanzine entschieden?
Otto: Groundhoppingfanzines bringen drei Viertel der Autoren nebenbei sowieso heraus. Meist ist die Auflage hierbei jedoch so gering, dass man wirklich nur die Leser erreicht, die ein bisschen in der Materie drin stecken. Ziel war es diesmal auch, „normale“ Fußballfans, die keine Fanzines lesen oder in den diversen Foren zugange sind, zu erreichen und diese an unseren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Außerdem reizten natürlich das Angebot und der Gedanke an ein eigenes Buch. Im Nachhinein betrachtet war es definitiv die richtige Entscheidung, da gerade die Zusammenarbeit mit dem Verlag oder dem Lektorat eine komplett neue Erfahrung darstellte und wertvolle sowie gänzlich unbekannte Einblicke bot. Der Spaß am Neuen kam somit definitiv nicht zu kurz.

Stadionwelt: Was erwartet den Leser auf den insgesamt 246 Seiten?
Otto: Unsere ganz persönliche Sicht der Dinge, die wir auf unseren Reisen erlebt haben. Dabei wird vor allem das Drumherum abseits der Fußballspiele betrachtet, natürlich auch (subjektiv) bewertet und oftmals das eigene, in manchen Momenten stark strapazierte Gefühlsleben niedergeschrieben. Wir versuchen das zu vermitteln, was uns auf den Reisen auffiel und nicht zuletzt auch bewegte.

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246 Seiten mit drei großen Touren

Stadionwelt: Aus welcher Zeit stammen die Reiseerlebnisse und durch welche Länder führten die einzelnen Routen?
Otto: Das Buch ist ja in drei große Bereiche gegliedert. Die erste Tour ist schon etwas länger her, genauer genommen aus dem Jahr 2004 und führte über den beinahe kompletten Balkan. Über Ungarn und Rumänien führte der Weg bis nach Transnistrien und zurück über das ehemalige Jugoslawien. Die zweite Tour ist eine Komposition zweier Protagonisten, die auf unterschiedlichen Wegen (einmal über die Ukraine) nach Transkaukasien (Georgien, Armenien und Aserbaidschan) reisten, sich dort zwei Wochen gemeinsam verdingten, ehe sie auf wiederum unterschiedlichen Trassen ihre Heimreise (zum Teil via Türkei, Albanien und Italien) antraten. Der letzte Teil spielt dann erneut hauptsächlich auf dem Balkan, wobei hier dann Bulgarien die dramatische Rolle der Tour einnahm. Aber lest selbst… Obwohl die Berichte nicht mehr ganz taufrisch sind, haben sie mit Sicherheit nichts an Wert eingebüßt. Aktualität spielt in diesem Fall sicherlich nicht die haupttragende Rolle, weswegen wir uns bewusst für diese drei Texte entschieden haben.

Stadionwelt: Gibt es einige besonders erwähnenswerte Anekdoten?
Otto: Zuviel sollte man ja im Voraus nicht verraten, ich denke die angefügten Leseproben geben einen Teil der erlebten Anekdoten ganz gut wieder.

Stadionwelt: Mit „Abenteuer Groundhopping“ existiert bereits eine Buchreihe zu dem Thema. Kann man die Werke miteinander vergleichen?
Otto: Ich denke nicht. Der Unterschied liegt natürlich ganz klar bei den Berichten. Während das Buch von Jörg Heinisch auch andere Dinge rund ums Groundhopping beleuchtet, haben wir uns dazu entschlossen, einfach drei unkommentierte Reiseberichte zu veröffentlichen. Solche gibt es zwar auch in zuvor genanntem Buch, jedoch mit dem Unterschied, dass bei uns die Reise (inhaltlich) im Vordergrund steht. Im Endeffekt sind es mehr Erzählungen und Kurzgeschichten von Reiseerlebnissen, denn eine Erklärung zum Thema Groundhopping. Ich denke, dies ist der elementarste Unterschied. Auch sehen sich alle Autoren in unserem Buch persönlich nicht als Groundhopper, sondern jeder definiert sich auf eine andere Art und Weise.

