Das Winterpausen-Interview – Teil 36„Schöner Verein“

Faszination Fankurve 01.02.2007 0 Kommentare

Christopher Pauer (30) ist Anhänger von Göttingen 05. Nach dem finanziellen Ende findet sich der Club unter neuem Namen mittlerweile in der siebten Liga wieder. Zwischen Spaßterrorismus und Vereinsarbeit sprach er mit Stadionwelt.

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Stadionwelt: Macht Fansein in der Bezirksliga Spaß?
Pauer: Grundsätzlich ja. Es ist natürlich etwas ganz anderes, als viele 05er noch aus Liga drei oder vier, wenige sogar noch aus der zweiten Bundesliga gewohnt sind. Die meisten gegnerischen Teams haben keine richtigen Stadien geschweige denn Fans. Es macht definitiv einen Unterschied, ob man gegen den HSV aus Hannover oder den aus Hardegsen spielt. Allerdings haben wir uns in aller Regel nicht mit Problemen herumzuschlagen, von denen Fanszenen in höheren Ligen betroffen sind: Stadionverbote, Einschneidungen von Vereinsseite und dergleichen sind für uns Fremdworte. Vielleicht kann man es so zusammenfassen: In unteren Ligen lässt es sich befreiter Fußballfan sein, dafür fehlt hin und wieder der Kitzel.

Stadionwelt: Wie schwer ist es, sich in der siebten Liga auf Sportplätzen ohne Gegner beim Support zu motivieren.
Pauer: Relativ schwer, obwohl auswärts auch mal 200 und mehr zugegen sind. Alles in allem gibt es ein paar Highlights. In der Meistersaison letztes Jahr waren die Pokalspiele besonders erwähnenswert. Wir haben nach und nach sämtliche Göttinger Rivalen rausgekegelt. Den besten Support seit Jahren gab es aber in dieser Spielzeit. Zum Ligaspitzenspiel gegen Holtensen kamen etwa 1.200 Zuschauer, wir hatten eine nette Choreo und auf der Tribüne wurde das ganze Spiel über gesungen. Wenn unser Stürmer in der 89. Minute den Siegtreffer gemacht hätte, wäre die Benzstraße vermutlich explodiert.

Stadionwelt: Göttingen 05 findet in den überregionalen Medien seit Jahren kaum statt. Erzähl doch bitte etwas zur Vereinsentwicklung.
Pauer: Am 18. September 2003 wurde der Verein aufgelöst. Nach Jahren war das Insolvenzverfahren endlich vorbei, nur leider nicht so wie sich das die meisten Schwarz-Gelben vorgestellt haben. Statt schuldenfrei waren wir vereinsfrei. Ich saß damals in der Gerichtsverhandlung. Das war ein noch schlimmerer Moment als der verweigerte Aufstieg in die Regionalliga 2001. Der Nachfolgeverein war mit dem FC Göttingen 05 bereits gegründet. Wir haben durch unser ständiges Drängen erreicht, dass er nicht ein reiner Auffangverein für die gute Jugend bleiben sollte. Dann kam ziemlich überraschend die Fusion mit dem Stadtteilverein RSV Geismar zum RSV Göttingen 05.

Stadionwelt: Und hat die Fanszene das alles mitgetragen?
Pauer: Die meisten schon. Nur sehr wenige sind komplett abgesprungen. Viele anfängliche Skeptiker pilgern mittlerweile regelmäßig an die Benzstraße. Selbst das Grün in den Vereinsfarben ist größtenteils akzeptiert. Den meisten war wichtig, dass 05 überhaupt wieder spielt. In der Zeit des Umbruchs hat sich die Supporters Crew, eine Art Dachverband, gegründet, um als Fanszene geschlossener auftreten zu können. Über zwei, drei Jahre haben viele Leute mächtig Gas gegeben.

Stadionwelt: Wie sah dieses Engagement aus?
Pauer: Dabei hat es sich nicht um reines Fantum gehandelt. Beispielsweise haben wir an der Benzstraße – das ist der Sportplatz von Geismar – eine Tribüne gebaut, die Feierlichkeiten zu „Hundert Jahre Göttingen 05“ mitorganisiert, Supporters Crew Mitglieder haben die Vereinskneipe übernommen. Davor gab es die „Fans ohne Verein“. Mit der Aktion, uns als Fanszene mieten zu lassen, haben wir es nicht nur ins englische Fernsehen und Zeitungen auf der ganzen Welt geschafft, sondern auch die Szene zusammengehalten. Der Hauptgrund war also nicht vorrangig der viel beschriebene Spaßterrorismus, sondern ein Dreivierteljahr ohne 05-Fußball zu überbrücken und den Verein im Gespräch zu halten.

