Wie die Fanlandschaft in Australien aussieht, ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Stadionwelt unterhielt sich in einem Interview mit Tom Niedrich (40), Fan des FC Perth Glory, über seinen Verein, die Liga und die Szene auf dem fünften Kontinent im Allgemeinen.
3.000 Kilometer zum nahesten Auswärtsspiel
Foto: Marco Uhrig
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Stadionwelt: Erzähle uns bitte etwas über Deinen Verein und die Liga in der er spielt.
Niedrich: Mein Verein, der FC Perth Glory, wurde 1996 gegründet und spielte seitdem in der National Soccer League, kurz NSL. Obwohl diese Liga schon seit den siebziger Jahren bestand, war es Mitte der Neunziger das erste Mal, dass ein Verein aus West-Australien in der NSL antrat. Ihre Blütezeit hatte die NSL in den Siebzigern, als sie riesige Menschenmassen anzog. Doch in den nachfolgenden Jahrzehnten ließ das Zuschauerinteresse leider stark nach. Dies lag daran, dass die meisten Clubs nur auf Grundlage ethnischer Einwanderergruppen wie Griechen, Italiener oder Kroaten basierten. Nick Tana, der damalige Besitzer von Perth Glory, durchbrach dann dieses System und machte den FC Perth Glory frei von ethnischen Bindungen. Und man muss sagen, diese Formel funktioniert bis heute sehr gut, denn Perth erfreut sich über einen großen Andrang aller Nationalitäten. Das Modell, das bei uns verfolgt wurde, war sogar so erfolgreich, dass es als Vorzeigeobjekt für die neue A-League, die 2005 startete, übernommen wurde. Sechs neue Teams in dieser Liga wurden nach dem Vorbild von Perth aufgezogen. Neben uns spielt mit Adelaide United derzeit nur noch ein einziger Club aus vergangenen NSL-Tagen in der A-League mit. Leider, so muss man sagen, ist die A-League für alle zum Erfolg geworden, außer für uns. Nick Tana, der so hart für die Einrichtung der Profiliga in Australien gekämpft hat, ging unglücklicherweise das Geld aus und musste den Verein verlassen, noch bevor wir in der A-League an den Start gingen.
Das Perth Oval fast um die 17.000 Zuschauer und ist die Heimat von Glory.
Bild: Marco Uhrig
Stadionwelt: Wie würdest Du die Perth-Fans charakterisieren?
Niedrich: Die Anhänger von Glory gelten als sehr leidenschaftliche Fans, was unter anderem auch daran liegt, dass wir eine so lange Zeit auf Top-Fußball in Perth verzichten mussten. Außerdem kann man von uns Glory-Fans behaupten, dass wir sehr loyal zu unserem Club stehen. Viele von uns kommen ursprünglich aus Ländern, in denen der Fußball einen sehr hohen Stellenwert hat. Perth verfügt beispielsweise über eine riesige britische Immigrantengemeinde. Ein großer Personenkreis beruft sich daher auf einen britisch geprägten Support.
Stadionwelt: Welche Fangruppen sind sonst noch erwähnenswert?
Niedrich: Perth hat eigentlich nur eine große, organisierte Fangruppierung, die den Namen „Glory Shed“ trägt. Deren Standort ist das Home End, was eigentlich nichts weiter als ein alter Blechschuppen ist. Dort werden gemeinsam die Lieder angestimmt.
Stadionwelt: Wie sieht Euer Support aus? Singt Ihr, benutzt Ihr Fahnen oder organisiert Ihr gar Choreographien?
Niedrich: Bei uns gibt es eine Vielzahl an Gesängen. Ebenso hängen viele Fahnen im Stadion. Der ganze Supportstil erinnert schon ein wenig an die englische Premier League.
Stadionwelt: Gibt es in Perth Einflüsse der Ultrabewegung? Oder gehen die Glory-Supporters eher ihren eigenen Weg?
Niedrich: Bei uns in Perth ist eine Ultragruppierung nie wirklich entstanden, da wir nicht viel Kontakt mit rivalisierenden Fans anderer Teams haben. Einige Fangruppen in Melbourne denken, sie wären richtige Ultras, jedoch haben sie in Wirklichkeit nicht viel mit ihren italienischen Kollegen gemeinsam. In der alten NSL kam es häufiger zu Auseinandersetzungen zwischen kroatischen und serbischen Fans sowie griechischen und mazedonischen Anhängern. Das war schon eher mit dem Ultragedanken vergleichbar. Doch diese immer größer werdenden Feindschaften waren dann schließlich auch ein Grund dafür, warum das alte, ethnisch basierte Ligasystem abgeschafft wurde.
