Im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der Kölner Kunsthochschule für Medien drehte Erik Winker einen Film über die Ultras Frankfurt. Insgesamt drei Jahre recherchierte er in der Szene und besuchte die Spiele der Eintracht. Stadionwelt sprach mit dem Macher von „Solo Ultra“ über seinen Film, der im September wegen der großen Nachfrage bereits in der 2. Auflage als DVD erhältlich sein wird.
Stadionwelt: Herr Winker, wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über die Frankfurter Ultra-Szene zu drehen?
Winker: Die Idee entstand aus Gesprächen mit meinem Freund Axel Hellmann, der schon lange als Fan zur Eintracht geht und inzwischen sogar Vizepräsident des Vereins geworden ist. Er hat mir bei unseren Treffen immer viel über die Ultras erzählt und so das Interesse bei mir geweckt. Ich selbst bin auch schon immer zum Fußball gegangen. Allerdings habe ich die Spiele nie aus dem Fanblock verfolgt, sondern war immer außenstehender Betrachter.
Stadionwelt: Gab es auch andere Fanszenen, die für den Film im Gespräch waren?
Winker: Natürlich habe ich auch überlegt, ob ich den Film nicht über die Fans des VfB Stuttgart drehen soll. Immerhin ist das meine Heimatstadt und eine gewisse Verbundenheit gibt es noch heute. Aber Kontakte in die dortige Ultra-Szene sind nicht vorhanden, und es wäre sehr schwer gewesen, dort reinzukommen.
Stadionwelt: Wie wurde Ihre Idee, dieses Thema für die Abschlussarbeit zu nehmen, an der Hochschule aufgenommen?
Winker: Ich hatte das Glück, dass alle drei involvierten Professoren große Fußballfans sind. Daher konnte ich sie schnell begeistern und während der gesamten Zeit hat ein guter Austausch stattgefunden. Die waren froh, dass endlich mal jemand etwas über Fußball macht. Das gab es in dieser Form nämlich noch nicht. Stadionwelt: Wie lange hat die Arbeit an dem Film gedauert?
Winker: Der Startschuss war Anfang 2001. Im Sommer gab es dann ein erstes Treffen in Frankfurt. Von diesem Moment an war ich ein dreiviertel Jahr bei vielen Spielen dabei, im April 2002 erfolgte der erste Drehtag. Als der Film im Mai 2003 gerade komplett fertig geschnitten war, ist die Eintracht aufgestiegen. Daher habe ich zwei Wochen später noch mal mit allen Beteiligten gesprochen, aber da war der Rückblick schon sachlicher, nicht mehr so emotional, wie er unmittelbar nach dem entscheidenden Spiel gewesen wäre.
Stadionwelt: Wie haben die Ultras auf den Film reagiert?
Winker: Anfangs bin ich auf Misstrauen gestoßen. Die Ultras hatten oft Probleme mit der Presse, daher sind sie sehr vorsichtig mit meiner Anfrage umgegangen. Es hat ein halbes Jahr gedauert bis wir erstmals die Kamera mit im Stadion hatten. Viele Leute wollten nicht gefilmt werden, aber nachdem wir drei, vier Spiele vor Ort waren, gab es keine Probleme mehr. Die Akzeptanz stieg von Woche zu Woche und wir konnten uns im Stadion frei bewegen. Daher stammen viele verwendete Aufnahmen von den letzten Drehtagen. Entscheidend war, dass die Ultras merkten, dass ich wirklich an der Szene interessiert bin und sehr viel Zeit investiere.
Stadionwelt: Gab es andere Schwierigkeiten bei der Umsetzung?
Winker: Die größten Probleme entstanden im Zusammenhang mit den Übertragungsrechten der Bundesliga. Es war nicht leicht, eine Drehgenehmigung zu bekommen. Die Eintracht Frankfurt Fußball AG war uns anfangs zwar sehr wohl gesonnen, dann hat jedoch ein Spielbeobachter behauptet, wir hätten das Spielfeld gefilmt, danach wurde es schwierig.
Stadionwelt: Wie waren die Reaktionen in Fankreisen auf Solo Ultra?
