Eine Saison unter keinem guten Stern

Faszination Fankurve 29.07.2008 0 Kommentare

Foto: Winner04

Auf Schalke haben die Fans in der letzten Zeit stark mit Stadionverboten zu kämpfen. Ob es daneben auch erfreuliche Entwicklungen gab, verrät Thomas „Kirsche“ Kirschner von Ulras Gelsenkirchen im Sommerpausen-Interview mit Stadionwelt.

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Stadionwelt: Wie zufrieden seid Ihr mit der vergangenen Saison?
Kirschner: Die sportliche Situation stellt sich für uns anders da, als für einen Großteil der Schalker. Wir können nämlich ganz gut mit dem dritten Tabellenplatz leben, da für uns in erster Linie die Kampfbereitschaft der Mannschaft zählt. Leider strebt ein Großteil der S04 Fans lieber heute als morgen nach der Meisterschale, so ist für viele Anhänger auch der dritte Rang eine Enttäuschung. Diese Tatsache hat in den letzten Jahren sicherlich dazu geführt, dass Schalke in gewissen Bereichen der Kommerzialisierung eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Für unsere Gruppe stand die Saison unter keinem guten Stern, da im Sommer 2007 eine hohe zweistellige Anzahl unserer Mitglieder mit einem Stadionverbot belegt wurde. Viele Betroffene blieben der Gruppe treu, während im Stadion die Verantwortung auf neue Schultern verteilt wurde. Dabei lief natürlich nicht immer alles glatt, aber aus Fehlern wurde gelernt und so bekamen wir die Saison überraschend gut über die Bühne. Wobei auch zusätzlich noch von anderen Seiten immer wieder neue Störfeuer aufkamen, so zum Beispiel der Polizeikessel am Fanprojekt, der uns auf jeden Fall etwas isolieren und andere Schalker von unserem Treffpunkt fernhalten sollte.

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Schalke-Fans in Barcelona.
Bild: Winner04

Stadionwelt: Wie bewertet Ihr Euren Auftritt auf europäischer Bühne? Welche waren Eure schönsten Erlebnisse?
Kirschner: Das Wort durchwachsen umschreibt unsere Auftritte am besten. Zwar konnten wir in Barcelona, London und Porto über weite Strecken des Spiels überzeugen, dafür waren Trondheim und Valencia Totalausfälle der Schalker Fanszene, da sich jeweils nur 100 bis 150 Anhänger an Gesängen beteiligten. Die Heimspiele waren meist durch wenig abwechslungsreiche Gesänge geprägt und wir merkten deutlich, dass durch die Versitzplatzung der Nordkurve und die hohen Eintrittspreise ein Teil der üblichen Kurvengänger fehlte.

Stadionwelt: Was waren in der Bundesliga die Highlights?
Kirschner: Bei den Heimspielen ist in erster Linie das Derby dank des Spielverlaufs zu nennen, sonst herrschte bei Heimspielen leider der Alltagstrott. Eine Ausnahme stellte ansonsten nur die Choreographie im Heimspiel gegen Frankfurt dar, auch wenn der Anlass ein trauriger war. Schließlich war sie der vor einem Jahr verstorbenen Szenegröße „Otto“ gewidmet. Auswärts konnten wir auf jeden Fall in Hannover überzeugen, aber auch das Spiel in Rostock, zu dem wir mit 250 Mitgliedern in fünf Bussen anreisten, hatte seinen Reiz. Das absolute Highlight war jedoch das Derby, was Schalke nicht nur auf dem Spielfeld gewann, sondern auch abseits des Rasens für Königsblau entschieden werden konnte. Zwar war in Punkto Stimmung noch Luft nach oben, dafür traf die Präsentation einiger DES99-Doppelhalter, sowie der Marsch von über 1.000 Schalkern nach Spielende durch das Dortmunder Kneipenviertel ins Dortmunder Herz.

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Choreo beim Spiel gegen Frankfurt.
Bild: Speedy / www.eintr8-4ever.de

Stadionwelt: Wie verliefen die Soli-Spieltage für die Stadionverbotler in Erkenschwick und Herne?
Kirschner: Überaus erfolgreich. Das waren Aktionen, die auf jeden Fall in der Außenwirkung eine Menge bewirkt haben und auch innerhalb der Gruppe neue Kräfte freisetzten. Dabei hatten beide Spiele ihre besonderen Momente, eine Wertung wollen wir deshalb nicht vornehmen. Für uns waren es ganz besondere Veranstaltungen, die keiner missen möchte. Bedanken möchten wir uns für das Vertrauen seitens der gastgebenden Vereine, eine Tatsache, die uns allerdings nicht in den Schoß gefallen ist, sondern entsprechend erarbeitet wurde. Leider gelten bundesweite Stadionverbote ab der Saison 2008/09 auch für die neue viertklassige Regionalliga, weshalb eine dritte Auflage vorerst nicht realisierbar ist.

Stadionwelt: Wie versucht Ihr die ausgesperrten Mitglieder aktiv mit ins Gruppenleben einzubeziehen – vor allem an Spieltagen?
Kirschner: Eine Unterscheidung mag vielleicht auf dem Papier bestehen, für uns gibt es allerdings keine Trennung, wir sind eine Gruppe und daran werden die Stadionverbote nichts ändern.

