Proteste – Teil 2 – Meinung respektieren

Faszination Fankurve 01.08.2004 0 Kommentare

Ein Interview mit dem Fanbeauftragten-Sprecher Ralph Klenk.

Stadionwelt: In der 1. Bundesliga gab es in der vergangenen Saison wieder mal einen neuen Zuschauerrekord und die alte Bestmarke wurde deutlich überboten …
Klenk: Bei den Fans setzte es sich immer mehr durch, in die Stadien zu gehen. Fußball live im Stadion zu erleben ist durch nichts zu ersetzen, auch nicht durch Fußball im Fernsehen. In den Stadien ist es ja nicht wirklich preisgünstig, insbesondere wenn die Familie mitkommt. Aber das Erleben der Atmosphäre steht über allem.

Stadionwelt: Welche Rolle spielen hierbei die Stadien?
Klenk: Durch die ganzen Umbauten, durch den Trend „Weg von den Tartanbahnen“, wurden viele Leute in die Stadien gelockt. Für mich persönlich ist die AOL-Arena das schönste Stadion in Deutschland. Letztens war ich in München und hatte Gelegenheit, das neue Stadion zu besuchen. Das ist schon gigantisch, was da auf uns zukommt. Wenn man sich im Vergleich dazu die Stadien anschaut, die es früher gab, die waren teilweise schlimm heruntergekommen. Es ist toll, was daraus gemacht wurde. Auch der normale Fan legt heute Wert auf einen gewissen Komfort. Man will das Stadion rundum genießen und nicht nur ein Bier trinken.

Stadionwelt: Noch nie gab es auf Seiten der Fans so viele Proteste wie in der abgelaufenen Saison. Worin siehst Du die Ursachen?
Klenk: Die Fans lassen sich nicht mehr alles gefallen – sie sind mündig geworden und wehren sich, denn sie haben ein Bewusstsein entwickelt, dass man sich engagieren und damit Erfolge haben kann. Sie tragen vor allem viel Geld in die Vereine und sind sich ihrer Machtposition bewusst. Es kursieren zwar immer Zahlen, dass durch ihre Eintrittskarten nur 20 Prozent der Einnahmen gedeckt werden, aber indirekt hängt da noch das Merchandising dran und ohne Zuschauer in den Stadien würde das TV niemals so viel Geld für die Übertragungsrechte zahlen. Und ohne Fans keine Stimmung, ohne Stimmung kein Fußball. Fans sind mit das wichtigste Gut eines Vereins.
Die Vereine müssen die Meinung der Fans respektieren und ihnen die Möglichkeit geben, diese Meinung zu vertreten. Man muss sich nicht immer auf das Hausrecht berufen und unbequeme Dinge untersagen. Jeder kann seine Meinung frei äußern und da haben die Leute ein Anrecht auf Protest. Sie haben immer die Möglichkeit zu sagen: Ich bin mit der Einstellung der Mannschaft nicht einverstanden.

Stadionwelt: Rechtfertigt das immer einen Protest?
Klenk: Mal die Abfahrt eines Mannschaftsbusses um eine Stunde zu verzögern ist an sich doch eine harmlose Sache. In der Regel bleibt es doch auch friedlich. Vielleicht muss man attestieren, dass, wenn es so weit kommt, schon vorher der Dialog zwischen Verein und Fans nicht gestimmt hat. Den Clubs bleibt dann oft nur noch die Möglichkeit, zu besänftigen, wenn man beispielsweise sieht, dass in Berlin fast alle Fahrten der letzten Rückrunde bezahlt wurden. Der Dialog ist überhaupt sehr wichtig wenn es zu Konflikten mit oder zwischen den Fans kommt. Vieles ist regelbar ohne den Weg über die Behörden zu gehen.

Stadionwelt: Ihr seid als Fanbeauftragte das Bindeglied zwischen Fans und Verein. Ist Eure Arbeit angesichts der zunehmenden Proteste und des stärkeren Selbstbewußtseins der Fans schwieriger geworden?
Klenk: Ja, denn im Prinzip kann man es keinem Recht machen. Die Fans nehmen Dich als Ihren Vertreter war und Du bist der erste, bei dem sie rummotzen. Dem Verein als Deinem Arbeitgeber passt das auch nicht – da sitzt Du zwischen den Stühlen. Es ist immer ein ziemlich schmaler Grad, beide Seiten zufrieden zu stellen. Der eine oder andere in dem Job hat sicher Probleme damit, aber uns hat niemand gezwungen, den Job zu machen und wir wussten, worauf wir uns da einlassen. Aber wir alle sind sicher stolz, für unseren Verein und die Fans zu arbeiten.

Stadionwelt: Ihr habt Euch zum Ende der Saison in Oberhaching zur bundesweiten Fanbeauftragten-Tagung getroffen. Worum ging es da?
Klenk: Wir haben gemerkt, dass wir an unserem Berufsbild arbeiten müssen, da viele immer noch denken, Fan-Arbeit würde hauptsächlich oder ausschließlich durch Fan-Projekte gemacht. Um über uns zu informieren, haben wir deshalb auch unsere eigene Seite www.fanbeauftragter.de ins Leben gerufen. Hier werden demnächst alle Kollegen sich und ihre Arbeit vorstellen.
Wir feilen ja immer am Berufsbild. Des öfteren gibt es die Variante, dass Ex-Spieler die Funktion übernehmen. Das kann aber maximal in einer Mischform funktionieren, denn wichtig ist, dass es auch einen Ansprechpartner aus der Basis gibt. Immerhin ist es nicht mehr wie früher, als kleinere Vereine schnell mal den Platzwart als Fanbeauftragten angegeben haben, weil in den Lizensierungsunterlagen danach gefragt wurde.

Stadionwelt: Wie seht Ihr Euch im Verhältnis zu anderen Institutionen der Fan-Arbeit?
Klenk: Der „Kleinkrieg“, den man teilweise mit der KOS (Koordinationsstelle der Fan-Projekt) und den Fan-Projekten in den vergangenen Jahren geführt hat, bringt uns gerade vor der WM 2006 nicht weiter. Es gibt so viele Gerüchte um die Ticketvergabe und Probleme mit Stadionverboten, dass es nur hilfreich sein kann, hier auf einen Nenner zu kommen. Alle Organisationen, neben den gerade genannten beispielsweise auch ProFans – auch wenn zuletzt ein wenig „Leerlauf“ war – und BAFF, werden demnächst enger zusammenarbeiten. Noch im August wird es in Frankfurt ein Treffen mit allen Beteiligten geben. Letztendlich stehen wir alle im Auftrag der Wahrung der Fan-Kultur.

Ralph Klenk (39) ist seit 1977 Fan des VfB Stuttgart. Ab 1990 in der Fanbetreuung der Stuttgarter tätig, ist er seit 1998 dessen hauptamtlicher Fanbeauftragter. Heute ist er zudem zusammen mit Rainer Mendel vom 1. FC Köln Sprecher aller Fanbeauftragten der Bundesliga. (Stadionwelt, 01.08.2004)

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