Neue Zeiten, neue Wege

Faszination Fankurve 01.08.2004 0 Kommentare

Die Erste Liga stellte in der Saison 2003/2004 einen neuen Zuschauerrekord auf, und auch in der kommenden Spielzeit wird dieser Trend anhalten, sogar weiter steigen. Bereits Wochen vor Saisonstart waren 327.500 Dauerkarten verkauft – 6.000 mehr, als während der gesamten vergangenen Saison – und all dies, obwohl mit Köln und Frankfurt zwei Publikumsmagneten in die Zweite Liga abwanderten.

Aber in manchen Fällen kann es für die Liga spannend sein, Zuwachs zu bekommen. Denn im Gegensatz zu den unteren Spielklassen ist die Fluktuation deutlich geringer, und, bis auf Ausnahmen, nur im unteren Tabellendrittel vorhanden. So gewöhnt man sich allmählich aneinander, das Verhältnis stumpft bei zwei Begegnungen im Jahr plus entsprechenden Pokal-Auslosungen auf die Dauer ab. Die Rivalitäten mit ihren Emotionen, die den Fußball so interessant machen, können verloren gehen. Aber wie sollte sich anders eine Kultur, ein Verhältnis zwischen zwei Fanlagern etablieren, wenn man sich nur selten, und dann nicht auf gleicher Augenhöhe begegnet.

Ganz neu in der Liga ist der 1. FSV Mainz 05, dem im dritten Anlauf das „Unternehmen Aufstieg“ glückte. Mainz war außer Rand und Band, die zur Verfügung stehenden Dauerkarten sofort verkauft. Der Verein reagierte dann auch schnell mit der Installation von 1.600 provisorischen, unüberdachten Sitzplätzen in den Stadionecken.

Die Zeit schien einfach reif zu sein für den 1 FSV Mainz 05, denn auch die Fanszene hat sich in den letzten Jahren in der zweiten Liga zahlenmäßig und qualitativ allmählich hoch gearbeitet. Dies war wahrlich kein leichtes Unterfangen, denn die Konkurrenz in Rheinland-Pfalz ist mit dem 1 FC Kaiserslautern stets übermächtig präsent. Auch Frankfurt im benachbarten Hess.en mit einer Szene, die einen Großteil der Trends in Deutschland vorgibt, zieht viel junges Fan-Potenzial aus dem weiteren Umkreis an. Mit Offenbach, Darmstadt und Mannheim gibt es sogar Traditionsvereine in den unteren Ligen. Doch mit der sympathischen, jungen Ausstrahlung des Mainzer Zweitligisten, der zudem im Gegensatz zu den großen Fußball-Nachbarn frei von Skandalen blieb, gelang es, genug engagierte Fans zu mobilisieren, um eine Szene aufzubauen, die in der letzten Saison in Liga Zwei schon den einen oder anderen Akzent setzen konnte. Das erste Auswärtsspiel in Stuttgart mobilisiert für Mainzer Verhältnisse gleich Massen. Aber reicht es, um über eine lange Saison die großen Gästeblöcke der Ersten Liga zu füllen? Eine Initialzündung, die eine Szene braucht, um wirklich zu wachsen und irgendwann Persönlichkeit zu zeigen, hat Mainz sicher soeben erfahren. Doch auch hier gilt: Der Emporkömmling dürfte von den Frankfurtern und Lauterern so lange belächelt werden, bis man vielleicht irgendwann einmal auf besagter gleicher Augenhöhe steht.

Arminia Bielefeld ist zum Inbegriff für „Fahrstuhlmannschaften“ geworden, die Szene hat sich nie wirklich zur einer großen Bewegung entwickelt. Die Ultras lösten sich jüngst auf, nun gilt es, wieder Strukturen in die Kurve zu bekommen.

Ganz anders liegt der Fall bei Nürnberg. Ein Verein mit großer Tradition, der durch ein „Tal der Tränen“ ging, betritt wieder die Bühne – ohne sie auf Fanseite jemals wirklich verlassen zu haben. Gemeinsam erlebte schlechte Zeiten können Stärke verleihen und den Charakter prägen. Nürnberg ist nach wie vor eine der großen Fanszenen in Deutschland, die Anerkennung genießt. Dies schlug sich auch in der Bewertung der Stadionwelt-Umfrage nieder, in der die Franken sowohl zu Hause als auch Auswärts Bestnoten erhielten. In diesem Fall ist von Beginn an klar, dass die Liga sich auf eine Bereicherung freuen kann.