Stadionwelt: Welche Ziele möchtet Ihr in der nächsten Saison erreichen?
Kirschner: Wie bereits erwähnt gibt es für unsere Gruppe kein vor der Saison definiertes sportliches Ziel, wobei wir uns natürlich auch in der Saison 09/10 über Europapokaltouren freuen würden, schließlich wollen wir solche Erfahrungen auf keinen Fall missen. Für unsere Gruppe gilt es auch weiterhin mit den Problemen und den neuen 15 Stadionverboten, die in der Sommerpause eingetroffen sind, zu kämpfen. Wünschenswert wäre eine Verbesserung der Heimstimmung, wobei wir in dieser Hinsicht mit der Erfahrung der letzten Arenajahre eher vorsichtig geworden sind. Bedingt durch die neuen Stadionverbote müssen wir die ersten Heimspiele abwarten, um zu sehen, inwieweit wir in der kommenden Saison bei Heimspielen neue Impulse setzen können. Grundsätzlich ist die Neuaufstellung unserer Gruppe, die Anfang des Jahres begann, noch nicht abgeschlossen. Ende des Jahres werden wir ein Fazit ziehen können.

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Stadionverbote spielen bei den Anhängern von Königsblau momentan eine große Rolle.
Bild: Winner04

Stadionwelt: Wie wird Euer Sprachrohr, der Blaue Brief, in der Kurve angenommen? Seid Ihr mit der Entwicklung des Blattes zufrieden? Was kann man in Zukunft erwarten?
Kirschner: An der Auflage von 1.000 Exemplaren haben wir im Laufe der Saison nichts verändert, bislang gibt es unseren Infoflyer kostenlos. Dies wollen wir in Zukunft möglichst beibehalten. Dass sich die Reichweite eben nicht auf die im Stadion erhältlichen Ausgaben beschränkt, zeigen die Zugriffe auf die auf unserer Internetseite abrufbaren Ausgaben. Bei jeder Ausgabe werden fünfstellige Zugriffszahlen verzeichnet, was uns in Sachen Stellenwert und Reichweite zumindest etwas Feedback gibt. Mittlerweile ist die Seitenzahl zumeist von acht auf zwölf angewachsen, eine weitere Ausweitung auf 16 Seiten für die kommende Spielzeit ist geplant.

Stadionwelt: Ihr habt im Blauen Brief zu Anfang der Saison die „Generation Handy“ kritisiert. Hat sich in der Richtung etwas zum Positiven auf Schalke geändert?
Kirschner: Nur sehr wenig! Leider zeigen sich viele erst einsichtig, wenn man sie persönlich beim Filmen mit den Argumenten konfrontiert. Deswegen wartet nicht nur in dieser Hinsicht weiterhin eine Menge Arbeit auf uns. Selbst bei vielen uns aufgeschlossenen Jugendlichen fehlt es an Sensibilität für und der Bereitschaft sich mit Problematiken auseinander zu setzen. Stattdessen stehen Konsum und Geprahle leider häufig im Vordergrund.

Stadionwelt: Wie hat sich der Support auf Schalke entwickelt?
Kirschner: Während wir in vielen Bereichen Fortschritte machen, müssen wir uns eingestehen, dass besonders in Sachen Heimstimmung eine Stagnation eingetreten ist. Daran konnte auch der Tausch des Heimmegafons gegen drei Lautsprecher nicht viel ändern. Bei den meisten Leuten herrscht mittlerweile Frust, dass man trotz guter Vorraussetzungen nur sehr selten in der Lage ist das Potential abzurufen. Inwieweit wir in diesem Bereich in der nächsten Saison Akzente setzen können, wird die Zeit zeigen. Aufgeben werden wir jedenfalls nicht.

Stadionwelt: Was das Entwickeln neuer, kreativer Lieder anbetrifft, ist Eure Gruppe sehr aktiv. Woher nehmt Ihr die Ideen und wer setzt diese dann um?
Kirschner: Ideen für neue Lieder kommen von kreativen Köpfen, ein gezieltes Vorgehen gibt es nicht. Haben neue Lieder einen ersten Test bei der Anreise zu einem Auswärtsspiel überstanden, werden sie im Block angestimmt. Dies wird wohl bei den meisten Gruppen ähnlich ablaufen. Ob wir in diesem Bereich aktiv genug sind, würde ich eher bezweifeln, drei bis vier Lieder pro Saison sind einfach zu wenig. Unser Ziel muss sein, unserer Fanszene ein eigenes „Gesicht“ zu verleihen. Eine akustische Visitenkarte, die aus einer gesunden Mischung aus neuen und alten Liedern besteht, ist unser Ziel.

