Heino Hassler arbeitet seit mittlerweile zwanzig Jahren beim Fanprojekt Nürnberg. Noch einmal zwanzig Jahre länger ist er Mitglied im Fanclub Seerose, der kürzlich seinen 40. Geburtstag feierte. Im Interview mit Stadionwelt erinnert er sich an vergangene Tage.
„Die 70er und 80er Jahre waren einfach eine andere Zeit“
Foto: Faszination Fankurve
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Stadionwelt: Herzlichen Glückwunsch zum 40. Geburtstag, den Ihr vor einiger Zeit begangen habt. Ein derartiges Jubiläum können nicht viele Fanclubs vorweisen.
Hassler: Das ist richtig. Mir fallen noch die Rothosen aus Hamburg und der Fanclub Bochum Ost ein.
Stadionwelt: Im Laden, dem ihr Euren Namen verdankt, konntet Ihr nicht feiern, oder?
Hassler: Die Seerose gibt es seit etwa 14, 15 Jahren nicht mehr. Es handelte sich um ein traditionsreiches Ausflugslokal, das abgerissen worden ist. Quasi bei unserer Gründung gab es dafür schon Pläne und hat sich dann über Jahre hingezogen.
Stadionwelt: Wie und wo wurde das Jubiläum stattdessen begangen?
Hassler: Wir haben im Bahnhof Dutzendteich gefeiert, der sich ganz in der Nähe des ehemaligen Standorts der Seerose befindet. Das alles ist auch nur um die zehn Minuten vom Stadion entfernt. Insgesamt kamen genau 786 Besucher.
Stadionwelt: Das ist eine sehr hohe Zahl. Wie viele Mitglieder hat die Seerose denn?
Hassler: Der Fanclub Seerose hatte ziemlich beständig immer um die 100 Mitglieder. Das ist auch heute noch so.
Die Seerose war an der Organisation des Sonderzuges zum Pokalfinale nach Berlin beteiligt.
Bild: www.Lostboys99.de
Stadionwelt: Ihr seid immer noch aktiv. Zum Beispiel habt Ihr zum Pokalfinale gegen Stuttgart zusammen mit den Red Devils und den Ultras eine Sonderzugfahrt angeboten. Das ist ungewöhnlich?
Hassler: Das stand unter dem Motto „Drei Generationen, ein Ziel“ In Franken ist das schwierig, weil die Jüngeren stets von den Älteren beäugt werden. Die Red Devils sind beispielsweise vor vielen Jahren aus der Seerose hervorgegangen. Die Ultras haben sich auf die Fahnen geschrieben, die Kurve zu einen. Die Sonderzüge zum Pokalfinale waren hier in Nürnberg der Durchbruch.
Stadionwelt: Auf der Feier war auch Club-Sportdirektor Martin Bader. Hättet Ihr Euch das jemals träumen lassen?
Hassler: Er war fast fünf Stunden da und hat das gut gemeistert. Immerhin ist der Club ja kurz davor erst abgestiegen. Wenige wissen, dass der FCN in punkto Fanorganisation deutschlandweiter Vorreiter ist. Im Jahr 1978 – unter der ersten Präsidentschaft von Roth -entstand das, was mittlerweile die Regionalverbände sind. Wir haben uns damals aus Angst vor der Personalisierung herausgehalten. Aber früher haben bei unseren Treffen immer mal wieder Spieler wie Dieter Eckstein teilgenommen. Das war für uns natürlich Anerkennung.
Stadionwelt: Ihr habt viele Hochs und Tiefs des FCN mitgemacht. Was bleibt da in Erinnerung?
Hassler: Wir haben alle Auf- und Abstiege des Clubs aus der Bundesliga miterlebt, die Meisterschaft und den Pokalgewinn im letzten Jahr. Ein richtiges Highlight war der Aufstieg 1978. In einem dramatischen Spiel konnten wir uns gegen Essen an der Hafenstraße behaupten. Ein sehr negatives Erlebnis war die Aufstiegsrunde 1975: 15.000 Nürnberger mussten im Ludwigspark in Saarbrücken erleben wie der Aufstieg verpasst wurde.
Stadionwelt: In der Vergangenheit hatte die Seerose zeitweise auch einen berüchtigten Ruf, oder?
