„Fichte“ ist beim Wuhlesyndikat aktiv. Die Fans von Union sind nach nur einem Jahr Oberliga in die Drittklassigkeit zurückgekehrt. Im Interview mit Stadionwelt gibt der 23-Jährige über die Fanszene aus Berlin-Köpenick Auskunft.
Das Winterpausen-Interview – Teil 48 „Etwas vom Mythos eingebüßt“
Stadionwelt: In der Berliner Presse wurde wild darüber spekuliert, Fans von Union könnten möglicherweise etwas mit dem Brand der Herthaner Fanbaracke in Hohenschönhausen zu tun haben. Möchtest Du dazu etwas sagen?
Fichte: Das Wuhlesyndikat hat dazu vor kurzem eine Erklärung herausgebracht, in der wir uns von der Tat deutlich distanzieren und unseren Standpunkt zu der Thematik äußern. Mehr gibt es zu dem Brand nicht zu sagen.
Stadionwelt: Wie kommt es denn eigentlich, dass sich beide Fangruppen nicht leiden können? Früher verband Union und Hertha eine Fanfreundschaft.
Fichte: Vor der Wende gab es eine tatsächlich sehr starke Fanfreundschaft. Unioner begleiteten die Hertha bei Spielen im damaligen Ostblock, zum Beispiel nach Prag. Herthaner waren sehr oft an der Alten Försterei. Spielbesuche bei Hertha waren ja damals aufgrund der politischen Situation nicht möglich. Nach der Wende brach weg, was die Freundschaft stark gemacht hat: Das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer geteilten Stadt zu leben. Die Freunde hinter Stacheldraht hatten das Herz ihrer Freundschaft verloren. Während das erste Freundschaftsspiel im Olympiastadion vor 51.270 Zuschauern noch mit einem rot-weiß-blauen Fahnenmehr eingeläutet wurde, interessierte das Rückspiel bei Union nur noch etwa 3.800.
Stadionwelt: Hat das vielleicht damit zu tun, dass viele aktive Herthaner mittlerweile aus dem Osten der Hauptstadt sind?
Fichte: Nein, das hat mit der Szene eher nichts zu tun. Hertha hat es in der Stadt leichter. Da wird schnell viel Geld für das Olympiastadion locker gemacht, während für die Alte Försterei nicht einmal genug Geld vorhanden ist, um notwendige Reparaturen durchzuführen. In einer so großen Stadt wie Berlin leben die zwei Szenen nebeneinander her. Dies wird auch dadurch begünstigt, dass es zu keinen sportlichen Kontakten zwischen den beiden „Profi“-Abteilungen der Vereine kommt. Zumal Union ja eher ein kiezbezogener Klub rund um Köpenick ist. Weiterhin hat jede Szene ihre eigenen Feindbilder, die weit vor der anderen Szene liegen. Es gibt in den Fanszenen immer noch Leute, die im privaten Kreis die „Fanfreundschaft“ weiter leben und deren Herz an beiden Klubs hängt. Genauso gibt es aber in beiden Fanszenen Leute, die den anderen Verein komplett ablehnen. Zwischen den aktiven Ultraszenen herrscht nach einigen Vorfällen vor etwa zweieinhalb Jahren ein Waffenstillstand.
Stadionwelt: Stichwort Stadionneubau. Wie weit ist die Entwicklung der „Neuen Försterei“?
Fichte: Der Stand der Dinge ist der, dass dem Verkauf des Geländes, auf dem das Stadion steht, für einen Euro mittlerweile zugestimmt wurde. Nun geht es im Abgeordnetenhaus darum, wie hoch die Zuschüsse des Landes Berlin ausfallen.
Das Stadionkonzept ist erstellt und wurde sowohl den Fans, wie auch der Presse vorgestellt. Im Grunde wird die Haupttribüne neu gebaut, alle anderen saniert und komplett überdacht.
Stadionwelt: Hat sich die aktive Fanszene von Union einen Forderungskatalog erarbeitet oder Mitspracherechte eingefordert?
Fichte: Das Konzept ist aus Fansicht alles in allem sehr positiv. Gerade im deutschlandweiten Vergleich zu anderen Stadionsanierungen und Neubauten. Es sieht viele Stehplätze vor und es gibt keine durchgängigen Wellenbrecher. Viele Dinge, die von uns bereits in einer Ideensammlung zu einem Forderungskatalog zusammengetragen wurden, sind bereits in dem Konzept verankert. Weitere Aspekte werden aber dem Verein noch vorgelegt. Hierfür wird es in der Fan- und Mitgliederabteilung, welche eine feste, in der Vereinssatzung verankerte eigene Abteilung ist, eine „AG- Stadion“ geben. An dieser Arbeitsgemeinschaft werden wir uns selbstverständlich beteiligen, um so unsere Ideen und Vorstellungen einzubringen. Der Architekt ist übrigens Fanvertreter im Aufsichtsrat von Union Berlin.
Stadionwelt: Wie war die Rückkehr in die Regionalliga?
Fichte: Die Rückkehr in die Regionalliga war alles in allem gelungen. Besonders der Start der Saison war aus sportlicher Sicht sehr erfolgreich, bis im Herbst ein Einbruch kam. Es gab nach langem wieder Zusammenkünfte mit Vereinen wie Dresden, Erfurt und Magdeburg, welche vor allem aus Fansicht mit viel Prestige behaftet sind. Aber in der Regionalliga ist die Spanne vor allem aus Fansicht sehr groß. Da spielt man das eine Wochenende mit ausverkauftem Gästeblock auf Sankt Pauli während am anderen Wochenende der Gegner die Zweite von Dortmund, Bremen, Leverkusen oder Hertha ist.
