Sechs Richtige mit Zusatzzahl

Faszination Fankurve 01.08.2004 0 Kommentare

Die Liga wandelt sich in der Saison 2004/2005 wieder einmal gründlich. In der vergangenen Spielzeit eher am Rande wahrgenommen, entfaltet sie jetzt ihr ganzes Potenzial als „Kultliga“.

In der „Bundesliga zweiter Klasse“ geht es zu wie auf dem Bahnhof. Viele steigen nur vom Regio-Zug in den ICE um oder umgekehrt. Manche treffen sich hier täglich, grüßen einander mittlerweile. Andere wiederum verpassen ständig den Zug, während sie den Fahrplan studieren.

Das Bild wandelt sich Jahr für Jahr, jede Saison wird mit sieben Zugängen neu gemischt, manch ein Absteiger verschwindet für alle Zeiten. In den vergangenen fünf Jahren spielten 40 verschiedene Vereine zweitklassig, darunter zwölf unterschiedliche Absteiger aus der ersten Bundesliga (Eintracht Frankfurt, der 1. FC Köln und Arminia Bielefeld gaben sich gleich zwei Mal die Ehre).

Der Karlsruher SC hingegen beerbt Mainz 05 und wird allmählich zum „Zweitliga-Urgestein“, auch Alemannia Aachen und Rot-Weiß Oberhausen gehören zu den Klassikern der vergangenen Jahre. Ewiger Tabellenführer der Liga ist auch heute noch Fortuna Köln (immerhin waren sie 26 von 30 Spielzeiten dabei), obwohl der Club schon tief im Amateurfußball versunken ist. Auch die anderen „üblichen Verdächtigen“ wie die Stuttgarter Kicker, Waldhof Mannheim oder Hannover 96 glänzen mindestens noch ein weiteres Jahr durch Abwesenheit.

Fakten wie diese kann der Interessierte im Internet bei www.kultliga.de nachschlagen. Dort bietet Webmaster ”George Stoop” ein Internet-Portal mit Fan-Berichten, News und Statistiken ausschließlich zum Geschehen in der Liga, die wie keine andere ein Spannungsfeld zwischen Groß und klein, Triumph und Versagen, Glanz und Tristesse darstellt.

Attraktive Absteiger
Die Spielzeit 2004/2005 ist für die zweite Spielklasse ein Höchstgewinn. Die „sechs Richtigen mit Zusatzzahl“ sind die Erstliga-Absteiger Frankfurt, Köln und 1860 München. Aus den beiden Regionalligen stoßen Dresden, Essen, Saarbrücken und Erfurt hinzu. Da gab es schon ganz andere Jahre, in denen Salmrohr oder Havelse, Baunatal oder Völklingen, Eppingen oder Wilhelmshaven ihre Berücksichtigung im Spielplan fanden. Bei allem Respekt vor der sportlichen Qualifikation: Attraktivität verkörperten sie wenig und da die Liga bekanntlich nur ein fußballerischer Durchlauferhitzer ist, hatten sie zugegebenermaßen nur wenig Zeit, Tradition und Ziehkraft zu entwickeln.

Derbys wohin das Auge blickt
Der Reiz entfaltet sich nicht etwa, weil mit den Neulingen brillanterer Fußball seinen Weg in die Liga gefunden hätte. Der Sport ist hier bekanntlich eher biedere Hausmannskost. Die Faszination geht von den Namen der Vereine aus, selbstverständlich von deren Anhängern und zum Teil auch diesmal auch von den Stadien. Man kann und muss sogar das überstrapazierte Wort “Boom” einmal mehr bemühen, um die Perspektive der kommenden Zweitliga-Saison zu beschreiben, die mit aller Wahrscheinlichkeit einen neuen Zuschauerrekord hervorbringen wird. Dabei ist der Schnitt in der vergangenen Spielzeit gerade erst um 1.502 auf 8.595 abgesackt.

Die Kultliga mit den großen Traditionsvereinen hat jetzt so viele Highlights auf dem Terminkalender, dass sie an manchen Spieltagen der höchsten Spielklasse die Show stehlen wird. Allein im Westen kommt die Fan-Welt so richtig auf Touren: Essen, Aachen, Köln und – mit dem neuen Stadion Duisburg – jede Begegnung dieser Vereine untereinander wird Tausende von Auswärtsfahrern mobilisieren. Im Osten mischt Dresden das Geschehen auf, Aue befindet sich ohnehin im Aufschwung, mit im Quartett sind Cottbus und Erfurt. In südlicheren Regionen streiten Frankfurt und Karlsruhe um die Support-Meisterschaft. Auch Saarbrücken wird für das eine oder andere Ausrufezeichen sorgen, gegen Trier gibt es seit langer Zeit wieder ein regionales Duell. Etwas verlassen bleibt Fürth in Franken zurück: Das Zuschauer- und Stimmungspotenzial des Derby-Gegners aus Nürnberg kommt nun erst einmal wieder der ersten Liga zugute. Im Norden gibt es nur noch hopp oder topp, Erste Liga oder Regionalliga, seit die Abstieger VfB Lübeck und VfL Osnabrück feststanden. Unter diesen Vorzeichen kann Ahlen schon als das „Nordlicht“ der Liga bezeichnet werden. Auch wenn Cottbus streng geografisch betrachtet noch nördlicher liegt: hinter dem Wersestadion beginnt das Kultliga-Niemandsland.