Neue Sicherheitskonzepte
Das Frankenstadion wird derzeit für die WM umgebaut, ein wenig zögerlich vielleicht, aber es wird demnächst auch fertig sein. So wie in acht weiteren Erstliga-Städten, die Ausrichter der WM 2006 sind. Für die Fans der Ersten Liga wird ab kommender Saison spürbar, wie sich das anfühlt. Neue Sicherheitskonzepte werden mit Blick auf die WM erprobt, ebenso wie computerisierte Eingangstore und auch die Chipkarte anstatt des Tickets. Bis auf die Tatsache, dass es bei der WM nur Sitzplätze und keine Zäune im Innenraum geben wird, ist das Erscheinungsbild dem beim FIFA-Turnier schon sehr ähnlich.

Das kann zu Missverständnissen und Konflikten führen, denn die Ordnungsdienste sind gehalten, die verordneten Regulierungen durchzusetzen. Das ist einfach nicht zu ändern. Die Fans müssen lernen, mit einigen neuen Situationen umzugehen. Inhaber einer Stehplatzkarte zu sein, bedeutet nicht mehr, sich von einer Gruppe zur anderen zu bewegen, die nun auf einmal in einem anderen Sektor steht. Mit der Sektorentrennung über alle Tribünen entfällt leider oft genug auch die Kommunikation im eigenen Stadion, wie etwa der Besuch des Fan-Standes oder eines bestimmten Treffpunktes. Die überall installierte Überwachungstechnik könnte für zusätzlichen Unmut sorgen. Diesbezüglich wird es interessant sein, die Entwicklungen in der Ersten Liga zu verfolgen. Es gibt viele Erfahrungen zu sammeln. Aber bei gutem Verhältnis mit dem Verein sind immer Lösungen möglich.

Eine feste Position einnehmen
Die Fans der ersten Liga sind die Keimzelle der bedeutenden Trends. Durch viel Medienkontakt, durch mehr Publikum im Stadion und in der Regel auch die Masse. Zum jetzigen Zeitpunkt besteht die Chance, rechtzeitig, bevor die WM ganz in Deutschland Einzug gehalten hat, das Erarbeiten von Lösungen überall dort zu üben, wo Konfliktpotenzial aufkommt, sich Ärger anstaut.

Grundsätzlich haben die meisten Vereine ein starkes Interesse an einem guten Verhältnis zu den Fans. Es geht nicht um eine Ehe, sondern vielmehr um eine Partnerschaft, in der Auseinandersetzungen konstruktiv ausgetragen werden können. Dass zum Beispiel in Dortmund oder Bochum Graffitis erlaubt werden, dürfte nicht einer Idee des Vereins entsprungen sein. Gerade beim VfL und dem BVB sind die aktiven Fans kritisch an den Klub herangetreten. So protestierten die Bochumer gegen den Namensverkauf des Stadions, die Dortmunder stemmten sich ebenfalls vehement gegen solche Pläne bezüglich des Westfalenstadions. Ein hundertprozentiger Erfolg mag in solchen Fällen schon aufgrund wirtschaftlicher Zwänge des Vereins nicht zu erzielen sein, vielleicht aber Kompromisse. Schließlich haben gerade die Schwarz-Gelben dem Verein in jüngerer Vergangenheit kostenfrei riesige Choreografien mit Traditionsmotiven ins Stadion gezaubert.

Der Trend zu den Dachorganisationen der Supporters weist den Weg. Mit gebündelten Argumenten und den richtigen Fan-Vertretern ist ein anderes Auftreten möglich, als mit Splittergruppen. Die vielen diesbezüglichen Projekte in Deutschland führen, konsequent weiter gedacht, sogar zu einer deutschlandweiten Dachorganisation, mit noch weitaus mehr Einfluss bei generellen Themen als die lokalen Verbände. Dies gilt dann für grundlegende Konflikte mit der Polizei oder Themen, die sich auf dem Weg zur WM zeigen. Noch ist es sicher zu früh, doch für die Zeit nach der WM 2006 sollten die Fans bereit sein, das entstehende Vakuum zu füllen, für die Folgezeit eine feste Position zu besetzen.

Schwer zu organisierende Konstrukte wie früher z.B. „Pro 15:30“ oder zurzeit „Pro Fans“ würden sich erübrigen. Durch geregelte Kommunikation und eine solide Außendarstellung entstehen Möglichkeiten, die die jetzigen weit übertreffen. Zu leicht sollte man sich das jedoch nicht vorstellen, denn dazu bedarf es der gefestigten Szenen mit Antriebskraft, engagierten Vertretern und Einfluss in der eigenen Kurve und einer gewissen Zähigkeit.

Neben den großen Zielen wird es immer auch darum gehen, im eigenen Stadion zurecht zu kommen, doch auch hierbei helfen übergreifende Strukturen. Man wird den vermeintlichen „Event-Touristen“ nicht zum Supporter zu machen, ihn aber durch Fan-Aktionen begeistern können, Sympathien und Interesse wecken für die Anliegen der aktiven Fans. Wiederum nicht von Heute auf Morgen, vielleicht aber mit der Zeit. (Stadionwelt, 01.08.2004)

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