Für einen Landesligisten hat die Spielvereinigung Beckum ungewöhnlich viele Anhänger. Warum das so ist und in welche Richtung sich die Fanszene in der westfälischen Stadt möglicherweise entwickelt, erzählt Christian von den Beckumer Jungs im Interview.
„Die Gruppe überstand alles“
Foto: Faszination Fankurve
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Stadionwelt: Erzähl uns bitte etwas über deinen Verein.
Christian: Also die BSV entstand 1929, durch eine Fusion des VfB und SSV Beckum. Ab 1949 bis 1965 spielte der Verein erstmals in der damals drittklassigen Amateurliga Westfalen in der Staffel 1. Im Jahr 1978 schaffte die BSV dann den siebten Platz, der zur Qualifikation für die neue Oberliga Westfalen berechtigte. Aus dieser stieg Beckum in der Premierensaison 1978/79 sofort ab. Nach dem letztmaligen Aufstieg 1989 gehörte der Club bis 2001 der Oberliga an. In sehr erfolgreichen Jahren spielte man dort gegen Arminia Bielefeld, Preußen Münster oder den FC Gütersloh und hatte im Schnitt immer 5.000 Zuschauer. Unvergessen wird der Triumph in der ersten Runde des DFB-Pokals 1995/96 über den 1. FC Köln bleiben. Diesen schickte man nach Elfmeterschießen nach Hause. In der Verbandsliga spielte der Club nur ein halbes Jahr, dann gingen bei der BSV die Lichter aus. Der Verein meldete Insolvenz an und spielte erstmal nicht. Man fing 2002 dann wieder in der Kreisliga B an, in den Jahren bis heute schaffte die BSV drei Aufstiege und spielt seit mittlerweile drei Jahren in der Landesliga. Von 2002 bis heute hatte die BSV-Fanszene kaum Gegner. Leider waren nicht viele Fans da. In der Landesliga ist diese Saison Lünen dazu gekommen, worauf sich natürlich jeder freut. Sundern hat auch noch einige Jungs, die aber leider gegen uns nie erscheinen. Sonst kann man nur auf Pokal- oder Testspiele hoffen. In der Liga gibt es ein paar schöne Plätze beziehungsweise Stadien, aber mindestens genauso viele sind sehr schlechte Dorfplätze. Der Club muss einfach so schnell wie möglich wieder in eine höhere Liga.
In Beckum träumt man von Spielen in höheren Ligen.
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Stadionwelt: In welchem Stadion spielt Beckum und wie viele Zuschauer kommen in der Regel zu den Heimspielen?
Christian: Die BSV spielt in der Römerkampfbahn in Beckum. Das Stadion fasst offiziell 8.000 Zuschauer. Die Zuschauerzahl ist für Beckum eher schlecht. In der Regel kommen zu den Heimspielen zwischen 300 bis 500 Zuschauer. Natürlich liegt das auch immer am Gegner und wo die BSV gerade in der Tabelle steht. Bei Topspielen kommt man auch mal auf 800 Zuschauer.
Stadionwelt: Die Spielvereinigung Beckum hat eine aktive Fanszene. Wie groß ist die ungefähr? Welche Gruppen gibt es?
Christian: In Beckum gab es früher sehr viele aktive Fanclubs. Leider existieren seit der Insolvenz 2001 nicht mehr viele. Neben den Beckumer Jungs, gibt es noch die Blue Angels, Wersewampen und viele einzelne, aber aktive BSV-Fans. Wobei man sogar sagen muss, dass die einzelnen BSV-Fans aktiver sind, als zum Beispiel die Wersewampen. Die Größe ist schwer zu sagen. Manchmal sind 30 Leute dabei, dann wieder nur zehn. Aber ich würde die Fanszene auf circa 40 bis 50 Personen einschätzen. Aktiv dabei sind etwa 30. Die aktivste Gruppe sind natürlich die Beckumer Jungs. Auch das Gruppenleben wird bei uns sehr intensiv gelebt, man macht fast täglich etwas zusammen.
Stadionwelt: Du gehörst dazu. Was sind die Beckumer Jungs für eine Gruppe?
