Der Diebstahl des „Gelbe Wand“-Transparents beschäftigte auch die königsblauen Rivalen auf Schalke. Über Banner, Gazprom und Choreos berichtet Thomas „Kirsche“ Kirschner (26) von den Ultras Gelsenkirchen im Interview mit Stadionwelt.
Das Winterpausen-Interview – Teil 28„War klar, dass man uns damit in Verbindung bringt“
Stadionwelt: Die Gazprom-Ära hat mit dem Testspiel gegen Zenit Sankt Petersburg begonnen. Wie steht man denn auf Fanseite zum neuen Sponsor?
Kirschner: Innerhalb der Gruppe haben wir natürlich über den neuen Sponsor diskutiert, nachdem der Deal veröffentlich wurde. Bislang sieht man das Engagement von Gazprom als ganz normales Sponsoring. Sollte sich das mal ändern, werden wir uns als Gruppe selbstverständlich eindeutig positionieren und dementsprechend handeln. Bei großen Geldgebern besteht immer die Gefahr, dass die bei viel Geld auch viel Einfluss haben wollen. Anders als alte Sponsoren sitzt von Gazprom bisher keiner im Aufsichtsrat.
Stadionwelt: Beim Testspiel in Utrecht gab es angeblich Randale in der Innenstadt, inklusive 15 Festnahmen?
Kirschner: Wir sind per Bus zu diesem Spiel angereist, haben direkt das Stadion angesteuert und waren vor der Begegnung nicht in der Stadt, weshalb ich zu den angeblichen Vorfällen nicht mehr sagen kann, als schon durch die Presse bekannt ist.
Stadionwelt: Rund um den Derbysieg gab es eine Menge Aufregung. Unter anderem vermutete man in Dortmund Schalker hinter dem Bannerklau…
Kirschner: Der Diebstahl des Dortmunder Gelbe-Wand-Banners hat uns selbstverständlich beschäftigt und der gesamten königsblauen Fanszene mehr als nur ein leichtes Grinsen ins Gesicht gezaubert. Nachdem das recht früh publik gemacht wurde, war klar, dass man uns Schalker damit in Verbindung bringen würde. Andersrum wäre das vermutlich nicht anders gewesen. Die Medien kamen recht schnell auf uns zu, allerdings hat uns das Ausmaß doch sehr überrascht.
Stadionwelt: Und die Polizei?
Kirschner: Mit den örtlichen Zivis gibt es unsererseits seit über einem Jahr keinerlei Kontakt, deswegen kamen aus der Ecke keine Ansagen. Dass eine Sonderkommission Fahne gegründet wurde, dürfte bekannt sein. Wir hätten es besser gefunden, wenn man so etwas ohne Polizei zu lösen versucht. Am Spieltag selber war die erhöhte Polizeipräsenz und –überwachung deutlich zu spüren. Dazu gab es ein Gerücht nach dem anderen, die Fahne sei hier und dort, unter anderem an vier verschiedenen Autobahnbrücken gesehen worden.
Stadionwelt: Als hätte es nicht schon genug Aufregung gegeben, wurde auch noch die Derbychoreo verboten…
Kirschner: Stimmt, das war der negative Höhepunkt der Hinrunde. Der Sicherheitschef meinte die Choreo wäre zu provokant und befürchtete größere Ausschreitungen als beim vorherigen Derby. Dabei war sie nicht an den Gelbe-Wand-Diebstahl angelehnt. Aus unserer Sicht war sie auch nicht gegen Dortmund, sondern pro Schalke.
Stadionwelt: Ist das Verhältnis zum Verein durch das Verbot immer noch belastet?
Kirschner: Nein, mittlerweile ist alles bereinigt. Es wurde geredet, auch mit dem Sicherheitschef ist alles vom Tisch. Die Materialien für die Choreo sind alle noch da, also wird sie zu einem anderen Spiel laufen.
Stadionwelt: Mit Frank Rost hat in der Winterpause ein Profi den Verein verlassen, der sich häufig recht deutlich für Fans ausgesprochen hat. Er hatte ein gutes Verhältnis zu Schalkes Anhängern. Wie geht die Szene mit dem überhasteten Abgang um?
Kirschner: Überhastet würde ich nicht sagen. Der Weggang ist sehr schade, weil Frank Rost ein Profi war, der sich für Fanthemen interessiert und eingesetzt hat. Außerdem war der Kontakt wirklich gut, alle paar Wochen haben wir uns ausgetauscht. Den Wechsel zum HSV nimmt ihm keiner Übel. Allen ist klar, dass er in seinem Alter spielen will. Das Verhältnis zu seinem Nachfolger ist übrigens genauso gut. Manuel Neuer ist seit langem Mitglied bei den Ultras Gelsenkirchen und hat früher bei uns im Block gestanden.
Stadionwelt: Im Verein gab es während der gesamten Hinrunde ständig Ärger: Asamoah, der Trainer, permanente Gerüchte. Nie war wirklich Ruhe.
Kirschner: Schalke war schon immer ein Club, der im medialen Interesse steht. Er kann wohl nie ganz still sein. Der Presseboykott der Profis war für uns völlig nachvollziehbar. Wir müssen nicht jeden Tag ein neues Exklusiv-Interview lesen und würden uns wünschen, dass das meiste intern geregelt und besprochen wird.
Stadionwelt: Gegen Bayern habt ihr die ersten 19:04 Minuten geschwiegen. Genau mit dem Beginn des Supports fiel der Führungstreffer. Wie war das?
Kirschner: Alle Leute waren emotional eingenommen. Man sollte aber bei der Gänsehaut nicht vergessen, weshalb wir uns zum Schweigen entschlossen haben. Das war nicht wegen der sportlichen Leistungen, sondern weil viele Schalker das Gefühl haben, ihrem Verein gegenüber entfremdet, emotional entfernt zu sein. Unter anderem lebten die verschiedenen Fangruppen nur noch nebeneinander her. Im Sommer ist der Runde Tisch wieder eingeführt worden, an dem sich sämtliche Fans beteiligen können. Das ist ein richtiger Schritt.
Stadionwelt: War die Pause zu lange oder konnte man ausgiebig vom Titel träumen?
Kirschner: Um ehrlich zu sein, bin ich beim Titel etwas skeptisch, dafür müsste das Team gleich von Anfang an einen Lauf bekommen. Der Meistertitel wäre natürlich schön, andererseits würde so ein Titel garantiert auch viele negative Aspekte mit sich bringen. (Stadionwelt, 25.1.2007)
Foto: Stadionwelt




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