Stadionwelt: Und wie war die Stimmung?
Fichte: Auf Ultraebene lässt sich reflektieren, dass in der Hinrunde eine Menge neue Lieder und Melodien eingeführt werden konnten, um so den Support noch abwechslungsreicher und individueller zu gestalten. Stimmungstechnisch sind auswärts vor allem das Spiel auf dem Kiez und das Spiel in Ahlen in Erinnerung geblieben. Zu Hause hat sich ein fester Stimmungskern zwischen 150 und 300 Leuten etabliert, der abwechslungsreich und ausdauernd das ganze Spiel supportet. Der Rest lässt sich spielabhängig mal mehr, mal weniger einbeziehen und zum Mitmachen animieren. Leider muss man in den letzten Jahren feststellen, dass die Stimmung im restlichen Stadion stark nachgelassen und die Alte Försterei so etwas von ihrem Mythos eingebüsst hat. Jedoch stehen wir meiner Meinung nach im deutschen Vergleich trotz allem noch über vielem Einheitsbrei. Und das Anspruchsdenken ist in Köpenick auch ein anderes als in vielen Szenen. Choreotechnisch konnten wir in der Hinrunde einige Akzente setzen: Neben einer mehr oder weniger gelungenen 100-Jahre-Choreo gegen Erfurt, mit vielen Problemen im Vorfeld und am Spieltag, wussten vor allem die Aktionen in Kiel und Ahlen zu gefallen. Auch sonst war die Fraktion „Malen und Gestalten“ in der Hinrunde sehr aktiv und es gab neben einer Menge neuer Fahnen und Schwenker auch einige neue Banner an den deutschen Zäunen zu bestaunen.
Stadionwelt: Vor kurzem fand wieder das Weihnachtssingen statt.
Fichte: Im mittlerweile vierten Jahr in Folge wurde ein neuer Rekord aufgestellt. 2006 nahmen etwa 2.000 Fans teil, während sich beim ersten Anlauf kaum mehr als 70 Leute an der Mittellinie versammelt hatten. Inzwischen ist es ein fester Termin im Union-Kalender geworden und wieder ein Stück Einmaligkeit rund um unseren Klub. Wie fast alle diese Aktionen ist sie von Fans ins Leben gerufen worden.
Stadionwelt: „Und niemals vergessen – Eisern Union“ ist der Name eines Theaterstücks, das sich mit Union befasst. Hast du es gesehen?
Fichte: Ja, habe ich. Nachdem bereits die erste Auflage des Stückes ein sehr großer Erfolg war, wurde es ein zweites Mal aufgelegt und war sehr schnell ausverkauft. In zwei mal 45 Minuten beleuchtet es das Leben eines Unionfans und zeigt auf eine sehr witzige Art und Weise die Höhen und Tiefen, die er mit dem Verein durchlebt. Im ersten Teil geht es um seine Jugend vor der Wende und im zweiten um die jüngere Vergangenheit nach der Wende. Geschrieben und produziert wurde es von Union-Fan Jörg Steinberg und ist mit Sicherheit auch ein Stück weit die Verarbeitung des eigenen Lebens mit Union. Auch der Hauptdarsteller Chris „Lopez“ Lopata ist ein bekannter Unionfan, der bereits vor der Wende zur festen Fanszene gehörte.
Stadionwelt: Wird es noch Vorstellungen geben?
Fichte: Leider wohl erst einmal nicht, dafür gibt es aber eine DVD.
Stadionwelt: Das Auswärtsspiel in Dresden war vielleicht das „Risikospiel“ der Hinrunde. Erzähl bitte etwas dazu!
Fichte: Aus Fansicht war der Einsatz vollkommen überzogen: 2.000 Polizisten für 2.000 Gästefans, dazu Sonderzugbegleitung durch Hubschrauber und Wasserwerfer. Leider mussten wir wieder einmal mit Aufenthaltsverboten und polizeilicher Meldepflicht während des Spiels Bekanntschaft machen. Dies ist meiner Meinung nach sehr kritisch zu betrachten, da sich so über die ohnehin schon schlechten Stadionverbotsrichtlinie hinweg gesetzt wird, indem man aktive Führungspersonen der Szene mit eben jenen polizeilichen Auflagen von solchen „Risikospielen“ ausschließt. Gegen diese Praxis lässt sich leider nur unter großem finanziellen Aufwand vorgehen, was für eine Einzelperson nach Abwägung von Kosten und Nutzen leider nur schwer möglich ist. Zumal hier viel in einer gesetzlichen Grauzone abläuft. Aber es hat sich wieder einmal bewahrheitet, dass nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird: Die vorher herbei geredeten Krawalle blieben erwartungsgemäß aus. Stimmungstechnisch war der Gästehaufen leider eine Enttäuschung, wobei sich der aktive Stimmungskern auf etwa 250 Leute belief, die den Rest der Unionfans wieder mal nur selten mitreißen konnten. (Stadionwelt, 9.2.2007)
Foto: Faszination Fankurve




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