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Die Reise steht im Vordergrund

Stadionwelt: Wird es eine Fortsetzung von „Anstoss in Baku“ geben?
Otto: Geplant ist in dieser Hinsicht momentan noch nichts. Ursprünglich war es ja nur eine einmalige Sache, basierend auf einer Schnapsidee. Sollte sich aber plötzlich der Erfolg einstellen und sich das Buch als großer Verkaufsschlager herausstellen sowie natürlich das Feedback entsprechend positiv ausfallen, kann man bestimmt irgendwann mal über eine Fortsetzung nachdenken. Stoff gibt es ja zuhauf… (Stadionwelt, 17.03.2009)

“Anstoß in Baku“ im Stadionwelt-Shop:

Im Anhang finden sich einige Leseproben aus „Anstoss in Baku“:

Im zweiten Spielabschnitt – es wird leidlich kalt, ist die Sonne erst mal weg – gelingt Sheriff kurz vor Ende doch noch das Tor zum 1:0, und ich kann beim Blick in Marishas Gesicht die unausgesprochene Frage förmlich ablesen, ob solch ein Gebolze die Anstrengungen wirklich wert sei, man beim Fußball eigentlich immer solch emotionslose Grütze serviert bekommt. Ne ne, ganz so schlimm ist es nicht, manchmal kommen zu so was auch mehr Leute, und es passiert was auf den Rängen. Aber davon konnte man hier ja nicht ausgehen, das war vornweg klar. Insoweit war es wohl ein denkbar schlechtes Spiel für die fußballerische Einschulung meiner Begleiterin. Sorry dafür, die Auswahl ging ganz klar auf meine Kappe – hehe. Kurzer Smalltalk mit einem deutsch sprechenden Geschäftsmann im Publikum, der mitbekommen hat, dass ich nicht hierher gehöre, dann erbarmt sich der Schiri, die Partie zu beenden. Draußen vor den Toren verteilen sich die paar Gestalten schnell in alle Himmelsrichtungen, und ich rätsele, wie wir jetzt wohl ins Zentrum gelangen sollen. Gut, dass es auch in Tiraspol die Mode mit den Mikrobussen gibt, das macht für uns jetzt Sinn. Zwei Rubel an die Beifahrertante mit den Geldscheinen und ab durch die Mitte. Die Ladenöffnungszeitgesetze scheren in diesen Breiten weniger, so dass auch weit nach um acht noch geshoppt werden kann. Raus aus dem Trolleybus (= Marschrutkas in Lokalslang), rein in den HO-Konsum. Hehe, in Deutschland kriegt man mich nur unter Androhung körperlicher Gewalt in solche Kaufhallen (ich hasse es, weil darin mit dem Angebot überfordert, obendrauf geht mir das Klientel dort nicht selten auf die Nüsse), in Transnistrien dagegen braucht Marisha im übertragenen Sinne nur mal mit dem Finger zu schnippen, und schon stehe ich vor dem fein säuberlich sortierten Kühlregal und versuche die kyrillisch codierten Zutatenbeschriftungen der Milchprodukte zu entziffern. Übung macht halt den Meister. Ansonsten kann ich in den Regalen keine Lücken erkennen, verhungern muss keiner. Es gibt vielleicht nicht von jedem überflüssigen Müll dreißig Variationen, aber die Grundversorgung ist auf alle Fälle mehr als gewährleistet. Die Besorgungen fürs Abendbrot hat Marisha schnell im Korb bzw. Plastikbeutel, jetzt kann es zur Wohnung ihrer Bekannten gehen. Eyy, das hatten wir doch schon mal: die Gegend wieder reichlich düster, der Hinterhof zwischen zwei Wohnsilos nicht beleuchtet. Ohne ortskundige Person nicht empfehlenswert, und allein definitiv mit verstärkter Gruselgarantie. Die Hauseingänge sind abermals durch Stahltüren verbarrikadiert, das sieht alles sehr rustikal aus. Im Dunkeln kann man die Namen auf den Klingelschildern nicht erkennen, rein kommt man aber erst durch Eintippen eines Zahlencodes, der das Schloss entsperrt. Ups, falscher Knopf, aber der Nachbar hat sich nicht so lollig, öffnet trotzdem. Einer Frauenstimme schenkt man halt noch Glauben. Oben erwartet uns bereits Ludmila. Die ältere Dame weist mir den Weg ins Gästezimmer und besteht darauf, dass es gleich gemeinschaftliches Essen gibt. So sei es denn. Das Zimmer ist wohl sonst für ihren Enkel reserviert, sind Haufen Spielsachen und ähnliches darin. Ist aber für meinereiner mehr als okay, die Alternative wäre schließlich Hotelsuche bei finsterster Nacht in einem zudem touristisch nicht wirklich erschlossenen Gebiet und unter Nichtkenntnis der Sprache gewesen. Insoweit alles richtig gemacht, besser hätte es für mich bis dato echt nicht laufen können. Nachdem