Im Rahmen der Winterpausen-Interviews sprach Stadionwelt mit den Ultras Mönchengladbach. Erleichterung über gewonnene Auswärtsspiele spielt dabei genauso eine Rolle wie das ewig junge Duell mit Köln oder ein Fanzine namens UMGehört.
Beinahe paradiesische Zustände und Choreo-Zeitdruck
Foto: Faszination Fankurve
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Stadionwelt: Auswärtssiege? Könnt Ihr es überhaupt fassen?
UMG: Nach der jahrelangen Auswärtsmisere ist die Erleichterung in dieser Saison natürlich sehr groß. Man fühlt sich besser, wenn man nicht mit der Erwartung einer Niederlage zum Auswärtsspiel fährt. Beim Mainz Auswärtsspiel zu Beginn der Hinrunde dachten wir schon, dass es so weiter geht wie die vorangegangene Saison. Jedoch scheint Jos Luhukay mit der Mannschaft gute Arbeit zu leisten und sie auf die Auswärtsspiele gut einzustellen.
Stadionwelt: Das Derby gegen Köln war in aller Munde. Erzählt mal bitte etwas zum Spiel aus Eurer Sicht.
UMG: Schon Wochen vorher war die Anspannung in unseren Reihen und in der ganzen Stadt zu spüren. Während der Choreovorbereitungen wurden in unserer Stadt einige Kölner gesichtet. Diese wurden allerdings durch gute Aufmerksamkeit unsererseits hinter die Stadtmauern „gebeten“. Um die Fanszene auf das Derby einzustimmen, beschlossen wir einen Derbymarsch durchzuführen. Bei der Polizei, dem Verein und der Internetgemeinschaft sorgte dies für Aufsehen. Der Verein und die Staatsmacht diskutierten über unseren Marsch und änderten kurzerhand die geplante Rute. Es sollte nicht mehr direkt am Gästeblock vorbei gehen, sondern weit entfernt direkt zur Nordkurve. Schön früh traf sich die Gruppe und bereitete sich den ganzen Tag auf das Highlight des Tages vor. Gegen Abend füllte sich der Vorplatz des Fanhauses und man traf auf das ein oder andere lange nicht mehr gesehene Gesicht. Als der Marsch startete, stellten wir zu unserem Erstaunen fest, dass die Polizeipräsenz sehr gering war. Der Mob von circa 2.500 Leuten machte sich nun doch direkt in Richtung Stadion auf. Dieser Weg führte uns auch am Gästeblock vorbei. Die Szenen, die sich am Gästebereich abspielten, hat man schon lange nicht in mehr in Gladbach gesehen und der ein oder andere alte Gladbacher erinnerte sich wehmütig an die legendären 80er Jahre.
Choreo gegen Köln
Bild: www.stolze-boecke.net
Stadionwelt: Es gab eine große Choreo und etliche Spruchbänder…
UMG: Wir betrachten die Aktion als gelungen, jedoch schafften wir es nicht ganz an die letzte Derbychoreo anzuknüpfen. Hinsichtlich des zerschossenen WH-Kopfes auf dem Spruchband gab es am Nachmittag einige Probleme mit der Vereinsführung. Man interpretierte diese grafische Darstellung als Tötungsaufruf. Trotz aller Diskussionen fand der WH-Kopf mysteriöser Weise doch den Weg in den Block und fügte sich wie geplant in die Choreo ein. Wir denken, dass die Spruchbänder keiner Erläuterung benötigen, da sich jeder sein eigenes Bild von der ach so tollen Mentalitá Kölsch machen kann. Gruß geht an dieser Stelle an die Boys Varese, Boca Juniors, Magnat Sound Systems und an den Joker von Batman.
Stadionwelt: Ein Tiefpunkt der Hinrunde war vermutlich das Spiel in Wiesbaden. In der Folge gab es schwere Anschuldigungen gegen den SV Wehen-Wiesbaden, woraufhin sich der Club entschuldigte. Auch in Freiburg las man von Problemen. Wie habt Ihr die beiden Auswärtsspiele erlebt?
