Zwischen Tristesse und Triumph

Faszination Fankurve 01.08.2004 0 Kommentare

Zwischen Tristesse und Triumph

Der DFB-Pokal mag in den letzten Jahren insgesamt an Stellenwert verloren haben, doch vom Höhepunkt einer jeden Pokalsaison, dem Finale in Berlin, träumt jede Fanszene.

Finale – der Höhepunkt im Pokalwettbewerb, der so ganz nebenbei die Möglichkeit bietet, die eigenen Farben im großen Rahmen zu präsentieren. In der abgelaufenen Saison standen die Fans von Alemannia Aachen und Werder Bremen in dieser angenehmen Pflicht und kamen ihr mit Bravour nach. Beide Kurven präsentierten große Choreografien und läutetete so den letzten Akt der Saison ein.

Doch vom Glanz dieses Moments ist in den Monaten zuvor nur selten etwas zu spüren. Fast überall dort, wo man sich ausrechnet, eigentlich nur noch drei Siege vom internationalen Geschäft entfernt zu sein, herrscht in den Geschäftsstellen der Unmut darüber vor, dass sich wenig Geld verdienen lässt, dafür aber um so mehr Prestige auf dem Spiel steht. Das gleiche Bild auf den Rängen: Die letztjährige Achtelfinal-Begegnung zwischen Bayern München und dem Hamburger SV fand vor gerade einmal 8.000 Fans statt. Wobei festgestellt werden muss, dass dieses ein München-spezifisches Problem ist. Zu Pokalpielen von 1860 kommen selten mehr als 5.000 Unerschütterliche.

Losglück
Dabei hat es die Glücksfee mit dem Pokalwettbewerb 2004/05 durchaus gut gemeint, denn attraktivere Paarungen als in der letzten Saison sind kaum denkbar. Schon in der ersten Runde gab es mit Offenbach gegen Frankfurt ein Spiel, das nicht gerade in die Kategorie „Provinz-Volksfest, Kantersieg, Hauptsache weiter“ passte. Und weiter ging es mit einer Vielzahl an regionalen Derbys: St. Pauli – Lübeck, Bremen – Wolfsburg, Bayern – Nürnberg, Mönchengladbach – Dortmund oder Braunschweig – Hannover. Wenn nur die Paarung stimmt, dann stimmt auch die Attraktivität des Pokals. Eintracht-Braunschweig-Fan Ingo Hagedorn (23): „Sehr genial war das! Als das 1:0 gegen Hannover fiel, war das genau so geil wie der Aufstieg. Ich erinnere mich aber auch an das Spiel gegen Reutlingen in der ersten Runde der Vorsaison, da kamen nur 7.000.“ Nun aber feierte der größte Teil unter den 23.000 den Sieg über den alten Rivalen und den Einzug ins Achtelfinale.

Und wie immer gilt: Je weiter man kommt, desto bitterer ist das Ausscheiden. Und es gilt weiterhin: Zwei von 64 bleiben davon verschont und dürfen innerhalb weniger Wochen aus der lästigen Pflichtaufgabe eine grenzenlose Euphorie wachsen lassen. Bei welchem Verein auch immer sich in der ersten Runde nur 200 Fans mit Landkarte auf dem Schoß Richtung Dorfplatz gequält haben, überlegt man sich im Frühjahr einen Verteilungsschlüssel, da die 17.500 Karten des Kontingents nicht ausreichen – das Interesse am Pokal stellt sich in Deutschland halt recht spät ein. Die die Regel bestätigende Ausnahme hieß in dieser Saison Alemannia Aachen. Half in der durch Elfmeterschießen überstandenen ersten Runde noch das Glück mit, so stand die Stadt spätestens seit dem Tag Kopf, an dem eine Kugel mit einem Schild mit dem Aufdruck „Bayern München“ unmittelbar nach einer mit dem Vermerk „Alemannia Aachen“ aus einem Glastopf gezogen wurde. Ein eigentlich trivialer Akt sollte das Grenzland zum Kochen bringen.