Stadionwelt: Wird bei Euch denn auch Pyrotechnik im Stadion gezündet?
Niedrich: Wegen der Brandgefahr sind pyrotechnische Gegenstände in australischen Stadien verboten. Das bedeutet aber nicht, dass die Vorschrift die Leute davon abhält, bengalische Feuer mit ins Stadion zu schmuggeln. Jedoch sind Pyro-Aktionen in Australien eher selten, da die Vereine mit sehr hohen Geldstrafen belegt werden, wenn Pyrotechnik in ihren Stadien gezündet wird.
Stadionwelt: Auf welche Zahl würdest Du den harten Kern der Perth-Fans beziffern?
Niedrich: Früher bestand die Kerngruppe aus 10.000 Fans, die bei jedem Spiel anwesend war, egal ob es geregnet hat oder die Sonne schien. Heute liegt die Zahl geringer.
Der Zuschauerschnitt liegt bei ungefähr 7.000 Fans.
Bild: Marco Uhrig
Stadionwelt: Wie viele Zuschauer besuchen in der Regel die Heimspiele?
Niedrich: Zu Zeiten der alten NSL kamen durchschnittlich 18.000 Zuschauer zu den Spielen von Glory. Bei Finalspielen konnten es durchaus auch schon mal 30.000 werden. Doch mit den Jahren ist der Schnitt aufgrund diverser Umstände auf 7.000 Fans gesunken.
Stadionwelt: Ist es für Euch möglich, regelmäßig zu Auswärtsspielen zu reisen?
Niedrich: Die Distanz zu unserem nächstgelegenen Rivalen aus Adelaide beträgt über 3.000 Kilometer. Mit dem Bus benötigen wir für eine Strecke drei Tage… Einige von uns nehmen aber eine so genannte „Tour of Duty“, eine jährliche „Pflicht-Tour“, auf sich, bei denen sie ein Spiel irgendwo im Land auf jeden Fall sehen müssen.
Stadionwelt: Wer ist Euer größter Rivale?
Niedrich: Das ist eindeutig Adelaide United. Zum einen allein schon aufgrund der „geringen“ Entfernung zu uns und zum anderen, weil sie das einzige Team sind, das noch aus der alten Liga überlebt hat.
Stadionwelt: Und welche Fangruppen haltet Ihr in Australien sonst noch für nennenswert?
Niedrich: Die meisten Teams haben ihre „offiziellen“ Fan-Gruppen, wie zum Beispiel Sydney mit der „Cove“ oder Melbourne mit der „Blue and White Brigade“, aber alle erscheinen etwas gekünstelt, da sie im Zuge der Liganeubildung gegründet wurden.
Stadionwelt: Bestehen freundschaftliche Kontakte zu anderen Gruppen? Vielleicht sogar nach Europa?
Niedrich: Wir haben keine offiziellen Kontakte zu anderen Gruppen oder Vereinen, außer dadurch, dass Leute alte Verbindungen in ihre Heimatländer und ihren Heimteams aufrechterhalten.
Der Block der Fans der australischen Nationalmannschaft bei der WM 2006 gegen Italien
Bild: Stadionwelt
Stadionwelt: Unterstützen die Glory-Fans die australische Nationalmannschaft?
Niedrich: Von Seiten der Glory-Fans erfährt das Nationalteam eine starke Unterstützung. Aber generell ist in Australien eine große Euphorie in Bezug auf die Nationalmannschaft zu spüren, besonders seitdem wir bei der WM in Deutschland – aus unserer Sicht – so gut abgeschnitten haben.
Stadionwelt: Politik und Gewalt sind in den europäischen Kurven immer noch große Themen. Wie sieht es diesbezüglich in Australien aus?
Niedrich: Wie bereits erwähnt, hatte man in der alten Nationalliga oft Mühe mit extremistischer Politik und Gewalt. Aber seit der Einführung der A-League bestehen diese Problemfelder eigentlich nicht mehr. (Stadionwelt, 06.06.08)
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