UMG: Auf den beiden Auswärtsfahrten, die von uns jeweils mit dem Bus sowie einigen Autos zurückgelegt wurden, kamen für uns Zustände auf, welche wir zuvor nur aus Erzählungen und den Medien kannten. Vor dem Spiel in Wiesbaden wurde bereits von der Fanbetreuung darüber aufgeklärt, dass man sich von massiver Ordner- und Polizeipräsenz nicht provozieren lassen und dementsprechend besonnen reagieren solle. Auf dem Weg in die hessische Landeshauptstadt wurde der Bus – wie üblich bei Auswärtsspielen – natürlich von der Polizei in Empfang genommen. Zwei Beamte betraten den Bus, wovon einer durch das Mikrophon darauf aufmerksam machte, dass hier in Wiesbaden andere Regeln gelten und wir nun einzeln durchsucht werden. Der zweite Polizist filmte währenddessen den Bus ab. Durchsucht wurde dann komischerweise keiner, jedoch wurde angekündigt, dass wir fortan von einer Polizeieinheit bis in den Block begleitet würden. Dank unserer Fanbetreuung konnte dies dann mehr oder weniger verhindert werden. Im und um das Stadion herrschte eine massive und mit dem Köln-Heimspiel vergleichbare Polizeipräsenz, wenn gleich dort die fünffache Zuschauerzahl vorhanden war. In den Wochen zuvor gab es immer wieder Stress mit unserem SKB – beim Offenbach-Heimspiel standen beispielsweise mehrere Gefangenentransporter bereit. Was der Herr sich in den letzten Wochen geleistet hat, ist kaum noch in Worte zu fassen und ob es einen noch szeneUNkundigeren Beamten gibt, ist stark zu bezweifeln. Sein Job ist momentan zumindest stark ins Wanken geraten, beispielsweise wurden wir ohne jegliche Genehmigung von einem Radio-Team aufgenommen und unsere Gespräche daraufhin ausgestrahlt. Was sich nun jedoch beim Gastauftritt in Wiesbaden abspielte, war einzig und allein skandalös. Einigen Fans wurde der Eintritt zum Block verwehrt, da er laut Ordner-Aussage überfüllt war. Traurig nur zu sehen, dass massig Polizei und Ordner im Block waren und hiermit den „Ausgesperrten“ den Platz wegnahmen. Nach circa 30 Spielminuten verließen wir als Gruppe aus Solidarität zu den „Ausgesperrten“ geschlossen den Block. Draußen wurde sich am Bierstand eingefunden und nach dem Halbzeitende versuchte eine circa 70 Mann starke Gruppe, nochmals in den Block zu gelangen. Als sie von den Ordnern erneut abgewiesen wurde, kam es zu einer harmlosen Rangelei, die die Polizei auf den Plan rief, alles und jeden niederzuknüppeln, aus nächster Nähe gezielt Pfefferspray in Gesichter zu sprühen und auf am Boden liegende Fans sogar noch einzutreten. Als man den wild um sich knüppelnden Polizisten in Richtung Bierstand entkommen war, kamen nach wenigen Minuten wieder mehrere Beamte dorthin und fingen an, einzelne Fans zu schubsen, was in ein paar fliegenden Senf- Flaschen und Bierbechern sowie einer Festnahme endete. Es wurde von der Polizei also einzig und alleine gewaltgeil agiert, anstatt dem ganzen deeskalierend entgegen zu wirken. Wenn man aus den Mündern einzelner Polizisten Sätze wie: „Denen haben wir´s so richtig gegeben!“ oder „Ich hab den einen so was von umgehauen!“ hört, ist das nur noch widerlich und traurig. Fans werden wie Schwerverbrecher behandelt und die Polizisten haben ihren Freifahrtsschein. Diese beiden Vorkommnisse wurden selbstverständlich von der Polizei aufmerksam mit mehreren Kameras gefilmt. Alle sich im Umkreis befindlichen Fans wurden nun eingekesselt und die Beamten fingen an, die Videos auszuwerten. Hierbei wurden nochmals vier Fans „herausgezogen“, weil sie angeblich vermummt auf Videos zu sehen wären. Zwei mussten mit aufs Revier, einer wurde vor Ort als „Täter“ identifiziert und ein weiterer durfte, da er auf dem Video doch nicht zu sehen war, wieder gehen. Unsere mittlerweile eingetroffenen Fanbeauftragten trugen merklich zur Entspannung der Situation bei, wobei unser SKB natürlich mal wieder gar nichts für seinen Job tat, er freute sich wohl eher innerlich über seinen persönlichen Erfolg. Zwei Stunden nach Spielende konnte man dann mit gesehenen 0 bis 30 Spielminuten, sowie den zwei Inhaftierten im Gepäck die Heimreise antreten. In den folgenden Tagen wurde vom Fanprojekt aufgrund der Eintrittsverwehrung sowie des menschenverachtenden Verhaltens der Ordner und der Polizei eine Sammelklage gegen den SV Wehen-Wiesbaden eingeleitet. Um diese zu stützen, ging daraufhin eine stattliche Anzahl von Erlebnisschilderungen beim Fanprojekt ein. Nach nur wenigen Tagen erhielt das Fanprojekt vom SVWW eine schriftliche Entschuldigung, eine Spende über 1.000 Euro und die Zusage, dass das Ganze keine Konsequenzen wie Anzeigen und Stadionverbote für die Fans nach sich ziehen wird. Der SV Wehen-Wiesbaden versprach außerdem, aus seinen Fehlern zu lernen und seine Spiele zukünftig fanfreundlicher und besser organisiert auszutragen. Wie ernst ein solch liebloses Schreiben zu nehmen ist, bleibt fraglich. Was bleibt ist die Hoffnung, dass beide Seiten – der Verein und die Polizei – aus den Vorfällen gelernt haben und in Zukunft besonnener agieren.
