Stehplatz-Demos hinfällig?

Faszination Fankurve 26.04.2007 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Über die Jahre haben sich die Fußballstadien in Deutschland verändert. Die Zahl der Stehplätze nahm kontinuierlich ab. Doch im Gegensatz zu anderen Ländern wird das Faninteresse an Stehplätzen bei fast jedem Neu- oder Umbau berücksichtigt.

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Vor zwanzig Jahren bereitete sich Fußballdeutschland auf die Euro im eigenen Land vor. Zehn Jahre später nahm die Idee, sich für die WM 2006 zu bewerben mehr und mehr Gestalt an. Heute profitiert man von der Infrastruktur, die im Zuge dieses Großereignisses entstanden ist. Nicht selten wird von den „modernsten Stadien der Welt“ gesprochen. Macher und Medien schwärmen von der einzigartigen Infrastruktur. Und alles mit Stehplätzen…

Europäischer Standard ist das nicht. Das neue Wembley verfügt über keine Stehplätze, das Finalstadion der EM 2008 in Wien genausowenig wie das größte Stadion des Kontinents, das Camp Nou in Barcelona. In Deutschland gehört Stehen für einen Teil der Stadiongänger einfach dazu und gilt als unverzichtbarer Bestandteil der Fankultur.

Ganz von allein ging der Erhalt der Stehplätze allerdings nicht vonstatten. Um 1990 beschlossen FIFA und UEFA für internationale Spiele, WM und EM-Turniere sowie die kontinentalen Clubwettbewerbe ausschließlich Sitzplätze zu erlauben. Eine Katastrophe im englischen Sheffield gab hierfür den endgültigen Ausschlag.

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Hillsborough – hier ereignete sich eine der größten Katastrophen der Fußballgeschichte
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Deutsche sind in punkto Fußball schon immer durch das Mutterland dieses Sports geprägt. Und um die Ängste heimischer Fans zu verstehen, ist der Blick auf die Insel beim Thema „Steh- oder Sitzplatz“ unerlässlich: 1989 mussten sich die Supporter an eine Neuerung in den altehrwürdigen Grounds gewöhnen. Infolge der Tragödie von Hillsborough wurden Stehplätze in den ersten zwei Ligen abgeschafft. Beim FA-Cup-Halbfinale in Sheffield zwischen Liverpool und Nottingham waren 96 Menschen ums Leben gekommen. Lord Justice Taylor untersuchte die Ursachen: Ein überfüllter Liverpool-Block, ein veraltetes Stadion und Fehlverhalten bei der Polizei waren das Ergebnis seines, des so genannten Taylor-Reports. Als Schluss zogen Verantwortliche die Konsequenz, reine Sitzplatzstadien einzuführen. Wenn das die Folge der Hooligan-Ausschreitungen von Heysel vier Jahre zuvor gewesen wäre, wären den Gegnern die Argumente schwerer gefallen. Wie auch immer – bis heute bleibt bei den Fans der fade Beigeschmack, dass Sitze eben besser geeignet sind, ein anderes, vornehmeres und vor allem zahlungskräftigeres Publikum anzuziehen.

1994: erste Demo für Stehplätze
Da Fans aus Deutschland sich nicht mit dem Umbau der Stadien abfinden wollten, formierte sich Widerstand aus den Kurven. Das Schlagwort „Versitzplatzung“ hielt Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch und stand für die Angst, wie die Engländer bei der liebsten Beschäftigung dauerhaft sitzen zu müssen. „Im November 1994 gab es die erste Demo beim DFB in Frankfurt“, erinnert sich Stuart Dykes, damals beim Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) tätig. „200 Fans von 23 Vereinen haben für den Erhalt von Stehplätzen in Deutschland demonstriert.“ Die Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes verwiesen jedoch auf FIFA und UEFA, aufgrund derer Beschlüsse reine Sitzplatzstadien Realität wurden. Im September 1995, am Rande einer Europapokalauslosung in Genf, überreichten sechzig Fanaktivisten der Presse ein viersprachiges Papier. „UEFA-Präsident Lennart Johannson hat einige unserer Argumente akzeptiert, seinerseits aber auf die Regierungen verwiesen“, erzählt Dykes. Letzte Höhepunkte des Widerstands waren das Länderspiel im Juni 1998 gegen Kolumbien und ein Jahr später die Show zur WM-Bewerbung in der Kölnarena. Bei beiden Veranstaltungen wurden zigtausende Flyer verteilt und auf die allgemeine Situation Aufmerksam gemacht.

Niemand der beteiligten Aktivisten konnte ahnen, dass der DFB möglicherweise gar nicht vorhatte, sich den übergeordneten Verbänden anzuschließen und die Stehplätze in bundesdeutschen Stadien abzuschaffen. „Bereits 1993 existierte ein meines Wissens nie veröffentlichtes Positionspapier des DFB, das neun Argumente für den Erhalt von Stehplätzen auflistete. Unter anderem stand darin, dass Stehplätze nicht zum Hooliganproblem beitragen und der Fußball auch für sozial schwache Gruppen offen bleiben soll“, erinnert sich Dykes, dem eben jenes Papier vorliegt.