Run auf die Karten
Eine Sensation später kam schließlich Borussia Mönchengladbach zum Tivoli und da es Karten nur für Mitglieder und Dauerkarteninhaber gab, gleichzeitig aber Rückrunden-Dauerkarten in den Verkauf kamen, profitierte Alemannia von 4.300 zusätzlichen Abos. Der Verein achtete dabei streng darauf, keine Karten an einfallsreiche Mönchengladbacher Fans zu verkaufen: „Es ist vorgekommen, dass Aachener aus der Gladbacher Gegend nach Hause geschickt wurden, während Gladbacher aus Eschweiler dann Dauerkarten hatten!“ verrät Alemannia-Fan Dieter Kluge (37).

Als der Außenseiter auch das Halbfinale gewann, rollte die Euphoriewelle umso stärker: auf der Geschäftsstelle mussten gar Aushilfskräfte beim Abwickeln der Kartenwünsche helfen und die Umsätze im Merchandising explodierten dank extra zum Finale produzierter Artikel. In der Jahresbilanz ist der Posten Fanartikel nun nicht mehr mit 40.000 Euro, sondern mit mit einer Million vermerkt. „Allein am Tag des Pokalendspiels haben wir für 80.000 Euro Artikel an den Fan gebracht“, wird Alemannia Vizepräsident Tim Hammer in der „Aachener Zeitung“ zitiert.

Dieter Kluge zur Euphoriewelle: „Früher konnte man in der Stadt ein anderes Auto mit Alemannia-Aachen-Aufkleber anhupen, weil Du genau wusstest: ‚Den kennst Du’. Heute hat das aber jedes dritte Auto und es gibt genug, die früher in Düren am Bahnhof auf Gleis 1 gestanden haben um nach Köln zu fahren und jetzt auf Gleis 2 stehen, um nach Aachen zu kommen.“ Damit nicht genug – es gibt weitere Beispiele. „Die selben Busunternehmen, die es vor Jahren generell abgelehnt haben, Alemannia-Fans zu fahren, haben jetzt von sich aus Reisen nach Berlin angeboten.“ Letztendlich waren es rund 20.000 Gelb-Schwarze, die mit den Bussen, in unzähligen PKW und mit zwei Sonderzügen die Reise antraten.

Routinierte Begeisterung
Rund 300 Kilometer nördlich liefen in Bremen die Wochen vor dem großen Tag weitaus gelassener ab. Das Meisterschaftsrennen zog die Konzentration auf sich und es ist zudem auch schon das siebte Pokalendspiel in den letzten 15 Jahren. Es herrscht eine routinierte Begeisterung, welche man auch im Stadion spüren sollte. „Von der Stimmung her war es schon schlechter als bei früheren Endspielen, das liegt aber auch am allgemeinen Wandel des Publikums“, sagt Jens Jungbluth (25) von der Eastside Bremen. „Es ist aber immer ein Highlight. Auch wenn man es jedes Jahr spielen würde! Dieses Jahr war es von ganz besonderer Bedeutung. Immerhin konnten wir das erste Double der Vereinsgeschichte gewinnen.“

Insgesamt 25.000 Werderaner machten sich auf den Weg, um Zeuge dieses Ereignisses zu werden. „3:2“ prangerte beim Schlusspfiff auf der Anzeigentafel. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass während des Spiels die Aachener akustisch die Oberhand behielten. Danach wurde gefeiert – auf beiden Seiten. Erwähnenswert: Es kam in Berlin zu keinen nennenswerten Problemen zwischen den Fangruppen. Ihre gute Laune wollten sich die Fans dann für den Rest des Wochenendes auch nicht nehmen lassen. 60.000 feierten in der Bremer Innenstadt den Cupgewinner – ungefähr so viele wie die Meisterschaft. In Aachen lief alles eine Nummer kleiner ab, wenn auch der Rathausplatz trotz miserablen Wetters mit 7.000 Fans bei der Party am Sonntag gut gefüllt war, und das, obwohl schon in der Vorwoche der Aufstieg verspielt worden war. Alex Küsters (21) von den Aktiven Alemanniafans: „Kein Grund zur Enttäuschung. Das war die beste Saison seit vielen Jahren. Die Begeisterung ist wieder da.“ (Stadionwelt, 01.08.2004)

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