Stadionwelt: Die angekündigte Sammelklage ist nach der Spende des SVWW aber kein Thema mehr, oder?
UMG: Das Fanprojekt Mönchengladbach wollte die Öffentlichkeit darüber in Kenntnis setzen wie man als Fußball-Fan oftmals in deutschen Stadien behandelt wird. Mit dem Aufruf der Sammelklage hat man eine öffentliche Diskussion über den Umgang mit Fußball-Fans eingeleitet und den SVWW enorm unter Druck gesetzt. Man hat also auch zu einem Umdenken in Wiesbaden beigetragen und somit hoffentlich den Weg für Gästefans in Wiesbaden erleichtert. Das gespendete Geld ist in die Jugendarbeit des Fanprojekts eingeflossen und wurde somit für einen guten Zweck verwendet. Und ein weiterer wichtiger Punkt wurde erreicht, dass wir als Gruppe keine Stadionverbote zu befürchten haben.
Gladbacher in Freiburg
Bild: Dirk Päffgen
Stadionwelt: Und Freiburg…
UMG: Als es zehn Tage später nach Freiburg gehen sollte, kam in den Tagen vor dem Spiel schon wieder Ärger ins Haus. Wir kündigten bereits zu Saisonbeginn an, dass wir uns für dieses Spiel Karten für den Oberrang sichern werden, denn jeder, der schon mal im Freiburger Stehplatzblock war, kennt die katastrophalen Verhältnisse vor Ort. Tower, unser Fanbeauftragter, informierte uns darüber, dass die Polizei und der SC Freiburg uns nicht in den Oberrang lassen beziehungsweise uns dort nicht in den ersten Reihen haben wollen. Als fadenscheiniger Grund wurden Fans anderer Vereine angegeben, die sich dort wohl in der Vergangenheit daneben benommen haben sollen. Die ersten im Oberrang eingetroffenen Fans wurden so auch mit Fragen wie „Bist du von den Ultras?“ konfrontiert. Ultras gelten in Freiburg also als schlechte Menschen in einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“. Wenig später kam die Hauptgruppe im Oberrang an und ließ sich im unteren Teil des Blockes nieder, woraufhin der Polizei-Einsatzleiter klar machte, dass wir in diesem Bereich unerwünscht seien. Borussia konnte im Vorfeld des Spiels zwar einen alternativen Bereich im Oberrang für uns erreichen, dieser befand sich jedoch im letzten Eck des Ranges und war mit Absperrband vom Rest des Blockes abgetrennt. Der Einsatzleiter kündigte an, dass sie, falls wir unseren Standort nicht wechseln würden, während des Spiels keine Maßnahmen gegen uns ergreifen, nach dem Spiel jeder Businsasse allerdings ein Stadionverbot erhalten würde. Dies machte er uns aufgrund des Hausrechts des SC Freiburg klar, da wir mit dem Verbleib im Stadion gegen dieses verstoßen würden. Um die Gruppe vor weiterem ungerechtfertigten Schaden zu schützen, ging ein Teil von uns missmutig in den oben abgesperrten Bereich, manche blieben weiterhin unten und wiederum andere verließen durch die anhaltende Willkür genervt und erschüttert das Stadion. Vor dem Spiel gab es noch die ein oder anderen geschlossenen „Fußballfans sind keine Verbrecher“-Rufe, für den Großteil der Gruppe war das Spiel jedoch damit schon gestorben. Aufgrund der Tatsache, dass wir uns nicht vom Sicherheitsorgan kneten und formen lassen, wurden jegliche Supportbemühungen eingestellt, auch wenn sich die restlichen Anhänger von dem Ganzen kaum beeinflussen ließen. Stimmung kam durch das Fehlen der geschlossenen Gruppe kaum auf, es gab lediglich hin und wieder einfache Anfeuerungsrufe. Nach dem Spiel kam es glücklicherweise nicht zu der angedrohten Repression und die Heimfahrt wurde trotz des Sieges beim bisher stärksten Verfolger enttäuscht zurückgelegt. Endlich haben wir wieder eine Mannschaft, welche uns Freude bereitet, doch diese Freude wird uns zurzeit gänzlich vom völlig überzogenen und willkürlichen Sicherheitsorgan genommen.