ich mir etwas Wasser im Gesicht gönne, wird zu Tisch gerufen. Als Hauptgericht gibt es moldawische Leber und so eine Art Piroggen, danach in gemütlicher Runde Tee mit Honig und Bonbons. Mittlerweile ist wieder mal eine Nachbarin dazugekommen. Olga, Ludmila, Marisha und ich, eine feine Gang haben wir da beisammen. Die folgenden zweieinhalb Stunden zählen dann mit zu dem Besten, was ich bisher im Rahmen meiner Reisen habe erleben dürfen. Wie schon in Chişinău bei Marishas Freundin entwickelt sich eine sehr angeregte Unterhaltung über Gott und die Welt. Gorbatschow war eine Niete, der hat uns damals in der Sowjetunion innenpolitisch nichts gebracht, so der Tenor gerade der Alten. Hm, bei uns würde man darüber anders sprechen, keine Ahnung, wie sich die Dinge in Deutschland ohne ihn entwickelt hätten. Ludmila ist im Pflegebereich tätig, war früher als Betreuerin eines Volleyballteams trotz eisernen Vorhangs sogar mal in den USA gewesen. Aber deren System, das kann doch nicht funktionieren! Früher haben sich die Leute noch füreinander interessiert, heute schaut jeder nur noch danach, wie er möglichst schnell zu möglichst viel Geld kommt. Das kann’s doch nicht sein. Marisha muss lachen, als sie mir die Frage übersetzt, was mich denn ausgerechnet in die PMR treibt. Die Damen tuscheln nebenbei und denken, wie sie mir verrät, ich würde meine Begleiterin heiraten wollen. Haha, wie hart, da lache ich mit, denn das steht auf meiner Agenda unter ferner liefen. Man kann es den zwei Mütterchen aber nicht verdenken, da diese Praxis wohl nicht ganz unüblich ist. Viele junge Frauen versuchen, dem Land und der Armut über eine Heirat zu entkommen. Die Sache mit der Armut sieht Marisha aber ganz anders: Offiziell mag das schon hinkommen, aber in Moldau befindet sich durch die vielen Menschen, die auswärts ihren Lebensunterhalt verdienen, weitaus mehr Kapital im Umlauf, als in den Statistiken der Europäer auftaucht. Die Endzwanzigerin selbst ist übrigens Absolventin der Universität, Spezialgebiet Tourismusmanagement. Damit wäre wohl auch ihr Antrieb erklärt, ausländischen Besuchern Hilfe anzubieten. Demnächst soll das auch noch professioneller aufgezogen werden.Neben ihrer Wohnung möchte sie auch Freunde dazu bringen, Betten für Reisende zur Verfügung zu stellen. Aha, aha, klingt interessant. Wir driften wieder nach Allemagne ab. Ob denn die Menschen im Osten nicht unglücklich darüber seien, dass der Sozialismus sie verlassen hat. Mag schon sein, dass es da mitunter Stimmen gibt, die das Rad der Geschichte gern zurückdrehen würden, aber generell muss man schon sagen, dass wir von der Wiedervereinigung profitiert haben, die DDR in den letzten Jahren ihrer Existenz eigentlich längst Pleite war. Härtefälle gibt es in der Bevölkerung immer, aber die Mehrheit führt heute ein besseres Leben als damals. Der Punkt mit dem mangelnden „füreinander Dasein“ ist natürlich wahr, das sieht man gerade an den Kiddies, die jetzt groß werden und nur das „neue“ System kennen, leider allzu deutlich. Der Ossi als Spezies hat keine Zukunft, gehört zu einer aussterbenden Rasse. Diese spezielle Mentalität, von mir aus anderswo auch gern belächelt, gibt’s bald nicht mehr. Als wir tiefer ins Detail gehen und ich aus meiner damals kindlichen Erinnerung von den Stationen der Wiedervereinigung berichte, schert es mich auch mal ganz kurz aus. Die Schilderung, wie Genscher vom Balkon der Prager Botschaft die Ausreise der darin Festsitzenden verkündet, lässt mir schon als Wiederholung im Fernsehen immer das Kinn schlackrig werden, ein Umstand, der sich nun wiederholen soll. Es ist aber auch immer dasselbe, denn sobald ich diese Bilder vor meinem geistigen Auge ablaufen sehe, beginne ich zu flennen (jetzt wisst ihr also, wie ihr mich emotional packen könnt ;-). Die Mädelz sind schwer beeindruckt, mir altem Weichkäse isses dagegen eher peinlich, aber nach den Anstrengungen der letzten Tage darf man schon mal dünnhäutig werden. That’s life, so what? Nachdem ich unserer mehrsprachigen Labercrew damit zu vorgerückter Stunde noch was Extravagantes geboten habe, schleichen wir uns mit allerlei neuen Sichtweisen im Kopf in die Heia.

