Kurz vor Weihnachten ging es beim BVB richtig rund: Derbyfrust, Becherwürfe gegen die eigene Mannschaft und Abfeiern des Gegners. Jens Volke (34) von The Unity lässt für Stadionwelt ein bewegtes halbes Jahr mit seinen Konflikten Revue passieren.
Das Winterpausen-Interview – Teil 7Nicht mehr der Verein von früher
Stadionwelt: Kannst Du etwas zu dem letzten Heimspiel gegen Leverkusen erzählen?
Volke: Ich fand es grausam, dass von einigen BVB-Fans mit dem Gegner gefeiert wurde, regelrecht beschämend. So etwas lässt tief blicken, und man bekommt den Eindruck, dass es etlichen nur darum geht, zu feiern. Egal was oder wen. Dazu ein paar hirnlose Ballermannlieder, und schon geht die Post ab. Vielen Fans war das mehr als peinlich, und es hat auch für viele Diskussionen gesorgt. The Unity, Desperados und einige andere Gruppen haben sowieso wegen der schwachen Saisonleistungen und des grausamen Derbys gestreikt.
Stadionwelt: Während des Leverkusen-Spiels haben sich ca. 80 BVB-Fans hinter der Trainerbank auf der Osttribüne versammelt und lautstark gegen Bert van Marwijk protestiert. War das geplant, oder kamen die Unmutsäußerungen spontan zustande?
Volke: Ich selber war nicht dabei. Nach meinem Stand der Dinge haben sich die Leute spontan auf der Tribüne versammelt. Das war auf jeden Fall ehrlicher als nachher mit dem Gegner zu feiern.
Stadionwelt: Entwickelt sich das früher gefürchtete Westfalenstadion unter dem neuen Namen zum bundesweit beliebten Reiseziel?
Volke: Das ist nicht erst mit dem neuen Namen gekommen. Bereits seit Mitte-Ende der 90er ist das Publikum in Dortmund nicht mehr so fanatisch. Alles in allem ist das ein leidiges Thema.
Stadionwelt: Mitte November ist noch das riesige Gelbe-Wand Banner von der Südtribüne gestohlen worden. Wochenlang war der Diebstahl in den Medien ein Riesenthema. Deutschlandweit wird den Dortmundern seitdem hin und wieder vorgeworfen, sie würden wegen des Verlusts rumheulen. Andere Gruppen hätten schließlich auch schon Banner verloren und nicht halb so viel Aufhebens darum gemacht.
Volke: Letztendlich können wir nichts für das mediale Interesse. Wir haben einmal die Fanszene über den Verlust des Banners informiert, danach nichts mehr gesagt. Was die Medienlandschaft in der Folge daraus gemacht hat, war nur noch peinlich. Hätten wir das geahnt, hätten wir wohl schnell ein neues gemacht und es aufgehängt, bevor einer den Verlust bemerkt – überspitzt ausgedrückt. Andererseits muss man zugeben, dass dieser Schlag richtig gesessen, richtig wehgetan hat. Darum ging es im Endeffekt ja auch, nehme ich an.
Stadionwelt: Ganz ehrlich, würde Dortmund ein vergleichbarer Coup – beispielsweise gegen Schalke – gelingen, würde die ganze Stadt jubeln, oder?
Volke: Natürlich würden alle jubeln. Man muss aber auch verstehen, dass in der Bundesrepublik bisher noch kein derart bedeutendes Banner wie das Gelbe-Wand Banner abhanden gekommen ist. Das war nicht nur ein Fanclubbanner, sondern hatte für die gesamte Szene, sogar den gesamten Verein große Bedeutung. Nach der katastrophalen Entwicklung des Vereins, die 2005 offenkundig wurde, stand die Fahne für den Aufbruch in eine neue Zeit. Und daher hat es viele sehr berührt, dass sie geklaut wurde. Eben nicht nur uns Fans, sondern auch Verantwortliche beim BVB.
Stadionwelt: Für ein neues Riesenbanner von Fans für Fans waren vor kurzem bereits etwa 11.000 Euro durch Spendenshirts zusammen gekommen. Wie ist der aktuelle Stand?
Volke: Der Stand ist immer noch etwa 11.000 Euro, wobei man da ja auch wieder Steuern und die Kosten für die T-Shirts abziehen muss. Wir rechnen also mit der Hälfte als tatsächlichem Betrag. Der erste Kostenvoranschlag beläuft sich auf knapp 30.000 Euro. Aber da wird sich bestimmt auch etwas deutlich Günstigeres finden, was man nicht mehr so einfach mitnehmen kann.
Stadionwelt: Konnte der vor der Saison neu geschaffene Stimmungsblock „Drölf“ angesichts der miserablen Heimspiele überhaupt etwas bewegen?
Volke: Leider konnte er nur ganz wenig bewegen. Aber in einzelnen Spielen, zu einzelnen Phasen hat man gemerkt, dass mehr möglich sein kann.
Stadionwelt: Woran hat das genau gelegen?
Volke: Viele Faktoren spielen eine Rolle: Nebenkriegsschauplätze, schwache Leistungen der Mannschaft, aber auch wir selber. Da muss man ehrlich sein.
Stadionwelt: Wie sieht es denn eigentlich mit den Trikots aus? In der Sommerpause war das Entsetzen über das Weiß im Trikot groß.
Volke: Angeblich ist es das meistverkaufte Trikot aller Zeiten. Allerdings sieht man es bloß sehr selten. Gefühlt ist es wohl eher das schlechtverkaufteste aller Zeiten!
Stadionwelt: In der letzten Zeit sind die Kontakte zur aktiven Fanszene von Austria Salzburg intensiviert worden…
Volke: Das ist richtig. Viele auf beiden Seiten liegen offensichtlich auf einer Wellenlänge. Die gegenseitigen Besuche häufen sich, Freundschaften sind auch schon entstanden. Der Tod des Salzburgers Gerli nach dem Besuch in Dortmund hat das ganze sicher noch verfestigt – so traurig wie dieser Tod war und ist. Ob das bei der riesigen, unübersichtlichen Dortmunder Szene jemals zu einer Fanfreundschaft führen kann, wird die Zeit zeigen.
Stadionwelt: Kurz zurück zum Trainer. Mit Jürgen Röber hat der BVB einen neuen Übungsleiter. Gab es schon Kontakt?
Volke: Bislang gab es keinerlei Kontakt. Etwas 100 Leute fahren ins Trainingslager nach Marbella, danach wird man bestimmt mehr sagen können.
Stadionwelt: Was liegt einem Fan des BVB noch auf dem Herzen?
Volke: Es gibt immer mehr Leute, die ehrlich zu sich sind und sich selber gegenüber eingestehen, die Schnauze voll zu haben. Diese Leute bleiben weg, weil der BVB nicht mehr der Verein ist, den sie mal kennengelernt haben. (Stadionwelt, 08.01.2007)
Foto: phil
Foto: Faszination Fankurve




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