Stadionwelt: Nach wie vor ist Eure Internetseite geschlossen. Wird sich das in absehbarer Zeit mal wieder ändern?
UMG: Nein, dies wird sich nicht ändern. Wir beobachten die Entwicklung im Internet immer noch sehr kritisch und werden unsere Gruppe aus diesem Grunde nicht im Internet präsentieren. In ferner Zukunft wird es jedoch einen Nordkurven-Blog geben, indem die ganze Szene integriert sein soll.
Stadionwelt: Hat sich das Gefüge innerhalb der Nordkurve mittlerweile eingespielt, jeder seinen Platz gefunden?
UMG: Man kann sagen, dass jeder seinen Platz gefunden hat, jedoch haben wir zurzeit Schwierigkeiten mit der Stimmung in der Kurve. Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, unsere Kurve in der Rückrunde stimmungstechnisch wieder auf Vordermann zu bringen, um wieder eine geschlossene Einheit zu werden.
Stadionwelt: Die Nordkurve ist so gut wie immer ausverkauft. Hat der Nachwuchs überhaupt eine Chance, den Weg in die Kurve zu finden?
UMG: Im Gegenteil: Früher am Bökelberg hatten es die Jugendlichen viel schwerer, einen der begehrten Plätze in der Nordkurve zu ergattern. Unser Eindruck ist, dass die Jugendlichen immer einen Weg in die Kurve finden. An Nachwuchs für die Szene mangelt es sicherlich nicht.
Die Nordkurve im Borussia-Park
Bild: www.pugbowler.de.vu
Stadionwelt: Zum Heimspiel gegen Kaiserslautern erscheint ein neues Fanzine namens UMGehört. Was hat es damit auf sich?
UMG: Das Heft wird das Sliding Cheescake, sowie das Heimspiel-Flugblatt vollständig ablösen und erscheint somit zeitnah, in attraktivem Rahmen, gespickt mit Neuigkeiten. Es wird unter anderem folgende Themen und Kategorien umfassen: Szene-News und Termine rund um die Nordkurve und unsere Gruppe, regelmäßige Berichte der Grashoff-Jugend, Spielberichte, Kunst, Repression, verschiedene Rezensionen, Interviews mit Borussia Fanclubs und anderen nationalen und internationalen Szenen, viel zum Thema Tradition, also Bökelberg oder Neunzehnhundert, und noch einiges mehr. Wir sind selber gespannt wie das Heft aufgenommen wird und erhoffen das Beste. Es wird ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Ultras Mönchengladbach.
Stadionwelt: Mal halb im Spaß: Ist die Aufstiegs-Choreo schon in Planung?
UMG: Ja, wir stehen allerdings etwas unter Zeitdruck…
Stadionwelt: Was sonst ist in Mönchengladbach derzeit an fanrelevanten Dingen oder Aktionen Thema?
UMG: Mit dem Abstieg in Liga 2 wurden wir immer mehr zum Ziel des Repressionsapparates. Da unser Verein allerdings schon lange im Vorfeld für dieses Thema sensibilisiert wurde, haben wir in unseren Gefilden beinahe paradiesische Zustände. Allerdings bleiben wir nicht von Stadionverboten und anderen Strafen verschont. Schwierigkeiten gibt es im Moment auch mit unseren szeneUNkundigen Beamten, die in ihren Glaskugeln schon das ein oder andere Horrorszenario herauf beschworen haben. Es bleibt abzuwarten wie sich der Konflikt mit der Staatsmacht entwickelt. An dieser Stelle an alle Stadionverbotler und Repressionsopfer: Kämpft weiter – stay rebell! (Stadionwelt, 14.1.2008)
Bild: www.stolze-boecke.net
Bild: Dirk Päffgen
Bild: www.pugbowler.de.vu




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