Vom „Kultclub“ vergangener Jahre ist beim SC Freiburg nicht viel übrig geblieben: Abstiegskampf, leere Ränge und mit Finke geht am Saisonende das Gesicht des Vereins. Matthias Günter (23) von den Natural Born Ultras im Gespräch mit Stadionwelt.
Das Winterpausen-Interview – Teil 21Ein zwanghaftes Kult-Image
Stadionwelt: Wo ist denn eigentlich der „Kult SC Freiburg“ abgeblieben?
Günter: Vom Kultcharakter ist meiner Meinung nach relativ wenig übrig geblieben. Da wird vom Verein zwanghaft versucht, ein Image aufrecht zu erhalten, das es schon länger nicht mehr gibt.
Stadionwelt: Am Saisonende ist der „Übervater“ Volker Finke endgültig Geschichte. Innerhalb der Freiburger Fanszene gab es wohl verschiedene Meinungen zur Person Finke: Ein Teil war für, ein anderer gegen ihn!
Günter: Das Fanlager war tatsächlich in zwei Hälften entzweit. Die Gegen-Finke-Fraktion existiert seit etwa drei oder vier Jahren. Anfangs waren das nur wenige Leute, weil sich der Verein immer hinter den Trainer gestellt hat und sich viele aus dem Fanlager nicht getraut haben, öffentlich zu ihrer Meinung zu stehen. Zudem gibt es sehr viele Fans, die den Sportclub mit Volker Finke gleichsetzen und ihn auch niemals nur ansatzweise kritisierten. Finkes Kritiker wurden in den letzten Jahren und vor allem durch den letzten Abstieg immer mehr. Innerhalb der Fanszene war es aufgrund der verschiedenen Positionen ständig zu Auseinandersetzungen gekommen. Ich vermute, dass sich das Thema mit dem angekündigten Rücktritt von Finke jetzt erledigt haben wird. Einige fordern zwar den sofortigen Abgang, aber so ist es vielleicht die beste Lösung.
Stadionwelt: Wie sieht es denn generell mit der Harmonie innerhalb der Szene aus? In der Vergangenheit hörte man viel von Grabenkämpfen.
Günter: Wie gesagt, das hatte unter anderem mit dem Dauerthema Finke zu tun. Dazu kam der übliche „Generationenkonflikt“. Obwohl man bei Freiburg betonen sollte, dass es eine über zwanzig oder mehr Jahre gewachsene Fanszene gar nicht gibt. Die heutige Szene ist erst mit dem Aufstieg und der darauf folgenden Euphoriewelle entstanden. Zudem haben wir zu viele Menschen im Stadion, die viel zu untolerant und individuell sind.
Stadionwelt: Die führende Freiburger Gruppe waren die Natural Born Ultras…
Günter: Von einem ehemals harten Kern von ca. 25 Personen haben derzeit 20 Stadionverbot. Als Gruppe läuft NBU deswegen im Stadion nicht mehr auf. Wir hängen auch nur noch ein kleinen Banner auf, der hat jedoch lediglich Symbolcharakter. Die NBU ist jedoch nicht tot, lediglich aus den gegebenen Umständen im Stadion nicht mehr als Gruppe aktiv.
Stadionwelt: Die Wilden Jungs Freiburg sind als Gruppe bundesweit noch nicht ganz so bekannt.
Günter: Die Wilden Jungs kann man schon als Ultranachwuchs bezeichnen. Die Gruppe umfasst etwa 20 Personen, die relativ jung, zwischen 14 und 20, sind. Sie versuchen mehr oder weniger das Zepter in der Kurve zu übernehmen und geben sich auch durchaus Mühe. Der Erfolg ist bisher aber eher mäßig. Unter dem Namen Supporter Crew versuchen einige Reste der NBU zusammen mit anderen Gruppen die aktiven Fans in Freiburg zu bündeln, damit die Fankultur auch hier erhalten werden kann. Dies hat jedoch überhaupt nichts mit der Ultraschiene zu tun. Es soll eine Art Dachverband darstellen, in dem jeder aktive Fan mitwirken kann.
Stadionwelt: Neuerdings gibt es mit dem Fanblock wieder ein regelmäßig erscheinendes Fanzine. Erzähl bitte kurz etwas dazu.
Günter: Das ist nicht ganz richtig. Fanblock war ein Flyer, der vor jedem Heimspiel verteilt wurde. Vor einem Jahr musste er eingestellt werden, weil es diverse Querelen gab. Die Supporter Crew möchte einen solchen Flyer wieder aufleben lassen, jedoch unter anderem Namen.
Stadionwelt: Der Abstieg in die unattraktive Regionalliga Süd droht. Nach dem Abstieg aus Liga 1 blieben schon viele Zuschauer weg. Wieweit würde ein weiterer Abstieg die aktuelle Fanszene beeinflussen?
Günter: Das mag hart klingen, aber aus Fansicht könnte ein Abstieg eine Verbesserung bewirken. In Freiburg sind halt viele Fußballtouristen im Stadion. Liga 3 böte der Fanszene vielleicht die Chance, sich zu bereinigen. Die Zuschauerzahlen würden sicher noch weiter in den Keller gehen. Aber einen Abstieg wünscht man sich ja eigentlich nie.
Stadionwelt: Was sonst bewegt die Fans im Breisgau momentan?
Günter: Seit zwei Jahren ist der Einsatz eines Megaphons von Verein, Stadt und Polizei bei uns verboten. Kürzlich gab es neue Gespräche. Wir wurden gebeten, ein Konzept zu erarbeiten, das mittlerweile den betroffenen Stellen vorliegen sollte. Jetzt sind wir ganz zuversichtlich, dass wir zur Rückrunde wieder die Erlaubnis erhalten werden. (Stadionwelt, 19.1.2007)
Foto: Faszination Fankurve




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