Die 28.000 Einwohner-Stadt war faktisch tot! Eine asphaltierte Straße führte uns in die Ortsmitte. Links und rechts Häuser, hinter deren Fassaden man lieber nicht blicken möchte. Gammler und Lungerer in den Hauseingängen säumten unseren Weg zum großen Platz vor dem Bahnhof. Auch hier keine Menschenseele. „Immer weiter geradeaus, da kommt ihr direkt zum Stadion“, lautete die Antwort eines älteren Herrn. Der Asphalt hatte mittlerweile das Zeitliche gesegnet, war in ein Matsch-Sand-Gemisch übergegangen, und statt der Lungerer in den Eingängen säumten nun Kühe und Schweine unseren Weg, die uns teilweise sogar ein Stück begleiteten. Lieber Gott, was hast du mit uns nur vor? Laute Baugeräusche ließen uns jedoch nicht an unserem Weg zweifeln, und guck an, linker Hand liegt das Stadion. Stadion? Hatte Ted Striker nicht vorher was von einem 15.000er-Ground erzählt? Die Freude war
nun groß, als wir die fleißigen Bauarbeiter dabei beobachten konnten, wie sie die letzten Rückstände des vormals großen Stadions beseitigten. Übriggeblieben war nichts, bis auf eine kleine Tribüne für vielleicht 300 Leute. Immerhin wurde, während es in der restlichen Stadt aussieht wie im Kongo, ein neuer Gehweg von den Kabinen hin zum Feld errichtet. Just in dem Moment unseres ungläubigen Staunens trällerte der Schiedsrichter durch seine Pfeife. Der Kick konnte beginnen! Platzgenommen zwischen gut 200 Interessierten, interessierten sich diese dann plötzlich gar nicht mehr fürs Spiel, sondern waren 45 Minuten über komplett damit beschäftigt, uns zu mustern und wirklich pausenlos anzustarren. Ein kleiner, vor uns spielender Junge schaffte es tatsächlich, uns einmal zwei Minuten lang mit offenen Mund anzugucken, ohne auch nur den Blick von uns zu lassen, geschweige denn, sich zu bewegen. Das war zu viel für uns. In der HZ verzogen wir uns auf die andere Seite des Grounds, aalten uns dort im Gras und freuten uns ob unserer Birnenlimonande, die hier ohne Etikett, dafür in guten alten 0,7 l DDR-Flaschen zu zwölf Cent das Stück verkauft wird. Vom Spiel selbst ist nicht viel hängengeblieben, denn viel mehr beschäftigte uns nun die Frage, wie wir wohl aus diesem ungastlichen Ort wieder fortkommen respektive was wir hier wohl anstellen sollten, bis unser ausgewählter Nachtzug gegen 2.00 Uhr das heimische Gleisbett verlassen würde. Als Erstes galt es, die Busverbindungen zu überprüfen, jedoch machte uns keiner am Bahnhof großartige Hoffnung auf eine abendliche Weiterreise gen Hauptstadt, so dass ganz fix der Fahrtkartenschalter im Zugbahnhof okkupiert wurde. Fünf Euro sollte die Fahrt nach Tiflis kosten, gemütlich im 4er-Liegewagenabteil. 2,50 Euro für die Kategorie „Platzkartny“, ein Großraumliegewagen mit 52 Betten in nur einem Waggon. Für Ted Striker gab‘s da nichts zu diskutieren, zweimal Platzkartny, bitte! Mir gefroren just in dem Moment sämtliche Adern, geistesgegenwärtig den Kameraden vom Schalter weggezogen und nach kurzer Diskussion beschloss ich, ihm die 2,50 Aufpreis eben zu erstatten, Hauptsache, bei der Hitze nicht mit 50 anderen in einem Waggon vor sich hinvegetieren. Puh, das war knapp, aber das ist eben das harte Los, wenn man mit Mr. Ted „teuääää“ Striker unterwegs sein will. Eine Sorge weniger im Kopf, konnten wir uns nun der „angenehmen“ Abendgestaltung widmen. Eine chice Gaststube ward schnell aufgetan, zwei Schaschliks für Ted, einen Megasalat, Käse und Brot ohne Ende,