Christian: Man kann diese Gruppe als Fanclub oder auch Freundeskreis, der die BSV überall hin begleitet und unterstützt, bezeichnen. Wir sind eine Gruppe die vom Ultraorientierten bis hin zum normalen Fußballfan alles dabei hat. Die Beckumer Jungs wurden im Dezember 2002 gegründet und gibt es bis heute. Natürlich ging man durch Höhen und Tiefen, aber die Gruppe überstand alles. Beckumer Jungs haben heute 17 Mitglieder. Wobei man aber sagen muss, dass es auch hier aktiv und passiv gibt. Gerade bei Spielen gegen einen langweiligen Gegner ist es manchmal schwer, die Leute zu motivieren. Man spielt seit Jahren nur in unteren Ligen. Aus diesem Grund sind bei einigen BSV-Spielen natürlich nicht viele von uns anwesend. Leider ist dies so. Nachwuchs gibt es leider auch nicht wirklich, da wir nicht jeden an die Gruppe heranlassen, haben wir im Moment drei Leute, die man als Nachwuchs bezeichnen kann. Aber es gibt auch Spiele – beispielsweise in Ahlen mit 37 Beckumern oder beim Topspiel in der Liga mit 200 Beckumern in Mastholte -, wo alle aus ihren Löchern kommen. Sonst engagiert sich die ganze Gruppe für den Verein, erstellte das Stadionblatt oder organisierte die Stammtische. Auch Busse, Planwagenfahrten oder Turniere wie der Beckumer Jungs Cup werden von uns organisiert. Eine eigene Kollektion beziehungsweise einen Shop haben wir auch auf die Beine gestellt, wobei das Angebot natürlich nicht allzu groß ist. Natürlich existiert auch eine Internet-Seite, die von uns betrieben wird, aber nicht nur von der Gruppe handelt, sondern auf der Vereins-News, Spielberichte, Tabellen und so weiter zu lesen sind. Partys sind bei uns selten und wenn sind es Soli-Partys. Freundschaften pflegt man keine, es gibt nur einige Einzelkontakte, die aber von vielen der Gruppe getragen werden. Eine Feindschaft gibt es nur, aufgrund der Nähe, zu RW Ahlen. Leider hat die Gruppe in Beckum seit geraumer Zeit einen schweren Stand, da man in Beckum nur eine heile und schöne Fußballwelt kennt und wir natürlich für die Verantwortlichen „gegen den Strom“ schwimmen.
Die Beckumer Jungs bei einem Testspiel.
Stadionwelt: Würdet Ihr Euch als ultraorientiert oder als sogar als Ultras bezeichnen?
Christian: Nein, wir sind keine Ultras und wir sehen uns auch nicht so. Man kann in so einer tiefen Liga, in so einer kleinen Stadt und Fanszene das Wort „Ultra“ nicht würdig vertreten und leben. In vielen Dörfern benutzen irgendwelche Blagen das Wort „Ultra“ immer wieder, wissen dabei aber nicht einmal, was es heißt beziehungsweise ist. So wurden wir auch oft als Dorf-Ultras bezeichnet, obwohl man weder so ist, geschweige denn sich so bezeichnet. Aber ich denke in fast sechs Jahren haben wir bewiesen, dass wir nicht so sind. Klar schlägt man in Beckum oder in der Gruppe BE-J in einigen Sachen auch den Weg der Ultras ein, aber mehr auch nicht.
Stadionwelt: Wie sieht der Support aus?
Christian: Wir sind ganz klar pro Pyro eingestellt. Das hat man glaube ich auch oft genug gesehen, und wir lassen uns da auch von keinem, besonders vom Verein, irgendwas verbieten. Wir haben einige Zaunfahnen, eine Haupt- beziehungsweise Heimfahne und eine kleine Auswärtsfahne. Hinzu kommen noch kleine Fahnen und auch einige kleine Schwenkfahnen. Also Zaunfahnen hängen bei uns eigentlich immer, außer bei Testspielen, da man dort als Gruppe nicht anwesend ist. Ein Intro gibt es bei uns nicht oft. Dies ist immer spiel- oder gruppenbezogen. Es ist selten, dass wir mal einfach so eine Aktion machen. Zum Singen kann man eigentlich sagen, das selten gesungen wird. Schlachtrufe gibt es dann schon öfter. Nur es bringt nichts, mit sieben Mann etwas zu singen. Auch hier ist das immer spiel- und gegnerbezogen.
Pokalspiel in Münster.
Stadionwelt: Seid Ihr auch in puncto Choreos aktiv?
Christian: In Sachen Choreos sind wir weniger aktiv. Zwar gibt es immer ein paar kleinere Choreos, aber die erste große war jetzt vor kurzer Zeit beim Westfalenpokalspiel in Münster. Dort zogen wir eine zwölf mal sechs Meter große Fahne hoch. Auf der Fahne waren die historischen Beckumer Gebäude und ein Zementwerk (Anm.d. Red.: Beckum ist eine Zementstadt). Darüber war das BSV-Wappen und der Schriftzug „Beckumer Jungs“. In die Fahne wurde viel Arbeit, Zeit und Geld investiert.