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Das Dortmunder Stadion verfügt über die größte Stehplatztribüne Europas
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Sitzend sicherer?
Eine Studie, die endgültig klärt, ob Sitz- oder Stehplatzbereiche für die Zuschauer sicherer sind, ist derzeit nicht bekannt. Der Architekt Dr. Stefan Nixdorf, der bei Planung und Umbau des Müngersdorfer- zum WM-Stadion Köln beteiligt war und über Sichtlinien und Sicherheit bei Tribünen promovierte, sagt folgendes zu dem Thema: „Allgemeiner Kenntnisstand ist, dass Sitzplatzbereiche als grundsätzlich sicherer gelten. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Im Stehplatzbereich stehen die Menschen dichter und beweglicher. Letztendlich ist das normalerweise auch der emotionalste Teil des Stadions mit der größten Anteilnahme.“ Genau aus diesem Grund seien Wellenbrecher in Stehplatzarealen auch zwingend vorgeschrieben, um eine Bewegung der Masse nach vorne zu verhindern. Das Bündnis Aktiver Fußballfans wirft ein, dass Fans während der Spiele sowieso stehen. Nicht selten auf den ungeliebten Sitzschalen, was die Verletzungsgefahr erhöhe. Außerdem könnten sich die Sitzschalen bei einer Panik in gefährliche Stolperfallen verwandeln. Als Gegenbeispiel zu Hillsborough lässt sich Guatemala anführen: 1996 kamen in einem reinen Sitzplatzstadion 84 Menschen ums Leben, weitere 147 erlitten teilweise schwere Verletzungen.

Zu derart schweren Unglücken kam es in deutschen Stadien bisher nicht. Auch nicht, als die Zahl der stehenden Besucher noch überwog: Vor zwanzig Jahren waren 13 von 18 Bundesligastadien mit mehr Steh- als Sitzplätzen ausgestattet – eine Dekade später mit sechs bereits weniger als die Hälfte. Leverkusen wandelte gerade sämtliche Stehplätze um. Heutzutage gibt es in der ersten Bundesliga nur noch zwei Stadien, in denen Stehplätze überwiegen: das Stadion der Freundschaft in Cottbus und den Aachener Tivoli. Bei der Alemannia ist ein Stadionneubau aus verschiedenen Gründen Dauerthema. Und über dem Unterrang der Gegengerade des Clubs aus der Lausitz schwebt das Damoklesschwert, weil bereits laut darüber nachgedacht wurde, den heutigen Stimmungsbereich mit Sitzplätzen auszustatten. Das Bochumer Stadion ist ungefähr zur Hälfte in Steh- und Sitzplätze aufgeteilt. Bei allen anderen Erstliga-Adressen sind die Stehenden deutlich in der Unterzahl, oder es gibt sie gar nicht mehr. Immerhin beherbergt das Stadion des BVB in Dortmund mit 25.000 zu vergebenden Tickets die größte Stehplatztribüne Europas.

Die Kapazitäten der Bundesliga aus drei Jahrzehnten

Die Kapazitäten der Bundesliga aus drei Jahrzehnten

Angesichts des Positionspapiers von 1993 hatte der DFB offenbar niemals ein Interesse, vollkommen auf Stehplätze zu verzichten. Geschadet hat das vielfältige Engagement der aktiven Fans aber bestimmt nicht. Möglicherweise gab das dem Verband sogar etwas Rückendeckung, um „seinen“ Weg zu gehen. Bis zum heutigen Tag mischen sich Fußballfans unverändert in Stadion-Diskussionen ein: Bei fast jedem Neubauprojekt erstellen Anhänger Positionspapiere, die „fangerechte“ Stadien mit Stehplatzblöcken fordern oder demonstrieren, wie Fans des FSV Mainz 05 Anfang dieses Monats. Die Vereine haben lange erkannt, wie wichtig Stehplätze aus Fansicht sind. Das Stehplatzverbot für Europapokal-Spiele besteht indes nach wie vor, und sie nehmen Umrüstungskostenkosten vor und nach den Bundesligaspieltagen in Kauf.

England blickt nach Deutschland
Zum Schluss wandert der Blick dahin zurück, wo der moderne Fußball seine Anfänge genommen hat, denn bezüglich der reinen Sitzplatzstadien von Plymouth bis Newcastle und von Norwich bis Liverpool könnte sich schon in näherer Zukunft etwas tun: Der größte britische Fan-Verband, die Football Supporters‘ Federation (FSF) mit 140.000 Mitgliedern, sieht die All-Seater als eines der Hauptthemen ihrer Arbeit an und kann sogar auf die Unterstützung einiger Parlamentsmitglieder bauen. „Die Conservative Party wäre bereit, sich des Gesetzes noch einmal anzunehmen“, sagt der Vorsitzende der FSF, Malcolm Clarke. Kürzlich wurde ein Beobachter nach Deutschland geschickt, um zu dokumentieren, wie hierzulande mit Sitz- und Stehplätzen umgegangen wird. Eine Studie über die Rückkehr in sichere Stehplatzbereiche ist in Arbeit. Des Rückhalts aus der Fußballbevölkerung können sich die Aktivisten sicher sein: Zum vierten Mal in Folge sprachen sich Fans vieler Vereine in einer Umfrage des unabhängigen Fanforums Football Fans Census für sichere Stehplatzareale aus. Jedes Mal waren es über 90 Prozent. (Stadionwelt / Christopher Pauer, 26.4.2007)

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Hillsborough – hier ereignete sich eine der größten Katastrophen der Fußballgeschichte
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