dazu einige gekühlte Biere, und wir konnten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Wäre da nicht diese seltsame Soße zu den Fleischbrocken gewesen, die hier etwas dickflüssiger und in kleinen Schälchen, dafür vom Geschmack nahezu identisch mit der am Nachmittag gereichten Suppe war. Eins, zwei verstohlene Blicke zum Nachbartisch und chapeau!: Bei diesem Dipp handelte es sich um nichts anderes als angereicherten Ketchup! Unsere viel zu spät erröteten Köpfe hättet ihr mal sehen müssen. Wie zwei Bauern hatten wir des Nachmittags tatsächlich eine große Schale voller Ketchup ohne zu murren ausgelöffelt. Will nicht wissen, wie viele Angestellte sich aufgrund unserer Blödheit vor Lachen unter der Theke gekugelt haben. Fünf Euro ärmer, aber immer noch drei volle Stunden reich trotteten wir mit Einbruch der Dunkelheit wieder zurück zum Bahnhof, als unsere Lauscher laute Musik empfingen. Zeigte der halbe Liter Ket chup schon seine Wirkung? Mitnichten! Aus dem vor fünf Stunden noch total tristen Platz am Bahnhof war nun ein „Gesehen und gesehen werden-Ort“ geworden. Ungelogen locker 500 Jugendliche tummelten sich hier. Eine riesige Leinwand zeigte russische Musikvideos, und die Dorfjugend amüsierte sich prächtig. Das ist doch genau das Richtige für uns, und schwupps saßen wir in einem angrenzenden Biergarten, der nur spärlich besucht war. Für derartigen Luxus scheinen den Jugendlichen hier eindeutig die nötigen Münzen zu fehlen, so dass wir trotz des Massenauflaufs kein Problem hatten, einen freien Tisch zu finden. Es dauerte keine fünf Minuten, und schon waren wir zu Stars des Abends avanciert. Eine kleine Gruppe Minderjähriger fand uns scheinbar so interessant, dass sie uns anfangs vorerst unentwegt anstierten, dann aber mutiger wurden und uns regelrecht belagerten. Was zu Beginn noch recht witzig war, wurde mit der Zeit, vor allem aufgrund der Sprachbarriere, immer nerviger, und letztlich intervenierten die älteren umsitzenden Einheimischen und ermahnten die Kids lautstark zu etwas gemäßigterem Verhalten. Als die Rasselbande dadurch jedoch erst recht animiert wurde, hatte einer der Erwachsenen (die natürlich ebenso neugierig erstaunt zu uns schauten) die Nase voll und erklärte der zufällig vorbeischlendernden Polizei den Sachverhalt. Diese ließ sich nicht lange bitten, positionierte sich stehenderweise zwei Tische neben uns, um uns fortan mit wachsamem Auge zu beobachten und zu „schützen“. Nun sind wir Polizeibegleitung durch zahlreiche Fußballfahrten ja gewohnt, die Präsenz von Staatsmacht in Zivil auch an allen unmöglichen