Der Auswärtsfahrerschnitt bei Köln – wo bis Mitte Juli trotz Abstiegs auch schon 16.000 Dauerkarten verkauft wurden – und Frankfurt liegt bei über 2.000 Fans, 1860 wird vielleicht 1.000 bis 1.500 mitbringen. Die Dresdener zeigten nicht erst am Ende der vergangenen Saison nach dem feststehenden Aufstieg in Krefeld, dass sie als Regionalligist in Sachen Fan-Unterstützung auf Erstliga-Qualitäten zurückgreifen können. An die 10.000 traten die Reise an und feierten in der Grotenburg. Dabei hatte Dresden – sogar mit einem Oberliga-Ausflug – Jahre lang keinen Kontakt zum Profi-Fußball. In Essen liegt der Fall ähnlich, trotz mehrerer herber Nichtaufstiegs-Enttäuschungen hielten die Fans dem RWE die Treue, wenngleich das Auswärts-Potenzial hier weitaus niedriger liegt. Aber das kann sich ja wieder entwickeln. Daran, dass ein neuer Zuschauerrekord ins Haus steht, haben aber die Erstliga-Absteiger mit ihren Spielstätten den größten Anteil. Frankfurt und Köln bringen nagelneue WM-Stadien mit, 1860 vollzieht zwar den ersehnten Wechsel zurück in das Stadion an der Grünwalder Straße, nutzt bei Top-Spielen aber das Münchner Olympiastadion. Die „Sechzger“ müssen sich überhaupt erst einmal wieder orientieren. Die Szene ist durch die Querelen mit der Vereinsführung in den vergangenen Jahren und durch die Stadionthematik schwer angeschlagen, auch der Abstieg in diesem Jahr ist nicht das erste sportliche Desaster in der Vereinsgeschichte. Aber das Zweitliga-Jahr kann tatsächlich zur heilenden Kur werden. Auch für die Fans. Die Entwicklung von “München Blau” wird in der kommenden Saison wohl eine der spannendsten, wobei in besonderem Maße auch Dresden im Blickpunkt steht. Es wurde viel geredet über die für viele noch unbekannte Größe aus dem Osten, eine Menge beeindruckender Fotos waren zu sehen. Jetzt geht die gelb-schwarze Show auf Deutschlandtournee und wird etliche „Atmo-Hopper“ anlocken, die ihr Ticket lösen, nur um die Legende live zu erleben. Wenn Dresden und auch Essen mit ihren impulsiven und nicht immer „pflegeleichten“ Anhängern auf WM-taugliche Sicherheitskonzepte und neuzeitliche Catering-Angebote treffen, könnte sich ein Kulturschock einstellen – für beide Seiten.

Ungeliebte Montagsspiele
Zum Profi-Geschäft gehört auch das Fernsehen, und auch das DSF schwimmt mit auf der “Boom-Welle”, wird diesmal “Top-Spiele” präsentieren können, die dem Titel dank der vertretenen Fan-Szenen zumindest auf den Rängen alle Ehre machen. Einziges Problem: Das DSF ist in den Augen vieler Fans alles andere als kultig. Montagsspiele bringen der Liga Geld und dem Zuschauer Flutlichtatmosphäre, dem reisefreudigen Fan allerdings erhebliche Magenschmerzen und ein strapaziertes Urlaubskonto. Die Nacht zum Dienstag auf der Autobahn zu verbringen nur um mit Rändern unter dem Augen im Büro zu erscheinen, ist keine wirkliche Alternative zu Wochenendspielen. Bei den Vorwürfen an das Fernsehen darf man allerdings nie vergessen, dass die Vereine ebenfalls Bestandteil des TV-Vertrages sind und die Vereinbarung mit unterschrieben haben. Das wird in den Augen der Fans leicht übersehen. Der schwarze Peter wird oft pauschal dem DSF zugeschoben, der eigene Verein bleibt außen vor.

Ob es zu einem erneuten Aufflammen von Fan-Protesten kommt, ist fraglich. Es gab zwar ein “Pro Fans”-Sommertreffen in Mönchengladbach, die Aktivitäten der Nachfolge-Organisation des legendären “Pro 15:30” wurden sinnvoller Weise auf regional agierende Gruppen verteilt, aber im Grunde verliefen alle bisherigen Bemühungen, Einfluss auf die Spieltagsgestaltung und damit die Sendezeiten von Premiere und DSF zu nehmend im Sande. (Stadionwelt, 01.08.2004)

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