Den Namen seines Vereins mit dem Edding auf einen Wellenbrecher kritzeln – das war früher! Heute geben sich Fans weitaus mehr Mühe, die eigene Kurve zu verschönern.
Für „The Unity“ aus Dortmund begann die optische Nachhilfe für das Westfalenstadion zunächst mit einem Aufruf im Internet. Gesucht wurden qualifizierte Graffiti-Künstler. Ihr Auftrag: Ein Treppenhaus auf der Südtribüne, in dem auf insgesamt rund zehn Stockwerken die Geschichte des BVB bebildert werden sollte. Bis es jedoch die Genehmigung des Vereins gab, zogen einige Monate ins Land. Termine mit der Geschäftsführung der Stadion GmbH verzögerten sich und Manager Michael Meier schlug zunächst vor, die entsprechenden Stellen mit bemalten Leinentüchern zu behängen – eine Idee, die nicht im Sinne der Fans war, und am Ende gab es doch eine Genehmigung. Da sich aber herausstellte, dass pro Wand Kosten von rund 200 Euro anfallen, entschieden sich die BVB-Anhänger vorerst für die Light-Variante. Sie erteilten den Auftrag an die Sprayer für zunächst insgesamt drei Wände, um die Motive einer aufgehenden Sonne und eines Spielers in athletischer Schussposition zu verwirklichen. Zudem stimmte man mit den Künstlern weitere Bilder ab: Der Borsigplatz als Geburtsstätte der Borussia, das Münchener Olympiastadion, in dem der Verein mit dem Gewinn der Champions League 1997 seinen größten Erfolg feierte und eine aufgehende Sonne mit dem BVB-Wappen.
Keine Einigung über ein Motiv
Konnte man sich in Dortmund letztendlich doch auf die Umsetzung einigen, so scheiterte das Vorhaben beim österreichischen Zweitligisten Austria Lustenau. „Wir haben einige kreative Köpfe in unsere Reihen“, sagt Matthias Heinzle von „Best of West“, „und die hatten sich auch schon für die Hinterwand der Nordtribüne ein Motiv ausgedacht, das den Verein, die Stadt und die Ultras Lustenau berücksichtigte.“ Leider kam alles anders. Der Verein stellte zwar in Aussicht, die Farbe zur Verfügung zu stellen, doch wollte „die Vereinsführung in letzter Sekunden mitbestimmen, was wir zu malen haben und da haben wir es auf keinen grünen Zweig geschafft“, so Heinzle – die farbliche Aufwertung des Reichshofstadion ist bis auf weiteres verschoben.
Diesen Prozess haben andere schon vor Jahren hinter sich gebracht. Das gilt insbesondere für den „Klassiker“ unter allen Graffitis: Die Bemalung der Frontmauer der kompletten Hintertortribüne der AmsterdamArena. Was vor acht Jahren noch als besonders innovativ galt und gleichzeitig befürchten ließ, dass das Ende einer „Zaunfahnen-Ära“ eingeläutet sein könnte, erweist sich inzwischen als kaum noch wahrgenommene Kunst und die Fahnen haben sich längst den Raum zurückerobert, verdecken heute die Graffitis.
Symbolischer Akt
Manches Graffiti findet auch ein ganz anderes Ende. Kaum zwei Monate nachdem die Ultras Bochum eine Wand hinter dem Ruhrstadion besprayt hatten, fuhr ein Lkw des städtischen Bauhofes hinein und sorgte somit für eine unvorhergesehen kurze Lebenszeit. Hin und wieder kommt es vor, dass ein Graffiti einfach von rivalisierenden Gruppen übermalt wird, wie beispielsweise in Bremen. Dort kamen über Nacht Fans von Hannover 96 nach Bremen und übermalten den Eastside-97-Schriftzug in der Straßenunterführung zum Weserstadion mit einem „1896“. Eine „Einladung“ hierzu stellt mehr oder weniger jedes öffentliche Graffiti dar.Denn wenn man davon ausgeht, dass diese immer auch den Zweck der „Reviermarkierung“ erfüllen, so ist es wiederum ein symbolischer Akt der konkurrierenden Gruppe, sie auszulöschen.
Dabei mag die Kennzeichnung eines Territoriums nicht mal der Hauptgrund sein, warum Fans die Wände am und im Stadion neu gestalten. Hauptzweck der bildlichen Hinterlassenschaften ist sicherlich, den eigenen Verein oder die eigene Gruppe zu „promoten“. Darüber hinaus handelt es sich um einen künstlerischen Wettbewerb, um Ideen und deren Umsetzung, gepaart mit „sportlichem“ Ehrgeiz.
Und dieser Wettbewerb findet längst in den Gewichtsklassen „Offizielle“ und „Nicht-Offizielle“ Graffitis statt. Erstere haben in der Regel „Hochglanz-Charkater“, sind in Ruhe gemalt und wirken entsprechend perfekt, befinden sich hinter schützenden Stadionzäunen oder -wänden, die Wettereinflüsse und mutwillige Beschmutzer draußen halten. Bilder dieser Art gibt es beispielsweise in der AOL-Arena zu sehen, wo Fans im Sommer 2003 in den Umlaufebenen gleich 160 Quadratmetern Beton ein neues Design verpassten. Ein aufwändiges Genehmigungsverfahren war nicht zu durchlaufen, denn schließlich wird das Stadion vom Verein betrieben. Offen bleibt die Frage, was passiert, wenn die Spielstätte zur WM 2006 in die Hände der FIFA übergeben wird, die wiederum sehr drauf bedacht ist, den Logos ihrer Werbekunden die Exklusivität gegenüber weiteren visuellen Inputs zuzusichern. Der für das HSV-Museum verantwortliche Dirk Mansen: „Was während der WM ist, wissen wir noch gar nicht, aber sie werden es schon nicht übermalen.“
Nicht unweit des Stadions zeigt sich an den S-Bahnhöfen Stellingen und Eidelstedt die Variante der „Outdoor-Sprayereien“. Diese sind in vielen südländischen Ländern, in denen man generell weniger Wert auf die Einverständniserklärungen des Vereins legt, Standard. Auf die Preisschilder der Kassenhäuschen nimmt man hier ebenso wenig Rücksicht wie Beschilderungen an den Aufgängen. Je nach Pflichtbewusstsein des Platzwartes oder des Facility-Managers, wie man sie in den Stadien der besseren Sorte findet, sind diese ohnehin schnell übertüncht. In Deutschland gibt es dergleichen auch eher weit abseits der Stadien und viele bevorzugen daher den formalen Weg und die freigegebenen Flächen. So wie zuletzt im Westfalenstadion. The-Unity-Mitglied Stefan van der Wel (20): „Graue Wände gibt es bei uns im Stadion noch genug.“ (Stadionwelt, 01.11.2004)




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