Hassler: Die 70er und 80er Jahre waren einfach eine andere Zeit. In der Regionalliga, damals die zweithöchste Spielklasse, waren von 17 Auswärtsspielen 15 für uns Heimspiele. Spiele in Schweinfurt oder Bayreuth werde ich wohl nie vergessen. Damals gab es noch keine Zäune, sondern lediglich Hecken. Bei einem Spiel haben wir im Mittelkreis unsere Fahnen gezeigt. Der Schiri konnte nicht anpfeifen, weil wir eben mitten auf dem Spielfeld standen.
Stadionwelt: Gibt es da Anekdoten an die Du dich gerne zurückerinnerst, Mitmenschen aber nicht?
Hassler: Hunderte. Bürstadt war so ein Ding. Da gab es nicht einmal einen richtigen Bahnhof. Der gesamte Bahnsteig war nur zehn Meter breit. Die meisten der rund 800 Mitgereisten sind beim Aussteigen direkt die Böschung runtergerollt. Für den ersten Spielabbruch in der deutschen Fußballgeschichte sind Nürnberger Fans verantwortlich. 1973 haben wir am Ronhof in Fürth gespielt und lagen zur Halbzeit auf gefrorenem Boden, der zudem mit Salz bestreut worden war, mit 4:0 zurück. Als das 4:2 fiel, blieb nur noch wenig Zeit. Es wurden Raketen über den Platz geschossen. Der Schiedsrichter hat das Spiel abgebrochen. Es gibt bei der Seerose zwei Archivare, die sämtliche Presseberichte und dergleichen gesammelt haben. Die wurden bei der Feier an Wäscheleinen aufgehängt.
Stadionwelt: Was hat es mit der Kühltruhengeschichte auf sich?
Hassler: Das war bei einem Spiel im Willy-Sachs-Stadion in Schweinfurt. Es gab Ärger mit einem Wirt und der hat mit Reizgas um sich gesprüht. So etwas war uns damals noch gar nicht bekannt. Die, die noch sehen konnten, sind ihm in die Küche gefolgt. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, wir hätten den Mann in die Kühltruhe eingeschlossen. Die Geschichte war aber anders: In der Küche wurde alles abgesucht. Gefunden wurde der Mann nicht, weil keiner auf die Idee gekommen war, in der Kühltruhe nachzuschauen. Dort hatte er sich versteckt.
Stadionwelt: Hat die Presse oft Dinge falsch wiedergegeben.
Hassler: Es war erstaunlich, was der Boulevard damals alles geschrieben hat. Wir waren für die ein gefundenes Fressen. Einmal wurde ein Journalist von den Nürnberger Nachrichten, an sich eine seriöse Zeitung, aus dem fahrenden Zug gehalten, weil es den Leuten zu bunt wurde. Danach hat er besser geschrieben.
Stadionwelt: Gab es auch Momente, an die Du dich weniger gerne erinnerst?
Hassler: In dem Zeitraum sind drei Leute ums Leben gekommen. Zwei haben auf Zugfahrten nach Hamburg Toilette und Ausgang verwechselt. Sportlich gibt es auch unschöne Erinnerungen. Teilweise war das Gezeigte ein Desaster und im Vorstand saßen Personen, die keine Ahnung hatten und sich bloß profilieren wollten
Stadionwelt: Du selbst bis später zum Fanprojekt des Clubs gewechselt. Wie kam das?
Hassler: Das war Zufall. Anfang der 80er nahm der Hooliganismus auch in Nürnberg zu. Die Stadt Nürnberg hat bei der Uni Bamberg eine Studie zu dem Thema in Auftrag gegeben. Als es um das Fanprojekt ging, fiel mein Name. 1988 war es ein Novum, jemanden aus der Szene zu nehmen. Anfangs war das eine ABM-Maßnahme. Ich mache den Job seitdem aber durchgängig.
In Nürnberg hat man den Abstieg aus der Bundesliga einigermaßen verkraftet.
Bild: www.faszination-nordkurve.de
Stadionwelt: Zu guter Letzt darf das Aktuelle natürlich nicht fehlen. Hat die Szene den Abstieg einigermaßen verkraftet?
Hassler: Aus Dankbarkeit für das Pokaljahr und die darauf folgenden Europapokalspiele hat die Szene den Abstieg verkraftet. Auswärtsfahrten wie Lissabon mit 6.000 Clubfans waren einfach toll. Das alles hat über den Abstieg hinweggeholfen. Viele freuen sich nun auf Derbys gegen Ingolstadt, 1860, Augsburg und natürlich Fürth. Der Aufstieg selber wird aber alles andere als ein Selbstläufer. (Stadionwelt, 8.7.2008)
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