Stadionwelt: Früher galt die Fanszene von 05 als links. Ist das immer noch der Fall?
Pauer: Aus meiner Sicht haben wir als Szene nie eine rote Fahne vor uns hergetragen, weil sich kaum eine gesamte Szene als links bezeichnen würde. Ich persönlich bin der Meinung, dass das Motto einiger deutscher Fangruppen „Keine Politik in der Kurve“ Schwachsinn ist. Wenn ich für oder gegen einen Stadionneubau demonstriere, ist das Politik und wenn ich mich gegen die Stadionverbotspraxis einsetze, mache ich natürlich Politik. Jedem Besucher sollte klar sein, dass in Göttingen gewisse Regeln gelten. Nach ein paar Jahren haben wir übrigens mal wieder an der FARE-Aktionswoche teilgenommen. Die Mannschaft lief mit speziellen Trikots gegen Rassismus auf, die nachher zugunsten einer sozialen Göttinger Einrichtung, die Migrantinnen Alltagshilfen anbietet, versteigert wurden. Dabei kamen über 600 Euro zusammen.

Stadionwelt: Kann man den RSV Göttingen 05 als Fanverein bezeichnen?
Pauer: Ich denke nicht! 05-Fans sind bei vielen Themen involviert und werden auch gefragt, aber ein Fanverein ist der RSV 05 nicht. Dafür hätte einer aus der Fanszene vermutlich den Schritt wagen und sich in ein offizielles Amt wählen lassen müssen. Alles in allem sind die Kontakte zum Vorstand besser denn je. Fans sitzen regelmäßig mit Vereinsvertretern zusammen. Der RSV 05 ist eher ein familiärer Verein.

Stadionwelt: Dennoch hast Du die Supporters Crew zwischenzeitlich verlassen, oder?
Pauer: Erstaunlich, dass ihr das wisst. Hauptsächlich hatte es was damit zu tun, dass sich der Großteil in der „Neuen Heimat Benzstraße“ im Laufe der Zeit häuslich eingerichtet hat. Als der Verein am Ende war und der RSV 05 entstand, haben viele Leute großen Einsatz gezeigt. Mit der Zeit sind wir alle ein wenig gemütlich geworden. Und ein paar Achtzehnjährige die frischen Wind reinbringen und uns Arrivierten in den Arsch treten, gibt es nicht. In der siebten Liga kann man leider nicht erwarten, dass der Nachwuchs Schlange steht. Die SCG beruht ja zu großen Teilen auf einer Idee von mir, daher sehe ich meinen Austritt mehr als Weckruf.

Stadionwelt: Würdet ihr die Göttinger Szene als Ultras bezeichnen?
Pauer: Klares Nein. Man sieht sich als Supporter. Die Fanszene ist vom Schnitt her ziemlich alt, die Einflüsse alles in allem eher britisch. Das schlägt sich auch in den Gesängen nieder. Aus unserem Block hört man fast ausschließlich Eigenkreationen. Mir persönlich ist das „Allez“ in zig Versionen zu eintönig. Lange Zeit war eine eigene Version der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ sehr angesagt, der letzte Hit war „Schöner Verein“ in Anlehnung an Udo Jürgens „Griechischer Wein“.

Stadionwelt: Was sonst ist in Göttingen derzeit Thema?
Pauer: Zum einen haben zwei der städtischen Konkurrenten eine Art Fusionsplan veröffentlicht, was mit Sicherheit spannend zu beobachten sein wird. Sie wollen den Göttinger Fußball damit besser vertreten, obwohl sie zusammen vielleicht halb so viel Zuschauer wie 05 haben. Zum anderen haben wir Göttinger Chöre zu einem Gesangswettstreit herausgefordert.

Stadionwelt: Was genau soll das sein?
Pauer: Eine Gesangs-Battle während eines Heimspiels. Dafür wurden Chöre verschiedener Stilrichtungen eingeladen – beispielsweise von der Uni oder ein Shantychor. Jeder Chor muss im Rahmen des Wettbewerbs ein Lied aus dem eigenen Repertoire und ein Lied mit Fußballbezug vortragen. In der Jury sollen einflussreiche Personen der Göttinger Kulturszene sitzen. So ganz gehört der Spaßterrorismus also nicht der Vergangenheit an. (Stadionwelt, 1.2.2007)

Bild: www.scg05.de

Foto: Faszination Fankurve

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