Leben in Vier-Jahres-Abschnitten

Faszination Fankurve 01.04.2006 0 Kommentare

Warum sich Fußballabstinenzler zur Weltmeisterschaft bekehren lassen sollten

Am Fußball kommt derzeit kaum jemand vorbei. Nur ein handverlesenes Häuflein entzieht sich kurz vor der Fußballweltmeisterschaft seiner Verzückung. An diese tapferen Widerständler richtet sich der folgende Text – allerdings nicht, um sie zu bestärken, sondern um sie zu bekehren. Wie das? Fußball, so habe ich es erfahren, findet auf mehreren Ebenen statt. Die Resistenten erkennen meist nur die Ergebnisebene. 2:1, 1:3 sogar 4:4, alles langweilig, zugegeben. Aber eben eine beschränkte Wahrnehmung. Denn die persönliche, die individuelle, die empiristische Ebene dahinter, die sollte freilich auch Abstinenzler berücken. Manchmal nämlich verknüpfen sich ganze Biografien mit Fußballerlebnissen. Weltmeisterschaften strukturieren wie alle regelmäßigen Feste und Traditionen die Zeit. Deshalb sind sie – unabhängig vom Inhalt – bedeutsam. Finden sie nur alle vier Jahre statt, haften die Erinnerungen eines ganzen Menschenlebens an diesen wenigen Ereignissen wie Merkzettel an einem Kühlschrank. Man kann das belegen, zumindest wenn man 40 Jahre alt ist, so wie ich.

Meine erste WM erlebte ich 1970. Mein großer Bruder trichterte mir nach dem Spiel um den dritten Platz ein, Deutschland sei fast Weltmeister geworden. Ich erinnere mich zwar genau an die Szenerie – er steht mit kniffiger Lederhose am Vorgartenzaun -, doch die Essenz seiner Ausführungen begriff ich nicht. Das Wörtchen „fast“ klang mir noch zu abstrakt. Ich ließ es kurzerhand weg und erzählte den staunenden Nachbarskindern meine Variante der Geschichte. Die war falsch. Aber in meinen Ohren kreißte sie und gebar den Mythos „Deutschland“. Was immer dieses Deutschland auch sein mochte, es musste etwas ganz Besonderes sein. Das bestätigte sich 1974, als ich die WM schon etwas bewusster miterlebte, ihre Spielausgänge und Torschützen geradezu in mein Gedächtnis tätowierte. Der Deutsche Gerd Müller etwa erzielte auf dem Weg zum WM-Sieg gegen Jugoslawien ein Tor im Liegen. Im fiebrigen Deutschland-Wahn ahmte ich ihn nach, zigmal – märtyrerhaft sogar auf der Spielfläche von Frechen 20, die leider nur ein knüppelharter Aschenplatz war. Doch die Schmerzen der handtellergroßen Schürfwunden – im Fußballerjargon zuckersüß Pfannkuchen genannt – ertrug ich weltmeisterlich … und irgendwie auch gerne.

Auch die nächste WM tat weh. Ihr Stachel bohrt bis heute in meinem Fleisch. Hatte ich bis dahin geglaubt, die ganze Welt würde sich um eine Fußball-WM sortieren, wie die Gesindehäuser ums Schloss, so brach es jetzt über mich herein, dass auch andere zentrale Bauwerke das Leben bestimmten. Die Schule zum Beispiel. Ui, war ich schlecht. In Argentinien bei der WM 1978 zeigte sich, dass Recken wie Maier und Vogts von ’74 inzwischen zu alt geworden waren. So wie ich auch. In meiner neuen Klasse jedenfalls waren fast alle ein Jahr jünger als ich. Ich habe es der Deutschen Mannschaft damals nicht verziehen, dass sie mich mit in den Abgrund zog. 1982 boykottierte ich deshalb sogar das Endspiel der Deutschen gegen die Italiener. Im Elternhaus meiner Freundin, eine erblich belastete CDU-Jungwählerin, hatte niemand etwas für proletarischen Fußball übrig. Das Prinzip Fankurve lebte die Familie dennoch aus: auf der Polstergarnitur. Als kurz nach der WM Helmut Schmidt den Reichsapfel an Helmut Kohl weiterreichen musste, beschmutzten die Eltern den unterlegenen politischen Gegner mit ihren zwei originellsten Vokabeln: Verbrecher und Arschloch. Dazu gebärdeten sie sich in Oliver-Kahn-Manier mit Schluffen auf dem Ledersofa und vollführten, je nach Disse, einen anderen bedrohlichen Hip Hop-artigen Move. Trotz dieser gewöhnungsbedürftigen Verlagerung von Leidenschaften fühlte ich mich in ihrem Haus recht wohl. Als Deutschland mit 1:3 im Finale unterging, spielte ich dort mit meiner Gundula friedlich Backgammon.

