Otto Schily und der bulgarische Esel. Gedanken zum Flug des Balles.

Faszination Fankurve 01.05.2005 0 Kommentare

Wir alle, die wir den freien Flug des Balles lieben, sehen euphorisch und mutlos, vor-freudig und zweifelnd, stolz und beschämt der WM entgegen. Viele Fragen beschäftigen den Fußballfreund. Ein ungeordneter Streifzug durch die emotionalen Problem-felder des weltgrößten Sportereignisses:

Karten
Neulich erblickte ich in einem Biergarten einen mir bekannten DFB-Funktionär. Als er mich sah, sprang er auf und flüchtete verzweifelt über eine mannshohe Hecke. In gerechtem Zorn hüpfte ich hinterher und zog ihn unter einem Gebüsch hervor. Er kniete nieder und schluchzte. Da tat er mir plötzlich leid und ich versprach, ihn nicht nach WM-Karten zu fragen. Er trocknete die Tränen und zischte mir voller Dankbar-keit seinen Geheimtipp zu: Ich solle mir doch ein vorzeigbares körperliches Gebrechen zulegen, beispielsweise eine anständige Amputation der Arme und/oder Beine, denn in den Stadien gäbe es eine hohe, von der Fanwelt noch nicht bemerkte Anzahl von Behindertenplätzen. Hilfsmittel hierzu bekommst du in jedem Baumarkt, lachte er gönnerhaft beim Abschied. Ich denke noch darüber nach.

Fans
Immerhin plant der DFB jetzt als Entschädigung für Nichtticketbesitzer und echte Fans attraktive Trostpreispakete. Im Angebot „Franz“ bekommen die Käufer bei Kaiser’s (!) einen lustigen brasilianischen Strohhut, die Restposten-Single „Wir sind schon übern Brenner“ und einen schwarz-rot-goldenen Putzlappen, um die Aufgänge zu den VIP-Tribünen vom störenden Staub zu säubern. Außerdem soll ihnen Beckenbauer auf seinem Weg zum Stadion aus einem fahrenden Wagen aufmunternd zuwinken. Aber das ist noch nicht sicher. Das Alternativ-Paket „MV“ besteht dagegen entweder aus synthetischen Drogen in Ballform oder tröstendem Alkohol in Mengen oder beidem.

Sicherheit
Das Lieblingsthema unseres BuiMi, Kreuzritters und Ober-Sheriffs Otto Schily. Mit „aller Entschlossenheit“ will er im vermeintlichen Kampf gegen Gewalt am liebsten die Schwerkraft, das Singen der Vöglein und generell alle Donnerstage verbieten lassen. Oder etwas anderes, egal, Hauptsache mit „aller Entschlossenheit“.

Dabei ist es doch erstaunlich einfach, wie man beispielsweise englische Radaubrüder zähmen könnte. Jeder, der diese Fußtruppen der Apokalypse schon einmal im Sommer-Urlaub beobachtet hat, kennt den Trick: Wenn sich so eine Horde sonnenverbrannter, betrunkener und volltätowierter Hünen zusammen rottet, muss nur jemand plötzlich laut und fröhlich „Mini-Disco!“ rufen.

Das ist, wenn halbherzig verkleidete Anima-teur-Clowns durch eine Ferienanlage tanzen und Späße auf Vorschulniveau machen. Zahnlose Trikotträger aus London freuen sich dann über jede Polonaise! Behaarte Mitmenschen aus Manchester jubeln, wenn sie bei Kinderspielen ein Gratisgetränk gewinnen (in einer All-Inclusive-Anlage ein eher kleines Glück).

Die Engländer waren dereinst gefürchtete Herrscher der Weltmeere und Befreier, also Unterdrücker, so ziemlich jedes zweiten Landes. Das alles wäre gar nicht nötig gewesen, wenn man nur im richtigen Moment den Ententanz aufgelegt hätte. Dann schänden sie keine Jungfrauen, sondern sind lammfromm.

Das wäre das wahre WM-Duell: Schilys schwer bewaffnete Eingreifpolizisten gegen glückliche englische Ententänzer.

Der Reiz der WM
Als Trost in dunklen Fußballtagen sollen uns die Randgeschichten dienen, die wohl nur eine Fußball-Weltmeisterschaft hervorbringen kann. Hier die Top-Fünf meiner Kuriositäten der WM ’98 in Frankreich. Platziert: die Bevölkerung von Bangladesch. Diese machte während des Turniers einen fröhlichen Volkssport daraus, täglich mit Holzlatten und Knüppel bewaffnet zum örtlichen Elektrizitätswerk zu ziehen, um genügend Strom für die Übertragungen im Fernsehen zu erkämpfen. Noch besser waren die 500 Mädchen aus Rumänien, die sich tatsächlich nackt auf einer Wiese wälzten; ein Ritual, durch das alle die Braut von Abwehr-Ass Adrian Ilie werden wollten und dem tausende Zuschauer beiwohnten. Bronze geht an den bulgarischen Bauern, der seinen Esel erschoss, weil er ihn nach dem erfolglosen Stürmer Stoitschkow benannt hatte. Vielleicht hatte das Tier auch Glück. Man stelle sich nur vor, Bulgarien wäre durch ein Stoitschkow-Tor überraschend Weltmeister geworden! Platz zwei für das von Berti Vogts bei einem Sportstudio-Besuch live und ernsthaft vorgetragene Reimwerk: „Ein bisschen mehr Frieden und weniger Streit, ein bisschen mehr Hoffnung und weniger Neid, das wär’ eine Freud. Ein bisschen mehr Spaß, das wäre doch was!“ (Allein für diesen Vortrag müsste er lebenslange Jobsperre sowie Ein- und Ausreiseverbot für sämtliche Länder der freien Welt erhalten.) Mein erklärter Liebling ist aber der englische Fußballfreund, der sich als überdimensionale und besenfte Wurst verkleidete und so Einlass in das streng bewachte Quartier seiner Nationalmannschaft erlangte. Die Sicherheitsleute dachten an einen Werbegag und ließen den wandernden Aufschnitt passieren.

Goleo
Das ist doch die Idee! Wir verkleiden uns alle als dieses seltsam bunte WM-Maskottchen „Goleo“ und bekommen so Einlass in die eventgierigen Stadien. Obwohl, wenn die Polizei ihre Drohungen wahr macht und gegen gefährliche Durchgeknallte hart durchgreift, müsste diese lachende Ausgeburt analer Phasen und Designer-Masturbationen überall und völlig zu Recht niedergeknüppelt werden. Da läge der gute Otto Schily sogar mal richtig. (Frieder Feldmann, 05.12.2006)

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