Grenzenlose Euphorie

Faszination Fankurve 01.09.2004 0 Kommentare

Dreimal scheiterte Mainz denkbar knapp im Aufstiegsrennen, doch entgegen anders lautender Prognosen erholten sich Verein und Fans immer wieder vom missglückten Finale. Seit dem Aufstieg gibt es in der Stadt nur noch ein Thema: 05

Der junge Mann im FSV-Trikot ist gerade die Stufen zum Gästeblock des Gottlieb-Daimler-Stadions empor gestiegen, harrt beim ersten Blick ins weite Rund kurz aus, schaut dann nach links und nach rechts und begibt sich dann mit den Worten „1. Liga – wie geil“ auf die Suche nach seinem Platz. Und er ist nicht der einzige, der an diesem Tag seine gute Laune im Stuttgarter Gästeblock spazieren trägt, denn rund 8.000 Mainzer sind beim ersten Spiel auswärts mit dabei. Es scheint, als habe die ganze Stadt die Reise nach Stuttgart angetreten. Ob Mann oder Frau, ob Jung oder Alt – selten habe er so viele unterschiedliche Menschen im Gästeblock gesehen, wundert sich ein Stuttgarter Ordner. In den folgenden 90 Minuten unterstützen alle lautstark ihren Verein. „Das Spiel in Stuttgart war das beste, was ich bisher auswärts erlebt habe, da gibt es nichts Vergleichbares“, beschreibt Dirk Weber vom Mainzer Fanprojekt die Situation. Genau so sieht es Michael Grüber von der Ultra-szene Mainz: „Der Auftakt war wahnsinnig gut. Wir hatten zwar aufgrund der Euphorie mit einer sehr positiven Stimmung gerechnet, aber dass der Support von einer so breiten Masse getragen wurde, das war fantastisch. Nach dem Spiel haben wir uns nicht als Verlierer gefühlt.“ In der Tat vermittelten die feiernden 05-Fans den Eindruck, dass ihr Team als Sieger vom Platz gegangen wäre.

„In der Presse und im Regionalfernsehen wurde fast nur über die Stimmung berichtet, wodurch das eigentlich schlechte Spiel in den Hintergrund gedrängt wurde“, berichtet Grüber. Anerkennung gab es auch vom Gegner aus Reihen der aktiven VfB-Fans. Ihrer Ansicht nach war der Auftritt der Mainzer hinsichtlich Stimmung und Lautstärke einer der besten, den Gästefans in den letzten Jahren im Gottlieb-Daimler-Stadion abgeliefert haben. Auch wenn es kaum möglich sein wird, eine Leistung wie in Stuttgart die komplette Saison zu wiederholen, so haben die Mainzer Fans doch eines der ersten Ausrufezeichen dieser Saison gesetzt. „Das Ziel ist es, diese Stimmung möglichst lange beizubehalten“, erklärt Grüber, „die Leute sind einfach nur geil auf diese Saison. Wir wollen die erste Liga genießen.“

Es boomt
Noch vor wenigen Jahren fuhren die Mainzer Fußballfans am Wochenende nach Frankfurt oder Kaiserslautern. Heute identifizieren sich die Einwohner der Stadt mit ihrer Mannschaft. „Mitte der 90er hat sich hier kaum jemand für den FSV interessiert, heute kommt man an 05 nicht mehr vorbei. Ob beim Einkaufen oder im Bus, überall reden die Leute über den Verein“, beschreibt Weber die Euphorie. Dieser Boom zahlt sich für den FSV aus. Nach 14.500 verkauften Dauerkarten stehen abzüglich der Gästekarten nur noch 3.000 Tickets zur Verfügung. Mitglieder haben allerdings Vorkaufsrecht, so dass beim ersten Spiel gerade mal 300 Karten in den freien Verkauf gingen. Folgerichtig boomt es auch bei den Mitgliedern, die 3.000-Grenze wird in diesen Tagen gerade durchbrochen.

Zur positiven Stimmung trägt auch das gute Klima innerhalb der Fanszene bei. Durch die verpassten Aufstiege sind die Gruppen zusammengewachsen. Tonangebend ist die Ultraszene Mainz, die in den letzten Jahren stetig gewachsen ist. „Die Ultras versuchen, die anderen Fans in die Stimmung mit einzubinden, daher ist das Verhältnis so gut“, berichtet Weber. Ähnlich sieht es Grüber: „Die Kurve unterstützt geschlossen unsere Anfeuerung. Das liegt auch daran, dass wir viele Gespräche gesucht haben.“

Geringe Erwartungen
Als der Mainzer Babatz in Stuttgart zwischenzeitlich auf 1:2 verkürzt hatte, griff eine junge Frau zu ihrem Handy und teilte der Person am anderen Ende der Leitung freudestrahlend mit: „Wir haben gerade unser erstes Tor geschossen!“ Es klang ein wenig so, als wäre dies bereits eine ähnliche beachtliche Leistung wie der Aufstieg. Eine Woche später folgte dann gegen Hamburg der erste Sieg. „Nach den Mainzer Toren war eine klasse Stimmung. Sie erinnerte an Pokalspiele, in denen ein Drittligist einen Erstligisten rausschmeißt“, zieht Grüber Bilanz. Möglicherweise Anzeichen dafür, dass es für den sportlichen Saisonverlauf zwar viele Hoffnungen, aber nicht allzu hohe Erwartungen gibt. Der erste Sieg hat jedoch gezeigt, was in dieser Liga möglich ist. Falls es auf dem Rasen nicht klappt, sollen andere Akzente gesetzt werden: „Unser Ziel ist es jetzt, die Leute, die Kontakt zum FSV suchen, langfristig an den Verein zu binden. Wenn die merken, dass im Stadion etwa los ist, wenn sie mitmachen und mitfiebern, dann entsteht auch eine emotionale Bindung“, so Grüber. (Stadionwelt, 01.09.2004)

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