Mit der Deutschen Elf wurde ich auch 1986 noch nicht ganz warm. Mit meiner neuen Freundin schon. Ich höre noch genau das Elfmeterdrama zwischen Deutschland und Mexiko. Um das Radio nicht unnötig laut zu stellen, faltete ich mich und presste mein Ohr auf den einzigen Lautsprecher in der Mittelkonsole. Barbara schlief neben mir sanft auf dem Beifahrersitz. Da wir beide noch bei den Eltern wohnten, wohnten wir eigentlich in ihrem VW Golf. Jetzt standen wir auf irgendeinem Parkplatz und verbrachten die Nacht miteinander. Kurz zuvor hatte uns noch ein Sitz genügt. Danach war sie eingeschlafen. Ich begrüßte das. So konnte ich rechtzeitig zum fußballerischen Showdown WDR 2 andrehen und ausnahmsweise einmal jemand anderen als sie anhimmeln. Der deutsche Elfmetertöter Toni Schumacher sah zum Glück nicht annähernd so attraktiv aus wie Barbara. Aber in jener Nacht erregte der Grobian bei mir ähnlich intensive Wallungen wie es ihre Weiblichkeit einige Augenblicke zuvor vermocht hatte – wenngleich anderer Natur.
1990 begann meine Neuzeit in der Geschichte des Turniers. Seither richte ich im WM-Studio Schulte für Freunde das Eröffnungsspiel aus. Als Kamerun damals Argentinien ein blaues Auge verpasste, fackelten wir mit unseren Wunderkerzen vor lauter Übermut beinahe das Jagdzimmer unserer WG ab. Seit einigen Semestern studierte ich nämlich erfolglos Afrikanistik. Wenn schon ich nichts auf die Reihe bekam, dann doch bitteschön Kameruns Kicker. Dass schließlich die deutsche Mannschaft das Turnier gewann, deutete ich nicht als Menetekel. Zu spät erst brach ich die Uni ab. Viele meiner damaligen Freunde aus der Germanistik sind heute sehr erfolgreich.

1998 verdingte ich mich immer noch als gefühlter Student. Zum Eröffnungsspiel schenkte mir Jugendfreund Andreas ein schneidiges Ronaldo-Shirt. Ich trage es noch heute. Inzwischen riecht es streng, deshalb klebt es nur noch beim Altherrensport auf meinen Leib. Dennoch mag ich kaum ein Kleidungsstück lieber. Dieses Shirt ist ein Meta-Shirt: Die WM markiert die Zeit, das Shirt steht für die WM. So hilft es mir, mich in meiner tristen persönlichen Zeitleiste zurechtzufinden. Denn wo nichts ist, fällt Orientierung schwer. Die genaue Kenntnis um die eigene Vergangenheit aber gibt mir Sicherheit. Ronaldo und ich werden deshalb so lange gemeinsam weiter stinken, bis entweder sein oder mein Gewebe zerbröselt.

Im Jahr 2002 sah ich mich urplötzlich mit einer zweifachen Vaterschaft konfrontiert. Sohnemann zwei wollte die WM unbedingt von Beginn an miterleben. Deshalb kroch er fast zwei Monate zu früh aus seiner Mutter heraus. Windeln statt WM, das roch so gar nicht nach Fußballvergnügen. Aber Claas machte mir die Sache leicht, denn er wog nicht viel. Weil er so überstürzt aus der Gebärmutter ausgebrochen war, brachte er kaum 2.000 Gramm auf die Waage, als die Ärzte ihn aus dem Exil seines Brutkastens nach Hause schickten. Damit passte der handliche Knirps exakt in meine alte Adidas-Sporttasche. Also hakte ich mein menschliche Handgepäck an meinen Fahrradlenker und kurvte uns geschickt zur Partie Deutschland – Irland ins Büro, wo die Tekkies einen Beamer installiert hatten. 90 Minuten brauchte ich mich nicht um Claas zu kümmern. Das erledigten gleich mehrere hormonverirrte Kolleginnen, aus denen der Mutterinstinkt hervorquoll. Ein hilfloser Mensch, der kaum größer war als eine Katze, von dem konnten sie nicht lassen.

Und diesmal, 2006? Ein neuer Sohn wird nicht mehr auftauchen, das steht fest, eine neue Freundin ebenfalls nicht. Vielleicht spreche ich später einmal von der WM, die vor der Haustür stattfand und die dennoch keine Tickets für uns übrig hatte. Oder von der, die so mit Geld voll gepfropft war, dass sogar ich ein paar Münzen Autorenhonorar von ihr abzwackte. Oder von der, die meinen Söhnen den Fußball vergraulte, weil die MGs und Panzer der Bundeswehr bedrohlicher wirkten als alle sportlichen Gegner zusammen. Vielleicht schreiben sie es irgendwann für die allerletzten Fußball-Widerständler auf, meine Söhne. In knapp 40 Jahren wäre ein guter Zeitpunkt dafür.(Andreas Schulte, 05.12.2006)

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