Orten gehört ja leider Gottes in heimischen Landen sowieso schon zum Alltag, allerdings war die hier gerade herrschende Tatsache doch obskur, aber irgendwie auch rührend. Da verlieren sich zwei weit angereiste Touristen in ihr kleines unbedeutendes Örtchen, und schon werden diese behütet wie das Geheimnis um den heiligen Gral. Wir kamen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr heraus. Die Stadt gibt absolut nichts her, was normalerweise unseren typischen Erlebnisdrang zu befriedigen wüsste, aber dennoch haben wir in den wenigen Stunden soviel Skurriles gesehen, dass es eine wahre Freude ist. Doch Samtredia wäre nicht Samtredia, hätte uns der Ort kurz vor Mitternacht nicht noch ein weiteres Bonbon beschert. Mittlerweile, aufgrund der doch etwas ominösen Präsenz der Einheimischen um unseren Tisch herum, hatten wir den dunklen Bahnhof aufgesucht, schließlich war bis zur Abfahrt unseres Zuges auch bloß noch eine Stunde Zeit. Während es sich Ted Striker gerade auf einer Bank am Gleis gemütlich gemacht hatte, steuerte ich eine solche im naheliegenden Park an, um mittels Mineralwasserflasche etwas Körperhygiene zu betreiben. Ich hatte kaum begonnen, da steuerten auch direkt zwei harsche Gestalten auf mich zu. Ohne nachzudenken und
mir überhaupt anzuhören, was sie wohl von mir wollten, packte ich in Windeseile meinen Kram zusammen und flitzte zu Ted, denn geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Logischerweise fühlten sich die beiden von meinem dreisten Manöver nicht abgeschreckt, folgten mir und standen wenige Sekunden später vor uns, um irgendwas à la „Dokumenti, Dokumenti“ zu brabbeln. Uns wurde nun leicht unwohl, denn einerseits konnten wir ja verstehen, dass ein deutscher Pass hier bestimmt eine Menge wert ist, andererseits, und soviel Egoismus muss auch mal sein, bräuchten wir den schon noch selbst für eigene Zwecke… Kurzum, wir weigerten uns standhaft und verleugneten gleich sämtliche Russischkenntnisse dazu. Da guckten die beiden jetzt blöd aus der Wäsche und wollten uns weismachen, sie seien von der Polizei. Ja, netter Versuch Kollege, kennen wir aber schon aus Rumänien. Polizei-Passkontrolle und dann abhauen. Etwas Kreativität müsst ihr schon an den Tag legen, dachte ich noch, als der eine plötzlich sein Hemd hochzog und seine Knarre aufblitzen ließ! Äähem… Völlig konsterniert standen wir nun da. Und was macht das Duo? Verschwindet einfach mir nichts dir nichts! Und nun? Lange konnten wir nicht grübeln, hatten wir doch schon die nächsten zwei Quälgeister am Hals. Jedoch nicht lange, denn sofort waren die ersten beiden wieder zur Stelle, welche diese sofort verscheuchten, uns zwei, drei Worte zuriefen und dann erneut ihres Weges gingen. Doch Zivilpolizei oder einfach nur die einheimische Mafia, die für Recht und Ordnung sorgt? Wir werden es wohl niemals herausfinden, denn kurz darauf entschwanden wir auch schon aus dieser absolut komischen Stadt und ergaben uns einer ewig langen Zugfahrt zurück in die Hauptstadt.

