Pokal-Luft ist anders

Faszination Fankurve 01.09.2005 0 Kommentare

Genau, aber ganz genau in der Sekunde, in der ich soeben das „s“ von anders getippt habe, schießt Braunschweig das 2:1 im Pokalspiel gegen Dortmund. Und obwohl mir die Eintracht relativ egal ist (genauer: emotionale Plus- und Minuspunkte halten sich die Waage), springe ich auf, balle alle Fäuste und mich selbst. Das schafft nur der Pokal. Er ist so etwas wie das Happy Meal des Fußballs.

Zum Endspiel meiner seltsamen Fortuna 1979 gegen Hertha BSC in Hannover durfte ich, damals 12-jährig, nur in Begleitung meiner Mutter reisen. Der Busfahrer drohte, er werde spätestens eine Stunde nach Spielende wieder aufbrechen und keine Rücksicht auf feiernde Fans nehmen. Unpünktliche müssten eben dort bleiben. Eingeschüchtert saßen wir 120 Sekunden nach dem Abpfiff – immerhin der erste von zwei Pokalsiegen meiner Fankarriere! – wieder auf unseren Busplätzen. Meine Mutter stieg nur kurz noch einmal aus, um zu Hause anzurufen und – kam nicht wieder! Als schließlich auch der letzte Kuttenträger zurück war und alle auf Abfahrt und Altstadt drängten, rief ich mit dünner Stimme gegen die feiernde Menge: „Meine Mutter fehlt noch!“ Alle starrten mich Zwerg an, ein langhaariger Hüne sprang auf mich zu, packte mich und sang „Wir haben den Pokal, Halleluja!“ Und meine Mutter kam, der Busfahrer lachte und alles war gut.

Moleküle neben der Spur

In der Wundertüte Pokal weiß niemand, was er bekommt. Spiele, in denen der Favorit beim Amateurligisten nach fünf Minuten 2:0 führt, sind weniger als Nichts. Die 90 Minuten plätschern. Noch nicht einmal dahin, sondern nur noch weg: Wenn der Underdog Glück hat, gönnen ihm die Sieger gegen Ende aufmunternde Worte. Aber wehe, es liegt Cup-Geschmack über dem Stadion! Dann ist es so, als ob sich alle Moleküle einen Tick nach rechts verschieben und der Kontrast des Fußballs ein bisschen schärfer gestellt wird. Pokal-Luft ist anders. Besonders unter Flutlicht laufen, rufen Spieler und Zuschauer ganz aufgeregt durcheinander. Man will jetzt und hier und alles. Und dann, Goliath, sieh Dich vor! Plötzlich steht es 1:0 und der Riese begreift nicht, was passiert. Außer dass es laut ist und weh tut. Mit genau dieser Energie wollten etwa die Offenbacher im Erstrundenmatch gegen Köln Lukas Podolski mit ihren Pfiffen buchstäblich verschlingen. Was ihnen, wenn auch nur bildlich, tatsächlich gelang. Sowieso sollten Erstligisten Pokalspiele in Offenbach schlichtweg ablehnen.

Einmal verfuhren wir uns auf den letzten Kilometern zum Pokalspiel bei den Stuttgarter Kickers. Es war schon sehr spät, als wir einen jungen Burschen am Wegesrand sitzen sahen. Wir bremsten und schrieen: „Degerloch! Wo!?“ Der Halbwüchsige betrachtete uns kurz und empfahl uns dann zweimal rechts, einmal links, dann im Kreis und rechts und links. Wir rasten hin, landeten an einer verwaisten Vorstadt-Kegelbahn und rasten zurück, um den Jungen zu würgen, fanden ihn nicht, aber stattdessen das Stadion, sahen das Spiel und verloren dieses Halbfinale 0:3. Die Welt hat keinen Respekt vor Pokalreisenden.

Der Tod als Erlösung?

15 Minuten später. Die Braunschweiger laolen noch immer durch das Stadionrund. Die ARD hat wohl auf Verlängerung spekuliert und viel Sendezeit parat. Im Pokal sieht man Spielstätten, die wie noch nicht ganz ausgestorbene, mythische Tiere von vergangenen Zeiten künden. Stadien wie der Bieberer Berg, die Essener Hafenstraße oder der Aachener Tivoli haben in diesen Momenten eine intensive Ausstrahlung, die irgendeine AOlke-Arena nicht bieten kann. Auch die Braunschweiger Gegengerade besitzt ein bisschen bulgarischen, frühen 80er Restcharme. Sie erfreut sich gerade am rhythmischen „Hey, Hey“.

Ich kannte einen alten Mann, der zwischen 1936 und 1980 alle sieben Pokalendspiele von Fortuna live im Stadion miterlebt hat. Nach dem letzten ist er dann gestorben. Wenn ich mir die deprimierende Cup-Bilanz des Clubs seitdem betrachte (mit dabei das schlechteste und kälteste, je von fühlenden Wesen verbrochene Gekicke: ein Pokal-Wiederholungsspiel Blau-Weiß 90 Berlin gegen Düsseldorf, 1991, 1:0), frage ich mich, ob das nicht – rein fortunamäßig – eine richtige Entscheidung von ihm war.

Die Übertragung ist zu Ende. In den anschließenden Tagesthemen kämpfen portugiesische Feuerwehrmänner gegen einen anscheinend übermächtigen Flammensturm. Mit demselben Heldenmut haben soeben Braunschweiger Recken gegen immer noch millionenschwere Dortmunder gekämpft. Und gewonnen. Pokal ist eben, wenn auch viel zu selten, ein bisschen wie das richtige Leben. Als danach aber Angela Merkel ins Bild kommt, fallen mir nun wirklich keine Parallelen mehr ein. Obwohl, aggressiv wie ein nicht gegebener Elfmeter in der Finalverlängerung, macht ihr Jackett natürlich auch.
(Frieder Feldmann, 01.09.2005)

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