Stadionwelt: Kann sich der Club denn auch auswärts auf Eure Unterstützung verlassen?
Christian: Ja, auf jeden Fall. Wir fahren jedes Auswärtsspiel, egal wann und wo. Nur wie oben schon beschrieben fehlt bei vielen Jugendlichen in der Landesliga ab und an die Motivation, so dass die Zahl der Auswärtsfahrer immer zwischen acht und 25 pendelt. Aber auch die Kutten fahren überall hin sowie diverse andere Beckumer.
Stadionwelt: Wie ist Euer Verhältnis zu den Verantwortlichen des Clubs? Die müssten angesichts von Fans in der Liga doch eigentlich ganz glücklich sein, oder?
Christian: Das Verhältnis zum Vorstand und den Verantwortlichen im Verein ist im Moment mehr als schlecht. Wir wurden von Anfang an genau beobachtet und immer wurde die BE-J mehr als kritisch gesehen. Das Verhältnis schwankte im Laufe der Jahre immer zwischen normal und schlecht. Stadionverbote und Hausverbote für ein Jahr gab es auch schon. Aber auch dies überstanden wir. War das Verhältnis in der letzten Saison seid langem das Beste, war es nach dem letzten Spieltag umso schneller wieder vorbei. Stammtische wurden zusammen mit dem Verein organisiert oder auch das Stadionblatt wurde durch uns erstellt. Anstatt darauf mal stolz zu sein oder uns zu loben, kam trotzdem immer wieder Kritik auf und man wurde bei jedem Spiel genau beobachtet. Seid dem letzten Spiel in Neheim ist das Verhältnis schlecht wie nie. Der Vorstand arbeitet mit der Polizei zusammen, gibt beispielsweise Namen weiter. Ebenso kam auf die Frage, ob wir das Stadionblatt weiter machen dürfen, keine Antwort. Im Nachhinein kam dann noch heraus, dass die komplette Gruppe ein Stadionverbot erhalten sollte, weil der Vorstand uns nicht mehr bei der BSV haben will. Darauf reagierten wir mit einer Stellungsnahme und stellten den BSV-Stammtisch und das Stadionblatt erst einmal ein. Auch die Stadt Beckum geht gegen uns vor. So wollen sie uns für Aufkleber und Graffitis verantwortlich machen, haben aber keinen einzigen Beweis. Auch will man uns nicht mehr im Stadion sehen. Bis jetzt ist außer zwei Anzeigen, natürlich ohne Beweise, nichts passiert. Anstatt das Gespräch mit uns zu suchen, wird nur gegen uns gearbeitet. Selbst ein Szenekundiger Beamter wurde uns jetzt zur Seite gestellt. Das Problem ist, dass Beckum solche Fans nicht kennt, dass alle Verantwortlichen sehr altmodisch denken und sie uns niemals akzeptieren werden. Aber wir lassen uns nichts vorschreiben und werden unseren Weg weiter gehen.
Pro Pyro eingestellt.
Stadionwelt: Kannst Du einschätzen wie sich die Fanszene in der näheren und vielleicht auch etwas entfernteren Zukunft entwickeln wird?
Christian: Dies ist schwer zu sagen. Es hängt viel davon ab, wie es sportlich weiter geht. Wird man noch etliche Jahre in der Landesliga verbringen oder gar absteigen, wird die Fanszene in Beckum sicher weiter schrumpfen. Es fehlt einfach nach so vielen Jahren in diesen tiefen Ligen die Motivation. Wie gesagt ist in Beckum kaum Nachwuchs vorhanden. Egal ob bei uns oder in der Fanszene allgemein. Ginge es sportlich aufwärts, würde man sicher wachsen oder zumindest zusammen bleiben. Aber im Moment sieht es eher nach einer sportlich schlechten Zukunft aus. Die Gruppe Beckumer Jungs wird, egal in welcher Liga oder auch egal wie es sportlich weiter geht, der BSV den Rücken stärken. Nur auf lange Sicht, weiß keiner wie es sich entwickeln wird. Wir hoffen und geben dafür auf jeden Fall unser Bestes. (Stadionwelt, 27.08.2008)
Derzeit ist das Verhältnis zum Verein schlecht.
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