Nach knapp 10-15 Minuten zurück zum Auto. Zumindest war das so geplant, denn wir waren da – nur das Auto eben nicht. Leichte Panik machte sich breit, und als die hergerufenen Polizisten uns nach Rückruf in der Zentrale erklärten, dass die Kiste nicht abgeschleppt worden ist, war klar, dass ein einheimischer Dienstleister nicht mehr mit ansehen hatte können, wie wir in unserem (nach sechs Tagen, durch viele dreckige und nasse Klamotten doch mittlerweile recht erheblichen) Mief hocken mussten, und hatte uns so kurzerhand unserer Sorgen (und unseres Gepäcks) erleichtert. Herzlichen Dank auch noch mal von dieser Stelle. Ein Handy, Ladegeräte, Reisepass, eine Digitalkamera, Klamotten, Schlafsäcke, Essen… alles weg. Was uns blieb waren Portemonnaies, meine Kamera, zwei Handys und die Sachen, die wir gerade anhatten. Am meisten jedoch schmerzte mich der Verlust von meinem Ultras-Apollon-T-Shirt und dem Panathinaikosschal. Nach 30 Minuten kam dann ein Polizeiwagen und mit ihm jemand, der des Englischen mächtig war. Er erklärte uns, dass wir nun dringend zur Botschaft müssten, denn in Bulgarien ist die Amtssprache Bulgarisch – sprich: Es wird nichts anderes akzeptiert bei einer Behörde. Das bedeutete für uns: Entweder ratz-fatz Bulgarisch lernen oder einen Dolmetscher ranholen. Nachdem die Anzeige dann aufgegeben sei, dürften wir selbstverständlich das Land verlassen. Er gab uns eben noch eine Karte mit seinem Namen und der zuständigen Polizeidienststelle, wo wir ihn dann mit dem Dolmetscher erreichen könnten, und machte sich dann daran, den Tatort zu fotografieren. Allem Anschein nach war auch in einige Busse, die dort standen, eingebrochen worden. Und das alles im Umkreis von 20 m um die Polizei?! Entweder wurden da beide Augen zugedrückt, oder irgendwer war unfassbar dreist. Auch kaum vorstellbar, dass die Herren in Blau den Wagen nicht haben wegfahren sehen. In den 45 Minuten, die wir dort standen, fuhren vielleicht drei Wagen vom Parkplatz – wie viele dürften das wohl in den zehn Minuten gewesen sein, die wir weg waren? Und dann noch ein Golf 4 mit deutschem Kennzeichen. Uns wurde dann ein Taxi gerufen, und wir wurden zur Botschaft gefahren. Mit dem wohl ältesten und langsamsten Taxi der ganzen östlichen Hemisphäre. Dass wir uns dank fehlender Gurte nicht anschnallen konnten, war in der Situation allerdings unser kleinstes Problem. Das richtige kam erst, als wir in der Botschaft saßen und einen fünfseitigen Katalog vorgelegt bekamen, in dem stand, was wir nun alles zu tun hätten. War geplant gewesen, die Anzeige aufzugeben und dann direkt zum Leverkusenspiel zu fahren, um eventuell einen Platz im Bus klarzumachen, wurde uns jetzt direkt mal erklärt, dass das nix wird. Das ganze benötigte Prozedere war in einem Tag unmöglich zu schaffen.
Mit Jenni, der Dolmetscherin, ging es dann zum Polizeirevier 5, natürlich nicht ohne ihr vorher eingebläut zu haben, dass wir um spätestens 17:00 Uhr da raus sein müssen, um zumindest noch die zweite Halbzeit bei ZSKA sehen zu können. Sie verstand zwar nicht, wieso uns das so wichtig war, versprach aber, ihr Möglichstes zu tun. Die erste Stunde verstrich schnell, und Fortschritte waren irgendwie mal gar keine zu erkennen. Wir wurden immer ungeduldiger – unser Gegenüber immer trantütiger. Zwischendurch kamen dann der ein oder andere Kollege rein und meinte, irgendwas beitragen zu müssen. Am interessantesten noch der Hinweis, dass wir Glück hatten, dass wir nicht eine Stunde später am Tatort gewesen seien. Genau auf dem Parkplatz wurde jemand erschossen. Ja, Geilomat, super Ecke wie es aussieht. Außerdem gab es noch einen kurzen Exkurs über die Hools in Sofia, die wohl jedes Wochenende Terz machen (beim Derby ZSKA – Lewski vor einigen Wochen gab es wohl eine dreistellige Zahl Verhafteter). Irgendwie meinte der gute Herr auch die ganze Zeit, wir seien – trotz gegenteiliger Behauptungen unsererseits – wegen Leverkusen in der Stadt. Geschlagene zwei Stunden später hatte der gute Mann dann seine Schuldigkeit getan und das Protokoll handschriftlich fertiggestellt. Wir wussten, dass wir ein Protokoll mit Stempel für den Staatsanwalt brauchen würden, also dachten wir, die hauen uns da nun eben jenen drauf, und wir können endlich zum Fußball. Dann hätte es sogar für die erste Halbzeit noch locker gereicht. Typischer Fall von denkste. Nun wurde auch noch ein Kreuzchen im zweiten Stock des Gebäudes gesetzt. Vorbei an dem „Knast“ im Erdgeschoss, aus dem eine recht finstere Person lugte. Anzumerken, dass dies Polizeireviertechnisch schon mein zweiter Länderpunkt dieses Jahr ist. Europa komplettieren ist allerdings erst mal nicht vorgesehen.

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