„Unsere Eltern sind Geschwister!“

Faszination Fankurve 01.11.2005 0 Kommentare

Beginnen wir diese Ausführungen über das Innenleben der Fanblocks ausnahmsweise beim Eishockey. Und zwar im Auswärtsmob der Krefeld Pinguine an der Düsseldorfer Brehmstraße.

Zwei Jungs des heimischen Supporters Club DSC schleichen, als Krefelder getarnt, in die wogende Menge des Gegners. Unter ihren Jacken tragen sie heimlich eine handbemalte Tapete, welche sie im richtigen Moment herauszücken und die Umstehenden bitten, dass man sie doch gemeinsam hochhalte solle.

Klar, den ungeliebten Düsseldorfern per Spruchband eins auswischen, da sind die Gelb-Schwarz dabei. Dumm nur, dass keiner den Text des Banners vorher prüft. Und so wundern sich tausende Heimfans über das verblüffend-plötzliche Krefelder Geständnis „Unsere Eltern sind Geschwis-ter!“, das hunderte Pinguine freudig grienend hochhalten.

„Mütter“

Transparente und Doppelhalter sind so etwas wie das Poesiealbum des Sports. Natürlich sind es zunächst die großen Choreografien und Blockfahnen, die ins Auge springen. Doch oftmals sind es eher die kleinen, zuweilen seltsamen Botschaften, die Herz und Hirn erregen. An der Essener Hafenstraße hatten die Dortigen mal ein aufwändiges und langes Spruchband gedengelt. Darauf war etwas zu lesen über die Erzeugerinnen der Gästeanhänger, die am Bahnhof einem körperlichen Gewerbe nachgehen sollen. Das stand da. Wahrscheinlich jedenfalls. Denn das Ding zerriss beim Durchreichen, einige hatten wohl auch keine Lust, so dass sich die Botschaft alsbald in ihre Bestandteile auflöste.

So kam es, dass von grobschlächtigen und kraftstrotzenden jungen Männern feierlich ein einsames, aber doch irgendwie anheimelndes „Mütter“ durch den Block getragen wurde. Dies irritierte Zu-spät-Gekommene sichtlich wegen der seltsamen Aussage, gab dem Moment aber eine Wärme, wie man sie in Essen wahrscheinlich selten, manche sagen sogar nie, erleben kann.

„Schickt Spargel!“

Ein altes Indianersprichwort besagt, man solle erst für einen Tag die Schuhe eines anderen tragen, bevor man seine Taten beurteilt. Aber manche Schlappen sind schon sehr abwegig. Was hat beispielsweise einige Dutzend Stuttgarter Allesfahrer dazu bewogen, tausende Kilometer zu einem Uefa-Cup-Spiel ins eisige Moskau zu reisen, dort mit nacktem Oberkörper durch den Schneeregen zu hüpfen und dabei ein Schild mit dem Aufdruck „Schmalz“ hochzuhalten? Unvergessen natürlich auch die flehentliche Aufforderung, die 1994 deutsche Konsulatsangehörige bei einem Kuwait-Gastspiel der deutschen Auswahl in die Kamera hielten: „Schickt Spargel!“. Echte Klassiker sind natürlich auch die immer wieder gern gesehenen Schilder wie „Menden Sieg“, „Bodo“, „Air Bäron“ oder „Ratingen“. Wo ist eigentlich „John 3.16“?

„Block muss leer!“

Noch schönere lyrische Kleinode – und hier wird die Geschichte inkonsequent – liefern eigentlich nur verbale „Einwürfe“ der Fantribünen.

So versammelten sich einmal am Fuße des Düsseldorfer Blocks 36 aggressive und zu allem bereite Mitmenschen mit unglaublichen Frisuren und ebensolchen Jogginghosen. Sie wollten die Anwesenden dazu animieren, aus Protest gegen die – natürlich – Erfolglosigkeit ihrer Mannschaft zu demonstrieren und das Stadion zu verlassen. Und weil sie nicht wussten, wie sie das sprachlich anstellen sollten, riefen sie immer wieder ein lautes und verzweifeltes „BLOCK MUSS LEER!“

Ein Satz, in seiner schlichten Erhabenheit so schön und stark wie ein Fels in morgendlicher Meeresbrandung. Ein Satz, den man sich mehrmals langsam und leise vorsagen sollte. Als die Rufer außer peinlich berührtem Schweigen keine Reaktion ernteten, nestelten sie stumm an sich herum und verschwanden dann für immer aus dem Stadion und diesem Heft. „BLOCK MUSS LEER!“ schlägt sogar meinen bisherigen Tabellenführer „Duisburg, Du Arschloch“ und die wütende Solinger Schiri-Schelte „Geh, wo Du wohnst“, aber das sind andere Geschichten, für einen anderen Tag.(Frieder Feldmann, 01.11.2005)

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