Winker: Die von der Fanabteilung organisierte Premiere in Frankfurt war mit 650 Zuschauern komplett ausverkauft und die Reaktionen zu 90 Prozent positiv. Wenn ich heute bei einem Spiel vorbei schaue, werde ich großenteils positiv empfangen, das ist sicherlich ein Indiz dafür, dass der Film gut angekommen ist. Fast alle Frankfurter fühlten sich richtig dargestellt. Auch wenn viele sagen, dass im Film noch einige Sachen gefehlt haben. Ein grundsätzlicher Kritikpunkt besteht darin, dass nicht genügend Fan-Aufnahmen gezeigt werden. Das hat jedoch unterschiedliche Gründe. Während der Aufnahmen war die Szene wegen der Gesamtsituation mit der ungeklärten Lizenzfrage ein wenig am Boden, so dass auf den Rängen nicht ganz so viel wie gewohnt stattfand. Trotzdem waren anfangs vier Blöcke mit Fanaufnahmen vorgesehen. Nach diversen Testvorführungen stellte sich jedoch heraus, dass vor allem bei Leuten, die nichts mit Fußball zu tun haben, das Bedürfnis größer war, etwas über die Hintergründe zu erfahren. Das habe ich dann auch ernst genommen. Der Film in dieser Form ist also praktisch ein Kompromiss. Mir war wichtig, damit auch Leute zu erreichen, die sonst nichts mit Fans und Ultras zu tun haben. Ihnen wollte ich die Inhalte rüberbringen, aber zugleich auch bei den Fans ankommen.
Stadionwelt: War das Resultat nach drei Jahren Arbeit so, wie Sie es sich zu Beginn der Arbeit vorgestellt haben?
Winker: Nein, es gab schon extreme Änderungen. Ursprünglich sollte der Film ganz anders aussehen. Eigentlich wollten wir während der Saison den Aufstieg filmen, am Ende ist fast das Gegenteil herausgekommen. Es ist praktisch ein Film über das Scheitern und den Niedergang eines Vereins geworden, daher haben wir die Schrifttafeln zwischen den Filmsequenzen eingeführt, um dem Zuschauer die komplizierte Gesamtsituation zu erläutern. Für den Film, den wir eigentlich drehen wollten, hätten wir ein Jahr später beginnen müssen, denn da ist die Eintracht dann tatsächlich aufgestiegen.
Stadionwelt: Wie war die Resonanz der Medien?
Winker: Die lokale Presse war bei Präsentation im Kino komplett anwesend, allerdings mit unterschiedlichen Kritiken. Die Stimmen nach der Fernsehausstrahlung bei 3sat, die Anfang Juni 120.000 Zuschauer verfolgten, waren durchweg positiv. Aus beruflicher Sicht war es für mich sehr wichtig, dass der Film auch in der Dokumentarfilmszene wahrgenommen wurde.
Stadionwelt: Wie lief die Finanzierung?
Winker: Der Film wurde durch die Hochschule und die Filmstiftung NRW finanziert. Ich habe den „Solo Ultra“ nun für drei Jahre an 3sat verkauft. Der Sender hat aber deutlich weniger bezahlt, als die Produktion gekostet hat. Denn das waren, ohne meine eigene Arbeit in den drei Jahren mit einzuberechnen, rund 75.000 Euro. Und das, obwohl die Technik der Hochschule genutzt werden konnte und meine Mitarbeiter für weniger als die Hälfte des normalen Preises gearbeitet haben. Normalerweise würde so ein Film als Auftragsarbeit rund 200.000 Euro kosten.
Stadionwelt: Was ist jetzt geplant?
Winker: Ich arbeite in einer Produktionsfirma in Köln, wo ich als Produktionsleiter diverse dokumentarische Projekte entwickle und betreue. Zudem plane ich wieder eigene Sachen, zum Beispiel einen Film über zwei Stuttgarter Groundhopper, die in Ost-Afrika WM-Qualifikationsspiele besuchen. Aber die Idee ist sehr schwierig zu finanzieren. Zudem sind noch zwei andere Sachen in Planung, allerdings ohne Fußball. (Stadionwelt, 01.09.2004)




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