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Schalke: Nach wie vor um eigene Lieder bemüht.
Bild: www.winner04.de

Stadionwelt: Wie werden die neuen Lieder in der Fanszene angenommen?
Kirschner: Der jüngere Teil der Fanszene nimmt einfach alles an, was aus Ultrakreisen kommt. Leider hat das auch große Nachteile, da häufig selbst Lieder von anderen Szenen übernommen werden, die via Youtube verbreitet wurden. Wir müssen regelmäßig eingreifen, damit sich derzeit beliebte Lieder wie zum Beispiel „Auf geht’s XY Jungs“ nicht auf Schalke durchsetzen oder die unsägliche „Humba“ endlich aus allen Köpfen verschwindet. Natürlich wird es immer wieder Melodien geben, die sich zeitlich in verschiedenen Szenen durchsetzen. Die Mehrheit der Heimspielzuschauer hat kein Interesse daran, unsere Fanszene durch kreative Texte und schöne Melodien von anderen Fanszenen abzugrenzen. Für die meisten Fans reichen die Handvoll etablierten, mehrstrophigen Lieder und ein paar Gesänge, die man auch sturzbetrunken lallen kann.

Stadionwelt: Was hat sich bei Euch in Sachen Choreographien getan? Besteht immer noch ein Boykott Eurerseits oder ist der Verein mittlerweile auf Euch zugekommen?
Kirschner: Der Boykott besteht immer noch, obwohl wir anlässlich des Todestags einer Schalker Szenegröße eine Ausnahme gemacht haben.
Ansonsten haben wir unsere Aktivitäten in diesem Bereich auf Auswärtsspiele beschränkt. Hier konnten wir uns zum Beispiel in Hannover, Nürnberg und im DFB-Pokal in Wolfsburg gut präsentieren. Inwieweit sich in naher Zukunft an dieser Situation etwas ändern wird, ist anzuzweifeln. Der Verein hat offenbar weiterhin Angst, die Kontrolle bei der Motivwahl aus den Händen zu geben. Auch wir halten an unseren Positionen fest und sind nicht gewillt, lediglich Choreographien durchzuführen, die von unserem Verein als PR-Aktionen zu nutzen sind. Zudem ist die Situation in Bezug auf die Stadionverbotsproblematik aus unserer Sicht nach wie vor nicht befriedigend.

Stadionwelt: Hat sich etwas in Sachen Gruppen-Freundschaften bei Euch getan? Wurden die alten Kontakte ausgebaut? Konnte neue Kontakte geknüpft werden?
Kirschner: Neue gruppenübergreifende Freundschaften gibt es nicht und werden auch nicht angestrebt. Die alte Freundschaft nach Nürnberg besteht weiterhin, zu Ultras Nürnberg beschränkt sich die Freundschaft derzeit jedoch lediglich auf Einzelkontakte. Die Kontakte nach Enschede haben sich im Laufe der letzten Monate weiter ausgeweitet, mittlerweile hat sogar die jüngere Fraktion Spaß am gegenseitigen Besuch bei unseren Freunden aus dem Nachbarland. Die räumliche Nähe und die komplett andere Fußballwelt jenseits der Grenze ist dafür sicherlich mit verantwortlich. Die Freundschaft nach Skopje beruht nach wie vor auf einzelnen Kontakten, immerhin ist ein gegenseitiger Besuch auch eine finanzielle Frage, die sich besonders für die Jungs aus Skopje kaum stemmen lässt. Trotzdem besteht jederzeit mindestens elektronischer Kontakt, der die Zeit bis zum erneuten Treffen in Mazedonien oder Deutschland überbrückt. Dafür sieht man immer wieder Jungs, die in der deutschen Sektion von Skopje aktiv sind bei uns im Block.

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In Gelsenkirchen ist man siegessicher.
Bild: Chosen Few Hamburg

Stadionwelt: Wie sehr wird mittlerweile der Treffpunkt an der Glückauf Kampfbahn von der Schalker Fanszene angenommen?
Kirschner: Der Treffpunkt an der Glückauf-Kampfbahn hat im Laufe der letzten Saison weiter Zulauf bekommen. Immer mehr Schalker, zum Großteil jüngere Semester, trafen sich vor und nach Heimspielen am Fanprojekt und das obwohl die Räumlichkeiten bei schlechtem Wetter schon lange nicht mehr genügend Platz bieten. Die selbst organisierte UGE-Volksküche kümmert sich zu jedem Heimspiel um eine abwechselungsreiche Verpflegung der Gäste zu günstigen Preisen. Selbst zu Abendspielen, zu denen in der Regel viele Leute berufsbedingt erst auf den letzten Drücker ins Stadion kommen, fanden sich selten weniger als 200 Leute am Treffpunkt ein. Negativer Höhepunkt war ohne Frage der Polizeikessel vor dem Spiel gegen Duisburg, doch erfreulicherweise hat sich die absolute Mehrheit der regelmäßigen Besucher nicht von dieser Maßnahme abschrecken lassen. (Stadionwelt, 29.7.2008)

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Schalke-Fans in Barcelona.
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Choreo beim Spiel gegen Frankfurt.
Bild: Speedy / www.eintr8-4ever.de
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Stadionverbote spielen bei den Anhängern von Königsblau momentan eine große Rolle.
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Schalke: Nach wie vor um eigene Lieder bemüht.
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In Gelsenkirchen ist man siegessicher.
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